Samstag, L. MM
1923 — Nr. 22
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Die Fibel.
Von Gr. Otto Kunkel-Diesten.
Die Qiahit selbst ist es gewiesen, Ne dem Menschsn der Vorzeit seine ersten Geräte geschenkt, zu ihrer Ausbildung und Vervollkommnung seinem Geiste Vorbilder und Winks gegeben, als Führerin über die Schwelle von der blosten Sinnlichkeit zum Denken ihn zum „Erfinder" erzogen hat.
Sv dienten Dornen und spitzige Knochensplitter (daneben natürlich schon früh auch knopfartige Knebel) zum einfachen Gs- wandverschlust, solange noch nicht die Bronze erfunden und zum vornehmsten Werkmaterial geworden war.
Wir man dann mehr und mehr Nachbildungen dieser urtümlichen Nadeln in dem neuen goldglänzenden Metall herzustellen sich gewöhnte, wirkte die Kopsverdickung derselben, die bis dahin lediglich einen praktischen Zweck zu erfüllen hatte, indem sie öaS Durchrutschen des Schaftes nach unten verhindern muhte, jetzt meist in Gestalt einer blinkenden Kugel zugleich als willkommener Schnuck. s
So konnte es nicht ausbleiben, daß man den oberen Teil der Dewandnadeln immer kunstvoller und reicher gestaltete, sei es durch feine Gravierung und geschmackvolle Gliederung (zierliche Profilierung) von Kopf und Hals, oder auch durch prunkende Vergrößerung der in die Augen, leuchtenden Metallmasse, die freilich ost genug blost in aufgeblasener Hohlheit vom Reichtum des Besitzers prahlen durfte: Die vornehme Freude an Veredelung der Arbeit und die rohe Neigung zur protzen haften Schaustellung selbst erlogener Güter pflegen ja allzeit einander zu widerstreiten, wenn es gilt, bei wachsendem Wohlstand das Bedürfnis nach mehr als nur dem Notwendigen, nach „Luxus", zu befriedigen! und die Entscheidung zwischen beiden ist dann bezeichnend für den Charakter der betreffenden Kultur — heute wie vor alters.
Um die Mitte des zügelten vorchristlichen Jahrtausends, also während der sogenannten Hügelgräberbronzegsit, die gerade dem nordöstlichen Oberhessen überraschend dichte Besiedlung gebracht hat, trug man in unserer Provinz, in Kurhessen und in Thüringen neben sonstigen, teils bescheideneren Typen, mit Dorliebe Ge- chandnadeln, die oben in einfacher, zumeist aber in doppelter Spirale endigten; südlich der Donau treten fie merkwürdigerweife erst in der Hallstattzeit auf. Für unsere Gegend eigentümlich und nicht weit von hier heimisch, doch auch sonst -in Nord« und Süd- deuischland nicht unbekannt, selbst nach Böhmen, der Schweiz und FranKeich vereinzelt verhandelt, waren haarpfeilähnliche Radeln mit Köpfen in Form eines vier- oder achtspeichigen Rades, das manche — mit Recht oder Unrecht, immerhin phantafievoll — als Symbol des Sonnenkultes dieser Zeit ansehen möchten, wie er an mehreren Orten verwandter bronzezeitlicher Kultur durch allerlei Denkmäler („Sonnenwagen" u. Lgl.) hinreichend bezeugt ist.
Der Nachteil des Gewanoverschlusses durch solche „Stecknadeln" bestand darin, Last sie nach oben herausgleiten konnten, was natürlich gerade bei den wertvollsten und manchmal übertrieben großen Stücken mit künstlich gebildetem Kops besonders leicht geschah.
Man half diesem Ülebelstand dadurch ab, Last man am Oberteil der Nadel einen starken Faden befestigte, dessen Gnb« ton die Spitze Les durch den Stoff gesteckten Schaftes geschlungen wurde. Zeitliche und landschaftliche .Unterschiede lassen sich dabei seststellen.
Dies« Gewandnadeln erhielten, sofern nicht schon di» orna- Mntale Riefelung »der eine sMÄMförmige Ausbiegung des
HalseS („Schwanenhalsriadeln") genügend Halt zu gewähren schien zur Aufnahme des DefestigungsfaLens am Kopfe eine Oese (wie z. B. saft ausnahmslos die „Radnadeln"; daß man bei Liefen den Faden nicht einfach am „Rade" selbst befestigte, möchte von manchem vielleicht durch des letzteren Eigenschaft als „heiliges Symbol" erklärt werden). Bei anderen Hefteln brachte man für den Faden eine Durchbohrung am Nadelhalse an der dann an dieser Stelle meist verdickt wurde, um der. sonst eintretenden allzugrohen Zerbrechlichkeit zu begegnen; das ergab gleichzeitig ein neues Ziermotiv (vgl. z. B. die „geschwollenen" Nadeln mit „Petschaft-, Kegel- oder Nagelkopf). Bei den einfachsten Gewandnadeln ohne besondere Ausbildung des Kopfes wurde das obere Ende bandartig breitgeschlagen und zu einer Oese eingerollt („Rollen- nadeln"). Gas geschah schon zur frühen Bronzezeit (Böhmen, Mähren, Niederösterreich, Bosnien, Troja, Ehpern, ÄeghptAl), Daher erscheint es nicht ausgeschlossen, Last die NadelstHerung durch, einen Faden bereits in der Steinzeit aufgekommen ist, vielleicht auf Grund der Nähnadel, die ja seit der jüngeren Paläolithik schon sicher begegnet. Dann würde die bronzene Ge- wandnadel mit Halsdurchlochung zwar nur eine alte Gepflogenheit wieder aufnehmen, wohl aber zugleich einen Fortschritt in der Metalltechnik bezeichnen. Je mehr man wiederum das End«, der „Rollennadel" verbreiterte, in desto höherem Maste Sam auch dieser Nadelthp dem immer wachen und leicht erregbaren Zierbedürfnis entgegen, zumal, wenn der jetzt ruber» oder scheiben» » gestaltete Kopf noch mit feiner Gravierung bedeckt oder mit getriebenen Buckelchen oder Kneifen belebt wurde, wofür ja eine glatte Bronzeflächr sehr einladend wirkt („Ruder"- unv „Scheibennadeln").
Für viele der genannten Nadelformen, maturgemäh in erster Linie für den Typ der „Radnadel", birgt Las Oberhessische Museum zahlreiche schöne Beispiele. Gewöhnlich enthalten die Männerbestatiungen nur eine Nadel (auf der Brust, zum Zusammenhalten des Mantels), die Frauengräber dagegen zwei (an jeder Schulter eine), was großenteils auch für die späteren Fibeln gilt. Typologisch ältere Nadelformen treten natürlich oft genug noch neben jüngeren auf, ja überleben diese; landschaftlich an sich einander fremde Typen werden durch Handels- Kultur- und Bolksstrome zusammengeführt — alles in allem im Verein mit den sämtlichen übrigen Kulturerscheinungen ein Quellgebiet wichtigster und reizvollster- Erkenntnisfe.
Als man nun auf den gescheiten, in unseren Augen zwar einfachen, aber doch nur durch einen Fortschritt in der Metalltechnik (Herstellung zähen Bronze- brahtcs) möglich gewordenen Gedanken kam, den oben erwähnten Defestigungsfaden aus vergänglichem Material durch einen Bügel aus Dronzedvaht zu ersetzen, war der erst« Schritt zur wirklichen „Sicherheitsnadel" (Fibel) getan. Sie tritt in zwei Konstruktionen auf. Di,e eine ist noch recht primitiv, wird daher schliestlich fast ganz aufgegeben uirö fristet etwas verändert nur in einige» Zierfibeln und auch noch in manchen modernen Broschen ein ziemlich bescheidenes Dasein. Die andere vollkommenere Form dagegen ist an Einfachheit und Zweckmäßigkeit bis heute untoev= troffen und blüht in unserer Sicherheitsnadel fröhlich weiter.
Jene, die „nordische" Art verbindet nämlich als „zwei- teiligs" Fibel den Sicherungsbügel in einem Loch drehbar mit hem Oberteil der. Nadel und lästt das andere, hakenartig gebogene Bügelende, in der bekannten Weise die Schaftspthe umfassen. Im Gegensatz hierzu nutzt di« „Äassische", „einteiliger Fibel die Federkraft des DronzedrcchteS aus. indem Nadel «Und


