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Aus neuen Briefen BeMnas an Goethe.
Die bereits angekündigte Veröffentlichung des „echten" Drief- wechsels Bettinas mit Goethe, die endlich auf Grund ihres handschriftlichen Nachlasses im Arnimschen Familienarchiv zu Wiepers- dorf möglich war, ist nunmehr im Insel-Verlag erfolgt. Ein Rätsel, das di« Goethe-Forschung und die Literaturgeschichte lange beschäftigt, wird damit gelöst, denn wir haben nun die Originale vor uns, auf Grund deren Bettina ihren „Briefwechsel Goethes mit einem Kinde" geschaffen hat. Es zeigt sich, daß die geniale Frau in den wesentlichen Teilen ihres „Briefromans" sich auf die echten Briese gestützt und sie nur dichterisch ausgeschmückt, im Inhalt selten verändert hat. Freilich die Geschichte dieses einzigartigen Verhältnisses wird nun erst klar, zumal in der von dem verstorbenen Reinhold Steig mit größter Sorgfalt zusammengestellten Ausgabe zahlreiche zeitgenössische Dokumente über ihre Beziehung zu Goethe beigebracht werden. Wir können nun erst all die feineren Nuancen und Einzelheiten erkennen, die die schwärmerische Verehrung des „Kindes" 'und die passive, immer ablehnender werdende Duldung Goethes be- stimmtrn. Auch aus den hier mitgeteilten Briefen der Frau Rat, Clemens Brentanos, Arnims, Riemers aus den Tagebuchstellen fällt neues Licht auf Bettinas Goethe-Erlebnis und andererseits auf den immerhin bedeutenden Einfluß, den sie auf Goethes Dichten gewann. Man darf annehmen, daß jetzt alle Dokumente dieses Briefwechsels ans Licht gezogen sind. Die 20 Schreiben Goethes waren bereits alle bekannt; der größte Teil der 55 brieflichen Sendungen Bettinas aber ist hier in der ursprünglichen Form zum erstenmal veröffentlicht. In ihrer Umdichtung hat Bettina ihre Schreiben fast sämtlich verwendet; einige aber sind bisher ganz unbekannt gewesen, und aus diesen sei hier Einiges mitgeteilt. Der erste Brief, in dem Bettina nach ihrem zweiten Besuch bei Goethe in Weimar das vertraute du anwendet, ist aus Kassel Anfang Dezember 1807 an Goethe gerichtet und beginnt mit den Worten: „Warum muß ich denn wieder schreiben? Einzig um wieder mit Dir allein zu sein, so wie ich gern kam in Weimar, um mit Dir allein zu fein; zu sagen hab ich nichts, damals hatte ich auch nichts zu sagen, aber ich hatte Dich anzusehen und innig froh zu sein, und war Bewegung in meiner ganzen Seele — und wenn ein Dritter meine Briefe sähe, er würde sagen hier ist einzig von Liebe die Rede, es ist ein Herz voll Liebe das hier geschrieben hat, es ist ihm nicht mehr zu helfen. Ist dem zu helfen, der die Augen einmal ins Leben aufgeschlagen hat? Er ist geboren und muß die Welt anschauen mit Schlechtem und Rechtem, bis in den Tod. Selig, wer beim ersten Blick gleich das Herrlichste erblickt und es fo fest anblickt, daß kein Lärm und fremder Schein ihn abzuwenden vermag. Mn ich zu tadeln, Herr meiner Seele; soll von Liebe nicht die Rede sein? Do muß ich wahrlich verstummen, denn ich weiß nichts anderes. So wie der Freund Anker löst nach langer Zögerung und endlich scheiden muß; ihm wird die letzte Umarmung, was ihm hundert Küsse und Worte waren, ja mehr noch ihm werden die Äser, die er In der Entfernung ansieht, was ihm der letzte Anblick war, und wenn nun endlich auch das blaue Gebirg verschwindet, fo wird ihm seine Einsamkeit, seine Erinnerung alles, so ist das treue Gemüt beschaffen, das Dich lieb 'hat, das bin ich! Die Dir von Gott gegeben ist, als ein Damm, über welchen Dein Herz nicht mit dem Strom der Zeit schwimmen still, sondern ewig jung in Dir bleibt und ewig geübt in der Liebe — und wenn Du stehst als ein Gott auf dem Altar und wenn st« alle rufen: Du bist herrlich! Herrlich! Wir opfern Dir; Und wenn Dein ©hm wäre von Stein wie Dein Mldnis, so müßte ich doch rufen: umarme mich, weißer sartarischer Stein."
Ein anderer wichtiger Brief Bettinas, der Goethe ihre Vermählung mit Arnim schildert, ist von ihr nicht benutzt worden, weil sie ihre Verheiratung, eigentlich ein ilntreuwerden der Liebe zu ihrem Abgott, in ihrem Buch in den Hintergrund drängte. „Es ist billig," schreibt sie am sl. Mai 1811, „daß man die Menschen, die man liebt, in jedem neuen Wechsel, des Lebens mit einführt, und doch war's so natürlich, daß ich so lange schwieg; mein Glück ist, Baß ich nicht glücklicher werden konnte, ass ich geboren war; schon in früheren Jugendjahren schaute ich in die Tiefe meines Herzens als in eine verborgene Schatzkammer, in der ich Dich als ein höchstes Kleinod immer mit Wollust betrachtete, und jeder Gegenstand, auf den Dein« Strahlen sich, sammelten, war mir lieb. Ich wohne hier in einem Paradies! Die Nachtigallen schmettern in den Kastanienbäumen vor meinem Schlafzimmer, und der Mond, der immer fo hell geschienen, weckt mich mit seinen vollen Strahlen; da schaue ich denn wie in einer Optik die vergangenen Tage, was mich Dein Geist so früh schon gelehrt, und alles reiht sich glücklich aneinander, und keine Dürre wird das Herz befallen, wird nicht ausfierben. Och weiß nicht, warum ich so glücklich bin? Jetzt der Arnim, der Dich so lieb hat und mich, daß er gern will: ich soll Dich in diesem Sommer Wiedersehen, noch kein Jahr ist vergangen, daß mich nicht ein heftiges Verlangen zu Dir Sog, was mit vielen Schmerzen verbunden war, aber diesmal ich Dich. Es war am 11. März, also grad heute -zwei nate, daß ein glückliches Ungefähr unsere Trauung bestimmte; von einem 80jährigen Pfarrer, dessen Jubiläum ich kurz vorher mit Gesang feiern half, wurden wir getraut auf seinem Studier
zimmer, seine Frau war Zeuge, keine Schwester, kein Freund und Bchwandter wußte etwas oavon, erst nach mehreren Tagen machten wirs bekannt, da wollte es denn niemand glauben, und nun geht unser Tagwerk folgendermaßen vor sich: von morgens früh an geh« ich der Musik nach, und Arnim treibt seine eigenen Geschäfte, gegen Abend bearbeiten wir ein kleines Gärtchen hinter unserm .Häuslein, das mitten in einem großen Garten steht; und nun: Philemon und Baucis konnten nicht ruhiger leben."
Dirndlkleid und Volkskunde.
Mit dem warmen Sommerwetter ist auch das schmucke Dirndlkleid wieder allenthalben auf den Straßen der Großstädte erschienen, und man darf wohl feit einigen Jahren von einer D'-ndlkleid-Mode sprechen, denn dieses aus der Volkstracht stam- «icitöe Kleidungsstück hat immer mehr Verbreitung gefunden. Das Dirndlkleid aber ist nicht nur Mvdesache, sondern es ist zugleich ein Kulturfaktor, ein Zeichen der wiedererwachten Freude an der Volkstracht und zugleich — was wenige Trägerinnen ahnen werden — ein Zurückgreifen auf die altgermanische Kleidung. Die Tatsache, daß die Städterinnen, die früher so hochmütig auf den Anzug der Bäuerin herabblickten, eine Anleihe bei den Dorfschönen machen, beweist ein hocherfreuliches Empfinden für den Wert unserer Volkstracht und damit für die Werte unseres Volkstums überhaupt. Unsere Zeit, die sich mehr denn je den kulturellen Schätzen der Heimat zuwenden muß, findet in den noch erhaltenen Formen der Volkssitte einen unerschöpflichen Quell ehrwürdiger äleberlieferung und gesunder Anregung. So ist denn auch nach dem Kriege eine neue Liebe zum Volkstum erwacht, die auch die Tracht en bewegung mit einschließt, und die volkskundliche Forschung ist fleißig an der Arbeit. Sin prächtiges Beispiel guter volkskundlicher Literatur ist ein soeben bei der Union Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart erschienenes Werk „Das deutsche Volk in Sitte und Brauch", das von dem bekannten Ethnologen Dr. Georg Buschan herausgegeben ist und an dem neben dem Herausgeber hervorragende Kenner die einzelnen Gebiete behandelt haben, so Mielke die Siedlung, Schwindrazheim die Volkskunst Hans Joachim Moser die Volksmusik. In ihrem Beitrag über die deutsche Volkstracht hebt Rose Julien hervor, daß sich doch noch mehr von alten Volkstrachten selbst in der Nähe der Großstädte erhalten hat als man annimmt. Das beweist das lange Blühen der Dachauer Tracht bei München, der Tracht des Altenlandes und der Vierlande bei Hamburg, der Spreewälderinnen bei Berlin. Die Trachtenbewegung greift immer mehr um sich; überall sind Trachten- erhaltungsvereine begründet, werden Trachtenfeste gefeiert. Es ist nun bezeichnend, daß die allerstärkste Strönmng von den tirolisch-bayerischen Bergen herkommt von denen der Sieg des Dirndlkleids ausgegangen ist. Hiermit ist ein erstes bedeutsames Beispiel gegeben für den Einfluß der Volkstracht auf die Mode, während bisher nur die städtische Mode zerstörend auf die Bauern- kleiöung gewirkt hatte.
Die oberbaherische Männerkleidung hat sich zuerst eine gewisse Stellung in der städtischen Kleidung erobert, und heute trägt sie nicht mehr bloß der „Salontirvler'. Noch um 1800 war diese Bergtracht in Deutschland ganz fremd. Es scheint, daß der Freiheitskampf der Tiroler, der fo allgemeine Anteilnahme an diesem Gebirgsvolk bervorrief. auch hie Tracht der Aelpler mit einer gewissen Verklärung umgab. Tiroler Holzknechte sind die ersten gewesen, die zur Zeit der Befreiungskriege die haiblange Lodenjoppe und die schwarzlederne Kniehose nebst Wadenstrümpfen' und Nagelschuhen in die deutschen Städte brachten. Viel verbreiteter wie die männliche Alpenkleidung ist aber das Gewand der oberbaherischen Dirndln geworden, das zuerst die Maler, besonders Defregger, in feiner feschen Kleidsamkeit verherrlichten und mit dem dann durch den Besuch Oberbaherns immer mehr Norddeutsche bekannt wurden. Das Dirndlkleid hat sich freilich, als es zum Sommerkleid der Städterinnen >vurde, eine gervisfe Veränderung gefallen lassen müssen, doch sind die Grundformen beibehalten worden. Das Dirndl selbst trägt noch immer Dandbesatz am Saum des Rockes, ein langärnteliges Leibchen und über der Taille das Mieder, das den Vorwand bietet, schimmernde Ketten und Schmuckstücke anzulegen, auf die die Bäuerin im Staatsputz ungern verzichtet. Diese ileßermiebet sind mit Fischbein gesteift und in zierlichen Mustern aus Tuch oder Seide durchfleppt. Den Ausschnitt füllt über dem weißen Hemd ein hellfarbiges, seidenes Tuch mit Blumenkante; ein halbhoher geschnürter Schuh besteidet den Fuß. In dieser Form, die im wesentlichen auch beim städtischen Dirndlkleid beibehalten ist kehrt derselbe Grundschnitt toteber, den das germanische pl'rkleid besaß, nämlich das ans Hemd, Rock und Mieder bestehende Gewand, wie es bereits in 6en Moorfunden aus vorgeschichtlicher Zeit erscheint, Ursprünglich 'war es ein den Oberkörper- umschließendes Leibchen ohne Aermel, an das der untere Teil ruckartig angenäht wurde, also ganz der Schnitt, den man heute vielfach beim Dirndlkleid fleht. Darüber zog man ein „Oberhemd", aus dem sich dann ein besonderes „Mieder" entwickelt«. Das Eharakteristischste des Dirndlkleides, das es zu einem so bezeichnenden Beispiel der Volkstracht macht, ist die heitere und frische Buntheit. Dieses einst von der Mode vornehm abgelehnte „bäuerische Bunt" hat mit dem neuen Wiedererwachen


