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1 hessische Dorflandschaft! Salzböden — da wurde Wohl mal Salz gewonnen auf salzigem Boden —, Frohndorf — ein echtes Fron- und Zinsdorf des Mittelalters —, Dellnhausen, Sichertshausen — das alte deutsche Wort Sigwart steckt drinnen —, Oden Hausen mit urgermanischer, altchattischer Erinnerung an Gott Odin oder Wvutan selber, Lollar (Stätte des Lull), Hassenhausen (bewußte Betonung hessischer Niederlassung, die Thüringer treten erst in der Kasseler Gegend auf) und wie sie alle heißen, die schönen, sauberen Dörfer. Den Blick nach Lollar deckt ein kleinerer Berg, der Lützenberg; wenn er „Lützelberg" hieß, könnte man das Lützel niedersächsisch deuten mit klein, denn es gibt auch niedersächsisch« Einsprengungen im Altfränkischen, Chattischen.
Beherrschend aber für die Gegend ist und bleibt die Burg Gleiberg. Der diese mächtige Burg erbaut hat, der Mann, der solches Gemäuer hingestellt, ist ein Mann von Geist gewesen, wogegen wir Gießener Gelehrte doch eigentlich nur kleine Epigonen sind. Sie verstärken alle mit ihrer Gelehrsamkeit, höchstens daß da und dort noch mal das Bild eines alten Theologen oder Juristen in einem Hörfaal hängt. Die Burg aber ragt dauernd — eine Ewigkeit in unserer kleinen Zeit — in die Lande. Sicher, ihr Erbauer war ein Mann von starkem Geist.
Wenn aber die Amöneburg, von irgendeinem Punkt in der Runde erblickt (sie leuchtet ja weit ins niederhessische, auch ober- hessische Land hinein), unsere Blicke fesselt, so bemächtigen sich gleich merkwürdige Gedanken unserer Seele. Zu diesem dunkel strahlenden Punkt am Horizont strebten die Füße der Mönche und ihre Schritte hallten in dem von ihnen gebauten Gotteshaus. Was hat die Benediktiner immer wieder nach den Bergspitzen gezogen? Auf solchen gründeten sie ja in typischer Weise ihre Siedlungen. Nichts anderes trieb sie, als was uns alle immer wieder nach den Bergen zieHt.
Auf den Bergen ist FreihE, Der Hauch der Grüfte Steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte.
Goethe erzählt von Schiller, daß er sich diesen Höhengeist auch immer im kleinlichen Getriebe des Alltags bewahrte. Er ist nie Sklave der Gegenstände gewesen, nie Sklave des kleinen engherzigen Talgeistes. „Schiller ist so groß am Teetisch." schreibt Goethe, „wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein und nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein!"
Amöneburg.
Die zwölfhundertjährige Stabt.
Aus dem weiten lieblichen Tale der Ohm entspringt jäh und steil der Ebene, 364 Meter hoch, ein Basaltkegel, der auf seinem Haupt als Krone eine Stadt trägt: Amöneburg! Dereinst war diese Stadt eine stolze Königin, jetzt ist sie eine echt-hessische Bäuerin. Mit lachendem Blick sieht der Wanderer schon von weit her die hvchgebaute Stadt. Sv fremdartig der Name klingt, so birgt er doch ein urgermanisches Wort in sich. Amana ... so hieß einst die Ohm und Amanaburg, woraus später Ohmeneburg wurde, wie der Landmann noch heute spricht, wurde der Berg genannt, zu dem im Jahre 722 der heilige Bonifazius kam, der Apostel der Deutschen, und die Kattengrafen Detik und Dierolf von Wotan ab dem Kreuz zuwandte, durch die er auf dem Berge ein Kloster erbauen ließ, um das sich später eine Siedlung legte: daraus wurde Amöneburg, das sich jetzt anschickt, mit Festspielen seine 1200-Jahr- Feier zu begehen!
Als Erzbischof von Mainz baute Bonifazius eine Kirche, die er dem heiligen Michael weihte. Später wurde ein Chorherrenstift aus dem Kloster. Bonifazius begnügte sich aber nicht allein mit dem geistigen Besitztum, sondern er wußte auch, Amöneburg, dem Hauptort des ObeAahngaues, die weltliche Herrschaft zu sichern So befestigte er Berg und Ort. Seitdem haben Krieg und Kriegsnot nicht aufgehört, an der Feste zu rütteln. Wiederholt wurde sie zer-r stört und wieder aufgebaut. Unsägliches litten die Bewohner im dreißig- und im siebenjährigen Kriege. Die Geschichte von Amöneburg, die im friedlichen Zeichen des Kreitzes begann, ist mit Blut und Feuer geschrieben. Als der Frieden von Luneville 1802 dem Erzstift Mainz ein Ende machte, fiel Amöneburg an Hessen, das Stift wurde aufgehoben und in eine Domäne verwandelt. Neste der Brrg Kirche und Stift erzählen noch heute von Kriegsgeschrei und Metzeleien, und ebenso die Wüstungen ringsum. Mancher Ort ist dem Erdboden gleich gemacht worden. Verschwunden sind die Hauser auf einigen niederen Hügeln am Berge.
So herrlich die Stadt gelegen ist, so dörflich bescheiden sieht es m ihren Straßen aus. Seit dem Befreiungskriege hak Amöneburg üann die Segnungen des Friedens erfahren, die Stadt hat Wasserleitung erhalten. Aus dem Basalt des Felsens werden Pflastersteine gebrochen und der Pflug geht übers Feld, wenn auch der Landmann in Vieser Höhenlage kein leichtes Broterwerben hat. vH Bonifaziusiahr 1922 darf auch an der Erinnerung der Grün- dung der Ohmeneburg nicht vorüber gegangen werden. A. H. 5
(Bin alter Volksglaube im Vogelsberg.
Noch heute ist im Volksglauben des Vogelsberger Bauern und Handwerkers eine Ansicht vertreten, die einmal das Gesprächsthema zwischen Goethe und Eckermann bildete, die Auffassung nämlich, daß der Kuckuck im Herbst ein Sperber werde. Eckermann erzählt im 3. Bande seiner Gespräche: „Ein kleiner Falke flog vorbei, der in seinem Flug und in seiner Gestalt große Aehnlich- keit mit dem Kuckuck hatte." „Es gab eine Zeit," sagte Goethe, „wo das Studium der Naturgeschichte noch so weit zurück war, daß man die Meinung allgemein verbreitet fand, der Kuckuck sei nur im Sommer ein Kuckuck, im Winter aber werde er ein Raubvogel." „Diese Ansicht," erwiderte ich, „existiert im Volke jetzt noch. Ja, man dichtet dem guten Vogel auch an, daß, sobald er völlig ausgewachsen fei, er seine eignen Eltern verschlucke. And so gebraucht man ihn als ein Gleichnis schändlichen Andanks." — Sogar Plinius gedenkt der Vorstellung, daß der Kuckuck, sobald er erwachsen ist, die Vögel verschluckt, die ihn in jüngeren Tagen gefüttert haben.
Es verlohnt sich sicherlich, den Tatsachen nachzuspüren, die noch heute die Leute im Vogelsberg glauben lassen, daß der Kuckuck sich im Herbst in einen Sperber verwandele oder seine Pflegeeltern auffresse.
Zunächst das Auffressen der Eltern! Es ist im Volke bekannt, daß der Jungkuckuk von anderen Vögeln erbrütet und groß- gefüttert wird: ebenso, daß er fast immer von den kleinen Insektenfressern aufgezogen wird. Ist er dann einigermaßen selbständig, so trennt er sich „ohne Dank" von seinen Stiefeltern auf Nimmerwiedersehen. Diese „Andankbarkeit" wurde dann übertrieben, indem man sagte, das undankbare Kuckuckskind fresse seine Ernährer auf.
And nun zur Metamorphose in einen Raubvogel! Dieser Glaub« baut sich auf zwei Tatsachen auf. Erstens verstummt der im Frühling immer auffallende Paarungsrus unseres Vogels im Sommer, woraus die Leute schließen, daß er sich in ein anderes Wesen verwandelt hat. In Wirklichkeit aber schweigt der Kuckuck, wenn die Liebeszeit vorüber ist, und zieht im Herbst weg. Der Sperber dagegen, den man in der warmen Jahreszeit nur sehr selten zu Gesicht bekommt, weil er sich während der Brutzeit verborgen hält, kommt im Herbst und Winter nahe an die Dörfer und scheut sich nicht, seine Raubzüge auf die Hühnerhöfe auszudehnen. So tritt im Volksglauben der Sperber an des Kuckucks Stelle. Ger zweite Hauptgrund für den Glauben an die Art- Verwandlung ist die tatsächlich vorhandene Aehnlichkeit zwischen Kuckuck und Sperber. Denn das Gefieder des Kuckus ist „ge- fperbert". Man nennt ja auch gewisse Hühnerrassen „Kuckick- sperber". Ferner ähnelt auch der an einem Waldrand entlang fliegende Kuckuck in seinem Flugbild, seinen Bewegungen und seiner ganzen Gestalt bei oberflächlicher Betrachtung so sehr einem das Gelände nach Beute abfuchenden Keinen Raubvogel, daß eine Verwechslung nicht ausgeschlossen ist, was sicherlich auch zu dem Aberglauben im Vogelsberg mit beigetragen hat. f.
Der Landwirtschaftliche Lehrfilm.
Der Zentralausschuß für Landlichtspiele in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, gute Lehr- und Anterhaltungsfilme auf öas Land zu bringen, um so der Landwirtschaft Kenntnisse spielend zu vermitteln, die sie unbedingt besitzen muh, um ihre großen Aufgaben restlos zu erfüllen. Di« landwirtschaftlichen Lehrfilme behandeln Fragen aus dem Ackerbau, der Saatzucht, der Schädlingsbekämpfung, aus den Gebieten der Tierzucht und der Tierheilkunde. Eine Zusammenstellung einiger Filme, die bereits ausgenommen worden sind, gibt Major a. D. R. Klein- Hans (Berlin-Lankwitz) in den „Mitteilungen der Deutschen Landwirtschastsgesellschaft". Ein Film behandelt z. D. die Lüneburger Elbmarsch und ihre Rindviehzucht, ein anderer die Rindviehzucht im Jeverland und in der Wesermarsch, ein dritter die Viehzucht im Allgäu im Verein der dort geübten Wiesen- und Weidenwirtschaft. Der Diehzuchtfilm Anterfranken zeigt dagegen die Viehzucht in einer Gegend, in der der Ackerbau eine Rolle spielt, und wo deshalb zumeist die Zucht von Zugochsen betrieben wird. Ein Melklehrfilm ist in der Molkerei-Lehr- und Versuchsanstalt Kellen bei Cleve aufgenommen worden. Berühmte deutsche Stätten landwirtschaftlicher Pflanzenzucht, nämlich Friedrichswert m Thüringen und der Ackermannsche Gutsbetrieb in Irlbach (Niederbayern), erscheinen gleichfalls im Bilde. Der große deutsche landwirtschaftliche Pflanzenzuchisilm führt in die Heimat einiger älterer praktischer Pflanzeiizuchtstätten und zu den wichtigsten wissenschaftlichen Anstalten dieser Art. Aus dem Saatzuchtbetrieb des Herrn von Lochvw in Petkus zeigt uns ein Film die Kunst, dem ertragarmen Sandboden höhere Ernten durch Züchtung des Roggens abzugewinnen. Aeber die- Bedeutung der Gungersrage belehrt uns der vorzügliche Kalisilm, die hohe Bedeutung des Kalis für die Deutsche LandwirifHaftsgefellschaft geht aus den Bildern, die er zeigt, hervor. Aus den Lehrfilmen über Schädlingsbekämpfung erwähnt Kleinhaus den Film, der den Rapsglanzkäfer zeigt.
Schriftleitung: 3. V.: Karl Walther. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Buch- un^ieindruck^stN? Lange, Gießen.


