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der Novellen. IN die zweite Reiste gehören: Kinder des Volks, Die Pariser, Kantor Schildköters Haus, Die leere Kirche, Der Schlund. '
In den Merken der ersten Reiste begegnen uns die Menschen als Naturgewalten: liebend, hassend, schaffend. Hessische Dauern sind es, die wir hier sehen, aber nicht so, das) sie nur für den Hessen Interesse hätten. Es sind Menschen, Bauern schlechthin: verschlossen, kraftvoll;, unsentimental, seßhaft, verwachsen mit Haus, Hof und Scholle. Sie unendliche, für den Städter kaum faßbare Monotonie des Bauernlebens tut sich auf: Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit. Sin Sonntagnachmittag. im Wirtshaus, ein Abend in der Spinnstube, eine Hochzeit mit Fresserei und Sauferei drei Tage lang, uüd dann das große Ereignis des Jahres: Die Kirmes. Äst das herum ruft wieder das Feld und die stille Wiederkehr der alljährlichen Arbeit. Aber das alles ist wirklich in diesen Büchern von Alfred Dock, es ist leibhaftig da, nicht nur abgemalt und geschildert. Wir spüren die Wärme und die Strahlung dieser Welt an unserem Leib. Selten gedeiht in der Bauernwelt ein Idyll. Wortlos und voll dunkler, erdge- borener Gewalt treffen die Schicksale aufeinander. Entweder gibt es ein 'heftiges Splittern und Zusammenbrechen oder ein stilles, armselig-unbeachtetes Ende, Hinsiechen in einer dunklen Hinter- stube des Bauernhofs. Der Arzt wird , erst geholt, wenn es ans Ende geht. Der Schäfer, nebenher Quacksalber und Zauberer, verkauft geheimnisvolle Trünkchen. In -den letzten Tagen kramt man das Gebetbuch hervor. So geht dort ein Leben zu Ende. Welch ein außerordentlicher Kenner des bäuerlichen Lebens Alfred Bock ist, beweist fast noch mehr die Schilderung und Behandlung all der Abseitigen im Dorf, derer, die draußen in den letzten Hütten wohnen, der Seltsamen und Unheimlichen. Da ist die Aralte, die Hexe; die Taglöhnerin, die einsame, mit dem unehelichen Kind; der Säufer und Strolch der nur alle paar Monate einmal heimkommt; die Leichenfrau, die die Lerchen wäscht und- in den Ornat des Grabes fleckt. Da kommt noch der ganze Dämonismus der Bauern zum Ausbruch Dort flackert nachts über einem Acker das „Geldfeuerchen" das einen vergrabenen Schatz kündet, lieber dem Dach steht die Erscheinung eines Tote!» mit unkenntlichem Gesicht, und der Leibhaftige selbst reitet brüllend auf einem dreibeinigen Mutterfchwein herum. ©8 ist eine Welt, wo die Gewalten des Himmels noch lange nicht über die der Erde gesiegt haben.
Die Werke der obengenannten zweiten Reihe behandeln etwa das Problem der Volkserziehung und -bildung, der geistigen Durchdringung der Volksmaste (Kinder des Volks, Grete Fillun- ger, Die Oberwälöer) oder das Problem neuer zivilisatorischer Einrichtungen und des Widerstandes, den ihnen die pastive, am Alten feflhaltende Maste entgegensetzt. Das Verhältnis von Kirche und Sekte behandelt der Roman „Die leere Kirchs".
Die Gestalt dieser Dichtungen entspricht ihrer stofflichen Welt. Auch> sie ist wortkarg, in sich gekehrt, naturhaft, voll Saft und Kraft, einfach-, muskulös. Alfred Dock verfügt über ein bewundernswertes Mab rein epischer GrzäHkungskunst. Da wird nicht zu viel gesagt und nicht zu wenig. Die Schilderungen von Zuständlichem, also etwa von Landschaften ober dem Aussehen eines Menschen, sind sehr knapp gehalten. And doch: man sieht alles. Selbst Ängedeutetes ist- so angebeutet, daß xs sichtbar Gestalt gewinnt. All das kommt daher, daß die Dichtung Alfred Docks literarisch unverdorben ist. Sie hat noch Vollblut, natürlich« Kraft und Treffsicherheit. Ihre Hauptstärke liegt in 6er episch-dramatischen Staffelung der Ereignisse, in dem sicheren, unaufhaltsamen Tempo des Zustrebens auf die Gipfelung der Tragik. Natürliche Angebrvchenheit zeigt sich aber auch- darin, daß der Schluß öfter Antergang als Läuterung ist. Der Bauer ist unter Amständen ein Heros der Dickköpfigkeit bis zur Tragik. Hier gibt es nur ein Drechen, aber kein Biegen. Die Dvlksmundart der Gespräche ist nur insoweit beibehalten als sie allgemein verständlich ist. Jedermann auch wer von hessischem Dialekt keine Ahnung hat, kann diese Bucher lesen, ohne die geringste Behinderung. 2hr Interesse ist nicht irgendwie lokal eingeschränkt. Es find Dichtungen des Menschlichen, klar, offen und an jeden gerichtet. Es mag hierzu nur in Erinnerung gebracht werden, daß schon 1912 eine Auswahl Dockscher Novellen von Raymond Darsiles ins Französische übertragen worden und unter dem Titel „de Napoleon“ im Verlag Delasalle in Paris erschienen ist.
Unsere französische Einquartierung.
Von Emmi DehrenS, Düsseldorf.
Als die Franzosen bet uns einrückten, wurde unser ganzes Haus für den General G. beschlagnahmt. Die Trikolore sollte aufs Dach, und Schilderhäuser vor die Tore. Der General wollte aber mehr im Mittelpunkt der Stadt wohnen, und so waren wir fürs erste verschont. Die Wohnung blieb beschlagnahmt und wurde auch von manchem Offizier besichtigt; jedoch die entfernte Lage vor der Stadt, und der Umstand, daß unser Erdgeschoß, welches nur aus Gesellschaftsrüumen besteht, düster und ungemütlich groß ist hielt uns die Einquartierung fern. So reisten wir im Mai 1921 alle ruhig ab. Ende Juni kamen wir zurück und fanden leider Einquartierung vor. Dieselbe war am
Morgen angemeldet worden und am Nachmittag eingetrofsen. Vorläufig bestand sie aus einem Offizier.
Da unter sämtlichen Herren der Nachbarschaft, welche auch Einquartierung hatten, verabredet war, nicht mit den Franzosen zu sprechen, so blieb mir nichts anderes übrig, als selbst die Verhandlungen zu übernehmen.
war noch im Reisekostüm, als ein Auw mit dem Stadt- sekretär, einem Architekten und dem französischen Quartiermeifler twrfuhr. Als ich 'herunterkam, war ein Keiner französischer Ofst- Iwr dazwischen, dessen hohe Stiefel die Hälfte seines Körpers ausmachten. Das war unsere Einquartierung, und wurde mir als Monsieur d'Aubrh vorgestellt. Die Begrüßung war sehr frostig. Der Stadtsekretär holte Papier und Tintenstift hervor, dann begann er: „Cs müssen zwei Doppelschlafzimmer und ein einfaches Schlafzimmer eingerichtet werden; Sie haben das ja vorrätig! „Aber nein," antwortete ich, „wir fonnen nur ein einzelnes Fremdenzimmer entbehren; das zweite muß für die Pflegerin von Frau H. bleiben. Bitte machen Sie auch Herrn d'Aubrh darauf aufmerksam, daß wir eine schwer nervenwanke alte Dame im Hause haben und bei Zusammenstößen leine Verantwortung übernehmen können.“ Der französische Quartiermeister verdolmetschte das d'Aubrh, der keinen Anstoß daran nahm und andauernd auf den Fußspitzen herumwippte. Der Stadtsekretär sprach- weiter: „Da muh also die Stadt zwei Doppelschlafzimmer komplett liefern und Sie selbst ein Einzelschlaszimmer, aber alles andere muß das Haus stellen, dazu sind Sie verpflichtet. Ich gebe Ihnen einen Zettel, worauf alles notiert ist. Gr las vor: 3mal Bettwäsche komplett für 5 Betten, 12 Handtücher, 12 Frottiertücher 5 Badetücher, Tischwäsche und Servietten, entsprechende Küchenwäsche, Aufnehmer, Staub- und Wischtücher, dazu sämtliche Sachen zum Reinigen der Zimmer. Äußerem: 1 Eßservice für 12 Personen 12 Kompotteller und Schalen, 1 Dutzend Eßbestecke, 1 Dutzend Dessertbestecke, Kaffeelöffel, 1 Kaffeeservice für 12 Personen, Wein-, Bier- und Likörgläser,' 2 Weinkaraffen.“ Der Quartiermeifler sagte: „Diese Zimmer bleiben wie sie sind beschlagnahmt." Ich fragte, wo sollen denn die Betten hin und wie ist es mit der Küche? Monsieur d'Aubrh brumm-lle andauernd vor stch hin. Schließlich bemerkte der Quartiermeister wieder: „Das Dilliard soll aus dem Herrenzimmer entfernt werden, und im Wintergarten stehen. Außerdem möchte Monsieur d'Aubrh ein Chaiselongue haben.“ Der Stadtsekretär schrieb auch das auf meinen Bogen. Darauf marschierten wir durch das ganze Erdgeschoß. Mach- vielem hin- und herreden sagte der Architekt: „Eine Küche hier unten einzurichten ist unmöglich. Sie müssen ihre Küche gemeinsam benutzen. Der große Saal wird geteilt, und darin werden die beiden Doppelschlafzimmer eingerichtet. Der Damensalvn gibt das Einzelschlafzimmer. Salon und Eßzimmer bleiben wie sie find. Auch ein Badezimmer und ein Keller muß Zur ausschließlichen Benutzung der Familie bleiben." Der Stadt- fekretär erklärte dann noch, die Stadt müsse dem Doppelschlafzimmer noch einen Herd, einen Küchenschrank und Anrichte liefern. Dann eilten die Herren weiter.
Monsieur d'Aubrh erklärte mir in rasselndem französisch, seine ,Frau sei leider in Bonn krank geworden, seine beiden Töchter kämen aber schon morgen. Darauf ging auch er. Bei uns war ein schauderhafter Durcheinander. Reisekoffer mutzten aus- und umgepackt werden, denn man hatte beschlossen, die Kranke sofort wieder auf Reisen zu schicken. Inzwischen kam der Architekt zurück. Wir überlegten gemeinsam, daß wir doch unmöglich den großen Saal der jetzt in der Wohnungsnot als Sitzungssaal diente und früher gesellige Freuden gesehen hatte, durchteilen könnten ohne sehr wertvolle Schnitzereien zu beschädigen. Der Architekt kam auf die Idee, einen Riesenvorhang durch die Saalbreite zu ziehen. d'Aubrh wurde gefragt und auf seine Zustimmung sofort telephoniert. Am nächsten Morgen um 10 Ahr war das Riesenflück schon im Hause, wurde aber nie benutzt, denn ich hatte einen Keinen Gewaltstreich gespielt.
Ansere Dalonmöbel waren immer wie rohe Eier behandelt worden, und nun sollte eine ököpfige Franzosenfamilie nebst Hunden darauf herumrutschen, das paßte mir nicht. Ich ließ mir morgens um 9 Ahr Monsieur d'Aubrh durch den Burschen rufen und redete französisch los: „Monsieur, Madame ist nicht zufrieden mit zwei unhygienischen Sch-lafräumen, denken Sie, (ich half mit den Sjänben nach), großer Vorhang Staub, die Glastüren durch- den Wintergarten lassen nicht genügend Luft herein. Ich habe einen anderen Plan: Nehmen Sie den Saal als Salon, das Billardzimmer und den Salon als Doppelschlafzimmer. Alle Möbel kommen hinauf in unsere Mansarde, und Sie haben Platz. Das Vestibül wird Ihr Rauchzimmer." Monsieur d'Aubrh sagte immer: „Mais oui, mais oui." Ich antwortete „merci" und lief weg aus Angst, er könnte gleich drauf „mais non" sagen, aber er ging in die Stadt.
Nun gab es bei uns ein großes Gelaufe. Der Bursche Rigot wurde gefötert und mit Hilfe des Personals binnen zwei Stunden drei Zimmer total ausgeräumt und in der Mansarde verstaut. Ich- glaube, Monsieur d'Aubrh hatte mein französisch doch nicht ganz verstanden, denn er machte ein bitterböses Gesicht, als er Die leeren Zimmer sah.
Am Nachmittag kamen mit der Stadtlieferung auch die "beiden Töchter. Blanche, kühl, blond, groß und hochmütig, brachte kaum die Lippen voneinander. Gabriele, wie eine Keine Spa-


