nur sagen, es war
Schrifileltung: August Goetz, — Druck und Verlag der Brühl'lchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Dieben,
Stunden vorher gewesen waren! Eben noch bar jeder Hoffnung, düsteren Schmerzes voll, hungrig, fiebernd vor Angst und Verzweiflung, und seht Lankesfroh, seelenruhig und von einer Freude
düsteren Schmerzes voll, hungrig, fiebernd vor zwelflung, und seht Lanksfroh, seelenruhig und erfüllt, für die es keine Worte gab. Ich kann i , die erhebendste Stunde meines an Ereignissen wirklich nicht armen Lebens. Der Sturm heulte und wehte den Schnee in wildem Wirbel um unser Gefängnis, aber er besäst keine Macht mehr, uns zu betrüben. Ich war mit Harris recht zufrieden. Gr hätte vielleicht etwas besser zubereitet sein können, aber ich mutz unumwunden gestehen, dast mir kein Mensch je so gut bekommen ist wie dieser Harris, und dast ich auch nie wieder einem Menschen einen so hohen Grad von Befriedigung verdankt habe. Messick war auch recht gut, obwohl er schon etwas Hautgout hatte. Aber was den inneren Aährwert und die Zartheit des Fleisches angeht, mutz ich doch Harris -en Vorzug geben. Messick hatte gewitz seine guten Setten,
das will ich nicht leugnen uikd kann es auch nicht, aber zum Früw. stück wäre eine Mumie ebensogut geeignet gewesen. Mager war ea Du mein lieber Gott, und zäh! Ach, er war so entsetzlich zäh. Da« können Sie sich überhaupt nicht vorstellen."
„Wollen Sie damit vielleicht sagen---“
„Ich bitte Sie, unterbrechen Sie mich nicht! stlach dem Früh» stüa wählten wir einen Mann mit Aamen Walker — Walker aus Detroit — für die Abendmahlzeit. Er war ausgezeichnet. Ich habe es auch nachher seiner Frau geschrieben. Alan konnte ihn nur loben. Ich werde.Walker niemals vergessen. Gr war zwar nicht ganz durchgebraten, .aber immerhin recht gut. Alm nächsten Morgen hatten wir Herrn Morgan aus Alabama zum frühstück. Morgan war einer der besten Menschen, die ich je unter die Finger bekommen habe: ein schöner Mann, hochgebildet, sprach fuetzend mehrere fremde Sprachen, war überhaupt der vollendetste Gentleman und wirklich hervorragend saftig. Zum Abendbrot hatten wir den uralten Knaben aus Oregon, ein reiner Schwindel, ganz unzweifelhaft der reine Betrug. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie alt, zäh und faserig der Mann war. Ich konnte mich nicht enthalten zu erklären: „Meine Herren, machen Sie. was Sie wollen: ich warte die nächste Wahl ab." -Und Grimes aus Illinois stimmt» mir bet und erklärte: „Meine Herren, ich warte auch lieber. Sobald Sie einen Herrn wühlen, der wenigstens etwas an sich hat, was ihn empfiehlt, will ich mich gern wieder daran beteiligen."
Es stellte sich sehr bald heraus, dast über Herrn Davis au- Oregon eine ganz allgemeine Unzufriedenheit herrschte. Um die angenehme Stimmung aber zu erhalten, die durch Harris geschaffen worden war. wurde eine neue Wahl ausgeschrieben. Das Ergebnis war Herr Baker aus Georgia. Gr war prachtvoll! Aq, schön und gut, nach ihm hatten wir Doolittle, dann Hawkins und Mac Glroh (über den einige Beschtverden kamen, weil er wirklich anormal klein und mager war), dann Penrott und zwei Smiths, dann Baileh (er hatte ein Holzbein, was natürlich einen unangenehmen Abgang bedeutete, war aber sonst ganz gut), dann einen jungen Indianer, einen Leierkastenmann und einen gewissen Herrn mit Aamen Buckminster — ein armseliges Luder von Vagabund, der nicht einmal ein sympathischer Gesellschafter getvesen wäre, geschweige denn ein ckkzeptables Frühstück. Wir waren nur froh, datz ihn die Wahl noch getroffen hatte, ehe die Befreiungsstunde kam."
„Die gesegnete Befrciungsstunde kam also wirklich noch?"
„Ja, sie kam. Es war ein strahlend sonniger Morgen nach der Wahl. Sie war auf John Murphy gefallen, er war bei meiner Seele der beste Mensch, Len man haben konnte. Aber John Murphy konnte mit dem Zug, der uns zu Hilfe kam, weiterfahreil. Er blieb qm Leben und heiratete die Witwe von Herrn Harris — -
„Die Witwe von — —"
„Ja, ja, die Witwe von Harris, den wir zuerst gewählt hatten. Er hat sie geheiratet und ist ein glücklicher, angesehener und wohlhabender Mann. Ach ja, es klingt wie der reine Roman, wie eine echte, rechte Ballade. Aber hier ist meine Station, verehrter Herr, ich must mich von Ihnen verabschieden. Wenn Sie irgendwann mal Lust haben, ein paar Tage bei mir zuzübringen, würde ich mich riesig freuen. Sie gefallen mir austerordentlich, verehrter Herr, ich habe ein ehrlichÄ Gefühl der Freundschaft für Sie, ich könnte Sie genau so liebgewinnen wie Harris. Arif Wiedersehen, recht angenehme Reise!"
Fort war er. So benommen, so verdutzt und verblüfft bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Aber ich war doch von Herzen froh, er fort war, denn bei all seiner Sanftmut und bei aller Weichheit seiner Stimme erschauerte ich jedesmal bis in- Mark, wenn er seinen heißhungrigen Blick auf mich richtete. AlS er mich dann schlietzlich seiner höchst gefährlichen Zuneigung versicherte und mir sagte, -atz ich bei ihm kn der gleichen Gunst stünde wie Harris, stockten mir fast die Pulse. Die entsetzlichen Einzelheiten überwältigten mich und verwirrten mein Hirn ganz hoffnungslos. ÄH bemerkte, wie mich der Zugführer anstarrte, und fragte ihn: „Wer war denn der Herr?"
„Er ist Abgeordneter gewesen und sogar ein sehr guter. Aber er ist mal mit dem Zug in einem Schneesturm stecken geblieben und dabei fast Hungers gestorben. Die Kälte hat ihm so entsetzlich zugesetzt, und der Mangel an irgend etwas Eßbarem hat ihn so erschöpft, dast er noch zwei, drei Monate hinterher krank und geistig gestört war. Jetzt ist er wieder ganz gesund, aber er hat von dem Änglücr *tne fixe Idee behalten, und wenn er auf dies Thema kommt, hört er nicht wieder auf, bis er einen ganzen Zug voll Menschen verspeist hat. Wenn er hier nicht hätte aussteigen müssen, wäre die ganze Gesellschaft wieder von ihm gefressen worden. Di« / Aamen sind ihm so geläufig wie das A-D-C. Wenn er alle bis auf sich selber verspeist hat, sagt er regelmäßig: „Als nun die Stunde der üblichen Wahl für das Frühstück wiederum herannahtü und kein Widerspruch mehr erhoben wurde, war ich ordnungsgemäß gewählt, worauf ich meinen Verzicht aussprach. Aus diesen^ Grunde bin ich jetzt hier."
Ich fühlte mich unsagbar erleichtert, wußte ich doch wenigstens jetzt, daß ich nur der harmlosen Verrücktheit eines Irrsinniges und nicht dem wahren Erlebnis eines blutrünstigen Kannibale« zugehört hatte. 1
Zustimmung zur Kmsdidaluc dieses Herrn fordert, der, wie es auch Um seine persönlichen Motive bestellt fein mag. doch de factö weniger Aährwert hat als--"
Der Vorsitzende: „Der Herr aus Aiissvuri möge sich wieder setzen Ich als Vorsitzender kann nicht gestatten, datz die Lauterkeit des 'Wahlausschusses in Zweifel gezogen wird, es sei denn, daß dies nach den Vorschriften der Geschäftsordnung geschieht. Wie gedenkt sich Las Hohe Haus zu der Anfrage des Herrn Vorredners zu stellen?"
Halliday aus Virginia: „Ich beantrage, eine Ergänzung dahin vvrzunehmen, Latz Herr Harvey Davis aus Oregon an die Stelle des Herrn Messick tritt. Vielleicht werden einige Herren Gin- wände haben, datz die schwierigen Verhältnisse und die Entbehrungen des Grenzlebens Herrn Davis haben zu zäh werden liefen, aber, meine Herren, ist es jetzt an der Zeit, eine derartige Zähigkeit zu bemängeln, ist es jetzt an der Zeit, tvegen solcher Kleinigkeiten besonders heikel zu sein, ist es jetzt an der Zeit sich zu streiten Über Dinge von so untergeordneter Bedeutung? Aein, meine Herren, was wir verlangen müssen, ist Masse, — Substanz, Gewicht, eben Masse. Das sind die wichtigsten Erfordernisse der Stunde, und nicht etwa Talent, Genie oder Bildung. Ich bestehe also auf meinem Antrag."
Morgan (sehr aufgeregt): „Herr Vorsitzender, ich mutz aufs allerentschiedenste einer solchen Ergänzung widersprechen. Der Herr aus Oregon ist ein alter Mann und außerdem nur seiner Knochenbildung nach massig und nicht etwa dem Fleischs nach. Ich möchte den Herrn aus Virginia fragen, ob er Suppe haben will oder feste Mahrung, ob er uns mit dem Schatten eines Mannes zu foppen gedenkt, ob er sich mit Gespenstern aus Oregon lustig machen will über unsere Qualen und Aöte! ÄH möchte mir dir Frage erlauben, ob er Die bangen Gesichter rings anzusehen vermag, ob er in unsere trostlosen Augen blicken, ob er dem sehnsüchtigen Klopfen unserer Herzen lauschen kann und uns dennoch einen solchen Hungerleider anzubieten imstande ist? Ich möchte fragen, ob er denn gar nicht an unseren verzweifelten Zustand denkt, an die Kümmernlsie, die hinter uns liegen, und an unsere düstere Zukunft: möchte ihn fragen, ob er so wenig Mitleid mit uns fühlt, datz er uns ein solches Wrack, eine solche Ruine, ein solch gebrechliches Schwindelgebäude, so einen ausgedörrten, ausgemergelten, marllvsen Stromer von Oregons unwirtlicher Küste aufzudrängen wagt? Ale und nimmer!“ (Andauernder Beifall.)
Aach einer ziemlich heitzen Debatte wurde der Antrag zur Abstimmung gebracht und abgelehnt. Dagegen wurde Herr Harris dem ersten Antrag entsprechend akzeptiert. Aunmehr folgte die engere Wahl. Fünf Abstimmungen verliefen ergebnislos. Beim sechsten Wahlgang wurde Herr Harris gewählt, und zwar einstimmig. aber mit Ausnahme seiner eigenen Stimme. Infolgedessen wurde der Antrag gestellt, seine Wahl durch allgemeine Akkta- matlon zu bestätigen, was wiederum erfolglos war, weil er auch jetzt gegen sich selbst stimmte.
Herr Radwah schlug dem Hause vor, sich jetzt den anderen Kandidaten zuzuwenden und zur Wahl für das Frühstück zu schreiten. Der entsprechende Beschluh wurde gefaßt.
Der erste Wahlgang brachte Stimmengleichheit. Die eine Hälfte stimmte für einen Kandidaten wegen seiner Jugend, die andere Halste für einen anderen Kandidaten wegen seines größeren Umfangs. Der Präsident gab mit seiner Stimme den Ausschlag für den letzteren, Herrn Messick. Diese Entscheidung verursacht« eine nicht unbeträchtliche Unzufriedenheit bei den Freunden des Herrn Ferguson, des unterlegenen Kandidaten. Man erörtert« bereits die Möglichkeit eines erneuten Wahlganges, als plötzlich ein Antrag aus Vertagung eingebracht wurde, worauf man die Sitzung unverzüglich abbrach.
Die Vorbereitungen für das Abendbrot lenkten die Aufmerksamkeit der Ferguson-Partei von ihrer Streiterei über die unglückselige Angelegenheit ab. Als die Diskussion gerade wieder be° ginnen wollte, wurden glücklicherweise alle trüben Gedanken durch le frohe Mitteilung verscheucht, datz Herr Harris fix und fertig sei.
Die vitze wurden umgekehrt und aus den Lehnen improvisierte Tische gebaut. Dankerfüllten Herzens setzten wir uns zum Abendessen nieder, zu dem schönsten Abendessen, das uns die Sehnsucht von sieben qualvollen Tagen nur bescheren konnte. Und wie verändert waren wir Menschen gegen das, was wir noch wenige


