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durch grüne Inseln Vvn Salat, den £>te Reichenauer freigebig ins Wasser geworfen hatten und den der Wind jum Spatz am Abend fort- und am Morgen wieder herwehte, and zogen all- mählich ins freie, klare Wasser hinaus. Da sing di« grotze Glocke non Konstanz an, geheimnisvoll mit tiefer Stimme zu beten, weich und innig über das Wasser getragen, htnschwimmend wie ein großer Vogel, flügelschlagend und im Aekher endend. Der Abenv- wind lieh die Seesläche unter einem Hauche erschauern, die Sonne zögerte gerade so weit über den Bergen des Hegau, daß sie noch den Gesang der Glocke mitanhören konnte. Dann stet sie Hinter die Erde. „ „ , , , „ , .
Vicht frömmer habe ich als Knabe die große Vetglocke daheim- geläutet, die alte mit dem Sprunge, die den Brand meiner Vaterstadt überlebt hatte. Glocken find sonst zählebig und wehren sich gegen den Lod. Aber doch müssen einige sterben und stumm und UTMÜH werden uuf die eine vöer nndere Ärt. Die eilte ist heute umgeschmolzen, und wenn ich auch, so oft lq) zu Hause bin auf den Kirchturm hinaufsteige zum Faßnacht, dem Wucht«:, um' die neue zu läuten, es ist ein fremder Ton, der nicht so dumpf gesprungen zu Herzen redet wie der Mund der alten. Hm elf Uhr ist's. Die Musikanten stampfen die Treppe herauf, um draußen vom Umlauf auf die Stadt herunter zu blasen,- ich aber läute drinnen in der Glvckenstube andächtig und ehrfürchtig Die alle 'hat mir viele wehmütige Geschichten erzählt. Auch die von Lern kleinen Kameraden, einem hellstimmigen Glöckchen auf dem Nachbarturme, das vor hundert Jahren von den Pfullingern gestohlen und des Nachts den hinteren Weg an der Echatz Hinauf svrtgeschleppt worden; seither läutet eS ganz deutlich und traurig: G'flohle bin t, g'stohle bin i.
Die Konstanzer Glocken sind rechte Seekinder gewohnt über das Wasser zu singen. Zuweilen scheint es als vb tief unten im Grunde efne Stimme mitvibriere, klagend, wie aus schwerem Schlafe erwachend. Vielleicht sind es die Glocken von Meersburg, die irgendwo im Wasser ruhen. Man weiß, daß die Meersburger einmal ihre Glocken auf den See schassen wollten, um sie vor dem Feind $u verstecken. Wie sie nun draußen waren mit der kostbaren Ladung, lupften sie die Glocken hoch und ließen sie feierlich über Bord; danach nahmen sie eine Kreide und zogen einen Strich auf dem Boden des Schiffes an der Stelle, wo die Glocken untergegangen waren, um sie später wieder zu finden. Sv sind die Meersburger um die Glocken gekommen und die Fische des Meeres haben sich eine Burg und ein Best daraus gemacht. Maa.seiq. Satz dieGlockW-fvNen, wenn ÄN gewaltiger - Hechr -sie" mit" dem' Schwanz schlägt; mag sein, datz ein Geröll am Grunde, von den Wassern bewegt, sie zum Klingen bringt; Steine von Gletschern flammend, und stumme Fische sind die
Glöckner. . r ,
WaS haben die alten Glocken von Konstanz mitangefehenl Den Glanz der mittelalterlichLN Handelshäuser, die zugleich Schisse auf dem Bodensee und in Venedig befrachteten, Schiff : hwer» beladen mit kostbaren Geweben, die bis ins Kaurhur u-
fahren konnten. Was haben die Glocken gejubelt, als u-
erwählte Papst nach beendigtem Konzil herausritt au m
Rosse gefolgt von Fürsten und Volk, bis gegen Gottcü- . vo er ein Prunkschifs bestieg und den Rhein herunterfuhr. Wie iben die Glocken gezürnt und gelacht über den Schellen der Hanswurste und Kindsköpfe, die um die Fastnacht ihre Pritschen schwangen und im Hanselschritt tanzend das seltsame Lied dazu sangen:
Rarvv, narro fibo st, sibo, fibo, narro gst, hont dr Mu etter Küechle gstvhie. Gi mr au
Haberstrauh.
Suerkrunt, füllt de Bube d'Huut uns. und de Mädle d' Wäge, und de alte Wider d' Pelzkrägei Ho Narro!
Narro, narro, kAigeboge, was du saist, ist alls verlvge narro, narro, lenzio!
Das ist ein rechtes Vvlksnarrenlied: es hat den naiven Zauder und das Stammelnde des Volkslieds wie das Runen-
Finckhs Skizzenblättern leuchtet die Landschaft zwischen Reichenau, der schönen Insel im Bodensee, und den vorzeitlich kühnen Umrissen der einsamen Hegauberge. Rauschend bricht der junge Rhein aus dem Bodensee; hüben Baden, drüben die Schweiz, läßt er die grünen, mit Dörfern bestreuten Usergärten hinter sich und taucht in stille, kaum betretene Urwaldtoildnts. Silbern, hoch aus dem Himmel blickt das Schneehaupt des Säntis: des Seekönigs. And zu ihm auf lugt die kleine Welt, das idhllische, sonnige, in Halm und Laub versteckte Reich der Graspfeiser. Finckh gibt aber auch eignes Leben und Erlebtes, wie ihm sein Haus verbrannt ist und wie er ein neues gebaut; wie Kinder auf» wuchsen um die rüstigen Knie der Eltern; wie geliebte Haustiere ihren Lebenstag mit den Menschen teilen, die Bernhardiner Hunde, die Esel. Volkstümliche Poesie liegt über dem Ganzen.
und Rätselhafte des HexenfpruchS. Dazu teilt es von ausgelassenen Geistern des Schabernacks, lärmt mit Klappern und klingelt mit Glöckchen. Denn die Konstanzer Rarrenglöckchen Haben ihre Tage, an denen sie die großen Domglocken über» täuben. Jedem echten Konstanzer Kind läutet so ein Rarren- glöckchen im Blute. Das Leben mag noch so feierlich und gewichtig schreiten, es mag drücken und traurig lasten, und keine Vetglocke kanns anders machen: da schellt so ein silbernes oder blechernes Glöcklein, und gleich ist das Leben in die Luft geworfen tote ein Kinderball und wird mit leichten Händen wieder aufgefangen. Datz so ein armseliges Schellchen die Kraft hat, die Herzen zu befreien! Irgendein Gott muß doch darin stecken, denn sein Wesen scheint ewig; dieses kleine Blutsglöcklein vererbt sich mit mathematischer Gesetzmäßigkeit, und wenn nach naturwissenschaftlichen Forschungen .immer das Lebenstüchtigste sich erhält und fortpslanzt, so maß das Rarrenglöcklein so alt und lebenskräftig fein tote die Domglocke. Denn es gibt alte Bürger dieser Stadt im Geben draußen, tn denen läuten wenige Glocken der Kindheit mehr als nur die Seeglocke, die leise auf dem Wasser geht mit dem Flügelschlag einer Möwe, und da» Rarrenglöckchen.
Die Glocken der drei uralten Kirchen der Insel Reichenau sind fett langem verschwistert mit dem See. Sie spielen mit ihm wie Kinder, abends, ehe sie zur Ruhe gehen. Sie reden mit den Wellen und bieten ihnen die Zett; sie wandern an schönen Tagen hinüber tn die Schweiz, vermischen ihre Stimmen mit den Glocken von Grmattngen und mit dem Geläute der Höri. Sie kämpfen mit dem Sturm und rufen in die Rot der Schiffer hinein. Dann antwortet ihnen etwa eine scharfe, helle Erz» stimme, aus dem dichten CJlebel heraus schallt das Soldatenwort der Schiffsglocke, kurz und barsch befehlend, überbrüllt von dem Toompetenflotz des Rebekhorns. Es geht $u wie in der Schlacht. Der König Sturm rückt an mit tausend Winden.
Anders, 'wenn die Kirchen sich wohlgefällig spiegeln im frisch- geputzten See. Dann 'wissen die Glocken ltebltchr Gngelslteder und schicken sie gedämpft und geigentönig auf und nieder. Das ist die Stunde, da unser Boot still und verträumt auf dem 0ee liegt, mit halbgeschlossenen Augen, zu selig oder zu faul zum Weiterfahren; wir sind mit gutem Segel heraus, und tote wir in der Seemitte schwimmen, wird das Tuch schlapp. Der Wtnd feit, es lischst. So bleiben wir draußen liegen, froh der auf» gezwungenen Maße, schwatzen mit den Fischen und Wasservögeln unb stehlen dem Leven einen halben Tag ab, glücklich tote Kinder, die Hinter die Schule gegangen sind. Niemand kommt zu uni als die Stille und die leise Zwiesprach der Glocken vom Land. Gegen Abend, 'hoffen wir, wacht der Wind wieder aus und bläst noch eine Handvoll Obed knöpfst her, die uns ßeimtreiben; wills nicht kommen, so verlegen wir uns aufs Bitten und rufen die Seegeifl er und Wasserfrauen an mit dem alten, unfehlbaren Fi scher s pr uch:
Höriwib mach Luft, mach en Häftli uf!
Aber das dürfen die Glocken nicht Hören, sonst zürnen sie und lassen sich nicht mehr läuten.
3n der Höri Haben die Glocken selten zu tun. Sie läuten umS tägliche Brot, morgens und abends, man hört sie kaum. Bloß wenn das Sterbeglöcklein anhebt, weht der Klang schrill durch die Luft. Ein RÄbel tote ein weißes Hemd ist über bte Felder gebreitet, darein leicht eine Seele schlupfen tarnt, bte vvn der Erde will. Dann geht es von Mund zu Mund: .Los, toa tsch au das?" „He, 's Annele tsch gftorbe, mr hei em sch» z' Eich glitte.“
Stabt am See.
(Konstanz.) Bon Stefan Zweig').
Schon fern in dämmernder Verschönung Die ernste Linie einer deutschen Stadt, Geschmiegt tn Wolken vvn sv zarter Tönung, Wie sie allein der Juntabend Hat.
3m Uferpark Musik aus dunklen Lauben, Ein Lied: kennst du das alte Lied nicht mehr? Sv lieb, so trüb tote Saft aus schweren Trauben Ganz langsam quillt das Lied die Wellen her. Da klingt dein Herz, als ob es Heimweh hätte, Und sieht doch diese Stadt zum erstenmal, Zum erstenmal die dunlle Silhouette, Die schleiernd tränt int fahlen Mondenstrahl.
*) Stefan Zweigs „Fährten" sind tn einem gut ausgestatteten Bändchen vom Verlag G. P. Dal u. Co., Leipzig, neu gedruckt worden. Prosafl ticke und seine Verse führen tn weit von einander abliegende Wanderstimmungen. Wenn Stefan Zweig dem Rhtzthmus von Reuhork nachsinnt so bleibt er auch da im Halbtraum einer zarten und doch wirklichen Dichtertoelt, die er überall findet: im berauschenden Süden, tm kühleren Norden s und tm geheimnisvollen Benares, der Stadt der tausend Tempel.
Schristleitung: August Goetz, — Druck und Verlag der Vrühl'schsn Univ.-Buch» und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.


