Ausgabe 
29.4.1922
 
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Pfarrer üieg f eiet- zur Pflege der deutschen Sprache und Sitte gegründeten VerbindungSeutonto", und Liese Tradition hat dieArg-entina" stets in Ehren gehalten und darum rasch ihren Anschluß an die deutschen Verhältnisse auf der Universität ge- ftmden. Auch dieWilhelmitana" entwickelte sich in deutsch- fremrdlichem Sinne und. $u ihrem 50. Stiftungsfeste schloss sie ftd> dem Schwarzburgbunds an.

Zu dein Kommerse hatten zwei in akademischen Kreisen be­sonders beliebte Dichter Lieder beigesteuert, Em. Geibel und Hof. Viktor Scheffel. Geibels Gedicht hatte den Charakter einer Hymne und wurde nach der Weise desGaudeamus" gesungen. Es begann mit den Worten:Stimmet an den Preisgesang, unser Fest zu krönen". Scheffels Kantus floh mit glücklichem Humor, passenden historischen Reminiszenzen und wohlgelungenen Wort­spielen nach dem von dein Dichter ost und gern verwandten Ders- maße der Lorelei) von Heine dahin und klang in den Wunsch aus:

Stoßt an drum: Reu-Straßburg soll leben, soll wachsen und kraftvoll gedeihn, als Straße für geistfrisches Streben als Burg der Weisheit am Rhein!'

Den Abschluss erhielt das Fest durch einen Ausflug aus den Odilienberg, wo Verthold Auerbach, währeird des Krieges Be­richterstatter deutscher Zeitungen im Elsaß, Gelegenheit nahm, auf der Höh'" von nationalen Gedanken getragene Worte an die Feflgemeinde zu richten. 3n dem ersten Jahrzehnte des Be­stehens war die Universität in verschiedenen Stadtteilen und Gebäuden untergebracht. Im Jahre- 1884 konnte ein Llniversitäts- gebäude neuzeitlicher Art bezogen werden, das im Stirnbande den stolzen Spruch trug:Litteris et patriae": der Wissenschaft und- dem Vaterlande hat die Straßburger Universität während ihres Bestehens treu gedient. Der Raum reicht nicht aus, um alle die Großen aus dem Reiche des Geistes zu nennen, die an ihr gewirkt haben: nur wenige mögen hier erwähnt sein: der um die Schaffung des Bürgerlichen Gesetzbuches besonders ver­diente Jurist Rudolf Svhm, der Chirurg Kußmaul, der Philosoph Winüelband, die Germanisten Wilhelm Scherer und Ernst Martin und der Naturwissenschaftler Röntgen. Die Zahl der Studenten mehrte sich- von Jahr zu Jahr, aus aller Herren Länder strömten die Hörer herbei und selbst ausgesprochene Deutschseinde, wie der Tscheche Kramarsch, verschmähten es nicht, ihr Wissen bei der stolzen deutschen Gründung zu bereichern.

Hetzt ist der Maientraum einer deutschen Hochschule im Elsaß dahin. Eine französische Fachschule macht sich wiederum m den Räumen der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Llniversität breit. Aber di« deutsche Hochschule ist nicht vergessen. Ramentlich- nicht bei jedem elsässischen Studenten, die einstmals die deutsche Straß­burger Universität kannten und jetzt ihre Studien an der fran­zösischen Anstalt fortsehen müssen. Auch die alten Straßburger Studenten, die über das Deutsche Reich zerstreut sind, bewahren ihrer Universität ein treues Gedächtnis. Die Studentischen Korpo­rationen, die mit der Universität in Straßburg blühten, haben sich jetzt in Frankfurt a. M., in Münster, in Freiburg, in Ham­burg wieder aufgetan und warten der Sage, bis sie wieder den Einzug in ihre alte Mufestadt halten können. Sie sorgen dafür, in treuer Gemeinschaft mit dem elsaß-lothringischen Studenten- verbande, daß das Gedenken an die Alma Water Wilhelma in Altdeutschland nicht erlischt.

Frankfurt a. M. Wilhelm Fluh re r.

Wächter-Legende.

Bon Franz Adam Beherlein.

(Schluß.)

Dem einen von ihnen war die Brust durchbohrt; er rührte und regte sich nicht mehr. An den Schlüsseln, mit denen ihn einst der Bremer Scharfrichter auf den Schultern gebrandmarkt hatte, erkannte man ihn als den schwarze?) Hannes von Ilfeld. Der andere, der Wächter Kunrad. trug eine Wunde über dem rechten Auge, aber er atmete noch; Dütemeher nahm ihn, froh, seinem Retter eine Guttat m-weisen zu können, in sein -Haus auf. Kunrad wacht« nun zwar wieder zum Bewußtsein auf, aber er blickte verstört um sich und schwieg beharrlich, und je lauter die Leute ihn lobten, je herzhafter sie seine Hand drückten, desto hart­näckiger verschloß er die Lippen. Er deutete nur auf seine Stirn und zuckt« dazu die Achseln, als wolle er sagen:Rein auf gar nichts besinn ich, mich mehr". Mittags jedoch vermochte er am Arm der ^mdfeflen Magd des Schöffen nach, seiner Behausung zu wanken.

In der Sin'amkeit seiner Klause begann er emsig nachzu- denkM. Aber er zersann sich, vergebens den tmxn&en Kops bis ifyn denn mdlich ein Licht aufging, daß ein himmlisches Wunder Schande bewahrt hatte. Wer für diesmal Ben Schild über ?hn gehalten hatte, darüber konnte kein Zweifel toatf er sich auf die Knie, um dem Erzengel Michael aus ehrlichem Aerzen und aufs innigste zu danken Aun war es Kunrad schon vordem beim Wechselgespräch am Schenk,.>.sch> auf etn Dutzend erlegter Sarazenen mehr oder weniger mcht angefrnnmen Das Ereignis der verflossenen Nacht dünkte ihn demzufolge nicht übel geeignet, den gemach etwas zerMisfenen Ruhm seines Kreuzzuges wieder auszuflicken. Bevor er jedoch

ans Erfinden sich, machte, meinte er seine Phantasie mit einem Decherlein Branntwein anfeuchten zu sollen, auf daß sie recht bild-kräftig« Blüten treibe. Da aber geschah ihm ein zweites Wunder. In der Kruke befand sich wohl Branntwein, er sah ihn auch in Ben Becher fließen, aber sobald er trinken wollte, war alles Raß vertrocknet. Gr versuchte es mit der Kalebasse, wähnend, der Zinnbecher habe ein Loch oder verzehre anderswie di« Missigkeit, auch sie blieb dürr und unergiebig, sobald er sie qn die Lippen führte. Da schauerte und schüttelte es ihn gewaltig, und er erfannte, daß sozusagen seine Seele am höllischen Feuer sich schon die Flügel versenkt Hatte. Er -empfand inbrünstige Reu« über seine Pflichtvergessenheit, schlug weinend an seine Brust und fließ Bie verbundene Stirn wider die Erde. Sogleich beschloß er, alle Hofsart von sich zu tun und es bei der An­kenntnis über den Tod des schwarzen Hannes bewenden zu lassen, und zuletzt gelobte er dem Drachentöter mit tausend- teuren Eiden, künftig ein treuer, untadeliger Wächter zu fein.

And er hielt das Gelübde. Sine Veränderung freilich vollzog sich, an ihm; aber die Leute schoben sie-auf die Kopfwunde. War nämlich Kunrad zuvor ein behäbiger Mann von frischer, gesunder Gesichtsfarbe gewesen, hatte zumal seine Aase ein wenig rötlich geglänzt, so wich jetzt alles Fett von ihm, er wurde zäh und mager, und Wind und Wetter gerbten seine Haut zu einem tiefen Braun. Zuweilen schickte er einen kleinen sehnsüchtigen Seitenblick nach der Rische am Domportal, und ost prüfte er die Kalebasse, die er auch jetzt beständig am Gürtel trug, erst am rechten und dann noch am linken Ohr, ob es nicht darin schlappe und gluckse, aber nie ließ er sich wieder auf dem Steinblock nieder, der darüber allmählich von Moos überwuchert wurde, und die Kalebasse an den Mund zu bringen, hätte ja doch keinen Sinn gehabt.

Rach- langem, treuem Dienst kam er schließlich im vierten Hahne des Kaisers Rudolf von Habsburg auf eine rühmliche Weise ums Leben. Kirchenräuber waren in einer regnerischen Herbstnacht dabei, durch Bie Bauhütte in den Dom einzubrechen. Kunrad, bereits ein Greis von 70 Hahren, ertappte sie und warf sich ihnen furchtlos entgegen. Da es ihrer drei waren, stieß er in sein Horn um Hilfe. Aber ehe die Schläfer in den benachbarten Häusern sich ermuntert hatten, riß ihm einer der Diebsgesellen das Weidmesser von 6er Hüfte und rannte es ihm tief in die Brust.

Als dje Bürger mit Fackeln und Windlichtern herzuliefen, lag der Wächter in den letzten Zügen. Ein Domherr nahm ihm geschwind die Deichte ab und sprach ihn seiner Sünden ledig. Dann trug man den Todwunden sanft in die Ecke unter dem Ballendach -der Bauhütte und dem Bildnis des Erzengels Michael; dort war -er dvr Sturm und Regen geschützt., Rur no ch schwach ging sein OBem. Mit einem Male stöhnte er:Durst! Oh, Durst!" Da entfernte der Domherr den Wollpfropfen von der Kalebasse und führte sie ihm an den Mund. Kunrad lächelte traurig dazu, aber siehe! aus der Oeffnung der Kalebasse stieg ein Duft, kräftig und herb und doch himmlisch süß zugleich, wie von einem paradiesischen Würzgärtlein, und eine köstliche, golöleuchtende Flüssigkeit floß daraus hervor und letzte Bie verschmachtende Zunge des Wächters. Bon Bem Trunk gewann das schon er­blassende Antlitz neue lebendige Farbe, die Augen strahlten in einem Hohen, festlichen Glanz, und selbst die Nasenspitze belebte sich mit einem schüchternen Rot.

Rachdem Kunrad aber getrunken hatte seufzte er noch einmal auf, behaglich- und zufrieden, streckt« sich fang aus und ging ein zur einigen Rahe.

Die Häupter ringsum senken sich zu einem stillen Gebet für den Sterbenden und ein paar alte Mütterchen schluchzten leise dazu. Da rief von rückwärts aus der Menge ein vorwitziges Hüngferchen in das Schweigen hinein:Mutter, Mutter! Der steinerne Michel droben grüßt mit1 der Lanze, genau wie letzt 6er Stolberger Gras vor dem Kaiser!"

Aller Augen hoben sich zu Bem Bildwerk des Drachentöters, das hell von Den Fackeln beschienen war. Aber das Kind mußte sich- wohl im Flackerlicht geirrt haben; der Erzengel verharrte, regungslos.

Der Dichter Alfred Bockr.

Eine interessante und treffende Betrachtung der Werke Al­fred Docks, BestenSchmerzenskind" wir in den letzten Num­mern abgedruckt haben, finden wir in derSchönen Literatur" (Beilage zum Literarischen Zentralblatt für Deutschland) aus 6er Feder Fritz flsingers. Er schreibt u. a.:

Die dichterische Welt Alfred Bocks ist die von Dorf und Heiner Stadt. Was man in solcher flmwelt natürlich' nicht zu erwarten hat, ist die feinere, ich möchte sagen, philosophische Problematik der Geister. Die Seelen sind hier gröber behauen einfacher und großzügiger, aber dann -oft auch von einer viel furchtbareren Entschiedenheit, berserkerhaft blind dem Blut folgend. Alfred Dock hat diese Welt von zwei Seiten gestaltet: von der natur* hosten und von der kulturell-zivilisatorischen. Die erste hat natür­lich den Dorzug der Stetigkeit un6 urgründlichen Echtheit. Die zweit« aber ist zeitlich Bebtngt und dem Wechsel unterworfen. Der ersten Reihe gehören -etwa Mgenbe Werke an; Die Pflaster- meiflettn, Der Flurschüh, Der Kuppekhoi, sowie der größt« Teil