Ausgabe 
28.1.1922
 
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Mn Beispiel hierfür ist die Pfälzische Hochschule Reustadt ä. d, Hardt, wohin 1578 die reformierten Theologen Heidel­bergs übersiedelten und bis 1853 verharrten. Den Anlaß dazu bot ein Streit mit dem streng lutherischen Kurfürsten Ludwig VI,

Etwa zwei Jahrhunderte vermochte die 1610 entstandene Aniversität Rinteln (Grafschaft Schaumburg)durchzuhalten", trotzdem sie nie über mehr als 150 Studierende verfügt hatte.

Mit derselben geringen Ziffer mußte die 1656 vom Groben Kurfürsten für seine westfälischen Untertanen bestimmte Ani-- versität Duisburg sich begnügen. Der Parabeldichter Krum- macher, wohl ihr berühmtester Lehrer, nannte darum den dor­tigen Musensitz nurunseren Mäusesitz". Als sich bei demselben Dozenten einmal zu Semesterbeginn nur ein einziger Hörer meldete, eröffnete er die Vorlesung nach einer Hindeutung auf die Redensarttres faciunt collegium" mit dem Wunsche:Gott sei in unserem Bunde der Dritte". Im Oa'fjre 1819 verschmolz dann diese Riiniaturuniversität mit der Reu-Gründung in Bonn.

Schier märchenhaft dünkt uns heute auch, daß das kleine Bützow in Mecklenburg an der Warnvw, allwo Raabe eine seiner hübschesten kleinen Geschichten (Die Gänse von Bützow") spielen läßt, ehemals eine Musenstätte gewesen ist. Ihr räumte der Begründer, Herzog Friedrich von Mecklenburg, von 1760 bis 1780 das Schloß ein; neun Jahre darauf wurde die kleine Hochschule mit der bereits 1418 in Rostock gegründeten zusammen- gelegt.

Wie für Mecklenburg eine Universität genügte, so auch für das Hannoverland, dieser halb wurde die 1697 vom Prinzen von Oranien gestiftete .Universität Gingen an der Ems 1819 wieder aufgelöst. Selbst in ihrerBlütezeit" brachte sie es auf höchstens 5060 Studenten.

Ganze drei Jahre (16301633) währte die akademische Herr- lichkeit mit freilich nur einer theologischen und einer philo­sophischen Fakultät im benachbarten Osnabrück. Die Stadt ergab sich 1633 den Schweden, der Bischof und die Jesuiten, die Leiter der zur Akademie erweiterten uralten Domschule er­griffen die Flucht.

Erwähnt man endlich noch die 1549 vom Bischof von Augs­burg. Otto Truchseß von Waldburg, geschaffene Universität zu D i l l i n g e n an der Donau (baherischer Regierungsbezirk Schwa­ben), die sich von 15641804 behauptete, so ist damit die Reihe der bisher untergegangenen bzw. mit anderen verschmolzenen Aniversitäten mit Chronistentreue aufgezählt.

Der alte Condor.

Von Ewald Gerhard Seeliger.

(Schluß.)

John aber verspürte in seinem Auge ein ganz ungewöhnliches Gefühl. Er hatte den gebückten Mann wieöererkannt. Sein alter Kapitän war es.

Herr Kapitän," mehr konnte er nicht sagen, denn dann kam wirklich eine Träne in sein Auge, und er muhte sich damit beschäftigen, sie ohne Aufsehen fortzuwifchen.

Aber der Kapitän hatte es gesehen.

John, mein alter Junge," die Stimme war alt und zitternd geworden und bebte dabei im Gefühl der Rührung.Ja, wir beide sind alt geworden und der Condor auch."

Aber er soll doch wieder in See stechen?"

Jawohl, er soll wieder in See stechen, aber wir, wir beide! Es ist eine neue Zeit gekommen, eine andere Zeit. Wir drei passen nicht mehr hinein. Leb wohl, du alter, treuer Kerl!"

Damit wankte er eilig über die Laufplanke nach der Aser-- mauer, um den Vorangeschrittenen nachzukommen.

Der einäugige John aber stand noch immer an der Oeffnnng der Reling, die Hand wie zum Gruße vorgestreckt, und es war ihm, als fühle er noch die mageren, kalten Finger des Greifes die so merkwürdig gebebt und gezittert hatten.

Alt, recht alt geworden war der Kapitän. Aber John fühlte plötzlich, wie ihm das Blut in den Adern stürmte Er war jung geblieben. And der alte Condvr war's .dem er diese Jugend verdankte, 6er alte Condor, der seine Hoffnung nicht zu Schanden werden lieh.

Run ging es wieder hinaus in die Wogen und in den Kampf! Was wog gegen dieses Glücksgefühl die winkende Grati­fikation, die er sich, diesen Rachmittag auf dem Marineamt yvlen sollte?

And er sollte wohl gar dabei fehlen, wenn der alte Condor wieder seinen alten Kurs ff eitern würde? Aber da kamen sie bei dem alten John an den Anrechten. Mit seinem Condor ,ühlte er sich verwachsen. And wo der hinfuhr, da ging er mit und war's.auch in den wildesten Sturm.

And es sollte ja auch bald losgehen.

Ate Zahn machte sich ans Werk. Gr zog die Laufplanke ei», schloß die Reling, warf die Taue los, holte sie ein und « die ,Flagge steigen. Dann scherte er die Trosse durch die Schleppkluse.

Run setzte er sich auf sein Bänkchen vor dem leeren Karten­haus und wartete.

Lange sollte es nicht dauern.

Roch ehe die Sonne über ihren Mittagspunkt hinaus war Hörte er Pusten und Rasseln an der herabhängenden Trosse' Vorsichtig lugte er hinunter. Zwei breitbitgige Schlepper wa> en herbeigekoinmen. Der eine nahm die Trosse auf den Haken der andere wurde an den Achtersteven vertäut. Der alte John' ließ ich nicht sblicken.

ertönten zwei tiefe, volle Sirenenpfiffe und schon glitt Der Condor aus seinem grünen Teppich heraus in das gelbe aufgewühlte Wasser des Hafens. Abwechselnd brüllten die beiden Schlepper ihre Warnungssignale. Seite an Seite ntbren sie dahin, ein Wasserzweigespanü von gewaltiger Kraft. Dw klemen Fahrzeuge, die durch den Hafen kreuzten, beeilten sich, ihnen und dem alten Condor, der sie hoch überragte, die Wege freizumachen. Immer weiter hinaus ging es. Die beröen Molen, die wie zwei steinerne Riefenarme in das Meer ragten, um es zu bändigen, ließen sie bald hinter sich Der ölte Condor begann sich zu wiegen.

Langgestreckte Wellen kamen ihnen entgegen.

Auf und nieder schaukelten die Schlepper, aber sie wühlten sich mit ausdauerndem Quirlen durch die Flut.

Der alte Condor zog hinter ihnen her, leblos wie ein ©arg.

Längst waren sie auf hoher See. Rach einer halben Stunde ivnrde von der Küste nur noch ein Strich zu sehen und nach einer zweiten halben Stunde würde auch der verschwunden fein. Dann gab es nur Himmel und Wasser um den alten Condor herum. Das Meer, das große, heilige Meer wurde ihn wieder aufnehmen.

And das Meer lächelte, und seine Brust ging in den drang­vollen Wellen der Freude. Sin frischer Wind strich über das Aerdeck und wehte das graue Haar des einäugigen John hinter die Ohren zurück.

Der stand am Ankerspill und schaute nach vorn. Wohin mochte es gehen? Er kannte weder Zweck noch Ziel dieser Fahrt. And es war natürlich, daß er sich darüber Gedanken machte.

Daß die alten, ruhmvollen Zeiten des alten Condor wieder­kommen würden, war ihm gewiß. Seine jahrelange Hoffnung gab ihm das Recht zu diesem Glauben. Rur das Hinausschleppen aus dem Hafen wollte nicht recht dazu passen. Man mutzte ihn ja erst bemannen.

Doch das konnte auch in einem andern Hasen vor sich gehen.

And im Geiste sah er sich wieder im Kampfe, hörte das Dröhnen der Geschütze, er spürte, wie das Schiff darunter gitterte, das Kampfgebrüll umtoste ihn, Dlutdunst und Pulverdampf hüllten ihn ein. Da rang sich in feinem Innern etwas los, ein Schrei der Freude, aber nur ein dumpfes Stöhnen kam über seine Lippen.

Eine schwarze Rauchwolke war gegen ihn angeslogen und hatte den Schrei erstickt. Die Schlepper hatten gestoppt, die Taue eingeholt, warfen das Ruder herum und ließen den alten Condor durch den nachwirkenden Schwung ihres Zerrens führerlos ins 'Weite gleiten.

Der einäugige John sprang aufs Achterdeck und sah die beiden Boote mit unheimlicher Geschwindigkeit in der Richtung des Hafens davondampfen. Die Spitze des Leuchtturmes, die aus dem blauen Rebelflrich am Horizont herausragte, wies ihnen den Weg.

Was war das?

Der alte John schüttelte den Kopf. Er dachte erst gar nicht darüber nach, denn er fühlte, daß es doch vergeblich sein würde.

Er legte sich vielmehr die Frage vor, was er zu beginnen hätte, um den alten Condor an feinen Bestimmungsort zu bringen.

Signale geben?

Er suchte den Horizont ab. Rur die beiden Schlepper waren zu sehen, sie tanzten wie zwei Rußschalen über die Mellen und wurden alle Augenblicke von den Schaumkämmen zur Hälfte verdeckt.

Auf der entgegengefehten Seite, ganz im blauen Dunste versteckt, glitt ein Kriegsschiff vorüber. Von dem war nichts zu hoffen, denn es hatte einen ganz andern Kurs und mußte jeden Augenblick wieder unter den Horizont tauchen.

Also blieb als letztes Mittel Segel beisehen. Er fühlte die Pflicht, das Eigentum der Krone in Sicherheit zu bringen.

Aker konnte er da nicht sofort nach dem Hafen zurückkehren? Der' Wind war dafür außerordentlich günstig. Er hatte schon den alten Condor, der in feinem Weitergleiten endlich erlahmt war, von der Seite gepackt und blies ihm scharf auf die Back» bordseite, daß er langsam wendete.

Der alte John stieg in die Segelkammer, um eine Leinwand zu holen.

Zuerst rollte er ein dreieckiges Stagsegel auseinander und schleift- es an die Tür. '

Plötzlich stand et stille, ein Gedanke war ihm durch den Kopf geblitzt, ein Gedanke, groß und gewaltig, auch den stärksten Mann auf einen Augenblick schwindelnd zu machen.

War er nicht Herr dieses Schisses? Konnte er nicht damit beginnen, was ihm beliebte? Konnte er nicht in die Welt Wen? Aus eigene Faust durch die Fluten kreuzen, die Räuber aufspüren und ergreifen? Leute, die ihm bet dem Werke helfen