Ausgabe 
25.3.1922
 
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Ich war der Letzte gewesen. 'Lei dem Leben meines Sohnes ich war der Letzte gewesen der das sinkend« Schiss verlieh. Och Letzte, ich muhte flerben; sterben, ohne meinen Sohn gesehen Ku haben, meinen Sohn, den du mir geboren.

Unb immer hörte ich sie schreien schreien schreien. Wer sie schreien gehört hat, für den gibt es kein gröberes Grausen mehr im Leben."

Gr schwieg. Da sagte sie ihm, und sie sagte es laut und Hart:Du hörtest sie schreien und du lebst noch?"

Der Ton ihrer Stimme traf den Mann wie ein Schlag ins Gesicht. Er brach darunter zusammen, lag am Boden und krümmte sich unter ihrer Derachtung.

Bach langer Weile sprach der Gerichtete zu Ende. Gr blieb dabei am Boten liegen, sein Gesicht daraus gedrückt. Um ihn zu verstehen, mußte sie sich tief herabbeugen.

.Wie sie schrien! Heilige Mutter Gottes, wie sie schrien! Och glaubte, ihie grählichen Schreie würden das letzte sein, was ich aus der Welt hörte, nicht deine Stimme mehr und nicht meines Sohnes Lachen. Da packte es mich, daß ich nicht sterben wollte, daß ich leben wollte, um deine Stimme und meines Sohnes Lachen zu hören.

Und als ich's dachte, in demselben Augenblick trieb etwas an mir vorüber. Eine Planke des Schiffes toar's mit dem Bilde der Madonna und deinem 2tamen darunter: .Assunta". Aber es war schon einer darauf: der Carmine De Maria. And es war daraus nur für einen einzigen Platz.

Der Carmine war der Jüngste von uns, hatte nicht Weib und Kind, hatte nur eine alte Mutter, die Antonia, die halb blödsinnig ist. Da schrie ich ihm denn zu. er müsse herunter! DaS wollte er nun nicht. Auch der Carmine wollte leben. Aicht feiner blödsinnigen Mutter willen, sondern weil er die Mena Mariani gern hatte. Was ging mich die Mena Mariani an? Also kämpften wir um die Planke, die mir gehörte; denn es stand dein Name daraus. Der Carmine war jünger und schwächer als ich und so" f

Sie wich vor ihm zurück, als sei er ein Verpesteter, der die Deuche in das Haus brachte, darin sein Sohn in friedlichem Schlummer lag. Sie ließ ihn nicht weiter berichten, wie er aus der Planke dahintrieb, wie er das gräßliche Schreien der Ertrinken­den immer noch hörte, wie es schwach ward und schwächer, wie es verstummte, und er nur noch das Heulen des Sturmes, das Brau- Sen der Wogen vernahm, nur noch die Stimme seines Herzens, >ie ihm zurief, er sei ein Geretteter, der zu seinem Weibe zurück- kehren, der seinen Sohn sehen würde! Bur noch seines Herzens Stimme hörte der verlorene Mann, die durch das Heulen des Sturmes, das Brausen der Wellen ihm zuschrie, daß er ein Feigling ein Ehrloser, ein Nichtswürdiger daß er ein Mörder sei. Und die Stimme seines Herzens schrie gräßlicher in ihm. als die Ertränkenden geschrien hatten.

Zwei Sage und zwei Nächte hielt er die Planke mit dem Bildnis der Madonna umklammert, die seines Weibes Namen trug. Schiffer von der Insel Malta fanden ihn aus und nahmen ben Halbtoten an Bord.

Fr war gerettet, konnte zu feinem Weibe zurückkehren, konnte seinen Sohn sehen.

9.

Assunta Morgano ging in die Kammer, darin die Mutter tu festem Schlafe lag. Sie weckte die Greisin und sagte:Ser einzige, der sich rettete, ist dein Sohn Mattia. Er ist zuriick- gefemmen. Geh zu ihm und freue dich feiner Wiederkehr und fernes Lebens. Och kann es nicht."

Die alte Frau freute sich ihres Sohnes Lebens, daß sie wie sinnlos war. 6te sand den wundersam Geretteten am Herd seines HauieS am Boden liegend, das Gesicht auf den Stein gedrückt, regungslos, wie tot. Seine Mutter kauerte sich neben ihn, bettete fein Haupt in ihren Schoß, streichelte ihn, küßte ihm Stirn und Wangen, flüsterte ihm zu, als wäre er noch ein kleines Kind, taufend Liebesworte, wie nur ein Mutterherz sie finden, nur Mutterlippen sie sprechen können. Sie nannte ihn ihren lieben Sohn, ihren guten Sohn, lachte und weinte weinte und lachte, wollte nicht wissen, wie das Wunder feiner Rettung geschehen war; ,war er doch gerettet, war er doch heimgekehrt, war er doch wieder bei seiner Mutter!

Und auch bei seinem Sohn

Das Wort belebte den Regungslosen. Er seufzte auf, daß «s tote ein Stöhnen klang. Dann kam es als Aufschrei über seine Lippen:Bei meinem Sohn!"

Er riß sich in die Höhe, sah Nicht die Mutter, hörte sie nicht, ging schwankenden Schrittes zur Kammer, darin das Ehebett stand, darin fein Sohn schlief, darin bei seinem Sohn sein Weib sich befand. l

Die Kammer war leer.

Wenn Mattia Mvrganos Sohn ein Mann geworden war, sollte er seinen Vater nicht auch verachten müssen.

*

Sv hielt Mattia Moraanos Weib ihren Schwurt »Und halt des Hauses Ehre rein. '

Da?«tasorgen vor 100 Jahren.

Das Chaos, das gegenwärtig in unseren wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnissen herrscht, erscheint uns als etwas, was nie vorher dagewesen war. Hat es je schon eine solche Ent­wertung des Geldes, eine solche sprunghaft steigende Teuerung, eine solche Unsicherheit aller Verhältnisse gegeben? Der selige Den Akiba antwortet aber auch in diesem Falle mit einem ver­nehmlichen Ja und könnte uns ans der Geschichte nachweisen, baß ein solcher Zusammenbruch der Wirtschaft fast stets im Gefolge großer Kriege auftritt. Das nächste Beispiel, das sich da darbietet, ist die Aera der napoleonischen Kriege vor 100 Jahren, auf die ja in theoretischen Auseinandersetzungen der letzten Zeit oft hingewiesen worden ist. Wie freilich die damaligen poli­tischen und sozialen Zustände aus den Einzelnen einwirkten, das können wir uns kaum vorstellen, und wir müssen schon in alten Briefen blättern, um zu erfahren, daß die Menschen damals unter denselben Leiden und Röten geklagt haben wie wir heute. Liest man die Briese, die Dorothea Schlegel, die Gattin des Schöpfers der Romantik Friedrich Schlegel, an den bei der Wiederkehr seines 150. Geburtstages jetzt wieder allgemein erinnert wurde, aus Wien in den Jahren 1809 bis 1817 geschrieben hat, so glaubt man geradezu Aeußernngen aus unseren Tagen zu vernehmen. Wie heute blickte damals alles nach der Börse. Bei Beginn des Feldzuges von 1809 schreibt sie an ihren int österreichischen Hauptquartier befind­lichen Mann:Auf der Börse hat sich gestern ein wahrer Meteor von Patriotismus und guter Gesinnung gezeigt, nämlich an demselben Sage, wo der Erzherzog Karl abging und wo der Armeebesehl erschien, ist der Kurs um ich weiß nicht wie viel Prozent besser geworden, das Papiergeld stieg und die Staats­papiere stiegen auch. Die Bankiers waren gestern abend in dem höchsten Erstaunen." Ommer wieder klagt Dorothea über das Papiergel d und seinen sinkenden Wert. Sie berichtet, daß man versuche,so viel als möglich das Papiergeld anzu­bringen," um dafür noch etwas zu erhalten, und stöhnt:Geld braucht man hier wie Papier!" Bei dem schlechten Stand der österreichischen Valuta war das Leben in Wien für die Besitzer besserer Geldwerte sehr billig. Dorothea rät daher dem Kölner Freunde Sulpiz Dvisserse, nach Wien zu kommen: Für Eure Stüber bekämt Ihr eine gute Handvoll Danko- zettel, und da Sie doch das Haus in Köln aufgegeben haben, so würden Sie, die Reise abgerechnet, hier nicht mehr als dort verzehren, vermöge des Unterschiedes des Papiergeldes."

Lohnaufbesserungen und Gehaltserhöhungen waren auch da- mals an der Sagesordnung, und sie nutzten nicht mehr als heute.Dein Glückwunsch wegen unserer Gehaltsvermehrung wäre sehr gut, schreibt Dorothea an ihren in Rom studierenden Sohn, den Maler Johannes Veit,wenn nicht gleich ein Kondulations- schreiben dahinter kommen müßte wegen bet unmäßigen Teue­rung; fünffach ausgezahlt werden Hilst nur so lange, als man nicht sechsfach ausgeben muß. Die Steigerung aller Lebens­rnittel und Bedürfnisse ist ganz ungeheuer, besonders der Woh­nungen; doch dünkt es den Fremden bei ihrem Silbergeld hier noch immer sehr wohlfeil zu fein, wir Papiermenschen aber sind übet dran. . ." Und ein ander Mal berichtet sie dem Sohn: Uns würde es dieses Jahr ganz gut gehen, wenn es nicht so teuer wäre, daß man, auch wenn man noch so viel verdiente, nicht durchkommen kann. Wir müssen uns tapfer plagen." Be­sonders übel sind gerade wie heute diejenigen daran, die sich irgendetwas anschaffen müssen.An Möbelanschaffen konnte bei all der guten Einnahme noch immer nicht gedacht werden," schreibt sie dem 'Schwager A. W. Schlegel.Indessen haben wir doch wenigstens Betten, ein Sofa und ein Dutzend Stühle; das fiebrige wie und wann Gott will. Cs ist so teuer hier und die Lebensart jetzt so schwankend und ordnungslos geworden, daß kein Mensch an irgendeine Einrichtung denken kann. Man ist froh, den Tag nur durchzukommen." Mik der Literatur ist nichts zu verdienen, da auch der Buchhandel darniederliegt: Wir armen Kreaturen hier haben es so weit gebracht, daß uns der Kurszettel wichtiger ist als alle Poesie." lieber die Verhältnisse in Wien heißt es an einer anderen Stelle:Das Leben ist hier so teuer, wenn auch mit noch so geringen An­sprüchen, so umständlich, schwerfällig und beschwerlich in jeder Hinsicht, daß es einem fast zur unerträglichen Last wird. Vol­lends als Literat und Gelehrter sich fortzubringen, ist eine sehr mißliche Sache und möchte leicht in jeder kleinen Land­stadt eher tunlich (ein, als in dieser sog. Hauptstadt von Deutsch­land wo man auf jede andere Ehre eifersüchtiger ist, als auf die, Deutschlands Hauptstadt zu fein; denn Sie müssen wissen, baß man Hannaken, Starrafen und alle erdenklichen Aken und Maken nicht für Ausländer, aber alle Deutschen, die nicht am Wiener Berge geboren sind, allerdings für Ausländer ansieht." Recht bezeichnend für das damalige Leben ist ihr Stoßseufzer an den Sohn Johannes:Uns erneut sich täglich das Wunder im Evangelium, wo mit sieben Broten Tausende gespeist toer» toeröen und noch übrig bleibt; wenigstens wissen wir alle hier selber nicht, wie wir durchgekommen sind; wie wir burchkommen wollen, wissen wir noch viel weniger."