Ausgabe 
3.3.1923
 
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Samstag, 8. März

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1923 Nr. 9

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Das Land der armen Leute.

Von Wilh. Heinrich Riehl.

Wilh. Heinr. Riehl, her große Kulturhistoriter und Rovellist. Lefsen Geburtstag sich im Mai dieses Jahres zum hundertsten Wale jährt, ist ein Kind unserer mittel» deutschen Gegend, hat in Weilburg das Gymnasium besucht und in Marburg und Gießen studiert. Dmttschland und das deutsche Bol! hat er nicht nur mit wissenschaftlichem Scharfblick gemustert, sondern es auch mu ganzer Seele bei seinen Schilderungen und Deurtei- Lungen erfaßt. Eugen Diederichs Verlag in Jena hat einen soliden, vom Herausgeber Paul Zaunert gut «ngeleiteten Auswahlband »Don deutschem Land und Volk' erscheinen lassen, aus dem wir ein hochinteressantes Kapitel über die Gebirge unserer Gegend auszugsweise wiwergeben.

Es ist eine ganze Kette deutscher Landstriche, welche uns die natürliche, an dem Boden haftende Armut darstellt, mehr als geographische und ethnographische denn als soziale Tat­sache. Diese Gegenden sind darum aber doch nicht bloß für baS Studium der Wechselbeziehung vonLand und Leuten" besonders wichtig, sondern auch ebensosehr für jenes der sozialen Gebilde. Wir können hier den Unterschied zwischen armen Leuten und Proletariern, zwischen der naiden und bewußten, der ruhigen und umsturzwütigen Armut im Spazierengehen kennen- »ernen. Diese Gegenden sind in sozialem Betracht eine groß­artige historische Ruine. Wir sehen in denselben die armen Leute des Mittelalters noch leibhaftig vor uns stehen, während eine Wanderung von wenigen Stunden seitab in üppigere Gründe und Ebenen uns zu den modernen armen Leuten führt, das hecht: von verarmten Bauern, die aber noch echte Bauern sind zu echten Gliedern des vierten Standes. Hier also können wir höchst praktische Vorstudien für eine der entscheidendsten Fragen m der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft sammeln. Ich fasse hier vorzugsweise die, auch geologisch eng zusammenhän­gende, Basaltkette des West er Waldes, des Vogels­berges und der Rhön ins Auge..Denn in dieser Gebirgs­gruppe finden sich die gedachten Verhältnisse am reinsten vor: wre eine Insel, voll eigenartiger, in sich abgeschlossener Rawr ragt sie aus dein individualisierten Mitteldeutschland auf und bildet zugleich in ihrem nordwestlichen Teile eine Grenzscheide zwisci-en mitteldeutschem und norddeutschem Land.

Der hohe Westerwald ist ein ins Aheinfranken- und Hessen- land vorgeschobenes Stück Westfalens: er bildet den vordersten Wall des westlichen Rorddeutschlands, ja er zeigt in Volksart und Sitte bereits Züge norddeutschen Charakters, wie sie viel weiter nördlich im Rheintale noch nicht hervortceten. Fränkische und sächsische, oberdeutsche und mitteldeutsche Ratur stößt hier aufeinander, vermittelt und verbindet sich. Diese kahle, arme, fast nur mrt dem grünen Samt der Heidevegetativn geschmückte Hoch- ttuche. auf welcher zahllose Dasaltblöcke zerstreut liegen, als habe der Himmel in seinem Zorn Felsen gehagelt, bildet darum schon in rein ethnographischem Betracht eine der merkwürdigsten Aebergangslinien Deutschlands.

Richt am Main, nicht am Taunus, nicht an der Lahn, sondern erst mis den südlichen Höhevorsprüngen des Westerwaides beginnt die oberdeutsche Mundart sich von der niederdeutschen zu scheiden:

aber auch so schroff und plötzlich, daß man die Grenzlinie oft ms auf eine Stunde Wegs ausrechnen kann. Der westfälische und kölnische Dialekt des Westerwälders schließt sich äußerst

!L?de' wie altes auf diesem Gebirgszug in Eigenheit und Mgeasinn sich abschliHt.

Die südlichen Vorberge des Rothaargebirges, wo Ruhr und Lipf» entspringen, stoßen von Norden her in einem stumpfen Winkel auf die Rordostspitze des Westerwaldes. Sie verknüvfen sich so eng mit demselben, daß man sie auch als dessen nordöstliche Vorkuppen ansehen kann. An dem Edderkvpf, um dessen Besitz sich Rvthaar und Westerwald streiten können, quillt gen Westen Zieg, ge? Rorden die Edder. gen Osten die Lahn, gen Süden die DA. Mrttelrhernisches. niederrheinisches und Wesergebiet sind in dl^er Waldwildnis mit ihren Wurzeln förmlich ineinander verflochten: die Marklinie West- und Mitteldeutschlands stößt mit der Warklrnre Süd- und Rorddeutschlands in Meter öde» Gcke zusammen.

r ähnlich wie hier an der westlichen Pforte Mitteldeutsch-

J 2s Zuch au der östlichen beim Fichtelgebirge, dessen soziale Zustande sich vielfach mit denen unserer Basaltqebirgsgruvpe vergleichen lietzeir.

~ ^Et den Bvrhöhen des Westerwaldes heben die natürlichen Shmpathren für die norddeutsche Großmacht, für Preußen an. Der Wefterwalder des Südab Hanges wohnt noch'im Gulden- rechtet aber trotzdem nach Talern, seine Flüßchen und Bäche ziehen nach Duden ins Sahngebiet, aber er folgt nicht diesem natürlichen Zuge. Eine Meile südwärts ins Tal hinab ist rhm weiter als drei Meilen nordwärts über den Kamm des Gebirges Rach Rorden zieht ihn sein ganzes Interesse: nach dem Kölner Lande führt er feine Produkte, und aus de» gewerbfleißigen Tälern der Sieg, der Wupper und der Ruhr strömt ihm das industrielle Leben zurück.

Sv wird auch der südliche Westerwald zu einer inoralischeu Provinz Preußens, obgleich öde Bergköpfe und Wasserscheiden den mitten über die Hochfläche laufenden preußischen Grenzgraben nicht nur als Staatsgrenze, sondern auch als Raturgrenze be­zeichnen. Der Westettvald weiß sich als ein Ganzes trotz der politischen Teilung, weil er sozial zufammengehört. Sowie man hier die preußische Grenze auch nur um ein paar Stunden über­schreitet, stößt man auf eine blühende Industrie, während auf der nassauischen Seite ein armes Bauernland ist, in welchem sich die Keime gewerblicher Betriebsamkeit erst mühselig durchzuringen beginnen: aber Industrieland und Bauernland fühlt sich hier verbunden und einig, weil beides Westerwälderland ist.

Grenzwälle und Grenzgräben pflegt man öde liegen zu lassen: fv sind auch diese riesigen Grenz wälle der Dasaltberge, welche teils Mitteldeutschland von Rorddeutschland scheiden, teils sich in das mitteldeutsche Land hineinkeilen, um diese ohnedies schon hinreichend zerrissenen Striche noch mehr zu zerreißen, öde liegen geblieben.

Die Stetigkeit der Sitte, dazu auch das ökonomische Ver­wildern und Zurückbleiben der Bauern unserer Basaltgebirgs­gruppe erhält durch die Gcenzlage dieser Hofburgen der Armut eine historisch-politische Wurzel. Wenn der Westerwald als ei« weit hinausgeschobenes Vorgebirge erscheint, dann trafen neben und in den Dergzügen der Rhön und des Dogelsberges in alten Zeiten die Kreilzungswinkel der verschiedensten Landesgrenzen aufeinander. Auf der Rhön stieß fuldaisches und würzburgische« Gebiet zusammen, dann berührten sich hier die Spitzen von hawau-münzenbergischen, hessenkasselschen. hennebergi chen Länder, teilen, und dazwischen eingestteut lagen Enklaven der fränkischen Retchstttterschaft.

So klein die Kette iteä Vogelsberges ist, so grenzten an und auf derselben doch die Marken von Hessen-Darmstadt, Fulda.