Ausgabe 
29.4.1922
 
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SamstÄT, 29. April

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1922 Nr. 11

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Ger deutschen Universität Zu Straßburg Zum Gedenken!

Zum 1. Mar.

Hätten wir nicht jene unseligen Lage erleben mässen, an denen daS Elsaß zum zweiten Male feinem deutschen Mutteriande geraubt wurde, dann wäre der 1. Mai 1922 ein froher Festtag fiir Strastburg, für das ganze Deutschtum und für die gesamte Wissenschaft der Welt geworden; denn an ihm ist ein halbes Jahrhundert verflossen, seit dem nach dem Ginigungkriege unter allgemeiner Anteilnahme der deutschen und der wissenschaftlichen Kreise der ganzen Erde Straßburgs deutsche Hobe Schule aufs neue eröffnet ward.

Schon früher hatte in Straßburg eine deutsche Universität bestanden und segensreich gewirkt. Die Gründung der Anstalt hatte ihre Vorgeschichte von fast einem Jahrhundert. Sie hob mit Johannes Sturm von Sturmeck, dem Humanisten und be­deutendsten Slettmeister der ehemaligen freien deutschen Reichs­stadt Strastburg an und erhielt ihren Abschluß im Jahre 1621 durch die Privilegierung der Anstalt als Bolluniversität durch den deutschen Kaiser. Trotz des damals wütenden 30jä6rtgert Krieges fand bei Anwesenheit von Gästen aus Basel, Tübingen und Heidelberg eine feierliche Eröffnung der Universität mit anschließender Volksbelustigung statt, an der sich während zweier Lage mehr als 10 000 Personen beteiligten. Unter den ersten, die an der neuen Universität sich den juristischen Doktor erwarben, befand sich Hans Michael Mvfcherosch, der wackere Verfasser desPhilander von Sittewald" und anderer Straffchrift wider feine entarteten deutschen Zeitgenossen. Später hat auch der Rappvltsweiler Gottesmann Philipp Jakob Spener an der alten Straßburger Universität promoviert, ebenso wie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Goethe, der inDichtung und Wahrheit" ein anschauliches Bild der alten Reichsstadt und ihrer Uni­versität vor t><*m Ausbruch der französischen Revolution entworfen hat. In der Revolutionszeit ist dann die herrliche Blüte deutscher Wissenschaft dem französischen Rationalismus zum Opfer ge­fallen. dm Jahre 1793 hatte nämlich ein Mitglied des revo­lutionären Gemeinderates vorgeschlagen, die Universität, diese Hydra des Germanentüms" zu vernichten; und dies hatte man dann recht gründlich besorgt und sogar verschiedene Prosessvren in das Gefängnis gesteckt. 3'm Jahre 1808 erstand an Stelle der deutschen eine französische Universität, eine Sammlung lose miteinander verbundener Fachschulen, von denen die evangelisch­theologische mit Rücksicht darauf, daß 87 Prozent der Bevölkerung deutsch sprachen, deutschen Charakter hatte. Die theologische <xa- kultät war es auch, die während der Franzosenzeit dem Elsaß zahlreiche Männer gab, die die deutsche Tradition wahrten. Hier seien nur genannt der Professor Eduard Aeuß, und der erst im Kriege verstorbene Pfarrer und Dichter Hackenschmidi; als dann nach dem Kriege von 1870/71 Mutter Germania das ihr in trüber Zeit entwendete Elsaß heimgeholt hatte, war es die erste Sorge des geeinten Vaterlandes, dem Elsaß zu neuer Blüte zu verhelfen. Dem sollte die Universität dienen, die man jetzt er­richtete. Ihre Gründung war dem Freiherrn Franz von Roggen» back übertragen worden. Freiherr von Rvggenbach tvar ein Badener und stammte aus Mannheim, wo er 1825 geboren war. Aus seiner früheren staatsmäimischen Tätigkeit ist wohl am be­kanntesten geworden, wie er im April 1866 nach Berlin ging; er sollte sich dort bemühen, die Spannung zwischen Preußen und

Oesterreich zu vermindern; gelungen ist ihm dies nicht, denn dep Krieg war nicht mehr zu verhindern. Später hat Freiherr von Roggenbach im Zollparlament und dem Reichstage einen badifchsst Wahlkreis vertreten und sich dabei als ein Mann von entfchiedey nationaler und freiheitlicher Gesinnung gezeigt, wie sie dem Zeitalter Friedrichs 1. das Gepräge gegeben hat.

Rach gründlichen Vorarbeiten wurde am 1. Mai 1872 die neue Universität in Straßburg, die Kaiser-Wilhelm-Universität, eröffnet. Man hatte sie in ftinf Fakultäten eingeteilt, in die evangelisch-theologische, die rechts- und staatswifsenschastliche, die medizinische, die philosophische und die mathematisch-naturwissen­schaftliche. Später kam noch die katholisch-theologische Fakultät dazu, durch die Bemühungen des AeichStagsabgeordneten Frei­herrn von Hertling konnte sie im Jahre 1903 eröffnet werden. Wo es anging, berief man einheimische Kräfte auf die Lehr­stühle. Dies cvar insbesondere möglich in der theologischen Fakul­tät, da waren Männer wie Johann Friedrich Bruch, der zwar pfälzischer Abstammung, aber bereits seit 1809 in Straßburg ansässig war, dann Daum, Cunitz, Karl Schmidt, der Verfasser einer hervorragenden Melanchthon-Biographie, und vor allem der schon erwähnte Eduard Reuß. Als einziger Richtelsäsier trat Zvpffel aus Göttingen in die theologische Fakultät ein. Unter den Raturwisfenschastlern stammte Wilhelm Philipp Schimper aus dem Elsaß, in der philosophischen Fakultät der Germanist Bergmann, von den Medizinern Böckel und Jossel. Diesen beiden wurde in liberaler Weise gestattet, ihre Kurse in französischer Sprache fortzuführen, und die beiden Gelehrten fanden auch bald den Anschluß an ihre deutschen Kollegen.

Der größte Teil der Universitätslehrer muhte aber aus anderen deutschen Ländern berufen werden. Da erschien der Jurist Brömer aus Kiel, Labani aus Königsberg, Köppen aus Würzburg. Die von vornherein besonders glänzend ausgesta'^tr medizinische Fakultät enthielt Aamen wie von Recklingsha er aus Würzburg, Schmiedeberg aus Dorpat, Hoppe-Sehler ars Tübingen, Waldeher aus Breslau, Lehden aus Königsberg, Lücke aus Bern. Freiherr von Krafft-Ebing, der bekannte Nervenarzt wirkte damals an der Landesirrenanstalt Stephansfeld und kam von dort aus herüber, um als außerordentlicher Professor über Sshchiatrie zu lesen. Unter den Mitgliedern der philosophischen okultät ragten drei hervor: der Altphilologe Studemund, der Historiker Baumgarten und der Pädagoge Ernst Laas. Bon der mathematisch-naturwissenschaftliche!: Universität sind zu nennen: Christvphsl und De Darh, der erste Rektor war der Theologe Bruch.

Die Eröffnungsfeier am 1. Mai und an den folgenden Tagen ging mit allem akademischen Glanze vor sich. Auch der Fefi- kvmmers fehlte nicht und an ihm konnte sich bereits das erste Korps der Universität beteiligen, dieRhenania" mit trauen Mützen und blau-rotem Bande, die dasselbe Stiftungsdatum führte wie die Universität. Unter Führung des stud. jur. Mun- zrnger, eines Pfälzers, der später als Ministerialrat in Straß­burg wirkte, war das Korps hauptsächlich von Aktiven des Würzburger Korps .Rhenania" aujgetan worden. Bon der Hohen Schule der französischen Zeit 'waren noch zwei Verbind unger. vorhanden, dieWilhelmitana", die 1855 als theologische Singe - gesellschaft gestiftet worden war und hauptsächlich T> rolvgsr liberaler Richtung umfaßte und die WingolfverbindungÄr- gentina, die sich bereits bei ihrer Gründung tu: Ja. re 1857 auf bewußt deutschen Standpunkt gestellt und Anschluß an de-: Wrngolfbund in Altdeutschlanö gefunden hatte. Ihre Bo iufetin war eine einige Jahr,» vorher ^von dem späteren Herb .Hermes