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cm meiner gänzlichen StnnessnDerung und des eigentlichen ErngS. die Winke der Gnade begieriger aufzunehmen." Dach dmt schweren Krankheit, die ihm gegen Ende des Jahres ergriff, wandte sich Goethe dann immer eifriger dem Christentum zu und berichtet darüber dem Freund, der zuerst das Religiöse in ihm weckte: „Mich hat der Heiland endlich erhafcht, ich lief ihm zu lang und zu geschwind, da kriegt er mich bei den Haaren. Ihnen jagt er gewiß auch nach, und ich will's erleben!, dah er Sie etnholt, fiir die Art nur möchte ich nicht gut sagen. Ich bin, manchmal hübsch ruhig darüber, manchmal, wenn ich stille, ganz stille bin und alles Gute fühle, was aus der ewigen Quelle auf mich geflossen ist."
Eine überaus wichtige Stelle über Goethes schon damals ganz selbständige Kunstanschauung findet sich in dem Bericht über seine Mannheimer Reise, den er in einem sranzoslsch geschriebenen Briefe vom 30. Rovember 1769 gibt. Er schildert den gewaltigen Eindruck, den die Laokoon-Gruppe auf ihn gemacht habe und stellt sich in Gegensatz zu berühmten Kritikern wie Lessing, Herder und Klotz. Schon hier taucht die Sehnsucht nach Rom auf. Sein Leipziger Liederbuch übersendet er dem Freunde mit folgenden Worten: „Hier sind denn meine Lieder, S')re Siebe zu mir soll sie Ihnen schätzbarer machen, als sie an sich nicht sind, hoffe ich Die Geschichte meines Herzens m kleinen Gemälden! Wenn je Gedichte nicht unter Batteux Grundsatz gegangen sind, so sind's diese, nicht ein Strich Rachahmung, alles Ratur. And darum werden sie mir und meinen Freunden ewige Denkmale meiner Jugend sein." Aus Strassburg schreibt er dann am 29 April 1770 über sein ruhiges Herz, das durch die Liebe zu Friderike noch nicht neuen Stürmen ausgesetzt war, ii^r fern Interesse an der Kunst, wobei der Ruf -Eingt: Rach Italien Langer! Rach Italien! Rur nicht übers ^>ahr. Das ist mir zu früh ich habe die Kenntnisse noch nicht, die ich brauche, es fe.,It mir noch viel. Paris soll meine Schule sein, Rom meine Anl° versitat. Denn es ist eine wahre -Universität, und wenn man s gesehen hat. hat man alles gesehen. Darum eil ich nicht bmem. Und über seine Studien: „Was ich studiere? Zuerst die Distmk tionen und Subtilitäten, wodurch man Recht und Unrecht einander ziemlich ähnlich gemacht hat. Das heißt, ich studiere auf einen Doktor der Rechten. Und dann such' ich unter der Hand mir eme kleine literarische Kenntnis der großen Bucher zu verschaffem die der gelehrte Pöbel teils bewundert, teils verlacht, und beides weil er sie nicht versteht."
Neue Briefe Les jungen Goethe.
Ein überaus wertvoller Beitrag zur Kenntnis des jungen Goethe wird uns in den acht unbekannten Briefen und einem unveröffentlichten Gedicht dargebvten, die Paul Zimmermann in seiner im Berlage von Julius Zwistler in Wolfenbuttel herausgegebenen Schrift „Goethes Briefe an E. Th Lange^' mitteilt. Bisher war nur ein einziges Zeugnis dafür bekannt, das) der spätere Wolfenbütteler Bibliothekar und Freund Lessings Ernst Thevd. Sanger zu Goethe wahrend semer -mp- ziger Studentenzeit in naher Beziehung gestanden hat. Der Dichter selbst erwähnt in „Dichtung und Wahrheit den Harken religiösen Einfluß, den er auf ihn gehabt. So wenig glaubt^ man an diese Einwirkung, das) man die Erwähnung sogar als em Kunstmittel" hingestellt hat; die Wahrheit wird aber nun durch die ausgesiindenen Briese vollkommen erwiesen Langer war Der Rachfolger Behrischs, des intimsten Freundes von Goethe m Leipzig in der Hofmeiflerstelle bei dem Grafen Lmdmau. Swethe trab ihm in der späteren Leipziger Zeit, als erJ>on der schwere grankbeit erariffen wurde, sehr nahe, und an Langer ist der erste nachweisbare Brief gerichtet, den Goethe nach semer Rückkehr nach Frankfurt schrieb. Sn diesem Schreiben vom b Sep- tember 1768 blickt er auf feine Liebe zu Kathchen Schwn.vpff mit folgenden Worten zurück: „Llleine Herzensangelegenheiten. Was' die für eine Tour genommen? Wenn td) selbst wich e, so wollte ich es Ihnen sagen; aber ich begreife Mich selbst nicht. So kalt ruhig, wie man nur am Morgen beim Erwachen nach einer wohldurchschlafenen Rächt fern kann, ist letzo rneme Seele still, ohne Berlangen, ohne Schmerz, oyne Freude und ohne Si- innerung Seht, Langer, ich erinnere Mich Eurer nicht mehr als man sich eines Menschen erinnert, den man zum ersten urtb letzten Male im Konzert oder beim Souper gesehen hat. Sch weist dah ich Euch liebe; und doch kann ich es nicht fühlen, ich muh mir es erst sagen. And so geht mir s mit allem. Werne Liebe, diese unglückliche Leidenschaft, die mich zu viel, zu viel gekostet hat, als dah ich es je vergessen lollte, ist verscharrt, tie, in mein Gedächtnis begraben, kalte Zerstreuung damber geworfen ich denke manchmal daran, ganz gleichgültig. Em Glua str meine Situation, und Lieber, ich fürchte, es wird nicht lange dauern die Zerstreuung wird wegfliegen, und es wird ganz vor mir offen stehen, das Grab meiner Liebe. Meine Einbildungskraft wird mit meinem Blute lebendig werden, und ich Werwe fein, was ich lange voraus sah, mitten im Gsnusse, der mich mit paradiesisch beladenen Zweigen umgiot,.ein SantaUjS. -Sn dem folgenden französisch geschriebenen, Brief spricht er dann von den vielen dichterischeii Arbeiten, mit denen er sich zu zerstreuen und zu trösten sucht, und erwähnt auch seine Beziehung zu dem frommen Kreis der „Brüder", dessen Mittelpunkt Fraulein von Klettenberg bildete.
Man sieht mich von feiten der Brüder als einen Menschen an der einen guten Willen und einige Rührung hat, der aber noch zu sehr durch die Anhänglichkeit an die Welt zerslattert isst und man betrügt sich nicht", schreibt er am 24 Rovember 1768 Ich bin Ihnen viel schuldig, Langer. Gew ist, ich weih, was'in mir Ihre Predigt gewirkt Hai. Liebe und Kondescendenz gegen die Religion, Freundschaft gegen das Evangelium, Öligere Berebruna aeaen das Bövrt. Genug, alles, was Sie tun konnten. Freilich bin ich mit allem dem kein Christ, aber ist das die Sache eines Menschen, mich dazu zu machen? Ich hoffe das Br, e. Mein feuriger Kopf, mein Witz, merne Bemühung und ziemlich begründete Hoffnung, mit der Zeit ein guter Autor ju werden. sind jetzt — das ich aufrichtig rede — Sie wichtigsten Hindernisse
Eins alte Chronik als Modejournal.
Die Limburger Chronik hat unter allen mittelalterlichen Geschichtsquellen ihren einzigartigen Wert dadurch dah wir hier wie nirgends sonst wo ein anschaulich^ Mld des gesellschaftlichen Lebens im Mittelalter erhalten. Es ist daher eine Tast wenn dieses prächtige kulturgeschichtliche Dokument jetzt aus dem Staube der wiffenschastlichen Ausgaben erweckt wird durch einen neuen volkstümlichen Druck, der soeben bei Eugen Diederichs in Jena als erster Band einer grostangelegteii Sainm- wng Das alte Reich" erscheint. Der Verfasser dieser Chronik Tilemann Elhen von Wolfhagen war ein scharfsich iger Beob- achter des alltäglichen Lebens, der uns die aufgewuhlte stim mung dieser Epoche schilsert und die Szenen der Geihler- Bew^qimg, der Judenverfolgung, der „Tanzwut und des schwarzen Todes" an uns vorüberziehen läht. Aber auch die anmutigeren Seiten des Daseins sind nicht vernachlässigt. Tilemann zeigt eine ausgesprochene Vorliebe, für Volkslieder und führt bei den verschiedenen Jahren die Sieber an, die damals beliebt waren, meist mit den Worten: „Item um diese Zeu sang man und pfiff dieses Lied. Ebenso interessiert sich der Chronist'austerordentlich .für die Trachtenkunde und hat uns damit die einzige ausführlichere schriftliche Quelle für Den Wechsel der Moden im Mittelalter geboten, dem sonst nur die Zeugnisse der Bildhauerei und Malerei zur Seite stoben. Wie Otto A Brandt in seiner Einleitung zu der neuen. Ausgabe der Limburger Chronik hervorhebt, sind diese Wibeilungen giich deshalb so wertvoll, weil sie die eracht des Burgers fest- halben von der wir sonst auch in der Kunst nich<^ viel erfahren. Da der Mann im öffentlichen Leben bes MittelAters eine vwl aröstere Rolle spielte als die Frau, so steht auch seine--rächt
fcf)r jm Gegensatz zu heute — mehr im Vordergrund. ©<-<■ Anterschied in der inärmlichen und weiblick^n Kleidung war damals noch nicht grost, Del beiden den
Kleröuno lM 12. UTTO 13. ^dptpUTTOCri vyH Schenkel- und Wadenbinden, dem gegürteten Rock, aus Mantel mck! Kopfbedeckung. Beinkleider im heutigen Sinne gav es noch nicht- nut eine Art Schwimmhofe, der Bruch, wurde direkt auf dem 'Lech getragen. Diese kurze Hose dehnte sich bann über Oberschenkel und Waden aus und verdrängte als ^Vtrumpshose die Beinbinden. In den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts vollzog sich in Frankreich ein Modenwechsel, indem an Stelle ter langen unb weiten Röcke kurze und enge traten, und damit begann lener Stil der Verengung und Verkürzung der Tracht, ter den Charakter der Gotik bestimmte. Am starM-n wurde davon der Rock betroffen. Da er eng war und glatt am Korve^ anlag, mußte man ihn vom Hals bis zum Gürtel oder auch hl
Mnb der Bursche ging zum Schloß hinaus. Er kam zuerst an baS Haus mit den verschlossenen Läden, ritz den unter,ten Laden wieder auf; aber es flogen keine Vögel heraus. Am Bache stand kein geistlicher Herr mehr. Der in Den leeren Zuber Wasser schöpfte, und auf dem Däumchen an der Straße zankten sich auch keine Krabben mehr.
Da er nun so sortwanderte, kam er endlich auch in sein Dorf und vor seines Vaters Haus. Er klingelte und eme fremde Person zeigte sich am Fenster. „Zu wem wollt ihr, guter Freund?" rief sie herab.
.Ei, ins Haus, in mein Haus!" antwortete er. .
Als die Leute die Tür öffneten und den fremden Menschen in altmodischer, abgetragener und ganz verstaubter Tracht sahen, schüttelten sie die Köpfe, und noch mehr, als sie nach seinem Damen gefragt und er ihnen einen solchen genannt hatte, der im ganzen Ort unbekannt war.
Die Leute hatten Mitleid mit dem sonderbaren Fremdling und führten ihn aufs Rathaus. Rachdem er auch da fernen Rainen wieder angegeben, schlug man in alten Buchern nach und fand in der Tat, dast es vor etwa dreihundert Jayren em Geschlecht seines Ramens gegeben hatte, das aber seitdem gänzlich ausgestorten war. „ . . „ .
Man ging nun mit dem Fremden in die Kirche und liest eine heilige Messe für ihn lesen. Während derselben sah man eme weihe Taube um den Altar fliegen. Der Sr«nibe aber Mete starr und regungslos an seinem Platze. Ms man khnaufrrcktelt^ fiel er zu Staub und Asche. Man glaubt, die weihe Taube sei seine Seele gewesen.


