Ausgabe 
28.10.1922
 
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feiner ganzen Längs aufschlitzen, und dadurch wurde das Ober­kleid zur Hrform unseres heutigen Rockes, der vorn geöffnet wurde. Diese sog. Schecke war so eng, daß der untere Rand geschlitzt oder wenigstens gezackt, b. 1). gezaddelt werden mutzte. Dadurch entstand die Zaddeltracht. Die Schlitze wurden wieder mit Knöpfen geschlossen, und so bedeckte sich der Roa mit vielen Knöpfen, Knäufen und Resteln, die als reiner Schmuck dienten. Man trug bis zu 6 Schock Knöpfe an einer Schecke.

Diese bunte Fröhlichkeit der Tracht, die nicht nur in den vielen Zaddeln und Knöpfen, sondern auch in bunter Dtelfarbrg- keit zum Ausdruck kam, brachte die Einführung eines Heber» rvckes. Vornehme trugen nun zwei Röcke, von denen der erste mit einer Kapuze und langen Aermeln über dem knappen kurzen lag Hatte man bisher noch die Beinlinge an dem Leib­gurt befestigt, so entstanden nun richtige Hofen UN heutigen Sinne, fSr die der Scharlach einen schmiegsamen und dehnbaren Stoff bot. Die Mäntel waren zunächst glockenförmig und so lang und weit, daß sie unschön und unbequem wurden. Man trug daher kürzere Tappardmäntel, die ebenfalls ausgeschlitzt und mit Knöpfen versehen waren. An die mit Pelz und Seide reich besetzten Röcke wurden jetzt nicht nur Knöpfe genäht, sondern auch lustig klingende Schellen, woher das Sprichwort kommt: Je größer der Rarr, desto größer die Schellen." Die sog. Kogeln oder Kapuzen, die zunächst noch einen Schulterkragen besahen, entwickelten sich allmählich zur eigentlichen Wohnmutze. Sie waren geschwänzt, und ebenso kamen um 1351 die Schnabelschuhe auf, wovon es in der Chronik heißt:Item da gingen auch die langen Schnabel an den Schuhen an, und die Frauen trugen weite Hauptfenster, also daß man ihre Brust beinahe halb sah." Der modisch gekleidete Mann des aus- gehenden 14. Jahrhunderts war in grelle schreiende Farben gekleidet, hatte einen Schwanz am Kopf, an den Armen und an jedem Fuß und erfreute sich auch wieder des vorher streng verpönten Bartes. Dagegen wurde das lange Haar bei den Herren kurz geschnitten, und es verschwand auch der kleine Männerzopf, den nach unserm Chronisten die älteren Leute noch trugen. Auch bei den Frauen machte sich eine Verengerung der Kleidung geltend, die besonders auf eine schlanke Taille hin- arbeitete. Heber dem eigentlichen festanliegenden Kleid lag ein Heberkleid, das an den Seiten geschlitzt und verschnürt oder !>erknöpfi wurde. Der Ausschnitt an Hals und Schulter ging ziemlich tier herab, und die Kleider wurden länger, so daß die Fußspitzen kaum sichtbar blieben. Hm aber doch die Schnabel- schuhe sehen zu lassen, wurde vorn ein Stück weggeschnittckn so daß das Kleid hinten länger war. Daraus entwickelte sich um 1400 das eigentliche Schleppkleid. Die Frauenmäntel ähnelten denen der Männer: aber die weiblichen Mühen nahmen all­mählich die Form der Hauben an, weil diese das zierlich ge­pflegte Haar am besten schonten.

D;e UeberMiRdung der Maffeuträghstt durch schwingsudS Systeme!

Vortrag des Ingenieurs Heinrich Schiefer st ein über eine wichtige schwingungstechnische Entdeckung.

Der Ingenieur Heinrich Schieferstein, allen Männern des Faches wohl bekannt durch seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Funkentelegraphie, hielt, tote schon kurz berichtet wurde, am Sonntag, dem 22. kfd. Mts. im großen Ausstellungssaal der Huth-Funkengesellschaft Berlin, einen Vortrag vor gelaßenen Vertretern der Reichs- und Staatsbehörden, der auswärtigen diplomatischen Vertretungen und der in- und äusländischen Presse, in dem er der Oeffentlichkeit zum ersten Male Mitteilung ovn einer bahnbrechenden Entdeckung machte, die ihm dadurch gelungen ist, daß er die Gesetze, die in der Funkentelegraphie herrschen, auch auf die Welt der mechanischen Bewegungen angewandt hat. Sein Thema lautete:Die Erkenntnisse aus der Funkentelegraphie als Bahnbrecher für die Entwicklung der Maschinen- and Appa- rate-Technik".

Die meisten Menschen, so ungefähr führte der Vortragende aus, wissen, was Abstimmung zwischen schwingenden Saiten in der .Welt der Töne bedeutet, und Vielen ist auch bekannt, daß die Apparate der Funkentechnik genau auf eine bestimmte Aether- wellenlänge abgestimmt sein müssen, um aufeinander reagieren zu können. Vollkommen neu dagegen ist die Entdeckung, daß auch im Maschinen- und Apparatebau, beispielsweise zwischen der umlaufenden Kurbel einer Dampfmaschine und dem mit dem elastischen Dampfkifsen zusammenwirkenden Kolben derselben die Gesetze der Abstimmung, der Resonanz und Dissonanz, die gleiche Geltung haben. In der Akustik bedeutetMißklang" Verstimmung undWohlklang" Gleichstimmung, in der Maschinentechnik be­deutetEnergieverlust" Verstimmung undEnergieersparnis" Gleichstimmung von Kolben, Kurbeln, Gestängen usw. und führt zu einer höheren Stufe der Mechanik. Ganz besonders hohe Energieverluste treten zur Zeit bei allen den Maschinen ein, in denen während der Arbeit die Dewegungsrichtung geändert wird.

Bei raschem Wechsel steigen die Energieverluste, die durch das Zurückreißen, beispielsweise des Kolbens im Motor oder in der Dampfmaschine, entstehen, auf ein Vielfaches der Nutzleistung und können sogar den gesamten Mechanismus zerstören. Hngezählte Pferdestärken werden auf diese Weise ungenutzt verschwendet.

Diesen Gnergieverlusten vorzubeugen ist dre eigentliche Auf­gabe der Schiefersteinschen Entdeckung. Schieferstein hat gefunden. Daß Verluste, die bei der Heberwindung der beharrenden 2e- schleunigungskraft hin- und herbewegter Massen entstehen, ver­mieden werden können, wenn man diese Massen zu schwingenden Systemen mit ausgesprochener Eigenschwingung umbildet, und daß man sogar einen überaus günstigen Nutzeffekt erzielt, wenn man sie mit den Antriebsmitteln in Abstimmung bringt.

Nötigt man die trägen Bestandteile einer Maschine, einen festgelegten Weg in festgelegter Zeit zu machen, so leisten sie * Widerstand und lassen sich nur gewaltsam und mit übermäßigem Kraftaufwand bewegen. Stimmt man sie dagegen auf die De- triebsfchwingungszahl ab, so leisten sie ihre Arbeit nicht nur willig und leicht, sondern sie leisten auch bei gleichem Kraftauf­wand ein bedeutendes mehr.

Mechanismen, die auf dem neu entdeckten Prinzip beruhen. Befleißen nun nicht etwa bloß in der Theorie. Sie sind vielmehr von dem Entdecker bereits in die Wirklichkeit umgesetzt, und ihre Grundform besteht in einem schwingungsfähigen, aus Masse und Elastizität zusammengesetzten mechanischen System, das mit einer Kurbel elastisch gekoppelt (verbunden) ist.

Bei einer Reihe von Apparaten, die auf der neuen Erkennt­nis aufgebaut sind, handelte es sich vor allem um Energie­ersparnis, z. D. bei 'hin- und hergehenden Massenteilen, wie sie in Mähmaschinen, Sägegattern, Webstühlen, Schlag- und Stampf­werkzeugen verwendet werden. Bei der praktischen Erprobung einer Mähmaschine neuen Prinzips während der diesjährigen Heuernte wurden am Dynamometer durchschnittlich 55 Kg. Zug­kraft gemessen, während von der Deutschen Landwirtschaftlichen Gesellschaft mittlere Zugkräfte von 105 bis 155 Kg. und Schwan­kungen bis 250 Kg. angegeben werden. Wie hier, so betragen auch bei Schlagwerkzeugen die Energieersparnisse je nach Ge­schwindigkeit und Masse des schwingenden Systems oftmals ein Vielfaches der früher erreichten Nutzleistung.

Bei Dampfmaschinen, Dieselmotoren und anderen Kraft­maschinen können durch Anwendung des neuen Prinzips die schädlichen Massenwirkungen bei Geschwindigkeitssteigerungen ver­mieden werden. Die Hochtourige Kraftmaschine ist nun nicht mehr ein Traum, sondern im Bereiche naher Möglichkeiten. Der oscel- lierenbe Elektromotor, z. B. auf 30 periodigen Wechselstrom ab­gestimmt, führt 3000 Schwingungen in der Minute aus, und kann mit einer schwingenden Fläche verbunden als Ventilator, Staubsauger und Er'haustor verwandt werden.

3n der Hhrentechnik werden wir durch Anwendung des Ab- stimmungsgrundsahes zur ankerlosen, geräuschlos gehenden Hhr gelangen, in der an die Stelle des Ankers die koniinuierlichr Erregung durch eine umlaufende Welle tritt. Auch wenig erakt gebauten alten Hhrwerken kann durch Einbau dieser Errungen­schaft der Schwingungstechnik ein bisher unerreichbar genauer Gang verliehen werden.

Die Neuentdeckung eröffnet die Aussicht auf die Schaffung mechanisch schwingender Vvrtriebsorgane für Gleitboote, Schiffe und Flugzeuge.

Sehr interessant war schließlich die Mitteilung, daß die Vögel, unsere beschwingten Mitgeschöpfe, das Geheimnis der schwingenden Systeme schon lange vor Schieferstein entdeckt haben. Der Eeschwaverfing gewisser Zugvögel beroeift, daß die Tierchen sich auf geringsten Luftwiderstand einfühlen, d. h. die sie um­gebende Luftschwingung ausnühen und sich untereinander durch Energiezuf'ahr unterstützen. Das ist die einfache Lösung des Pro­blems, wie es möalich ist, daß die Tiere bei ihrem Fluge so genau Abstand und Richtung halten, und das schwache und starke Tiere in gleicher Weise dieselbe Strecke in derselben Zeit zurücklegen. Würden nach Art des Geschwaderfluges der Vögel Flugzeuge mit schwingenden Systemen ausgerüstet werden, so würden auch sie von selbst genauen Abstand halten, den geringsten Luftwider­stand zu überwinden haben und sich bei Betriebsstörungen gegen­seitig Energie zuführen.

Eine @fuf'tenge'erfdßaft, die Oscillatv'y-Power-Corporation, die aus deutschen und amerikanischen Mitgliedern besteht, will die Erfindungen Schiefersteins unter weitgehender Heranziehung der deutschen Industrie in die Praxis umsetzen und dadurch der Weltwirtschaft unermeßliche Kräfte zur Verfügung stellen, die gegenwärtig zwecklos vergeudet werden. Dr. ErichRitter.

Aus Lich wird uns geschrieben:

Ingenieur Heinrich Schieferstein ist ein Sohn des Maschinen­fabrikanten Georg Schieferstein und ein Bruder der Mitarbeiter dieser Firma, Hermann und Carl Schieferstein, zu Lich. Die neue Erfindung wurde bereits als Schwingungssystem während der diesjährigen Heuernte von obengenannter Firma an einer Grasmähmaschine zur Anwendung gebracht und praktisch aus- vnnbei überraschende Resultate errieft wurden.

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'fchen Hnive-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.