Ausgabe 
24.6.1922
 
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Samstag, 24. Juni

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1922 Nr. 2S

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Wiederkehrende tertiarzeitähnlicheLebensperisde. (Wasfermangsl der Lahn und Austrocknung unserer Heimaterde.)

Von Studiendirektor Pastor a. D. Wilhelm Schuster von Forst ne r, Schloß F. (Lahn).

Die Lahn war im Sommer 1921 bei dem damals herrschenden Tropenklima halb, stellenweise fast ganz ausgetrvcknet. Wir sahen es nanrentlich in der Gegend von Gießen und flußabwärts. Die sogenanntenHungersteine" traten hervor, die Fahrzeuge der Fischer mußten im Strombett an weit vorgeschobenen Sand­bänken festgelegt werden. Dieses Bild war typisch. Es wird sich wiederholen so trübselig es klingen mag! in kommenden Zeiten. Denn wir gehen einer neuen Tertiärzeit entgegen, einer Heißen Zeit, und sind schon in sie eingetreten. Der' Tropensommer 1921 übertraf bereits das Durchschnittsklima der einstigen Tertiär­zeit, das in unseren Breitengraden etwa dem Heutigen.Klima Siziliens entsprach.

Ich habe in Vorträgen über meine Lehre öfter betont, daß die heutige mitteleuropäische Menschheit vor die Schicksalsfrage gestellt wird, ob sie das Los völliger Dürrezeiten über sich, ergehen lassen müsse wie heute die Bewohner Aegyptens, Arabiens, Palästinas, Syriens: denn auch diese Länder sind zu Jesaias Zeiten ebenso niederschlagreich, fruchtbar und wohlbe- wachsen gewesen wie heute Holland.

Bekanntlich sind die Betten der meisten Flüsse im Verhältnis zu ihrer jetzigen Wassermenge viel zu groß. So ist z. B. der Rhein nur noch ein bescheidener Rest des gewaltigen Stromes, der er im Mittelalter war. Seine Strudel flößen keinem Schiffer mehr Schrecken ein. Auf der Oder stockt der Schiffsverkehr häufig; dieser Fluß hatte im Sommer 1921 den niedrigsten Wasserstand feit 200 Jahren. Don der vormaligen Größe der Elbe gewinnt man eine Vorstellung, wenn man die Entfernung der Anhöhen bei Altona und Blankenese von den Haakebergen bei Harburg betrachtet; denn das waren die Äser ihres unteren Laufes, lieber- all sind die Pegelstände der Flüsse gesunken. Englands Flüsse fuhren kaum noch ein Fünftel ihrer früheren Wassermengen, manche sind auch kürzer geworden, indem ihr oberer Teil ein» getrocknet ist und sie nur noch von Rebenflüssen gespeist werden. Sn Amerika sieht man Aehnliches.

. ö^fe Tatsachen müssen nachdenklich stimmen. Und es wrrkt gar nicht unerwartet, wenn jetzt Professor Dr Axel Winck­ler, Bad Reimdorf, der jüngst in derDalnevlogischen Zeitung" hydrologische Betrachtungen anstellte, zu dem Ergebnis gelangt daß Wassermangel die Oberfläche unseres Pla­neten bedroht. Allmählich sind viele Quellen verarmt, Brunnen versiegt, Bäche vertrocknet, Ströme seicht geworden Deen eingeschrumpft, und das Grund wasser ist gesunken' Viele Meere sind kleiner geworden. Sn Asien war das Kaspisch« und das Schwarze Meer einschließlich des Uralflusses ein einziges ungeheures Meer, dessen Spiegel 54 Meter über dem heutigen Schiwarzen Meer stand, wie der Geologe Professor Süß nach­gewiesen hat. Während nun, so schreibt dieAerztliche Rund-

resümierend über die Betrachtungen Professor WincklerS sämtliche Oberflächenwässer spärlicher wurden, sind die Grund» Wasseransammlungen gesunken. Infolgedessen ist die Wasserver- ivrgung der Ortschaften, die auf solches Wasser angewiesen sind.

schwieriger geworden. Aus den verschiedensten Gegenden der alten und neuen Welt erschallen gleiche Klagen über zunehmen­den Wassermangel. Optimisten wollen uns beruhigen. Sie trösten uns mit der Hypothese, daß auf eine Reihe trockener Jahre regelmäßig eine Reihe nasser Jahre folge. Eine solche Periv- dizität der Regengüsse wird aber durch die meteorologischen Auf­zeichnungen nicht bestätigt; sie ist eine Fabel. Wenn e» eine Periodizität der Riederschläge gäbe, so müßten doch die nasse« Jahre das in den trockenen entstandene Defizit wieder ersetzen! Wir finden aber im Gegenteil eine definitive Abnahme aller Oberflächenwässer und einen dauernden Verlust an Grundwasser am Schluß der Rechnung. Allzu leicht hat man der offiziellen Lehre geglaubt, daß alles in die Erde sinsinkende Riederschlags- wafser irgendwo restlos, verlustlos wieder zutage treten müsse. Diese Lehre ist irrtümlich Rach der Kant-Laplacefchen Theorie wird die Rinde unseres feurig flüssig gewesenen Planeten infolge der fortschreitenden Abkühlung dicker. Man schätzt ihre jetzige Dicke auf 40 Kilometer. Da von dieser beständig dicker werdenden porösen Kruste immer mehr Wasser zurückgehalten wird geht ein Teil .des Risderschlagswassers dem Wasserkreislauf unwieder­bringlich verloren. Die Durchtränkung der Erdrinde geschieht auch vom Meeresgründe aus, wo ein kolossaler, 100 biS 700 Atmosphären starker Druck herrscht. Das dort in' den Meeres­boden eingepreßte Wasser kann selbstverständlich niemals tvieder aufsteigen und geht der Erdoberfläche dauernd verloren. Ver­loren geht auch Wasser an denjenigen Stellen, wo es dem glühend flüssigen Magma nahekvmmt, wobei es in seine Bestandteil« Wasserstoff und Sauerstoff zerfallen muß. Der sonach aus den Vulkanschlünden ausgestoßene Wasserstoff, 14l/8mal leichter als die Lust, schießt hoch in die Atmosphäre empor, bleibt in deren höchsten Regionen schweben und kommt für den Wasserhaushalt der Erde nie wieder in Betracht. Verloren geht ferner Wasser, das alsDodeneis", d. h. als gefrorenes Grundwasfer, wie ein Gestein unter weiten Strecken Sibiriens als dauernde Schicht liegen geblieben ist und niemals schmelzen, nie wieder austreten kann. Rur wenige Geologen und Hydrologen haben sich mit dem unheimlich wachsenden Defizit deS Wasserkreislaufs be­schäftigt. Wie das Meer und die Grundwasserbecken nehmen auch die Quellen ab. Das Defizit wird immer empfindlicher. Die Heil­quellen teilen das Schicksal ihrer Schwestern, der Süfstvajser- quellen. Riemand weiß das besser als die Dadeverwaltllngen! Die Schüttung einiger berühmter Mineralquellen ist bedenklich zurückgegangen. Manche Heilquelle, die vor Zeiten überreichlich floß, rinnt nur noch spärlich bisweilen in so dünnem Strahl, daß er nur noch die Dicke eines Bleistiftes Hat. Der Pouthon in Spaa, dessen Wasser früher in. alle Welt versandt wurde, hat so abgenvnrmen, daß Lucas sah, wie das Wasser in diesem Brunnen bloß durch das zum Trinken notwendige Schöpfen an einem Morgen fast um zwei Fuß fiel. Wassermangel ist das geheime Leiden mancher Badeorte. Man behilft sich dort wohl eine Zeitlang, indem man die Mineralbäder in der Hochsaison mit Süßwasser verdünnt, wie es Hier und da in Frankreich geschieht, oder indem man sehr enge, kleine, muldenförmige Wannen ein» führt. Wo aber dergleichen Mittel und Mittelen nichts helfen, muß man sich zur Sanierung der Quellen entschließen.

Der Wassermangel auf der Erdoberfläche und in den oberen Schichten des Erdbodens nimmt so unaufhaltsam zu, daß sowohl Süßwasser als auch Mineralwasser in immer tieferen Schichten aufgesucht werden muß. Der zunehmende Wassermangel ist ein unabwendbares, naturnotwendiges Hebel! Je dicker die Kruste