Schriftleitung: August Goetz.

- Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

lichkeit begraben, und Fastmann hielt dem unglücklichen Freiherrn Kammerherrn, Geheimen Finanzvat und Akademiepräsidenten, der doch im Grunde nur ein Hofnarr gewesen war, die Leichenrede.

Im Reich der FrKZZ. HoAe.

Hoch über das hessische Gebirge, das Fulda und Werra um» schreiben, bevor sie durch die Münden« Fusion imsren einzig rein deutschen Strom bilden, die schimmernde Weser, reckt sich der machtvolle grüne Wall des M e i st n e r. Nur die Wandervögel, die in einiger Entfernung ihre Burg ausbauen, den Ludwigstein' wissen mehr von diesem König der hessischen Berge, als gemeinhin im weiten Vaterland bekannt ist. So ist hier noch jungfräulicher Bo­den. Aoch hat keine Fremdenindustrie den Mächtigen gefesselt. Der wunderbarste Friede ruht auf den grünen Almen mit vio­letten Glockenblumen und goldherzig schimmernden weihen Mar­gareten. -Uralter Ahorn, knorrige Eichen und schlanke Fichten wur­zeln im Basaltwirrwarr seiner Höhe. Riesige Halden gehen von der fast 4 Kilometer langen Hochfläche des bis zu 750 Meter aufragenden Mittlers zwischen Brocken und Insetberg abwärts. Steinerne Meere, blauschwarz erstarrte Wogen und durch felsige Klammen rauschten noch vor wenigen Jahrzehnten, bevor die Förster der kahlen Höhe einen Fichtenkranz aufsetzten, idyllische Wasserfälle. Geheimnisvoltes Rauschen geht um den Berg und erzählt Legenden aus längst vergangener Zeit.

Hier war es, wo Frau Holle hauste, die Holde, die Gute, die Beschirmerin der Feldbau«, die, wie die Hertha von Rügen aus auf weißem Kuhgespann über Land fuhr, die Fluren segnend und den Flachs am Rocken. Aus dem verträumten Hollenteich in einer grünen Erosionsschlucht, schenkte sie der Menschheit die kleinen Kinder. Wohl den braven Mägden, die treu und fleißig, wehe den faulen . . . Wer kennt nicht das schönste der Grimmschen Märchen, die Mär von der Goldmarie und der Pechmarie? Hier ist die Hei­mat der Frau Holle, von hier aus wurde dies traute Märchen den Brüdern Grimm, die in Kassel Bibliothekare waren, der Rach­welt erhalten. Ein Wunderschloß war ihr eigen. Es zerfiel, als das Kreuz in die Germarmark drang. Seitdem hat mancher Meißneranwohner schon die holdselige Frau amWeinebusch" ge­sehen. trauernd und Zähren vergießend.

Dort, wo der Berg am schroffsten abfüllt, sind riesige 'Basalt­quadern übereinander getürmt. Mächtige Blöcke, zerborsten, be­moost. Das sind die Trümmer des Holleschlvsses. Wieder stan­den wir inmitten froher Wanderer hier oben und der Blick ging herab auf romantische Taler, auf die Berge an der Werra und weiter bis zum Harz, zum Eichsfeld und zum Thüringer Wald. Des Bilsteins und des Hausteins Ruinen grasten herüber, die Rotbartfeste Boyneburg, und fern, verblauend, die stolze Wart­burg, der Hörselberg, in dem Frau Fen wohnte, am nächsten der Frau Holle verwandt . . . lieber da» Weiberhemd rind d.rs Brautbett, zwei blumige Wiesen, wandern wir zur . . . Stint- wand! Da brodeln ekle Gase aus ineinander geborstnen Säulen­basalten. Ein wuchtiger Seitenkrater hat sich hier gebildet.Schwefel­und Salpetersäure legt sich auf die Lungen. Hier, so will's die Sage, sperrte Frau Holle die Pechmarie ein, die faulen, un­nützen Mägde. Wir wissen's besser. Seit Jahrhunderten brennt es int Innern des Berges. Die salpeterhaltige Braunkohle wurde durch den frischen Sauerstoff, den uralte Bergmannsstollen in den Berg leiteten, zum Entzünden gebracht. Letztmalig gab es in die­sem Wonnemond einen Einsturz der Stinkwand. Da dröhnte der Berg, als fei fein letztes Stündchen gekommen.

Und weiter schreiten wir zum einsamen Stollen, sauber aus­geräumt, doch längst dem Betrieb entzogen . . . Rur helles Berg- wasser sprudelt hervor und ergießt sich in die Tiefe. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts schürften hier die Bergleute des hes­sischen Landgrafen nach der Braunkohle. Sie fanden auch Glanz­kohle, die der Steinkohle ähnelte. Der Fleiß lohnte sich und das schwarze Gold, das hier gefördert wurde, wandelte sich in der Hand der ebenso wirtschaftlich tüchtigen wie kunstsinnigen Hessen­fürsten zu Museen und Schlössern und dem ragenden Wunderbmi des Wilhelmshöher Herkules. Erst, als im letzten Jahrhundert die Ruhrkohle billiger wurde, stellte man daS Bohren ein. Die Zeit, da in diesen Stollen die Gvldmanie heimisch war, hatte ein Ende. Jetzt aber wird am Nordrande des Berges wieder nach der Braunkohle geschürft, nach der Retterin aus unseren Kohlen­nöten. Rur die Glanzkohle ist noch von der Frau Holle bewacht. Bisher ist sie nicht gefunden worden.

Die preußische Regierung hat sich des Sagenberges, angenom­men. Rur an seinem Rvrdrand qualmen die Essen, sonst weht der Berghauch würzig und rein. Rach Süden und Westen und vor allem nach der Werra zu ist der Meißner als Naturdenkmal ge­schützt. Da standen wir oft, leise erschauernd, am mächtigen Altar- ftein, der unter amphiteatralisch aufsteigenden Felsen erhalten ist, angesichts der letzten Steinwälle einer Felsburg mit uralter Ge- richtsstätte und träumten von Frau Holle, zu der die Vorderen gläubig emporkamen und Blumen und Früchte niederlegten. Ein jeder Basaltblvck ist hier eine Rune, die Kunde von dem über­mittelt, was einst gewesen, bis der Römer als Eroberer eindrang, drangsalierend und aufpeitschend, zu den furchtbarsten Befreiungs- kämpfen, die nächst dem Teutobu rgerivald auch hier tobten.

ist. Das hat schon mein Dater immer gesagt, und der hat's wissen können. Zur Gesundheit ihr!"

AkademieprWdsnt und Hofnarr.

(Zum 250. Geburtstage von Gundlings.)

Wohl niemals sonst ist mit der Würde der Wissenschaft ein solcher Hohn getrieben worden als in den Jahren, da der Vorleser und eigentlicheHofnarr" des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. zugleich auf dem Präsidentenstuhl der Berliner Akademie der Wissen,schäften saß. Die grausamen und burlesken Späße, die der König bei den Sitzungen des Tabakskollegiums mit seinemlustigen Rat" trieb, sind ja bekannt. Wichtiger aber ist, die Persönlichkeit des unglücklichen Mannes zu ergründen, der zur Zielscheibe dieser Willkür wurde, und dazu bietet der 250. Geburtstag von Jacob Paul Gundling den Anlaß. Er war am 29. August 1673 als Sohn eines Pfarrers im Gebiet der Reichsstadt Nürnberg geboren, kam durch Dankelmann nach Berlin und war zuerst Professor an der Ritter-Akademie und Historiograph des Heroldsamtes. Er ar­beitete hier aufs fleißigste und besaß, unterstützt durch ein vorzüg­liches Gedächtnis, umfassende Kenntnisse in Geschichte, Geographie und den verwandten Wissenschaften. Als Friedrich Wilhelm I. nach seinem Regierungsantritt das Heroldsamt und die Ritter- Akademie aufhob, wurde Gundling brotlos, und das wurde dem schwachen Manne zum Verhängnis, der nun dem Wirtshausleben, dem Hang zum Trinken verfiel, und die Stammgäste durch seine witzig vorgebrachten Kenntnisse unterhielt.

Dieses Talent, das ihn in Berlin bekannt machte, führte den König dazu, ihn zu seinem Vorleser und Hofrat zu ernennen, der im Tabakskollegium auf einer besonders für ihn gebauten Kanzel die Zeitungen vortragen und erklären sollte. Das war eine durch­aus nicht unbedeutende Stellung, und der wichtige Mann erhielt bald vom russischen Hof eine Gnadenkette, worauf ihm der öster­reichische sogar eine mit Diamanten besetzte Medaille verlieh. Gund­ling wurde dem König bald unentbehrlich, aber nicht nur als Mann von guten Kenntnissen, dessen Urteil viel galt, sondern auch als Spaßmacher und Hofnarr, mit dem bei dem derben Ton am preußischen Hofe die gröbsten Späße getrieben wurden. Gundling erhielt die bereits abgeschaffte Würde des Oberzeremoniemneisters, dazu einen prächtigen, rotsamtenen Anzug mit großer Staats- verücke, strohgelben Beinkleidern, rotseidenen Strümpfen und einen Riesenhut mit weißen Straußenfedern. Neben allen anderen hoch­tönenden Titeln und Aemtern erhielt er auch den Posten als Präsident der Akademie der Wissenschaften und wurde in den Freiherrnstand erhoben.

Nach den ersten Jahren diesesglänzenden Elends" floh er nach Halle zu seinem Bruder, dem berühmten Professor Nicolaus Hieronymus Gundling, wurde aber mit Gewalt wieder zurück- gebracht. Don nun an sank er immer tiefer und wurde dementspre­chend immer roher behandelt.

Geiger in seiner Geschichte des Berliner geistigen Lebens und Harnack in seiner Geschichte der Akademie haben eine Art Ehren­rettung Gundlings unternommen, indem sie seine vorher völlig vergessene wissenschaftliche Bedeutung heroorhoben. Gundling hat als Historiker und Statistiker neue Wege beschritten: er war einer der ersten, der nach dem Vorgang Putendorfs die Bedeutung der Urkunde als Grundlage der'Geschichtsschreibung voll würdigte. Seine geographisch-statistischen Zusammenstellungen haben großen Wert und zeigten ein praktisches Urteil, so daß es durchaus ge­rechtfertigt und angebracht war, wenn der König ihm in ver­schiedenen Landes-Kollegien Sih und Stimme verlieh und auf feinen national-ökonomischen Rat viel gab. Aber dieser bedeu­tende Mann wurde mit unwürdigen Mitteln und in grausamer Weise zugrunde gerichtet, und es ist ein jammervolles Schauspiel, seine Verhöhnung, die eine Verhöhnung der Gelehrten Überhaupt war, zu verfolgen.Wäre er nicht ein moralischer Schwächling gewesen," sagt Harnack,seine Kenntnisse und fein gesundes Ur­teil hätten ihn zur Stellung als Präsident der Sozietät wohl be­fähigt." So aber sank er zum Hanswurst herab. Da er sich leicht betrunken machen ließ, so war er den Späßen des Königs und seiner Offiziere willenlos ausgeliefert. Man heftete ihm nicht nur allerlei Esel und Ochsen an sein Staatskleid, sondern setzte einen ganz so gekleideten Affen neben ihn, den er als seinennatürlichen Sohn" umarmen mutzte, legte ihm einen jungen Bären ins Bett, der ihn beinahe totgedrückt hätte, ließ ihn in dem fest zugefrorenen Schlotzgraben von Wusterhausen ein gefährliches Bad nehmen; ließ er sich in einer Sänfte tragen, so fiel der Boden plötzlich her­unter und er mußte mit den immer schneller laufenden Trägern mühsam Schritt haltest? Man beschoß ihn in seiner Studierstube mit Raketen und Schwärmern, ließ die Tür zu seinem Zimmer zu- mauern, so daß der Betrunkene die ganze Nacht danach suchte. Am schlimmsten für ihn waren die Kämpfe mit dem elenden Faß- mann, seinem Nachfolger, der ihn in der gemeinen SatireDer gelehrte Narr" verhöhnte. Es kam im Tabakskollegium zwischen den beiden Gelehrten zu Faustiänrpfen, bei denen der gewandtere! Faßmann den schwerfälligen Gundling furchtbar verbläute, ja zu einem Duell, in dem Fatzmanns mit Pulver geladene Pistole die Perücke Gundlings in Brand steckte. Als er 1731 starb, ließ ihn der König in einem mächtigen Weinfaß trotz Einspruchs der Geist­