— 119 —
GS war Noh ein Gommerbau, der erst richtig in Benutzung genommen wurde, wenn der Schierling ganz Hoch gewachsen und Vie Drennesseln so dicht geworden waren, daß das Gingangsloch nicht ohne weiteres in die Augen fiel.
Diese Höhle übte auf Schnipp seit jenem Tage, wo er zufällig auf sie flieh, eine starke Anziehungskraft aus.
Mährend er im Grase lag und an einem Knochen nagte, pflegte ihm der schwarze, gähnende Höhlengang mit dem sonnen- «bleichten Sandhaufen in den Sinn zu kommen; der Gang zog tyn mit geheimnisvoller Macht an. Gr war, als wurde er in einen ganz anderen Hund verwandelt, sobald er in die Nähe des HöhlenlvchS kam. Knochen lieh er Knochen sein, wenn ihm die Hohle etnfiel.
Er jagte durch das Gartenpförtchen aufs Feld, dessen Mäuse- löcher und Schmetterlinge ihn nicht mehr reizten, quer über den Weg und in das Wäldchen hinein.
Aber wenn er sich nach und nach dem geheimnisvollen Schwarz näherte, Las einem großen Auge gleich unter der Braue des Gestrüpps hervorgaffte, mäßigte er die Geschwindigkeit. Die Ohren wurden emporgehvben, der Schwanz aufwärtsgekrümmt. Bald trippelte er bloß — und schließlich ging er feierlich langsam vorwärts, Schritt für Schritt und auf steifen Deinen.
Duftreiche Windstöße fuhren wie Zugwind durch das -Unter« Holz. Er roch den Flor der Nesseln, die sühen Sauerampferblüten und den warmen Erdschweiß, der dem Boden entstieg. Dann hielt er gerade auf der Grenze des Schwarzen an, stand mit blitzenden Augen da und starrte abwärts.
Halbe Stunden lang stand er so und entschwand sich selbst, als ob er schliefe. Sein Atem ging und ging, ohne daß er es merkte; in ihm wuchs und gärte es stark; er konnte sich nicht er« fiären warum, aber es war wahnsinnig-herrlich, bloh ganz allein hier stehen zu dürfen!
Dem Loch- entflieg eine eigentümlich herbe, erregende Fährte, in immer verstärktem Grade, je länger er den Hals reckte. Es roch nach Wald und Moor, nach alten Hundekissen voller Flohe, nach aufbewahrten Knochen, vergrabenen Leckerbissen und anderen Herrlichkeiten.
Während die Tage verstrichen, wurde er immer verwegener; er lieferte sich der Höhle immer mehr und mehr aus.
Eines Morgens, als er viele Stunden lang davor gestanden hatte schlich' das Dunkel von der Höhle sich weiter und weiter auf ihn zu; er selbst hatte sich nämlich, ohne es zu wissen, eine ganze Hundelänge weit in die schwarz« Nähere hinabgewagt. Der starke Duft dort unten aus der Tiefe der Erde berauschte ihn, und seltsame Schatten brachten die Luft um feinen Kopf ins Sieden; als er eine Weile dort gestanden hatte, erwachte er gleichsam und entsann sich, wo er war — und über seine eigene Kühnheit entsetzt, schoß er rückwärts hinauf.
Aber die magische Höhle ließ ihm keine Ruhe; mehrmals täglich, Woche auf Woche, besuchte er sie — und eines schönen Nachmittags verschwand er in einer seiner unverständlichen Ekstasen so tief hinein, daß nur gerade die Spitze seines Schwanzes noch draußen im Lichte war. "
An diesem Tage kam er ganz verwirrt nach Hause, voller Sand auf dem Rücken; er war drinnen in dem Berge gewesen — die Höhle hatte sich endlich, erschlossen!
Aber von nun an war Schnipps Freude über alle Sofaecken und Kissen verdunstet; er kannte einen besseren Ort unter einer tchweren Wurzel in einem dichten Nesselwalde, wo kühlende Winde kamen und gingen, wo die Sonnenstrahlen hüpften, tanzten und spielten, wo die Mäuslein mit verwunderten Augen sich' hervvrwagten und im Nu wieder in der Erde verschwanden. Mo Schnecken mit sonderbaren Hörnern feierlich herankamen, wo Käfer über lichterfüllte Felder jagten, wo eines Tages eine Dildentenmutter mit einer ganzen Schar frisch ausgebruteter Entlein Hinter sich plötzlich hervortrat und — als er auf sie zw- Pürzte — so krank wurde, so krank, daß er im Degriss war nach den Federn ihres Schwanzes zu Haschen. Ja eine Stelle kannte er — mitten drinnen im allertiefsten Nesselwalde, wo die schwarze Höhle mit dem hinabgewehten Laube und den Spinngeweben m den Ecken aus der Erde hervorgähnte, dort lag er oft Stunde auf Stunde, wie von einem Zauber gebannt.
„Aber wo steckt denn der Schnipp?" fragte Herr von Drellmg häufig. „Er ist ja fast nie mehr aufzufinden!"
Wenn das kleine Fräulein mit ihm spielen, wenn die gnadrge Frau ihn auf den Spaziergang mitnehmen wollte, oder wenn er im Automobil mitfahren sollte, kvmtte man bis ins Unendliche rufen, pfeifen oder hupen; er, der sonst, wenn ein Vergnügen totnfte, immer hoch erfreut angesprungen kam, war weg, spurlos verschwunden. Man sagte von ihm, er sei ein arger Herumtreiber- Hund geworden.
Sitten als Folgen der Mode.
Die Geschichte der Mode hat in den Wandlungen der Kleidung lange Zeit den Ausdruck der gleichzeitigen Kultur gesehen, und Jakob Falle schrieb vor einem halben Jahrhundert seine Geschichte der deutschen Tracht unter diesem Gesichtspunkt. S>aB c8 dabei vhne gewisse Gewaltsamkeiten und Ausdeutungskünfle nicht abging, ist erklärlich, und ein tieferes Eindringen in die Probleme
^^ac^engeschichte hat gezeigt, daß vielfach Mrade der um* gereftrte QBeg beschritten wird, daß sich vielmehr das Auftteten und Abklingen gewisser Sitten zwanglos und folgerichttg aus den Mvdeformen der Epoche erklären läßt. Eine Reihe über- raschender Beispiele für diese Zusammenhänge bietet der beÄn-rie Kulturhistoriker Max v. Boehm in einem Aussatz der Zeit- schrift „Faust", deren neuestes Heft den Fragen der Gesellschaft gewidmet ist. „Nicht die Sitte macht die Mode," sagt v. Boehm „sondern die Mode beeinflußt die Sitten, und sie fleht in ihrer Wirkung in dieser Beziehung ‘auf einer Linie mit den Aahrungs- Mitteln; ist, es doch bekannt, daß die Einführung von Dee, Kaffee und Schokolade den Charakter der Gesellschaft auf das nachdrücklichste geändert hat. Als die riesigen Mühlstemkrausen aufkamen, mutzte man die Löffelstiele langer machen, damit die Träger ihren Mund erreichen konnten; wesentlicher aber war, Latz in Frankreich die Art der Begrüßung eine andere wurde. Dis dahin hatten die Herren die Damen, denen sie vorgestellt wurden, mit einem Kuh begrüßt, eine Intimität, die sich sogar die Königin gefallen lassen mußte, selbst wenn sie. wie Maria von Medici, darüber empört war. Nun beseitigte die Mode diese Gewohnheit, denn so lange beide Geschlechter Kragen um den Hals trugen, die den Umfang und die Widerstandskraft von Wagenrädern besaßen, konnten sie sich in der Oefsentlichkeit nicht mehr umarmen." Es ist nun aber falsch, anzunehmen, daß die spanische Mode mit ihren steifen Röcken, riesigen Mühlfl einkragen und gepanzerten Leibchen unbedingt ein feierliches und zeremonöses Wesen zur Folge haben mutzte. Im 19. Jahrhundert erlebten wir eine Wiederkehr dieser spanischen Mode unter dem zweiten französischen Kaiserreich; man trug damals Korsetts, die nicht weniger Panzern glichen, und Röcke mit stählernen Reifen, die noch viel weiter waren. Trotzdem aber ist die Signatur dieser Epoche eine ausgelassene und wilde Lustigkeit, und statt des feierlichen Tanzschrittes herrschten die tollen Sprünge des Cancan. Uebevhaupt werden die Formen des gesellschaftlichen Verkehrs durch die Mode sehr deutlich bestimmt. Als die weiten Röcke und die langen Schleppen getragen wurden, machte man die spanische Reverenz, d. h. man fiel auf die Knie, oder man begnügte sich mit dem französischen Kompliment indem man sich tief herunterbeugte und dann wieder zu grader Haltung aufrichtete. Als dann aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts enge und knappe Kleider aufkamen, begnügten sich die Damen, mit. dem Kops zu nicken, und von langsamen und feierlichen Verbeugungen war- keine ^RLde.mehr.
Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Gruß der SJeTTSTt:—.......—.
Dis zu Anfang des 17. Jahrhunderts behielt der Herr seinen Hut immer auf dem Kopf, auch int Zimmer und in Gesellschaft der Damen. Beim Gruß wurde die Kopfbedeckung nur zurückgestoßen, ohne das Haupt zu entblößen, und das Abnehmen des Hutes wurde für eine Entwürdigung gehalten. Als dann im 17. Jahrhundert die großen Hüte mit den langen Straußenfedern aufkamen, wollte man Liefe Tracht zeigen, nahm sie ab und fchwenkte sie zum Gruß. Dem Kurfürst Friedrich von der Pfalz, dem „Winterkönig", machte man sogar den Vorwurf, bah er vor jedermann feinen Hut abnehme. Im Zeitalter der großen Allvngeperücken und der gepuderten Köpfe hätte man sich durch Aufsehen eines Hutes die ganze Frisur verdorben; deshalb trug man im 18. Jahrhundert den Hut immer -unter dem Arm und streckte ihn Beim Grutz in gewissen Tempi vor, wie der Soldat seine Flinte beim Präsentieren. Wie das Verschwinden gewisser Moden auch Bräuche aufhören läßt, beweisen die Duell e. So lange jeder Kavalier den Degen an der Seite trug — was das ganze 18. Ja'hrhundert hindurch den Fall war — bildeten die Duelle einen Krebsschaden der Gesellschaft, den keine Regie- rungsverbote ausrotten konnten. Der alte Herr von Blücher, der Vater des Marschall Vorwärts, gab deshalb seinen Söhnen.aus ihre Fahrt in die Welt nur den einen Rat mit, sich stets „in Avantage zu setzen", d. h. bei jedem Wortwechsel dem Gegner sofort Unter die Ohren zu schlagen. Casanova beklagt sich, einmal darüber, datz man jeden Augenblick wegen der geringsten Kleinigkeit seinen Degen ziehen müsse, denn rauflustige Leute bedienten sich dieses „Kleidungsstückes" unter den nichtigsten Vorwänden. Datz Las beständige Tragen eines Degens unter den Studenten die Rauflust erhöhte, ist ja ganz selbstverständlich, und hier hat sich Las Duell noch, erhalten, nachdem es sonst längst aus der Gesellschaft verschwunden ist. Als mit der englischen Herren- mode das Tragen des Degens aufhörte, nahm sofort die Häufigkeit der Duelle ab. Zunächst wunderte man sich aber sehr über das Verschwinden der Waffen aus der Mode, und die Baronin Oberkirch, schreibt z. B. in ihr Tagebuch 1784 als eine erstaunliche Beobachtung in Paris: „Die Edelleute gehen jetzt überall hin ohne Waffe; sie tragen den Degen nur noch, wenn sie Gala anlegen." -------
Mocken.
Von Ludwig Finckh*).
Jeden sommerlichen Samstagabend lagen wir auf dem See, um Las Münstergeläute von Konstanz zu hören. Oft fuhren wir im Doot vom Reichenauer Ufer ab mit Hellem Segel, schnitten
*) Aus einem Büchlein Erzählungen „Seekönig und Graspfeiser" lStuttgart, Deutsche Verlags-Ans!alt). In


