68

Hierin lebhaft, liebenswürdig. beinahe herzlich Die Damen rich- teten em. Allerdings Paßte die Tapete und die rassetiertm Spiegelwände nützt zu Len schweren schwarzen Mchrn-Vchlas- zimnermöbeln. fehlte elettrisches Licht. Heber jedes töett sollte eine kleine Lampe angebracht werden. Klingelleitungen wurden umgefegt und der große venezianische Kronleuchter elektri­fiziert.

Acht Tage später fern auch Madame mit ihrer Enkelin Lillie und zwei großen Wolfshunden. Dun begann auch die Küchen- mitbenuhung Das war schlimm! Schlimmer noch, wenn hie Deutschland und hie Frankreich kochte, am schlimmsten zwischen 1 und 2 Ähr. Da waren in der Küche anwesend: Madame, die die Deste wegräumte, Aigot der Bursche am Spülen, Gabriele am Abtrockuen, Lillie am Geschirr wegräumen, Blanche am Haare brennen unsere Köchin am Fertigstellen der Speisen, ich um nochmal nachzusehen, Anna und Toni am Servieren! macht 9 Personen. Abends um 8 Mr war dasselbe Manöver. D-e Leute machten alles selbst mit Äigots Hilfe, weil sie kein Mädchen, zu unserem Glück, erhalten konnten. Rigol war alles in allem.' Der Bertraute von Madam, der Geliebte von Gabriele, der Diener Blanches und Lillies Kamerad. Die Familie lebte sehr üppig. Es machte gar nichts aus, am gewöhnlichen Alltag eine Hummermaivnaise als Vorgericht zu reichen. Heberhaupt diese Vorgerichte! Und die Kuchen! Bloß mit Hefe wußten sie nichts anzusangen, und als ich einmal Streußelkuchen und Berliner backte, stand Gabriele mit Madam dabei und schrieben genau auf, wies gemacht wurde. Tatsächlich fingen fie nun an, die beiden Kuchenarten sehr ost selbst zu backen. Wadams Küchen­zettel ging immer mit der Jahreszeit in bezug auf Delikatessen, Wild, Geflügel und Fische. Eine Fischart war ihre Spezialität, der ich nie Geschmack abgewinnen konnte. Gin tadelloser Schell­fisch bekam den Bauch mit gehacktem Rindfleisch gefüllt, wurde mit Trüffelscheiben gespickt, garniert mit kleinen Häufchen Sauer­kraut, die wieder mit Austern umrändert wurden, dazwischen stellte sie gefüllte Tomaten, alles zusammen ließ sie im Backofen backen. Das war das Leibgericht von Monsieur d'Aubrh. Mit Monsieur habe ich seit meiner Ausräumerei nicht mehr ge­sprochen. Zwischen Blanche und mir herrschte bloß kühle Höflich­keit. Gabriele gab sich Mähe, deutsch zu fernen, aber überErde- berrenne, Kuchee und Tiisch" kam sie nicht heraus. Sonst war sie außerordentlich liebenswürdig. Die 12jährige Lillie war von ihrer Lehrerin vor den Deutschen gewarnt worden, wie sie mir anvertraute. Sie vertraute mir auch an, sie hasse die Deutschen, aber Sie nicht. Madam mischte sich herein:O non, non, die Deutschen konnten nichts dazu und die Franzosen konnten auch nichts dazu, die Männer cm der Spitze!" Sie weinte:Lillie ist ein armes Kind", redete sie weiter; dann öffnete sie die Wintergardentüre, ließ mich eintreten, um mir etwas zu zeigen. Sie brachte ein Album herbei:Voila," und zeigte ein Blatt. Unser Besitz in der Nähe von Reims vor dem Krieg," sagte sie leise. Ein sehr hübsches Landhaus und ein noch hübscherer Garten zeigte sich da. Sie blätterte weiter.Dach dem Krieg!" Mn Feld voller Steine und ein ragender Schornstein, sonst nichts! Es war schrecklich'' seufzte Madame.Wir hatten Befehl zur Flucht, und warteten den ganzen Tag auf das Zeichen. Es wurde Abend, ich war kalt bis dahin (fie zeigte an die Oberschenkel), die Magd machte mir -ein Fußbad und ich setzte mich hinein. Da Bum, Bum, die Deutschen! Blanche, Gabriele, Lillie, alles fort, ich auch, mit nackten Füßen. Adieu Heimat! Ich sah sie anders wieder. Und Lillie! Lillie war uns auf der Flucht verloren gegangen. Sie war 3 Jahre alt und konnte ihren Damen noch nicht richtig sprechen. Irgendwo wurde sie aufgefunden und durch bas Rote Kreuz nach Genf geschickt. Erst nach dem Krieg fanden wir das Kind wieder. Lillies Mutter war als Röte-Kreuz^ Schwester in den Krieg gezogen, ihr Mann war tot. Sie kam mit einem Lazarettzug nach Rußland wurde gefangen genommen, machte einen Fluchtversuch und erhielt dabei einen Bauchschuß, an dessen Folgen sie starb." Madame weinte bitterlich Die Hunde fmirrten und Gabriele sagte:Die Nerven bei Mama sind kaputt!" Tatsächlich fiel Madame in tiefe lange Ohnmächten ohne besonderen Anlaß. Dann war sie wieder die ausgelassenste Frau, die ich jemals sah. Oft, wenn id). von Besorgungen zurückkehrte, sagten unsere Mädchen:Wir haben wiederfiesen Jux" gehabt durch Madame." Einmal war ich Zeuge eines solches Juxes! Ich kam aus der Stadt und ging in die Küche. Niemand hatte Mich kommen Hören, und nun sah ich zu meinem Ergötzen, wie die 55jährige Madame d'Aubrh in ihrem lila Hauskittel, (er reichte knapp auf das halbe Bein), auf einem Besenstiel durch die Küche ritt. Sie war natürlich arg verlegen, lachte und sagte: Sophie versteht nicht französisch, ich wollte ihr sagen, Madam d'Aubrh ist eine Hexe." Ich fragte, warum denn.O, ich habe Sophie die Kartoffelquetsche weggenommen und Sophie luÄte sie; und dann auch," fie deutete auf ihren Anzug und öffnete -h reu Mund, da waren ihr zwei Zähne herausgefallen. So war Madame. Tüchtig, umsichtig, schick, lustig, traurig und ge­wandt. Wollte sie. etwas besonderes von uns, so steckte sie sich hinter den französischen Quartiermeister, der ließ mich rufen und sprach kurz und sachlich:Madam d'Aubrh muh im Garten

ruhen. Verordnung vom Arzt. Stellen Sie Gartenmöbel auf." Madame tat erschrocken:O, mein Mann muß erzählt haben, ich weiß von nichts." Ein andermal. Der Quartiermeister:Ich habe Inventar aufgenommen, Madame d'Aubrh entbehrt eine Likörkarafse und ein Teeservice." Ich antwortete:Wir trinken T« aus Kaffeetassen und der Likör wird bei uns nicht umgefüllt." Darauf der Offizier:Besorgen Sie nur, die Stadt kann nichts kaufen an Kleinigkeiten." Madame wußte wiederum nichts. Das nächste Wal bekam fie Besuch. Wieder Mm der Offizier und sprach:Madame erwartet Besuch, stellen Sie ein Zimmer mit Bad zur Verfügung." Ich erklärte nicht zu wissen wo. Gr sagte: Egal, Madame hat nix an Personal, hat Anspruch auf Mädchen- und Dienerzimmer, also..." Da mutzten wir denn passende Räume einrichten, und für 3 Tage mit Bedienung und Wäsche hergeben. Man mutz einfach und man kann noch zufrieden fein, wenn man keinen Offizier bekommt der feine große Familie ewig erwartet und des Alleinseins müde, Abend für Abend ein ge­wisses Ballett zu sich einlud. Der Besitzer der Villa, welcher das Haus verlassen hatte und im Hotel wohnte, hatte auch das Personal dem Offizier lassen müssen und die Stubenmädchen hatten des Morgens sehr viel zu tun, um den Blumenflor, der auf Betten und alten Möbeln, die zum Ruhen bestimmt waren, verschwenderisch herumlagen. In unserem Viertel wohnten ruhige Leute. So hatte ich Gelegenheit, die Einquartierung einer nach­barlichen Besitzung kennen zu fernen, die eine Riesenkatze als Eigentum besaß. Eines Morgens, als ich mein Schlafzimmer­fenster öffnete, sah ich mir gegenüber in der alten Pappel diese Katze sitzen, fie Hatte sich verklettert und konnte weder herunter noch weiter hinauf. Ich rief unser Mädchen und sagte:Ist das nicht die Katze von drüben?"Ja," sagte Annadarf ich es den Leuten sagen, Rigot hat schon erzählt, daß die Katze ver­mißt wird." Das Mädchen lief hin und kam bald mit Herrn und Frau Rittmeister zurück. In der Hand hatte Anna einen 50-Markschein als Belohnung.Muschi" kam aber trotz aller Schmeichelbitten nicht "herab. Bald waren unsere sämtlichen weib­lichen Franzosen mit Rigot auch, dabei, die Katze herunter­zulocken. Es half alles nichts. Rigot machte vergebliche Kletter- Versuche. Die Katze blieb, wo sie war. Man stellte Teller auf mit Milch, Fleisch und Gemüse, die Katze guckte nicht mal her­unter, sondern maunzte den Himmel an. Der Offizier mußte in den Dienst. Seine Frau blieb noch, aber nach einer halben Stunde mußte sie auch gehen. Dutzendmal kam sie wieder und machte vergebliche Anstrengungen. Madame d'Aubrh half teil­nahmsvoll dabei, und band eine tote Maus an einen Strauch, einen Fischschwanz an einen anderen. Die Katze blieb. Sie blieb auch über Nacht bis zum anderen Morgen und Mittag. Am Nachmittag wurde kurzer Prozeß gemacht. Die Feuerwehr kam an mit langen Leitern. Zwei Männer zogen Handschuhe an, und in 10 Minuten war Frau Rittmeister wieder glücklich mit Muschi vereint.

Der Wein ist in Frankreich anscheinend billiger als bei uns das Bier. Die Franzosen tranken täglich und auch Rigot bekam mittags ein Wasserglas voll roten und abends eins voll weihen. Madame schwatzte mir auch welchen auf. Das Liter bezahlte ich mit 7 Mark. Es ist der bekannte französische Land­wein, der von den Herren alsRachenputzer" bezeichnet wird. Aber es ist trinkbar. Auch Kaffee und Konserven erhielt ich zu recht billigen Preisen durch Madame. Sie haben in Düffel­dorf für Lebensmittel die sogenannteKooperative", wo die Leute alles gut und preiswert kaufen können. «Trotzdem plündern die Ausländer nufere Läden. Madame d'Aubrh hat Kisten voll Sachen in Düsseldorf gekauft und ihre drei Mädels von unten bis oben ausgestattet. Auch an Wäsche hatte sie Kisten voll gehamstert. Zwar log sie mir vor, in den Dingern sei Munition, aber sie glaubte wohl, eine dumme Deutsche vor sich zu haben. Jchl sagte:Ich habe nicht verstanden Madame, Sie meinen wohl Wüsche!" Munition hatten sie zwar auch, aber die bestand aus den Ladungen von je zwei gekreuzten Pistolen, die auf den Kaminen im Schlafzimmer des Ehepaares und im Schlaf­zimmer von Blanche und Gabriele lagen. Für alle Fälle!

Sv wurde es Dezember. Unsere Kranke, die nicht mehr auf Reisen sein konnte, war verschiedentlich mit der Einquartierung unliebsam zusammengestvhen. Bier Atteste von Aerzten ver­anlaßten einen Freibrief des kvnnnandierenben Generals, und damit mußte uns die Familie verlassen. Zwar waren wir ver­pflichtet, alles was d'Äubrhs nötig hatten, zu stellen, und fv kam ein Möbelwagen, der alles abholte und hinterher das Auto, das die Familie wegbrachte. Ich stand im Vestibül. Monsieur d'Aubrh hatte sich französisch gedrückt. Blanche zog sich an, grüßte steif Und ging hinaus. Da kam Lillie, flog mir um den Hals, küßte mich links und rechts auf beide Backen und 'huschte davon. Ehe ich mich versah, passierte mir das Gleiche mit Gabriele, zuletzt kam Madame dran mit tränenden Augen. Ich stand ziemlich angedonnert da, Rigot schloß die Türen und lieferte mir sorgfältig die Schlüffe!.Rix mehr Krieg mit den Deutschen, Madame," sagte er.Rigot geht nach Australien." Sch gab ihm die Hand, und er trollte in die Küche um Abschied zu nehmen.

Schttstfeituug: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei, R. Lang», Gießen.