Der Nachruf, deir.Thanning, selbst einer der edelsten Geister des damaligen Amerika, Folien widmete, nennt ihn den reinsten und edelsten Menschen, den er und seine 'Freunde je gekannt, einen Helden an Löwenmut, ein Kind an Einfachheit, Unschuld und Frömmigkeit. Wie Folien von der amerikanischen Geschichtsforschung ais bahnbrechender Vorkämpfer für die Wertschätzung deutschen Wesens und Schrifttums in der neuen Welt gefeiert wird so ist auch sein Eintreten für die Sklavenbefreiung, das man'ihm einst als Vaterlandsverrat anrechnete, heute zu seinem schönsten Ruhmestitel geworden. Was Folien für Deutschland tm Guten und Bösen gewesen, haben wir im Vorausgehenden, vielfach in scharfein Gegensätze zu dem verdammenden Urteile Lreitschkes wenigstens anzudeuten versucht. Für Zollens Schicksal ist in erster Linie seine Veranlagung zu übermächtigem reit» giosem Empfinden vorausbestimmend gewesen. Indem er den Kampf um die Durchsetzung seiner vaterländisch-ethischen Ideale unter den Begriff einer religiösen Pflicht brachte und sich so als Streiter im Dienste der göttlichen Vorsehung betrachtete, hat er das Augenmass für das Mögliche und Erreichbare und bas Verständnis für bas politische Denken und Fuhlen der breiten Schichten seiner Volksgenossen vollständig eingebüßt. Eine geradezu erschütternde Tragik aber liegt darin, daß der unerbittliche Verfechter cksketischer Reinheit, als er von seinen Gegnern Recht und Gesetz unter die Füsse getreten sah, in unseliger Verblendung sich von dem Banne eines auch vor dem Gebrauche vergifteter Waffen nicht zurückscheuenden, lichtscheuen Verschwörer- tt-ms bat bestricken lassen. Aber trotz alledem ist Karl sollens Tagewerk auch für sein altes Vaterland kein unfruchtbares geblieben. Unvergessen wird es ihm bleiben, daß von den im Gießener Ehrenspiegel niedergelegten neuen Auffassungen vom studentischen Ehrbegriff, von der akademischen Gleichberechtigung und von der Aotwendigkeit strenger sittlicher Selbstzucht die tiefreick-endsten bis auf die Gegenwart herab wirksam gebliebenen Einflüsse auf die studentische Gedankenwelt ausgegangen sind. Und auch die schärfste Beurteilung von Fallens politischer Sturmund Drangzeit wird zugeben müssen, dass ohne den von Fallen in einer Zeit der täglichsten Erschlaffung des deutschen Bürgertums ausgegebenen Alarmruf an die akademische Jugend zu energischer Beschäftigung mit den politischen Problemen und zu selbsttätigem Eingreifen in die Geschicke der Ration die bedeutsame politische Rolle, die der Burschenschaft als Hüterin des deutschen Einheitsgedankens und als Erzieherin der hervorragendsten Führer unseres Volkes zufiel, überhaupt nicht zu denken ist. So durfte auch Follens düstere Gestalt in unserer burschenschaftlichen Ehrenhalle nicht fehlen.
Literatur: H. Haupt, Karl Fallen und die Gießener Schwarzen (Gießen 1907); Rich. Pregizer, Die politischen Ideen des Karl Zollen (Tübingen 1912), vgl. aber zur Beurteilung Histor. Zeitschr., Bd. 112, S. 219. — Für den Männer- und Jünglingsbund: H. Fränkel, in den Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, HI (1912), S. 241 ff., — Für die amerikanische Zeit: K. Buchner, Freihäfen, Jahrg. IV (Altona 1841); H A. Ratterinann, Arneri- rtr Germanica, Vvl. IV (Philadelphia 19021; Herrn. Hauvt, Fvllenbrie e, in: Deutsch-Amen'arische Ges-Hich c blätter Vcl. X V, Jayrg. 1914, S. 7—83; G. W. Spindler, The Life of Karl Folien (Chicago 1917).
Aphorismen.
Von Friedrich Kahhler.
Friedrich Kahhler, der bekannte Schauspieler, läht soeben im Verlage von Erich Reih zu Berlin eine neue Sammlung Aphorisnren unter dem Titel „Besinnungen aus der äußeren und inneren Welt" erscheinen, in denen er über Ratur, Mensch und Kunst sich äußert. Einige dieser feinen und tiefsinnigen Gedankensplitter seien hier mitgeteilt:
Menschenantlitz. — Das Menschrnantlitz als solches hat in seiner Unergründlichkeit für den wahrhaft ernsten Beschauer etwas Grauenerregendes, das ihn zurückweichen läht. Rur wenn eine der beiden Hüterinnen des Inneren, Güte oder Liebe, an den Pforten des Auges erscheint, wagt er, sich zu nähern.
Alter und Zeitmah. — Warum scheint uns die Zeit immer schneller zu fliegen, je älter wir werden? Weil wir reifer werden, weil uns allmählich Organe wachsen, die uns befähigen, die Zeiten zusammengeballter zu sehen, mehr in großen Zusammenhängen, gleichsam mit einer Vorahnung zur Ewigkeit. Ich ertappe mich oft dabei, daß ich das Kahle an den Zweigen im Herbst bereits grün schimmern sehe und den Winter überspringe. Und so kommt es dann auch: der Winter fliegt und es wird wieder Frühling. So geht es tm Fluge fort.
Worte lesen. — Worte haben Duft, der über ihnen schwebt; viele, die Worte lesen, nehmen sich nur diesen Dust hinweg. Oder Worte haben etwas Festes, Körpervolles, das man fühlen kann wie die volle Blüte einer Blume: Viele, wenn sie ein Buch in die Hand nehmen, gehen gerade auf den Leib der Worte las, zerpflücken ihn und wollen sehen, was darin steckt.
Und Worte habe?', einen Dust, her aus der Serns hinter ihnen kommt, einen Lichtdust, der von der fernen Lichtquelle herrührt, welche die Worte zu Formen aufblühen lieh, sowie es einen Sonnenduft gibt von einer Sonne her, die Blumen- fonnen hervorlockt: Manche die Worte lesen, achten nicht auf den Dust über den Worten, sehen den Körper der Worte kaum — aber sie atmen den Lichtdnft. Rur um seinetwillen lesen sie.
Dte Kunst,vergessen. — Laßt uns die Kunst nicht überschätzen oder besser gesagt: falsch schätzen; vergessen wir niemals, daß das Leben das Rächste und Beste und Wunderreichste ist, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, und daß unsere Tage der- Kunst nur Tage in diesem Leben fein sollen, wohl hohe Festtage, aber immerhin Tage — im Leben. Wenn wir Fachleute der Kunst gezwungen sind, im 'Beruf alltäglich Kunst zu üben, so tut uns diese Erkenntnis bitter not. Verwechseln wir diese tägliche Kunstübung nicht mit der Kunst selbst. Die Kunst selber hat nichts mit Beruf und dergleichen Dingen zu tun. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als eine außerordentlich wohl- gebildete, duftende und wunderkräftige Frucht, die zu ungewissen Zeiten unter ungewissen Bedingungen irgendwann hie und da einmal am Baume menschlicher Persönlichkeit zur Reife kommt, Tausend andere Früchte wachsen und fallen ab, sie sind gut und brauchbar, aber diese eine ist das Kunstwerk unter ihnen. Sie kommt immer überraschend, keine noch so fein ersonnene Kultur und Pflege könnte sie mit Absicht hervorlocken, sie ist da. Dies ist ein Grund, sie über alles zu verehren und zu ersehnen, aber auch ein Grund, sie nicht mit alltäglichen Wünschen und Fleißübungen herbeizerren zu sollen. Wenn man sie am wenigsten erwartet, so ist sie da. Wenn sie vergessen wird, kommt sie am liebsten.
Künstler und Werk. — Jeder Künstler ist schwächer als fein Werk. Er deutet in feinem Werke auf das, was er als Erscheinung hätte werden können — oder in einer späteren Zukunft vielleicht einmal werden kann. Gr zeichnet in jedem Kunstwerk eine feiner idealen (guten oder schlechten) Lebens Möglichkeiten vor sich an die Wand. i
Besch eidenheit der Großen. — Warum sind die wahrhaft Großen so bescheiden? — Sie werden verlegen und unsicher angesichts der Anmöglichkeit, sich an irgend Anderen zu messen.
BewahrteTränen. — Jede Träne, die du Kraft genug hast, in dein Inneres zurückzubannen, rinnt einwärts in deines Wesens Kern und hilft dort an einem Kristall bilden, dessen Reinheit und Klarheit das Dunkel deines inneren allmählich erhellt und eines Tages dich ganz durchleuchten wird.
Künstler. — Künstler fein, heißt den Mut haben sich selbst zu bekennen — unb Demut genug, um zu wissen, daß ein Haar vom Leben gebleicht oder eine Träne, ein Kinderlachen, eine Blume oder ein Baum Dinge sind, vor denen die tiefste Kunst in den Schatten geht und schweigt.
ReueKunst. — Reue Kunst soll neue Kunst fein und nicht eine Fratze, die das neue Zeitalter dem alten schneidet.
Vom LLegskops.
Tiefblau der Himmel mit strahlendem Sonnenaugei Es feiern die Stürme bei ruhigem Fr:st. Die Hauberge ringsum schimmern im Schnee und glitzern in den Senken von Eis. Ledern hängt das welke Laub von den Eichen; der Birken Gold ist abgefallen; die Fichte ist düsterer, der Ginsterbusch dunkel geworden. Rur der violette Hauch der Buchen ist geblieben. Am die Höhen steigt dunkler Dunst auf, wie von einem Brande. Die Moorhexe braut sich im Sonnenglast trübes Getränk. Auf den Sannenaflen schlägt sich ter redliche Brodern als wattiger Reif nieder. Mit Rodeln und Skiern ziehen wir hinaus und hinauf in Allvaters wonnige Höhenwelt. Wir wandern um die Mittagszeit aus Daaden, der Endstation einer von Betzdorf an der Strecke Gießen—Köln ausgehenden Seitenbahn. Am Kriegerdenkmal biegen wir ab, hinaus zur steinalten Hüllbuche. Aus lichtem Höhenweg geht's am Kühlborn und Lememännchen vorbei zur westfälischen Grenze, und dieser entlang durch Tannenwald aufsteigend zur Atzelnhardl (Elsternwald). Lustfröhlich trällern- wir die Westerwald weise vor uns hin: <
Es liegt ein Wald im Westen, Genannt der Westerwald. Da sieht man keine Besten, Roch Zeichen von Gewalt. Da sieht man kahle Berge, Rur Berge von Dasalti Das ist der Wald im Westen, Das ist der Westerwald.
Am Trödelstein (©ertrubenftein), einer unter Naturschutz stehenden Basaltgruppe vorbei, kommen wir durch Heidelands>chrst stets am Waldrand entlang über die Lipper Rörr zum Höllenkops, einem hügelligen Massenbasaltblvck, und über den Sonnenscheinsborn nach 2'/sstündigem Marsche, auf dem uns kein Mensch begegnet ist, zu unserem Freund und Ziel, dem StegSkops.


