Ausgabe 
25.2.1922
 
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Kein imponierender, sich steil Ms der Ebene emporschwingen- der 'Berg, dieser Kopf; nein, nur ein Prinms tnter Pares, der höchste der Hügeler Hebungen ringsum ein Kopf wie die an­deren der Höllenkvpf, der Salzbürgerkopf, der Heimbergskopf, der- Steinkopf, und wie sie alle hier in der demokratischen Ver­sammlung, dem sogenannten Westerwald, heißen, älnd doch bietet der Stegskopf eine Aussicht, wie keine andere Höhe in ganz Westdeutschland. Da liegt im Süden hingebreitet die Taunuskette mit dem hohen Feldberg und seinem Drunhildenstein (Brunhilden- bett) rechts schließt sich der Hunsrück im Rundblick an, dann die Eiselberge mit der abgeschrägten Hohen Acht bei Adenau. Daneben liegen nähergerückt, die Sieben Berge mit Löwenburg und Oelberg, Drachenfels und Petersburg. Daran schließt sich in unendlicher Weite das hügelige Bergische, das Sauerland mit dem Rothnargebirge und dem Kindelsberg bei Müsen. 2m Vordergrund die eigentlichen Berghohen des Siegerlandes, der Giebelwald bei Siegen, der Ederkopf mit dem Bahnhof, die Kalte Eiche, die Grenzscheide zwischen Hessen-Aassau und West­falen. Weiter folgen die Bahnhöhen im Hessenland und der Dünsberg bei Gießen, bis wir, an dem vorgelagerten Salz- bürgerkopf vorbei, wieder am Taunus, derHöhe", angelangt sind. Wo ist der Berg weit und breit, der uns diesen Rundblick überbietet oder auch nur nachmacht? Dabei ist der (trigonome- tische) Scheitelpunkt des Stegskopfs nur 655 Meter hoch. Hier oben auf der Wasserscheide grenzen drei Provinzen aneinander, Westfalen, Hessen-Aassau, Rheinland. Man könnte auch sagen, drei Kulturen. Südlich liegt der eigentliche Westerwald, das Hockland der Dörfer mit den langen Dächern, wie Fritz Philippi, der hier vordem eine Pfarre inne hatte, es schilderte, das rauhe wasserreiche Weideland, wo der Herrgott in seinem Zorn hat einst Dasaltblöcke regnen lassen. Hier ziehen sich die Schutzhecken von Fichten und Föhren um die Höhen und um die Dörfer, und halten den wilder, Jäger auf, wenn er im wütenden Wehen des Windes daherjaicht. Hier irrt der Wanderer steg- und weglos im Winter, wem, der wärmende Schnee alles zudeckt. Dazu die Gefahren des Hochmoors, desGeschwämmes". Da hat Darm schon mancher den rechten Weg verloren, auch ohne Laß er LenÄnnauer", (Kartoffel- und Kornbranntwein), das be­rauschende Landesgetränk, gekostet. Hier ist das Quellgebiet der Aister, hier wohnen dieAistrenser", wie in einer päpst­lichen Urkunde der Frankenstamm zu Karls Zeiten zuerst in der Geschichte genannt wird. Franken sind hier zu Hause, auch wohl noch mit ureinwohnenden Kelten gemischt. Die kräftige Westerwälder Faust regiert hier auf der Höhe, die echt deutsch ist. Sagt doch Peter Eppelmann, genannt Melander der Aachfolger Wallensteins und letzte kaiserliche Oberbefehlshaber im Dreißig­jährigen Kriege, von sich als Westerwälder mit Stolz zum Kaiser, er sei ein guter Deutscher und noch dazu ein Westerwälder, was so viel heiße, wie zwei gute Deutsche. Seine Heimat Aiederhadamar hinter der Dornburg (der Dvnarburg) liegt vor uns hingebreitet, wenn wir hier oben auf dem Stegskopf stehen; der Germanen altes heiliges Land mit den Orten Frisch- Hofen (Fricka Hofen), Ober- und Aieöerzeuzheim (Ziusheim) und dem Heidenhäuschen (Berg bei Dvochheim) vor der Lind- burg (Limburg an der Lahn). Daneben die alte Ding- und Walstätte des Aiederlahngaues, der Reckenfvrst bei Dietkirchen (mit der ältesten Kirche über der Grabstätte des heiligen Luben­tius). Haben wir ein scharfes Fernglas, sehen wir auch die Schauenburg (Schannenburg) bei Balduinstein an der Lahn, die Peter Melander von den Westerburger Grafen als Stammsitz seiner nu;egdinbcten Reichsgrafschaft Holzappel nach ihm so benannt (früher Este), erhielt. Rechts davon sehen wir alsdann auch die Monnsbaurer Höhe mit Sommerresidenz der Kurfürsten von Trier (Maas Tabor, früher Humbach).

Mo der Westerwald im Westen des Stegskopfes zur Rhein- Provinz überleitet, steht dasDäumchen", ein uralter Grenz­baum, weit und breit bekannt. Der Blick zu ihm führt über das Dorf Friedewald mit seinen, sagnischen Schloß mit fünf verschiedenen Türmen und einer herrlichen Fassade, die an den Otto-Heinrichsbau des Schlosses zu Heidelberg erinnert. Ge­denken wir auch noch des hinter den vorliegenden Höhen prächtig gelagerten Kreisstädtchens Marienberg und der zwischen ihm und unseren, Stegskops hinlaufenden alten bafaltbelegten Heeres- straße, der KölnLeipziger Straße, erkennbar an den schönen, hohen, alten Bäumen, die sie hier von Hachenburg Wer Stein- Aeukirch nach Bürbach einerseits und Herborn andererseits be­gleiten. Das westlich vorgelagerte Daadener Land bildet mit seinen sauberen Dörfern in FachwerDau den Llebergang vom Westerwald zun, Siegerland; Rheinprovinz bindet hier Aassau mit Westfalen. Der Ackerbau ist gering. Das ungünstige Klima ist der Reife der Saat oft hinderlich. 3m Schweiße des An­gesichts ringt der Landwirt dem Boden hier sein« Früchte ab. Die Kirschen brauchen zum Reifen zwei Jahre," sagt der gesegnete Rheinländer in seinem Mutterwitz, oder es heißt:Für die paar Hundstage läßt der Westerwälder sein Feuer im Ofen nicht ausgehen". Die Viehzucht ist hier auch nicht mehr so im Schwung wie in früheren Jahren und auf dem nassauischen Westerwald. Der Bergbau herrscht vor. Die Einwohner gehen in die Eisen­fleingruben an der Äeg und an der Holler. Auch etwas Braun­kohle wird hier oben unter Basalt gefördert. Dasaltbrüche, Kad- linfelder, Quarzit- und Tongruben geben der Bevölkerung näh­

rende 'Beschäftigung; da kam di« Landwirtschaft nur meist als Nebenverdienst in Frage. Die Viehzucht ging zurück; die alten Weiden wurden von ben Haubergsgenvssenschaften mit Fichten aufgeforstet. Aach Norden, den, Siegerland zu, werden die Wald- flächcn geschlossener, die Abhänge steiler,, zerklüfteter. Hier hinaus können wir vom Stegskopf stundenlang wandern, stets durch Wald, durch Hauberg (Aiederwald mit Lohekultur) oder neu» gepflanzte ozonreiche Nadelholzbestände. Du bist da stundenlang auf weiter Flur. Die Dörfer liegen hier an der Länderecke zwischen Rheinland und 'Westfalen weit auseinander. Ein Eldorado für Reh und Schwarzkittel, Hasel- und Birkhühner. Füchse, Dachse und Hasen, Fasanen, Rebhühner, Schnepfen, Bekassinen, Kiebitze und Wildenten sowie andere Zugvögel gewähren dem Waidmann eine abwechslungsreiche Jagd. Die Täler hier am Aordabhange des Stegskopfes laufen alle zur Holler hin, die von der Wasser­scheide der Kalten Siche herab durch denFreien Grund" zur Sieg fließt. Freiheit liebt auch der Siegerländer (nomen fit vmen!) von alters her. Das hat er mit dein Westerwälder den, frän­kischen Stammesgenossen, gemeinsam. Hier sind wir im Stammland der Sigambrer, den, trotzigsten Feind des Tiberius, von Chlodwigs Geschlecht. Aur dem Christentum dürfte es gelten, als des Papstes Gesandter ihm bei der Taufe sagte:Aeige dein Haupt, stolzer Si­gambrer". So berichtet denn auch die Sage von einer Zwingburg auf den, vorgelagerten Hohenseelburgskopf, daß sie nicht lange gestanden habe und alsbald zerstört worden sei. Und doch siehst du vom Stegskopf drüben im Siegerland Turm an Turm; Schorn­steine der Arbeit sind es, der Erzgruben, rauchende Schlote des Fleißes der bergmännischen Bevölkerung. Glückauf ist der Gruß des kindergesegneten Volkes. Hier schließen sich die sauberen Dörf­chen wieder enger aneinander. Hütten und Walzwerke bilden oft den Uebergang von Ort zu Ort. Hier ist die Heimat von Jung- Stilling und wer sich über Land und Leute unterrichten will, lese seine Weicke, die einst in Straßburg einen Goethe entzückt haben. Auch heute noch findet sich ein mystischer Zug in der Bevölkerung, die im Dunkel des Berges ihr Brot verdient. Das Volk hier rings um den Stsgskopf ist eines Stammes, fränkischer Art; daran haben auch die Landesgrenzen nach den, Erbgang und Vertrag früherer Territorialherren und die späteren preußischen Prvvinzgrenzen, die das Fränkische Siegerland zum niedersächsi­schen Westfalen, statt zum stammverwandten Aassau schlugen, nichts ändern können.

In der wenig unterhalb des Stegskvpfs liegenden Siegfried­hütte halten wir kurze Rast. Die Hütte enthält außer dem schonen Vorzimmer mit Küchenherd (das nötigste Koch-,- u. Trinkgeschirr ist ebenfalls vorhanden) zwei Schlafräume mit je 6 Feldbetten (Strohsäcken). Aach Aorden und Osten hat sie eine offene Terrasse mit Zementbvden. Das mit Asphaltpappe gedeckte und der Sturme wegen mit dicken Steinen beschwerte Dach ragt zum Schuh gegen Scblagregen über Terrasse und Eingang. Die Hütte gehört dem Wintersportverein G.B. Daaden und Umgebung (Vorsitzender Lehrer Hoffmann tn Emmershausen der auch den Hauptschlu,sel zur Hütte verwahrt), der sie 1913 erbaut und 1921 völlig neu her- gerichtet hat. Der Verein hat hier im Winter seine Rodelbayn und Skibahn mit Sprungschmrze im Betrieb und veranstaltet Winterspvrtfeste. 3m Sommer dient die Hütte der älnterkunft für Wandervögel und wandernde Schulklassen, sowie als Herberge für bescheidene Sommerfrischler denen Aatur alles ist. Traf ich doch im letzten Herbst eine Aeuwieder Familie als vergnügte Luftgäste hier oben an, die außer der Kinderschar die achtzig­jährige Mutter mitgenommen hatte. Zur selben Zeit war ein bekannter holländischer Pfarrer mit Gattin und Sohn Logiergast, der am Svnntagmorgen auch den ringsum wohnenden Dörfern Feldgottesdienst hielt, und begeisterten Anklang fand. Einige Zeit später weilte die Frau eines Landtagsabgeordneten mit Sohn und Nichte hier zu mehrtägigem Aufenthalt.

Die Hütte lehnt sich aufwärts an den Tannenwald an; durch diesen führt eine Schneise zum Gipfel (Trigvmetrischer Höhepunkt), chier soll demnächst, um einen umfassenden Rundblick zu ermög­lichen ein massiver Aussichtsturm erbaut werden, mit Wodn- und Schankmöglichkeit. DieserAiebelungenturm" soll dem An­denken der gefallenen Kriegshelden gewidmet sein, sollDeutscher Treu" ein geheiligtes Mal sein. Die Industriewerke der Umgebung und Freunde des Vereins haben bereits größere Geldzuwendungen gemacht, oder die Zusage gegeben, Holz, Basaltsteine und Zement zum Dau zu liefern. Immerhin sind bei der unseligen Teuerung noch außerordentliche Mittel nötig, allein schon für Arbeits­und Fuhrlohn. Ich richte daher an alle Gönner und Freunde der Ertüchtigung von Jung-Deutschland die innige Bitte um eine Spende als Beitrag zu unserem vaterländischen Zweck. (Em- zahlungen werden auf das Postscheckkonto Köln Ar. 81 564 des Amtsgerichtsrats Schaffner, Daaden, gütigst erbeten.)

War es der Zweck der Schilderung unseres Ausfluges nach dem Stegskvpf, den Leser auf die Schönheiten unseres engeren Vaterlandes, hier im besonderen der Westerwälder Grenzgegend, hinzuweisen nach dem Dichterwort:Warum dem, in die Ferns schweifen, sieh, das Gute liegt so nah!" so möchte ich doch nicht unterlassen, zu sagen, daß es nicht nötig ist Daaden als Ausgangs­punkt zu wählen. Man wird denselben Genuß haben, wenn man den Stegskvpf von der lieblichen Sommerfrische Marienberg (Bahnstation) auS aufsucht. Der Weg beansprucht auch nur zwei Stunden. Dieselbe Entfernung ist von FehlRitzhausen, einer