Ausgabe 
25.2.1922
 
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Samstag, 25. Fsbruar

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1922 Nr, 8

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Karl Fallen.

Don Veh. Hvfrat Prof. Dr. Herman Haupt /.

(Schluß.)

.Ungebrochenen Mutes Betrat Kurl Folien am 19. Dezember 1824 den Boden der neuen Welt. Sein (Siebener Schicksals­genosse Sartorius hatte damals gehofft, Folien und andere Glieder des Kreises der Schwarzen an sich zu ziehen und mit ihnen den lange geplanten demokratischen deutschen Idealstaat in der Wildnis des südlichen Mexikos aufzurichten. Obwohl nur int Besitze knappster Mittel, widerstand doch Folien dieser Lvching, indem er dem Freunde weitausschauende, auf die kaum erst gewonnene neue Heimat angelegte Pläne anoertraute. Nicht nur der deutschen Literatur und der deutsch-idealistischen Philo­sophie hoffte er eine führende Stellung im geistigen Leben Nord­amerikas zu gewinnen; auch bei der Schaffung eines neuen selb­ständigen amerikanischen Rechtes hielt er sich für berufen, an entscheidender Stelle mitzuwirken. Und endlich glühte in ihm das leidenschaftliche Derlangen, der eigenartigen religiösen Ent­wicklung Amerikas nette Wege zu weisen, zugleich als theo­logischer Forscher und als kirchlicher (Reformator an Stelle der zahllosen Sekten eine grosse kirchliche Gemeinschaft »nicht auf ein toics Glaubensbekenntnis, sondern auf die lebendige, ewig sich fortbildende Ueberzeugung zu gründen". Zunächst eröffneten ihm Lafahettes Empfehlungen im Herbste 1825 eine bescheidene Wirksamkeit als Lehrer der deutschen Sprache an der Harvard- Universität M Cambridge, die aber doch dank dem Feuereifer, mit dem Folien sich seiner Lehraufgabe wiomete, von bahnbrechen­der Bedeutung für die Einbürgerung des Studiums der deutschen Literatur auf amerikanischem Boden geworden ist. Während er für feine Lehrgänge sich selbst eine deutsch-englische Grammatik und ein Lesebuch zusammenstellte, eine deutsche Gesellschaft grün­dete, das englisch-amerikanische Recht sich zu eigen machte und die Abhaltttng von rechtswiffenfchaftlichen Vorlesungen vor­bereitete, fand er noch Zeit, sowohl in Cambridge, wie in dem benachbarten Boston die ersten Turnschulen der neuen Welt zu eröffnen; von dort aus hat die Turnerei weithin im Lande Berbreitung gefunden. Je stärker die Sehnsucht nach der Be­gründung eines eigenen Herdes bei solcher rastlosen Arbeit sich in ihm regte desto schwerer traf es Fvllen. daß seine Braut in dieser Zeit die Berlobung löste; sie konnte sich zur Trennung von ihren Eltern nicht entschließen. obwohl sie Folien zeitlebens ihre Zuneigung bewahrte.

Entscheidende religiöse Anregungen brachte dem Vereinsamten der Verkehr mit dem Philosophen Channing, dem Führer der amerikanischen Unitarier. In ihrem aus dem Gegensatz zur kalvinischen Orthodoxie erwachsenen freien Christentume, das sie weder an die Lehre von der Dreieinigkeit noch an die von der Gottheit Christi band, fand Fvllen das in Europa vergebens gesuchte Ideal einer dvgmenlosen, die freie Weiterentwicklung des Einzelnen nicht beengenden kirchlichen Gemeinschaft. Und auch neues Liebesglück sollte Fvllen in diesem religiösen Kreise erblühen. Er lernte hier die geistig hvchbedeutende, auch als Schriftstellerin tätige Unitarierin Mse Sabot kennen, die er am 15. September 1828 heimführte; sie ist ihm eine hingebende und verständnisvolle Lebensgefährtin geworden. Schon vorher hatte Fvllen sich für das Amt eines unitarischen Predigers vor­bereitet und war als solcher im Sommer 1828 ordiniert worden. Seine meist improvisierten feurigen Predigten führten ihm au»

den weitesten Kreisen Zuhörer zu. Für einen groben Teil feiner einfacher veranlagten Zuhörer war freilich sein Gedanken­flug zu hoch und fein Eintreten für die schrankenlose Freiheit der persönlichen Ueberzeugung fand auch innerhalb der kirch­liche Gemeinschaft manchen Widersacher. Gr selbst füllte sich aber in feinem Predigeramte dauernd beglückt. Dem Unitarismus hat Fallen, der sich die Grundgedanken der Schleiermacherschen Theologie zu eigen gemacht, zweifellos vieles gegeben und auf dessen innere GntwiÄung starken Einfluß geübt.

Jeden Gedanken an ein weiteres Eingreifen in die poli­tischen Verhältnisse Deutschlands hatte Fvllen bei seiner Lan­dung von sich abgeschüttelt. »In diesem Lande", so schrieb er nach Hause,too das Gesetz allein herrscht, gibt es keinen ruhigeren Untertanen als mich"; seien doch die in seinen kühnsten poli­tischen Iugendgedichten verherrlichten Ideen in seiner neuen Heimat zur Wirklichkeit geworden. Mit der Geburt eines Sohnes im April 1830 erreichte Fallens Glück feinen Höhepunkt. Zu­frieden trug er seine schwere Arbeitslast, die ihm seine vielseitige Lehrtätigkeit auf dem Gebiete der deutschen Sprache, der Ge­schichte, Jurisprudenz, Moralphilosvphie und der Homiletik an der Universität und an der Theologischen Schule zu Cambridge aufbürdete, ohne ihn doch vor Aahrungssorgen sicherzustellen. Als ihm dann 1830 die Schaffung einer Professur in Cambridge für deutsche Sprache und ßiteratur eine gesicherte Lebensstellung zu verheißen schien, da zeigten sich auch schon die dunklen Wolken am Horizonte, die neue Stürme über Fallen heraufführen sollten.

Eine zufällige Begegnung mit einem Aegersklaren hatte seine lebhafte Teilnahme an dem Schicksale der schwarzen Rasse erweckt. In Boston bildete sich um ihn ein Kreis von Gegnern der Sklaverei, und als 1833 derAntisklavereiverein von Reu- England" entstand, wurde Fallen dessen erster Vizepräsident und feurigster Wortführer. Bei dem leidenschaftlichen Wider­stande, den jene Bestrebungen damals noch in den Großstädten des Avrdens fanden, verhehlte sich Folien nicht, daß er mit feinem Hervortreten als Anwalt der SNavenbefreiung alles aufs Spiü setze. Die Harvard-Universität entzog ihm in der Tat seine Professur; auch ein Versuch, als Prediger einer freien Religionsgemeinschaft in Reuhork festen Fuß zu fassen, mißlang, so daß er, von den Anhängern der SKaverei persönlich aufS heftigste angegriffen, sich meist ganz auf den schmalen Ertrag seiner Vorträge und literarischen Arbeiten angewiesen sah. Helden­haft hat er durch diese schlimmen Zeiten, in denen zudem die Gesundheit seiner Frau ihn mit schwerer Sorge belastete, sich hindurchgekämpft. Jede Stunde, die nicht durch die harte Arbeit ums tägliche Brot ausgefüllt war, gehörte der Fortführung seiner »Psychologie" in der er die Krönung seines Lebenswerkes sah die er aber ebensowenig wie sein Werk über Kirche und Religion vollenden sollte. Ein Lichtblick war unter diesen Um* fiänben der 1839 an ihn ergehende Ruf der neugegründeten Uni* tarier-Gerneinde in Ost-Lexington, einer Vorstadt von Boston, deren Predigerstelle zu übernehmen. Die Wintermonate benutzte er, von Aahrungssorgen bedrängt, zur Abhaltung von Vorlesungen in Boston und in Reuhork. wo seinen hinreißenden Schiller- vorträgen ein letztesmal eine begeisterte Zuhörerschaft lauschte. Don dem Krankenbett seiner Frau hinweg rief ihn die Auf­forderung seiner Gemeinde, die Kirche in Lexington einzuweihen. Auf einem mit Baumwollenballen überfüllten Dampfer schiffte sich Fvllen am 13. Januar 1840 von Reuhork nach Boston ein, Bei Dacht geriet der Dampfer in Brand und ging mit alleitz, die an Bord waren auf offener See in Nammen auf.