Samstag, 30. September
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1922 — Nr. 39
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Zwei politische Morde vor dreiviertel Iahrhrrnderten in Frankfurt a. M.
Von Plärrer i. iR. Horbach in Meßen.
(Schluß.)
Nach vollbrachter Tötung des Generals 1>. Auerswald um etwa 5 Ähr nachmittags stürmte ein großer Teil ber vor ben Garten hinausgegangenen Beaaffneten wieder in den Garten zurück. „Der!hat seinen Lohn," hieß es, „nun den artbern!“ „Einen Spih- bub' haben wir; jetzt soll ber andere auch noch dran!" Die Durchsuchung des Gartens und des Hauses wurde nunmehr mit neuem Eifer und doppelter Genauigkeit fortgesetzt. Zweimal schon hatte man vergeblich den Keller durchsucht. Da Holte ein Turnerbürsch-- chen von 16 Jahren ein Licht herbei und leuchtete auch in eine dunkle Ecke hinein. Alsbald ries er: „Da ragt etwas Schwarzes, — ein Rockzipfel heraus!" Man stand vor einem Obstverschlag. Da er aber verschlossen und kein Schlüssel zu haben war, so holte man eine Axt herbei und tat einen Schlag wider die Türe, daß ber Kloben Herausfuhr, und drei von ber Rotte drangen in den Verschlag ein. Dort sand man den Fürsten Lichnowsly, der sich Hinter einem Brettergerüste, auf ebener Erde liegend, verborgen hatte. Er wurde sofort gepackt und herausgezogen. Der Keller füllte sich mit Bewaffneten, da alsbald das Geschrei erscholl und sich weiter verbreitete: „Wir Haben ihn!"
Unter Mißhandlungen derselben Art wie vorher bei Aners- wald, stieß und zerrte man den Fürsten aus dem Hause in den Garten hinaus. Ein roher Mensch gab ihm dort mit dem Gewehrkolben einen furchtbaren Schlag auf das linke Ohr, daß es blutete. Ein anderer zerfleischte ihm mit dem Hahn seiner Büchse wie mit einem Hackmesser den rechten Vorderarm, daß bie Fleischsehen herabhingen. Mit Knütteln und Flintenkolben schlug die brüllende und tobende Masse von allen Seiten auf ihn ein. Hierbei tat sich auch wieder die Zobel besonders hervor, die mit Steinen aus den Kopf des armen Opfers losschlug. Dann stieß und zog man den Fürsten zu demselben hinteren Gartentürchen Hinaus, wie vorher seinen Leidensgen offen. Hier Ivar es der Schuster Daniel Georg aus dem Aachbarorte Ginnheim, ber Führer des Freischarenzuges lGinnheinr-Bockenheim, ber ben Fürsten zu jenem Graben führte, in dem Auerswalds Leiche lag, unb zu ihm sagte: „Komm Herl Ich will dir noch einmal deinen Freund zeigen, baß du ihm bie Hand geben kannst." bind wie er vorher zu Auers Wald, als dieser im Garten um fein Leben gefleht, Höhnisch gesagt hatte: „Komm her! Du sollst ein republikanisches Aachtefsen mit mir genießen," so sagte er jetzt zu dem Fürsten: „S o Hat dein Kamerad ein Rwchtessen gekriegt, so sollst du auch eins speisen," wobei er ihm das Zündhütchen zeigte, mit dem er erschossen werden solle. Run schwenkte der Fa'hnenträger des GimchÄm-Tockenheimer Freischarenzugss vor Lichnowsky die Fahne und ging bann vor ihm her, als man diesen weiterführte.
Heute, wo jene vor 74 Jahren noch freie Gegend ganz bebaut ist, könnte man als die Stelle, wo Auerswald in dem hinter dem Schmidtschen Garten sich herztehenden Graben erschossen wurde, ben freien Platz bezeichnen, an dem sich bie Günkhersburgallee und bie Bornheimer Landstraße voneinander scheiden. Von dort aus führte vor 74 Jahren eine Pappelallee durch bie Bornheimer Heide nach Bornheim. In dieser Pappelallee führte man Lich- nowskh weiter, bis zur 19. Pappel, 270 Schritte vom Schmidtschen Garten. Bis dahin war er von ber blutdürstigen Rotte umringt, bie ihn noch weiter mißhandelte. Da Lichnowsky nun sah, baß
man ihn zum Tode führe» wolle, sprang er an jener Stell« plötzlich in bie Rotte hinein und suchte einem Burschen das Gewehr zu entreißen, was ihm jedoch nicht gelang. Das war das Signal. Es wurde „Platz!" gerufen, und plötzlich stand der Fürst vereinzelt: er sprang noch, um sich zu decken, auf jene Pappel zu, aber da fiel auch schon der erste Schuß: ber Schuster hatte ihn abgefeuert. Der Fürst taumelte, schrie auf unb hielt eine Blutige Hand in die Hohe. Erst auf einen zweiten Schuß, ben er in den Rücken erhielt, brach er zusammen; und nun fielen noch mehrere Schüsse. ®r lag, aus vielen Wunden blutend, am Boden, ein gräßlich zerfleischtes Opfer, ein Sterbender.
Nachdem bie Mordgefellen ihr blutiges Werk vollbracht Hatten, stoben sie nach allen Richtungen, aus denen sie gekommen waren, wie bie Mäuse in ihre Löcher, so schnell auseinander, als habe die Erde die etwa 200 Verfolger verschlungen. Sie sagten sich mit Recht, es könne jetzt jeden Augenblick das Militär aus der Stadt eintreffen.
Es war jetzt etwa */=6 Uhr nachmittags. Die Spatnachmittagssonne schien an diesem, in der Herbstnatur so ganz besonders klar- fchonen Septembernachmittage mild unb friedlich auf das an der Straße verlassen liegende, zerfleischte Opfer des Hasses und der Blutgier, an dem sich Wutschnauben und Mordgrimm aasgetobt Hatten.
Jetzt aber ließ Gartner Schmidt den Fürsten sogleich in sein Haus hineintragen. Dieser sagte zu seinen mitleidigen Trägern: „Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Rur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! Sie haben mir auch meine .Uhr gestohlen." Im Schmidtschen Hause gab Lichnowsky feinen letzten Willen zu erkennen, wobei er noch ausdrücklich anssprach, daß er seinen Feinden verzeihe. Unterdessen, etwa gleich nach 6 Uhr, kam ber Fürst Felix v. Hohenlohe mit einer Abteilung hessischer Ehe- vaufegers an, unter deren Bedeckung ber Verwundete nach ber Stabt gebracht werden sollte. Zugleich! nahm man bie Leiche v. Auerswalds, die Schmidt bereits um 1/s6 Uhr aus dem Graben gleichfalls in sein Haus hatte tragen lassen, in diesem Zuge mit. Als man eben an dem Landhaus des Herrn v. Bethmaan vor- vteitam, eilte dieser dem Zuge nach, legte dem Fürsten mit den Worte»' „O du mein lieber Fürst!" die Hand auf die Schulter unb bat, man möchte ben Verwundeten doch in sein Haus hereinbringen. was bann auch geschah, während man die Leiche des ©tuetals unter militärischer Bedeckung nach dessen Wohnung in der Stabt weitertrug. Im v. Dethmannschen Hause wurden nun dem Fürsten von zwei Aerzten Verbände angelegt. Alsdann aber verbrachte man ihn, wie er es selbst wünschte unb wie es auch seine Umgebung für das beste hielt, unter Bedeckung einer Abteilung Kavallerie, nach dem Hospital zum Heiligen Geist, wo er zwar reichlichen ärztlichen Beistand fand, jedoch um I/311 Uhr abends verschied.
Einige Tage später fand die Beerdigung beider Gefallenen mit vielem Pompe, als politischer Gegendemonstration, auf dem Friedhof zu Frankfurt statt. Bei Lichnowsky war es freilich nur eine Scheinbeerdigung. Seine irdischen Ueberreste sind geteilt worden. Rach feinem eigenen Wunsche wurde sein Herz in ein» reiche silberne Kapsel verschlossen und kam nach Sagan (im nordwestlichen Schlesien), wo es noch jetzt neben dem Sarkophag ber Herzogin Dorothea in ber bärtigen Schloßparkkirche aufbewahrt wird. Sein Körper ruht in einer kleinen Dorfkirche bei Schloß Grätz in Dkähven neben feinen Vorfahren in der fürstlichen Familiengruft.


