Ausgabe 
30.9.1922
 
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Auf dem Friedhof zu Frankfurt aber stehen auf dem nörd­lichen Felde noch Tratte die Denkmäler der damals beim Barri­kadenkampf gefallenen Soldaten und Aufständischen. Der letzteren waren es 31. Sie fielen auf den Barrikaden in den Straßen zu vcwen Seiten der Zeil: in der Friedberger Straße und Mer Fortsetzung jenseits der Zeil, der FckHrgasse bis zur alten _Rntn= brücke; an den Mündungen der beiden westlich auf die Hayrgasle rechtwinklig zulaufenden Strasten: der Töngesgasse mit dem Liev- frauenberg und der Schnurgasse; dazu noch beiderseits der Fayr- gafse: in der Hasengasse und der AllerHeiligenstraße.

Mas 'Hatte denn nun aber der so unmenschlich hingemetzelte Fürst Lichnowskh verbrochen? Wie v AEswald so Mite auch er nichts, gar nichts verbrochen. Ms Mitglied der ^echwn des Parlaments war er einer der geistig -Ueberlegensten in der ganzen Paulskirche, und darum freilich' em Drecken für alle geistig Beschränkten, die daran verzweifelten ihm m der freien Rede irgend etwas anhaben zu können. Mit einschnech-nder Schärfe war er den demokratischen, ja revolutionären Bestrebungen der Linken unablässig entgegengetreten Darum hatten ihn die Führer der revolutionären Demokratie den niederen Bolksktassen in Wort Schrift und Bild als den vorzüglichsten Gegenstand ihres Hasses bezeichnet, als den hauptsächlichsten ^rager der volksverräterischen Absichten der Rechten stets geschildert ^a war denn die politische Stockblindheit, die gänzliche Urteilslosig­keit der breiten Massen der fette Boden, in dem diese Wühlerei gedeihen und üppig wuchern konnte. Es ist daher ein unauslösch­liches Brandmal, dah ein Ehrenmann, dazu erwählt und gesandt, um eine freie Äeberzeugung durch, freies Wort in der Ulationat- versammlung geltend zu machen, um dieser Freiheit der rkeber- zeuguna und des Wortes willen so feig und so ehrlos hat er­würgt werden können, und öast, wie es damals überall geschah; die Partei der Revolutionäre in lauten Jubel über diesen, von feigen Meuchelmördern und ehrlosen Mordbuben begangenen Greuel ausbrechien konnte.

Als dann am Tage nach den beiden Mordtaten die 03er'5af3 hingen begannen, da entflöhen diese feigen und ehrlosen Mord- buben ins Ausland: nach Paris, nach London und nach der Schweiz Dazu kam dann, dast die ausländischen Regierungen wenig geneigt waren, Schritte zur Verhaftung der seit 1848 steckbrieflich, Verfolgten zu tun, und noch weniger zu deren Aus­lieferung bereit waren. So war durch, Passagiere sestgestellt worden dass die Mörder der beiden Abgeordneten auf dem Dampfboot von Mannheim nach, Straßburg mit ihren Taten geprahlt hätten. Als dann in Erfahrung gebracht worden war, dast sich, ein Hauptverdächtigter, der Etuifabrikant Rispel aus Dvcken'heim. in Paris aufhalte, und als dieser bereits am 25. No­vember 1849 ergriffen worden war, war es trotz diplomatischer Verwendung behufs der Erwirkung seiner Auslieferung nicht zu erreichen daß er früher als am 1. August 1850 in Frankfurt ankam. Rachdem er dann zu 14jähriger Zuchthausstrafe ver­urteilt worden war, erhängte er sich in seinem Gefängnisse zu Frankfurt.

Alle in dieser Darstellung gemachten Angaben beruhen auf den eidlichen Zeugenaussagen der mir im Druck vorliegenden Gerichtsverhandlungen.

Ich schließe mit des Dichters Wort:

Derdeblich ist des Tigers Zahn;

Jedoch der schrecklichste der Schrecken Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Vom deutschen VolKsheMgen.

Von Franz Wichmann (München).

Dem Erzengel Michael ist es bei den Deutschen ähnlich ergangen wie unserm Herrgott bei den Franzosen. Der zeitweilige Sinn ihrer Beziehungen zu den beiden Völkern hat sich mit der Zeit fast in ihr Gegenteil verkehrt. Wenn wir die Redensart: Wie Gott in Frankreich leben" hören, so stellen sich, die meisten ein 'Herrliches Leben vor. Gerade das Amgekehrte aber will die sprichwörtliche Redensart bezeiHnmr, denn der Herrgott, der zur Zeit der großen Revolution ercklHevnt und durch die Göttin der Vernunft ersetzt wurde, 'Hatte nirgends ein so unsicheres und wechselvolles Leben wie in Frankreich

Ebenso widersinnig erwacht bei Nennung des deutschen Michel in unserm Geiste das Bild, eines plumpen, trägen, verträumten Menschen mit der Zipfelmütze über den Ohren, die symbolisierte Selbstironisievung unseres Volkes, wo uns doch ein strahlender Kriegsheld vor Augen stehen sollte. Denn nur ein solcher wurde ursprünglich unter dem deutschen Michel verstanden.

Einst waren die Germanen ihren Göttern Wodan und Thor in die Schlacht gefolgt. Ms diese dem Ghristentum weichen mutz­ten, da gefiel jenen unter den himmlischen Helden am besten der streitbare St. Michael, Sie sa'hen in ihm den leuchtenden Gottes­kämpfer, der einst Luzifer in die Hölle gefloßen und mit dem feurigen Schwert die Dämonen der Tiefe schlug. Schon im Alten Testament war er dem jüdischen Volk, sobald es mit übermächtigen Feinden zu tun hatte, als Schutzengel erschienen. Ihm ward nach der Sage die Bestattung der Leiche Mosis übertragen, und um der frommen Pflicht zu genügen, mutzte er erst einen 'harten

Strauß mit dem Satan bestehen. Auch die Apokalypse des Jo­hannes sah in ihm den Besieger höllischer Mächte, das Sinnbild des Lichtes im Kampfe mit der Finsternis, und so konnte sich unser Volk seinen himmlischen Schutz nur zur Ehre anrechnen. Die deutschen Siege gegen die Hunnen dienten dazu, den Glauben an seine Hilfreiche Macht zu stärken. 3n der Schlacht an der älnstrut ward 933 sein Banner vorangetragen und ebenso führte 955 Kaiser Otto aus dem Lechfeld das Bild des Heiligen aus seinen Fahnen.Da kommt der deutsche Michel!" war zum Schreckruf der Feinde geworden, wenn sie die Reichsfahne mit dem Erzengel auf dem Schlachtfelde nahen sahen.

Die weise Schonung des Volksempfindens durch. Papst Gregor hatte den lichten Heiligen an die Stelle des alten Wodan treten lassen. Wie jener den finsteren Winter verjagte, besiegte dieser den höllischen Drachen, und das altheidnische Ernte-Osterfest ging über in den Feiertag St. Michaels am 29. September. Viel trug dieses Fest zu dessen wachsender Volkstümlichkeit bei. Wo einst die Opferaltäre der alten Götter gestanden, erhoben sich aus freien Dergeshöhen zu seinen Ehren Kirchen und Kapellen, lateinische Hymnen und deutsche Volkslieder entstanden zu seinem Lobe, und hatten einst die Kriegsleute mit Vorliebe ihre Sohne aus seinen Namen getauft, so taten das gleiche jetzt auch, die Bauenr. Für diese bildete der Michaelstag bald einen der wichtigsten Zeit­abschnitte, an dem der Pachtzins gezahlt wurde, das sommerliche Arbeitsjahr abschloß und die Dienstboten neue Stellen suchten. Der Name Michel aber nahm in bäuerlichen Kreisen dermaßen zu, daß man bald damit schlechtweg den deutschen Landmanu überhaupt bezeichnete.

Der Spott auf den deutschen Michel ist zweifellos zuerst im feindlich, gesinnten Ausland entstanden, man verstand dar­unter, wie heute unter dem neuen SchimpfwortBoche" einen tölpelhaft, bäurisch ungeschickten Menschen. Im 15. Jahrhundert hatte der Name bereits in der Literatur Eingang gefunden, denn wir begegnen ihm bei Sebastian Franck, in Grimmelshausens Simplicissimus", derZimmerschrn Chronik", und drei Jahr­hunderte später fällt unseren Klassikern Lessing, Goethe und anderen das zweifelhafte Verdienst zu, die Bezeichnung eben­falls in dem völlig entstellten Sinne zu gebrauchen. Der Ge- Ishrtenstolz gegenüber dem bäuerlichen, ungebildeten Stande kam darin zum Ausdruck, und die seltsamen, bei allen Völkern nach­weisbare Degradierung der Sprache, die Worte von ursprüng­lich heiliger und ehrenvoller Bedeutung immer mehr entweiht und zuletzt in den Schmutz der Gasse wirft, tat wohl ein übriges, diese Profanierung zu unterstützen.

Den Witzblättern der Neuzeit wurde der entwürdigte Michel eine willkommene Karikatur, in der eine mshr harmlose als boshafte Selbstironie den Typus öder Philisterosität verkörperte, eine Erbschaft besonders des Jahres 1848, in dem der einpor- strebende Freiheitsgeist alles, was ihm entgegenstand, nut Vor­liebe unter diesem Bilde verächtlich machte.

Wir können dem streitbaren, ewig siegreichen Erzengel an seinem Namenstage wohl nicht besser dienen, als daß wir ihn in unserer Vorstellung in seine alten Ehrenrechte wieder einsetzen, uns mit Stolz als seine Schutzbefohlenen betrachten und nut dem alten schönen MichaÄslieöe Bitten:

Du Held, dess' Name wohlbekannt, Beschirm' das deutsche Vaterland, St. Michael!"

Sophus Eie, Norwegens großes Finanzgenie.

Der ordentliche Professor für Mathematik an der Landes­universität Gießen, Friedrich Engel, hält sich zur Zeit in Norwegen auf. Die in Kristiania erscheinende ZeitungAften- posten" bringt neben dem Bild des deutschen Gelehrten dessen Ausführungen über Sophus L i e,Norwegens zweit e s großes Mathematikergenie", der in seinen besten Jah­ren als Fußwanderer berühmter gewesen fei als als Mathe­matiker. Prof. Engel führte derAftenpvsten" gegenüber aus:

Norwegen hat zwei große mathematische Genies hervorge­bracht: Henrik Abel und Sophus Lie. Der erstere der beiden, Abel, starb nur 21 Jahre alt. Seine Arbeiten sind in zwei Aus­gaben herausgekommen, und er hat eine sehr große Bedeutung für die Entwicklung der Mathematik gehabt. Sophus Lie ist nicht so beachtet worden wie Abel. Seine Arbeiten sind weniger zu­gänglich gewesen; nur ein Teil von ihnen ist bis jetzt veröffentlicht worden und sie haben deshalb nicht den Einfluß auf die Ent­wicklung der Mathematik erlangt, den sie verdienen.

Erst als Lie 26 Jahre alt war, ging es ihm auf, daß er ein geborener Mathematiker war; erst da wurde er sich über seine großen Gaben klar. Er hatte früher seinen Berus nicht erkannt, aber jetzt erwachte seine schöpferische Fähigkeit auf dem Gebiete der Mathematik. Die Ideen brachen mit einer ungeheuren Kraft hervor. Was.er leistete, ist in Wirklichkeit so imponierend, daß wenige Mathematiker gegen ihn auf kommen; aber er ließ sich nicht Zeit, seine vielen großartigen theoretischen Arbeiten aus­führlich zu entwickeln. Es war immer so, daß er sich mehr für neue Dinge interessierte, als dafür, alte zum Abschluß zu bringen.