Nr. 12
Samstag, 25. März
1922
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Aus der Jett des 7 jährigen Krieges. Die Franzosen in Gießen 1758—1762.*)
Don Dr. H. Bergör.
Die Drangsale, öle die Universität und ihr Lehrkörper während der Besetzung Gießens von den Franzosen in den Jahren, 1758—1762 durch die Beschlagnahme der Hörsäle und deren Herrichtung zu Lazaretten erlitten, sind in den „Familienblät- lern" in einem früheren Aussatz auf Grund der Hnivetfitäts- Archivakten (Militärangelegenheiten) geschildert worden. Hebei die Böte Her ganzen Stadt und ihrer Bürgerschaft während dieser Zeit ist uns ein weiterer Bericht erhalten, der nieder gelegt ist in chronikalischen Aufzeichnungen in einem alten Familienbuch eines Gießener Bürgers, die eine wertvolle Ergänzung zu jenen Akten bieten. 3n nachstehender Darstellung der Zeitgeschichte wird, soweit es sich um lokalgeschichtliche Geschehnisse handelt, vorzugsweise wortgetreu der gewissenhafte, von persönlichen Eindrücken diktierte Bericht unseres Gewährsmannes seine Stelle finden.
Im Herbst 1758 war die französische Armee unter dem Prinzen Soubise aus den Kantonierungsquartieren bei Kassel aufgebrvchen und hatte ihren Marsch nach bem Hessen fortgesetzt, um sichere Winterquartiere zwischen Lahn und Main aufzusuchen. Zur Sicherung der Winterquartiere in Frankfurt und Hanau beabsichtigte Soubise, Besatzungen nach Marburg, Gießen und Friedberg zu legen. Marburg sollte 1200, Gießen 3000 Mann erhalten. Der Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt, der wie die Franzosen auf der Seite Maria Theresias stand, weigerte sich hartnäckig, den Franzosen seine Festung Gießen znm Winterquartier einzuräumen; doch Soubise wußte seinen Willen durchzusehen, und Gießen mußte den Franzosen übergeben werden.
Der Chronist schreibt: „Anno 1758, den 16. November nachmittags um 2 Ahr sind allhier in die Bestung Gießen durch eine aufgerichtete Capitulation (Hebergabevertrag) die Franzosen als in eine Wintergarnison eingerückt. Sie hatten dies schon längstens verlangt, es wurde aber allezeit abgeschlagen, biß sie endlich den 14. nach sWiefeck und vor hießige Stadt auf den Sältzerberg rückten und 7 m a l aber ohne Kugeln kanonierten, worauf den 16. das Regiment Wattang und Saint Germain unter dem Com- mando des M. Marquis du Mesnil einrückten." Am 25. und 28. November rückte die erste Besatzung wieder aus und wurde ersetzt durch das Schtveizerregiment Courten und daS Aegiment Löwendahl, „welche beyde Courten und Löwendahl nebst 2 escadrons cavallerie und 60 biß 80 canoniers den Winter über unsere Garnison ausmachen sollen. Der MarquisduMesnil fltng den 4. december ab, und der Marquis des Salles ist etzo unser Commandant. Es liegen auch noch 150 Wann von unserem Volk (Hessen) hier. — Gott stehe unS bey und Helse, daß alles glücklich abgehe."
Die folgenden Jahre brachten einen beständigen Wechsel der französischen Desayungstruppen, von dem unsere Hrkunde ge- wissenhaft mindestens dreitzigmal berichtet: Bald sind es Franzosen und Polen, bald Sachsen und Schweizer, bald Württem-
•) Nach Aufzeichnungen in einem alten Familienbuch des Gießener Bürgers und Bäckermeisters 3- Kaspar Löber.
berget und Nassauer, die Bestandteile der einzelnen Defahungs» Regimenter bilden. Ein wahres Gemisch aller möglichen Nationen! Im Jahre 1758 waren 7000 Schweizer und 6000 Württemberger als Söldner bei der Soubiseschen Armee eingetreten. 1000 Sachsen wurden gleichfalls von Frankreich besoldet. Es waren Bestandteile der Armee, die 1756 bei Pirna die Waffen gestreckt hatten. Der beständige Wechsel der Quartierleute brachte der Bürgerschaft viel Beschwerden und Hnannehmlichkeiten. 3000 Mann lagen in Bürgerquartieren. Am stärksten war das „Wallpsörter-Diertel" belegt. Dauernd blieb in der Stadt das Negiment „Löwendahl". Auch die französischen Kommandanten wechselten öfter. Dem Marquis des Salles folgte d u D l a i s e l. Außer der französischen Besatzung lagen noch, wie bereits oben erwähnt, 150 Mann vom hessischen „weißen Regiment" in der Stadt, die nach dem Hebergabevertrag die Arsenale (Zeughaus), das Hniversitätsgebäude, die Kanzlei, das Gefängnis („nommö Stockhüs") und das Haus des Kommandanten zu bewachen hatten. Ihr Führer, der Brigadier v. Drechsel, wohnte in einem Gartenhaus an der heutigen Bergstraße (dem spätere» „Steins Garten"); der französisch Kommandant hatte seine Wohnung in einem Teil des Schlosses, „nomme le Gouvernement" (Regierungsgebäude). 11. Akai 1759. zöge des Schweizerregiment Waldner und das Regiment Nassau wieder aus, dagegen bekamen wir wieder das Schweizerregiment Courten und Löwendahl in gamison, das „Waldpförter quartier" wurde mit -feinem Soldaten belegt, weilen es vor das Hauptquartier offen bleiben mußte, welches vom 29. Mai bis 3. Juny zu Heuchelheim und Wiefeck war. Am 31. Mai kam die große srantzösische Armee und lagerte sich ins Waldpförter und Wiesecker Feld, an diesen und den folgenden Tagen biß auf den 3. Juny, an welchem die Armee fortging. Es wurde in unserem und dem benachbarten Feld alles Korn, graß, Weitzen und Samen abfouragiret."
„Am 5. Dezember 1759 setzte sich die große srantzösische Armee morgens'in marsch, nachdem sie wieder vom 4. September bis dato in Gießen campiret, alle gegenden aussouragiret, die Walder niedergehauen, viele arme leuth gemacht und einen erstaunlichen Schaden nur allein unserer Stadt verursachet. Nachmals sahen wir schon deutsche Husaren vor unseren Thoren, welche geschlossen wurden. Gott stehe uns beh und verleihe uns einen guten ausgang."
Die deutschen Husaren, die vor der Stadt erschienen waren und ihre Hebergabe forderten, waren Abgesandte der alliierten Armee, die seit Herbst 1759 bei Krofdorf lagerte. Hier auf den ©leiberger Höhen hatte der Führer der Alliierten, Herzog äer- binanb von Braunschweig, ein festes Lager bezogen, uinden Franzosen die Feste Gießen zu entreißen und sie bis zum Main zurückzudrängen. Da die Hebergabe der Stabt verweigert wurde, wurde Gießen vom Herzog im Dezember zerniert. Der Plan des Herzogs mißlang, und die verbündete Armee verließ anfangs Januar 1760 das Lager bei Krofdorf, um sich nach dem nördlichen Hessen zurückzuziehen.
Folgen wir dem Bericht aus dieser Zeit von unserem Gießener Gewährsmann! „Hierauf (Dez. 1759) wurden wir vom Herzog von Braunschweig bei Krofdorf aufgefordert (die Tore den Alliierten zu öffnen) und so eng eingeschloßen, daß niemand auß- und eingelahen wurde. 3n dießer Zeit wurde manches theuer. Die Butter kostete 10 biß 20 Batzen (1,20 bis 2,40 Mk. gegenüber der Taxe vom 22. Dov. 1758 mit 39 Pf. für das Pfund, nach dem damaligen Geldwert so viel wie heute), das Klafter Holtz 16 biß 20 fl (27,40—34,20 Wk., mindestens im Preis so viel wie heute), Fleisch konnte man vielmahlen nicht bekommen, und der Mangel


