Ausgabe 
1.9.1923
 
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yfrn Frühsommer brachte die Dahn Vie ersten Fremden ins Tal. Jvsi lieh das Hackbrett noch am Ragel ruhen, bis der Verkehr zunahm und die Wagen sich füllten. An einem blauen Junitag, als zum erstenmal ein Supplementszug eingeschaltet wurde, nahm er sein neues Instrument mit den sechs Kontrabässen unter den Arm, löste ein Abonnement für den Sommer und setzte sich wieder auf seinen Lauerposten auf der Wagentreppe. Das Geschäft nahm einen so blühenden Aufschwung, daß er nach einigen Wochen, um lern Geld los zu werden, zwei Aeckerlein und em Stuck Maitland auf einen Schlag an sich brachte und beizeiten einen Mullerknecht anstellte, damit die Bauersleute dieses Jahr auch richtig bedient tm"lT®a8 Gerede von der neuen Mühle hatte ihm so empfindlich in die Vase gestochen, dah er dem frechen Geträtsch ein für allemal den Faden abschneiden wollte. .

Die meisten Mächte verbrachte er unten in Stalden oder oben in Zermatt, und er geizte nicht mit seinem Gelbe, half manchem armen Zipfel mit einem silbernen Trust aus der Verlegenheit, ver- anüate sich bei Wein und Kartenspiel und verklopfte in einer Macht ost den Erlös des vorigen Tages. Um die Mühle kümmerte er sich blutwenig, der Knecht war dafür bezahlt, um »um Rechten zu sehen. Der Knecht jedoch war ein fauler Schlingel. Er lieh die Mahlgänge und die Deutel stundenlang Heer lausen und rütteln und lieferte den Kunden grobes Mehl. Dald ging das Gemunkelvon neuem los, und manch einer sagte es dem Josims Gesichtzsokönne die Sache nicht länger bestehen, entweder Muller oder Musikant, aber nicht beides zusammen. Der Präsident riet ihm, die Muhle zu verkaufen, worauf der Hackbrettler aufbrauste und ihm eine grobe Antwort ins Gesicht warf.Gut," entgegnete der PräsidentSo tue ich mich halt nach einem Platz um, auf den man eine neue ^ü^hie^ Sasesä, so Mitte August, als die Bahn den Verkehr kaum mehr bewältigen konnte, fuhr Jost gegen Zermatt hinauf, um abends in der groben Dierhalle aufzuspielen. Er hatte eben den Matterhornreigen zum besten gegeben und stimmte die sechs Kontrabässe, während die Geldstücke in seinem Hut musizierten. Plötzliche schlug durch das tiefe Gebrumm und Gesumm ein Wort an sein Ohr, schrill und schneiden-d wie der Mitztvn einer gerufenen Saite.Bitte, wirf dem Bettler das Almosen zu.'

Was hat der Fremde gesagt? Josi stutzte, hob dre Blicke und sah in das freche Gesicht eines Herrleins, dem em grüner Tiroler- Hut am Haarwirbel klebte. . t.

Er der Müllerjvsi von Mühleried, ein Bettler! Er, dessen Großväter Gemeindepräsident und Grohrat gewesen war! HeUig-- kreuzdvnner! Hatte er ein einziges Mal für seme Musik einen R ippen verlangt? A bah er hat sich verhört. Bei dmn Poltern und Schüttern der Wagen kann man leicht etwas falsch verstehen. Frisch drauflos, den Lauistriber. Die Hämmerlem schlugen an und rührten die Saiten, doch jedesmal, wenn er mit demJodler ein- setzen wollte, blieb der Ton in der Kehle stecken. Als das Stuck zu Ende war, flogen abermals einige Münzen m seinen Hut. Josi achtet» sich dessen nicht, spitzte die Ohren anderswohin und bstn-

M'i 3-maU ftak I» «H-M» Geklimper auf." Das war die Stimme von vorhin.

Eine Schmach ist's, wie so eine 'Bahn das 2lclplervolk ver­dirbt und zudringlich macht. An jeder Station lauern die Kinder und Frauen mit Geblümel und Beeren, eine durchaus verwes­liche Bettelei in etwas anderer Form als bei uns, und nun der Dudler da drauhen, na, gib ihm einen Franken, damit er schweigt.

Er hat ein lahmes Bein," nahm ihn eine andere Stimme in 6$UJ3c soll er sich im Asyl melden und die Fremden nicht be­lästigen mit dem Mordsspektakel. Gr ist noch ein junger Mann und könnte ganz gut arbeiten."

Zermatt alles aussteigen.

Josi verlieb ganz verwirrt seinen Platz und taumelte wie ein Trunkener über den Bahnsteig und durch die spazierende Menge der bunt belebten Hauptstrabe. Am liebsten wäre er gleich mit dem nächsten Zug wieder heimgefahren, allein er humpel.e, von den Hoielwagen und Fußgängern halb geschoben, halb mitgerissen immer zu, den Kopf auf die Brust geknickt und an einem Gedanken gäibrlnd, der mächtig in ihm aufstieg. Musizieren will er heut abend in der Dierhalle, dab die Saiten springen und wenn sie ihm den Bettelkram zuwersen, aufstehen und den Filz samt den Geld­stücken dem hochmütigen Studenten mit dem Lirolerhurchcln ins Gesicht schmeißen. Diesem frechen Herrenvolk will er zeigen, vv er ein Bettler sei! , ,, ..

Am Abend spielte Josi in der «rohen Dierhalle, die bis auf das letzte Plätzchen besetzt war. Die flottesten Walzer und Sennen- weisen ließ er aus seinem Kasten springen. Seine Stimme hallte laut und dröhnend. Die Hämmerchen schluge-,i erbarmungslos aus die Saiten, und die sechs Kontrabässe rasselt«! b^ eine Saite nach der andern mit schrillem Tone ritz. Bohrend des Spieles scywesi- ten seine Blicke über die Tische und Kopfe und angelten stch an jedem Auerhahnhütchen fest. Das freche Studentengesicht war nir­gends zu erblicken. Wohl aber sah er überall Misteidiges Lächeln und höhnische Grimassen und eine spindeldürre Engländerin, die sich sogar beide Ohren zuhielt. Donner - war er denn blind ge­wesen! Für einen Krüppel und Bettler hatte er diesen.^uten gegolten, weiter nichts. Er trocknete die Stirn, räusperte sich und

rutschte mit dem Stuhl. Ich hatte etwas zu sagen, will er durch das Lokal schreien. Das Almosen, das eure barmherzigen Seelen mir in den Hut geworfen haben, ich schenke es den Armen. Bettler gibt es bei uns keine, und wenn es solche gäbe, so hat sie die Dahn eingeschleppt.

Er erhob sich und ritz den Mund weit auf.

Ich ich Donner!" Mehr als die drei heiseren Worte brachte er nicht über die Lippen. Mit einer zornigen Handbewe­gung kehrte er den Hut um, so datz das Kleingeld auf den Tisch klingelte und zu Boden rollte, ergriff das Instrument und hum­pelte eiligst zur Tür hinaus.

Am andern Tag reiste er mit dem ersten Zug ab und erreichte in früher Morgenstunde seine Hütte. Im Mühlenwerk herrschte Feiertagsstille, und der Knecht, der ihn erst auf den Abend er­wartete, lag noch im Aest. Aber wohl, jetzt klebten dem Josi die Worte nicht mehr auf der Zunge. Wütend fuhr er über den Faul­pelz los, zahlte ihm den Lohn auf die Hand und gab ihm eins kurze Frist, um das Bündel zu schnüren. Das Hackbrett warf er mit einer Verwünschung in den Kasten, schlüpfte in die grauen Müller­kleider und trieb die Gänge an. Durch alle Rächt bis in den Morgendämmer hinein schaffte er ruhelos in der Mühle. Jetzt galt es, mit frischer Kraft einzuliegen und Versäumtes nachzuhvlen. Rach dem Frühstück begab er sich zum Präsidenten und überzeugte ihn, datz eine zweite Mühle durchaus überflüssig sei.

Entweder Müller oder Hackbrettler," fuhr ihn der Präsident an,aber beides zusammen geht nicht."

Müller Donner," entschied Josi und ging grüßend von dannen. In die vermaledeite Bahn wird er nie mehr einen Futz setzen das ist sicher. Roch im Verlaufe des Herbstes verkaufte er die beiden Aecker und die Matte wieder und stellte seine Mühle durch einige Verbesserungen in guten Stand.

Die Babette, die ihn nur noch selten zu Gesicht bekam, war von seiner Wandlung anfänglich sehr betrübt, doch ein Dahnangestellter, der- schön tat und sie bei jedem neuen Schoppen zärtstcy in die Backen kniff, schwellte ihr das Herz mit schönen Hoffnungen so datz sie ohne Bedenken ihre lang verhaltene heiße Witwenlieb« auf 'den neuen Liebhaber übertrug. c _ ..

Eine Woche vor dem ersten großen Tanzsvnntag satz Josi auf dem Wasserläublein und staunte den braunen Ruhbaumblattern nach, die in die Schlucht rieselten und alsbald von den Wirbeln verschlungen wurden. Die Hetze und Hast des Fremdenge.riebes und das unstete Leben auf der Dahn und in den Gastyofen hatte wieder dem geruhigen Alltag eines Kleinmüllers Platz gemacht, und in dem Staub der Mühle fand er sich in sein altes, beschau- - liches Dasein zurück. Wie er so zufrieden die Deine kreuzte kne Pfeife stopfte und ein Hirtenliedchen summte, ging üte Laublrtur auf, und der Klarinettist und der alte Geiger erschienen mit ihren Instrumenten. . «,

Rächst en Sonntag ist Tanz," rief der Klarinettist,und da sollten wir spielen." Josi, der sofort erriet, was die beiden her- führte, machte zum Schein ein mürrisches Gesicht und senkte ferne Blicke'in die Wasserschlucht.

So spielt halt," brummte er,ihr habt ja den 3tahener.

Wir drei sollten wieder zusammenspannen versehje der alte Geiger herzlich.Wir sind aufeinander eingeubt, und Mit dem Hackbrett, wenn es so gefpielt wird, wie du es kannst, km tont s halt höllisch fein. Ziehharmonika ist nur Kurderspektakel Lmgegen Das Hackbrett, ich sag grad, wo mich der Schuh druckt, es hat uns langend $.g unj> stimm' das Instrument/' sagte der

Klarinettler.Wir wollen grad einen aufmachen, zu unserem Gr- SOt5</®enn ihr so kommt," versetzte Josi mit einem hellen Sch^ auf dem Gesicht,so muß ich wohl oder übel anbertzen. om Augenblick sahen sie alle drei in schönster Eintracht wie ehedem au federn Dänklein, strichen, bliesen und schlugen sich in Hitze und Schweiß, als ob sie statt des Flußbettes um> der tanzenden Rutz- blätter einen Saal mit wiegendem Volke zu Fußen hatten. Aus dem Tanzbodenprogramm wurde ein Stück nach dem andernher- untergespielt, der Wildbachwalzer und oer Lauistüber. der Sand- bödeler und der Oberschleher, und in das wiWe Gedudel und Ge­rassel rauschte und gurgelte das Wasser und füllte die Schlucht mit seinem urweltlichen Brummbaß. <___

Als sie müde waren, holte Josi eine volle Kanne aus dem Keller herauf, goß den herben Dergwesii in die Maser und stieß mit den Kameraden auf alte und neue Freundschaft an

'"setzt ist mir wieder Wohl, wie lange nicht mehr, rief er. Das ist, weil ich die verfluchte Bahn nicht mehr unter den Füßen

Geld hast ja währli schön verdient dabei," stichelte der Klari­nettist und machte ganz grüne Augen.Aber ob die Fremden deine Musik verstanden haben wie unsereiner, das Ware nvcy zu ergrün» den Wir Musikanten haben halt doch ganz andere Ohren. Hier herum sagt dir freilich keiner .prachtvollst aber federWt feine Freude daran, wenn er's auch nicht zeigt und mit Geld bezahlt o Sie ja" versetzte Josi mit dem vollen Glas in der Hand. So "eine Musik wie die Mühlerieder besteht auf der ganzen Wett nur eine ich meine natürlich da, wo es weder Eisenbahnen noch Fremde gibt, Lind das Geld hol der Tixel die Bahn samt dem Hut und den Bettelnrünzen. Richt die vielen Aecker und Wiesen machen glücklich, nur einer allein, mit dem man zufriede»