Samstag, 28. Januar
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LN22 — Nr. 4
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LlnLergegangens LeuLschs AniverstLaLen.
Bon Kurt Meher-Avtermund.
Sie geldlichen Nöte der Gegenwart, die besonders schwer «uch auf unseren Dildungsinstituten lasten, dort zu Angunsten der Minderbeinittelten den Betrieb so verteuern, daß viele heute das Studium aufgeben müssen, — dies« Riederdrückung' des kulturellen Lebens rüttelt nicht zuletzt am Bestände unserer Llniversttäten. Hoffentlich überstehen sie die gegenwärtige Krise Wiler, als manchs ihrer Vorgängerinnen, auf denen einst deutsche WrssMschaft gepflegt wurde, die aber längst aus der Zahl der deutschen Hochschulen gestrichen sind, Bon einigen unter ihnen wie Erfurt und Wittenberg — ist noch heute rühmend die Rede, andere find fast gänzlich vergessen, und an den Orten zeugt nichts mehr von der einstigen akademischen Herrlichkeit.
Gleich die erste deutsche Universität (wenn auch mdV in unserem heutigen Sinne), KSln, ist verblichen. Der bekannte katholisch- Geschichtsschreiber des Mittelalters Johannes Janssen spricht äuxie von Köln eilet einer ■ilni&erfität, die bereits gegen Mitte des 13. Jahrhunderts von den Dominikanern gegründet worden sei. Ein Studium generale war geplant, aber der klerikale Grundzug dieser Bildungsstätte im .deutschen Rom" zog der wissenschaftlichrn Betätigung solche Grenzen, daß der eigentliche Aniversikätscharakter sich nicht ausbilden konnte. schon deshalb nicht, weil die dort herrfchsnde scholastische Richtung an, Anfang des 16. Jahrhunderts Las Aufblühen des Humanismus mit allen Mitteln zu hindern bestrebt "mar; z. B. durch den unrühmlichen Jnquisitionsprvzetz gegen Johannes Reuchliu. Dadurch, daß sich Papst Leo X., der bekannte Gönner des Humanis- auf die Seite, des Angegriffenen stellte, verlor die theologische Fakultät in Köln noch mehr an Ansehen. Später geriet sie so sehr unter Len Einfluß der Jesuiten, daß 1786 die Gegen- gründung der Bonner Universität erfolgte und die Kölner 1801 endgültig verschwand.
Anges ähr von gleicher Lebensdauer, aber von weit allgemeiner Bedeutung war die 1392 von Papst Urban VI. gestiftete Universität Erfurt. Sie ist dadurch für alle Zeit preiswürdig Daß zu ihren Studierenden Luther gezählt bat. Don 1501—1508 Hat er teils als Studiosus der Rechte ihr angehört, teils ist ?I^"t,?tugustinLrllvfler aus mit ihr verbunden getvesen. In ihrer Blütezeit waren mit Ausnahme der Pestjahre gegen 2000 porer alljährlich aus allen deutschen Gauen in Erfurt ver- sammelt. .Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war der gefeierte Poet Eoban Hesse einer der Dozenten. Eine Ausnahme unter Len Lehrkräften der sonst streng katholischen Fakultät bildete von r634—1642 der Kivchrnlieddichter Joh. Matth. Mehfarth, verdienstlich auch als Bekämpfer der Tortur und der Hexen- Prozesse. Erst 1816 wurde die Universität Erfurt förmlich aufgehoben, nachdem die Stadt aus dem Besitz von Kurmainz an Preußen gelangt war.
Welche Bedeutung Wittenberg, wo Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen. Luthers späterer Schutzherr, 1502 in Dem damals sehr ärmlichen Orte die Universität ins Leben rief, für die Reformation und das gesamte deutsche Geistesleben gehabt hat ist bekannt. Wenn Wittenberg neben der berühmten Schwester Erfurt bestehen und hochkommen konnte. |
so lag dies vor allem an Len billigeren Lebensverhältnissen dort, die es am Anfang des 16. Jahrhunderts einem Studenten ermöglichten, mit 8 Goldgulden (dieser zu 21 guten Groschen gerechnet) den jährlichen Unterhalt zu bestreiten. Durch das Hinscheiden Luthers (1546) büßte Wittenberg aber feine Hauptanziehungskraft ein, obschon Melanchthon, die andere Zierde, erhalten blieb. Später wurde die Universität der Schauplatz streitsüchtigen Dogmatismus: ein Grund, daß Friedrich l. von Preußen 1694 die Ritterakademie in Halle zur Universität auSbaut«, die 1815 die Wittenberger gänzlich übernahm.
Als Hauptsitz des Humanismus, wie ihn u. a. Eonrad Geltes vertrat war eine Wettbewerberin Wittenbergs die 1472 eingerichtete Aniversität Ingolstadt. Hier lehrte ferner der als Gegner Luthers bekannte Disputator Johann Mair von Eck, ein Mann von vielseitiger Gelehrsamkeit, der jedoch die jesuitische Herrschaft anbahnte und so zum Riedergang der Universität als solcher beitrug. Im Jahre 1800 wurde sie nach Landshut verlegt, blieb dort aber nur zwei Jahrzehnte, weil Ludwig I. sein geliebtes München 1826 auch zur Universität erhob.
Außer Ingolstadt toar Frankfurt a. d. Oder, wo Kurfürst Joachim I. die ülniversität 1505 eröffnete, eine kirchliche Feindin^ der R-eformatoren-Llniversität Wittenberg. Der märkisch« Sand war kein akademischer Rährbvden: ohne es zu irgendwelcher Bedeutung gebracht zu haben, ist die Frankfurter 1811 in der Breslauer Universität aufgegangen.
Ein ähnliches Los war der 1573 gegründeten nürnbergischen Universität Altdorf beschieden. Ihr Name ist weniger durch wissenschaftliche Leistungen bei der Rachwelt erhalten geblieben als vielmehr durch die bekannte Stelle in „Wallensteins Laaer"' ivo Schiller den „Ersten Jäger" über den volkstümlichen Verführer sprechen läßt: „Denn zu Altdorf im Studentenkraaen — Trieb er'«, mit Permiß zu sagen, — Ein tvenig locker und burschikos, — Hätte seinen Famulus bald erschlagen." Als Kuriosum Lieser typisch-(spät--)mittelalterlichen .Universität, wo ein recht rüder Ton herrschte, mag außerdem der an der Wende des 17. Jahrhunderts zu Altdorf lehrende Professor Wagenseil namhaft gemacht werden. Bon diesem Original erzählte man sich, es schnitte sich aus „theologischer Bedenklichkeit" weder die Nägel an den Fingern, noch an den Zehen: ehe er um eine Ecke gebogen sei, habe man ihn stets vorher an feinen langen Schuh- fchnübeln erkannt. Die klein« .Universität wurde 1800' aufgelöst, als Nürnberg an Bayern fiel.
Ein ähnlich wunderlicher Gelehrter machte auch auf der braunschweigischen Universität Helmstedt — vom evangelischen Herzog Julius 1575 begründet — weithin von sich reden: der Hofrat Gvttfr. Christoph Beireis, dessen Raritätenkabinett selbst Goethe zu einem Besuche bet dem „Paracelsus" von Helmstedt anreizte. Bier Jahre später erlosch unter napoleonisch- westfälischer Herrschaft auch diese .Universität, die während des Dreißigjährigen Krieges den großen Theologen Calixtus und den in ganz Europa geschätzten Staatsrechtler Herm. Conring zu ihren Dozenten hatte rechnen dürfen, und in deren Glanzzeit 1200—1500 Studierende die Regel tvaren.
Weit geringer war der Besuch in einer Anzahl von Ztverg- universitäten, wie sie nicht selten fürstlicher Laune, ja Groß- tuerel ihr kurzes und blasses Dasein verdankten. Manchmal war auch der Zlveck der Gründung die Sicherung und Kräftigung des in dem betreffenden Territorium gebenden Bekenntnisses.


