Samstag, 29. IuN
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1922 — Nr. 30
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Ein Jubiläum der Eisenbahn.
Die Eisenbahn, eine Erfindung, die heut von so viel erstaunlicheren anderen Steuerungen in den Schatten gestellt ist, kann jetzt auf ihren 10 0. Geburtstag zurückblicken. Don jenem 25. Juli 1814, an dem Stevenson seine erste Lokomotive, den „Mylord", fahren liest, bis zu dem 27. September 1825, an dem der erste Eisenbahnzug wirklich fuhr, zieht sich die Entstehungsgeschichte dieses Verkehrsmittels hin, das eine so gewaltige Umwälzung der Wirtschaft mit fid; brachte. Das Jahr 1822 aber hat seine besondere Erinnerungsfeter in dieser Entwicklung, nämlich die Legung des ersten Schienenweges. Im Sommer 1822 wurde damit begonnen, die Eisenbahnschienen von Stockton nach Darlington zu legen, und auf diese Weise die erste Eisenbahnlinie geschaffen. Stevenson, der Erfinder der Lokomotive, hat eine große Anzahl von Vorläufern gehabt, und bei den Stadien, die schließlich $ur- Schaffung der Eisenbahn führten, spielt auch die Schiene eine große Rolle; sie ist der Lokomotive vorausgegangen. Der Schienenweg wurde bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts in englischen Bergwerken viel benutzt, um beim Abtransport der Kohlen den Zugpferden die Arbeit zu erleichtern. Zunächst waren es Holzschienen, die man dann durch Cisenschienen ersetzte. Als Stevenson 1812 als technischer Leiter des Maschinenwesens der Kohlengruben von Killingsworth angestellt wurde, fand er hier eiserne Schienen im Gebrauch, auf denen die Kohlenwagen von den Gruben bis zum Verschiffungsplatz am Ufer des Tyne befördert wurden. Um die Zugtiere weniger anzuflrengen, hatte man schon manche Methoden ersonnen. So verwendete der Eigentümer der Bergwerke von Glamvrgansyire Sir Humphrey Mackworkh die Windkraft, indem er auf den Wagen Leget anbrachte. Auf Liefe Weise konnte ein einziges Pferd bei Verwendung der Schienen und des Windes die Leistung von 20 Tieren verachten. Stevenson ersetzte die Windkraft durch die Dampfkraft, die man damals schon verschiedentlich zum Treiben von Maschinen auszunutzen suchte, und verbesserte auch die Schienen, indem er ihnen eine standhaftere Forni gab. Die Versuche, die Stevenson in dieser Hinsicht in den Jahren 1814—1820 ausführte, waren von solchem Erfolg begleitet, daß man sich 1821 entschloß, eine größere Eisenbahnlinie zu bauen, und so wurde im Sommer 1822, also gerade vor 100 Jahren, der Dau der Strecke von Stockton bis Darlington unternommen. Als 1825 der erste mit Personen und Gütern beladene Zug von 34 Wagen unter Klängen der Musik in Darlington eintraf, hatte das „Schienenzeitalter" seinen Anfang genommen. ।
Wir können uns heute nicht mehr vorflellen, welch« Bewunderung und noch md>r Verwunderung das neue Verkehrsmittel her« vorrtef. Die Personenwagen des ersten Eisenbahnzuges waren aus den Wagenkästen alter Postkutschen hergestellt, und diesen 21 Wagen, in denen die Passagiere saßen, schlossen sich 12 mit Köhlen und Mehl beladene Waggons an. „Auf ein gegebenes Zeichen," berichtet eine zeitgenössische Zeitung, „setzte sich die Maschine mit dieser ungeheuren Anzahl von Wagen in Bewegung, und ihre Schnelligkeit mar derartig groß, daß sie an einzelnen Stellen 12 Meilen (fast 20 Kilometer) in der Stunde zurücklegte. Der Zug führte gegen 600 Reisende mit sich Die Ankunft in Stvckton rief einen nicht enden wollenden Jubel hervor." Aber die Jubelnden waren arg in der Minderzahl, und von dem größten Teil des englischen Volkes wurde die neue Erfindung mit größtem Mißtrauen, ja mit wütendem Haß, ausgenommen. DaS Volk glaubte zunächst, daß es sich hier um ein „Werk des Teufels"
"handle, und verschiedene Geistliche predigten von der Kanzel dagegen. Man erwartete von der Einführung des neuen Verkehrsmittels die schrecklichsten Folgen. Der vorüberfahrende Zug würde die Kühe beim Weiden stören und die Hühner so erschrecken, daß sie keine Eier mehr legen könnten. Die durch den Rauch vergiftete Luft werde die Vögel töten; die Häuser der in der Rahe wohnenden Menschen würden in Brand geraten durch das Feuer, das dieses Ungeheuer schnaubte; der Himmel werde so schwarz werden, daß die Sonne nicht mehr hindurchscheinen könne; die Reisenden schwebten beständig in Todesgefahr. „Und was denken Sie, würde passieren," so fragte ein Mitglied der zur Untersuchung der Angelegenheit angesetzten Parlamentskommissivn Stevenson, „wenn sich ein Ochse beim Herannahen des Zuges auf den Schienen befände? Wäre das nicht seht gefährlich?" „Allerdings," antwortete der Erfinder mit einem spöttischen Lächeln, „aber nur für den Ochsen!" Das Gutachten, das diese Kommission erstattete, ifl. überhaupt ein denkwürdiges Zeugnis für die Kurzsichtigkeit menschlichen Geistes. Es wurde darin behauptet, dah die Pferde durch die Eisenbahn unnötig werden würden und daß darunter die Landwirtschaft schwer leiden müsse, weil sie dann nicht mehr ihr Futter- verkaufen könne. „Was wird aus denen werden, die noch in ihren eigenen Wagen fahren wie ihre Vorväter?" wurde gefragt. „Was wird aus den Kutschern werden, aus den Sattlern, den Herbergswirten, den Pferdezüchtern, den Pserdehändlern ufto. ? Macht sich die Kammer eine Vorstellung von dem Rauch und dem $ärm, von dem Gepfeife und der Verwirrung, die durch Lokomotiven hervorgerufen werden, die mit einer Geschwindigkeit von 10—12 englischen Meilen in der Stunde (etwa 20 Kilometer) führen?" Jedenfalls müßte die Höchstgeschwindigkeit auf 12—15 Kilometer in der Stunde beschränkt werden. Das erfordere die Sicherheit der in dem Zug Sitzenden wie die der Bewohner des umliegenden Landes. Es wurde sogar von den weisen Volksvertretern behauptet, daß eine Lokomotive bei Regen niemals werde führen können, weil es durch den Rauchfang hineinregne und das Feuer ausgelöscht werde. Wenn ein starker Wind in den Kessel blase, so werde er die an und für sich schon große Spannung vermehren und die Lokomotive müsse in die Lust fliegen . . . Wir wissen heute alle, wie diese Bedenken zerstreut wurden, aber sie zeigen, wie die Menschen vor 100 Jahren dachten
Sommer auf dem Lande.
Aus einem Dackelroman.
Don Svend Fleuron').
Wenn Rachtigall und Kuckuck in Dänemark eintreffen, hält der Mittsommer seinen Einzug ins Land.
Schon lange vorher war es bloß Frühling, und verheißungsvoll flöteten Sie Stare, zwitscherten die Lerchen; das Trillern der Buchfinken und der Schlag der Drosseln mischte sich in die schmetternden Fanfaren der Schwarzamseln.
•) Svend Flenron ist ein dänischer Löns, und sein neuestes Buch „Schnipp Fidelius Adelzahn", aus dem wir hier einen kurzen Abschnitt wiedergeben, schildert von einem gemütlichen Hundestandpunkt aus die Lebensgeschichte eines Dackels mit einer sehr bunten und ergötzlichen Laufbahn. Unsere Leser werden erkennen, daß das Buch (bei Eugen Diederichs, Jena erschienen) nicht nur Unterhaltungs-, sondern auch künstlerische Werte besitzt.


