Ausgabe 
23.12.1922
 
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des Kirchenjahres und pflegte es stets würdig zu begehen In Lis freudlose Jugend des Maurersohnes aus Wesselburen leuchtete das Weihnachtsfest wie ein Heller Stern hinein, es war nach den Aeußerungen des Dichters in seinen (Briefen und Tagebuch« blättern der einzige Lichtblick In der düstern Armut des Eltern­hauses:Dann ging8 auch bei uns hoch her. Es gab etwas Besseres zu essen, Hader und Zank der Eltern ruhten und mein kindliches Herz taute auf." Sv schreibt Hebbel an seine treue Freundin, Elise Lensing-Hamburg, die Helferin feiner schwersten Jugendjahre.Dann wurde von den blauen Hirschtellern ge- Sessen, so genannt, weil in ihrer Mitte ein Hirsch gemalt war, en mein Vater gewöhnlich mit Kreide auf den Tisch nach­zuzeichnen pflegte; es gab einen Mehlbeutel, zuweilen wohl gar mit Rosinen und Pflaumen gefüllt; später ward ein guter Tee getrunken, hauptsächlich der lieben Mutter wegen, die ohne Tee nur halb vergnügt sein konnte. Bevor das Essen kam, fang mein Vater in Gemeinschaft mit mir und dem Bruder ein geistliches Lied, nachher muhte ich aus der ehrwürdigen, dickbauchigen Postille mit den vielen Holzschnitten das Evangelium und eine Predigt vvrlesen. Die Eltern waren heiter, auch der Vater, den wir Kinder fast das ganze Jahr nicht heiter sahen; die dumpfen, erstickenden Gespräche über die Schwierigkeiten. Brot herbei- »uschaffen, unterblieben lagen doch meistens zwei oder drei östliche breite Wecken im Schrank Scherz und Lachen waren erlaubt, und wir Kinder dünkten uns im Himmel. Dazu am Weihnachtsabend der schöne Gedanke: diese Herrlichkeit dauert zwei volle Tage!"

Sein erstes WeihnachtSfesl fern von der Heimat verlebte Hebbel 1835 bei Elise Leasing in ihrem kleinen Stübchen in Hamburg, beglückt durch die selbstlose Liebe dieses opferwilligen Mädchens. Mit Wehmut erinnert er sich dieses schönen Weih- nachtssestes in der Fremde, wenn er in seiner engen, ärmlichen Studentenbude in Heidelberg und München bei Kaffee, einigen Lebkuchen und Nüssen den Heiligen Abend einsam begeht. In seinen Driesen vertröstet er die Geliebte auf die Zukunft:Ver­trösten," schreibt er nach Hamburg,welch ein totgeborenes bankrottes Wort! Nein! Wir wollen uns diese Weihnacht dadurch versüßen, daß wir mit aller Innigkeit und Glut des Herzens an das Künftige denken und uns ausmalen, uns in den Glanz versenken, mit dem es uns übergießen wird!" 1839, 40 unb 41 feierte Hebbel Weihnachten wieder in Hamburg mit der Freundin zusammen:Heute war ich wieder bei ihr," schrieb er 1839 in sein Tagebuch,und sie überraschte mich auf die rührendste Weise mit fast allem, was ich mir wünschte, weil es mir fehlte uno ich den Mangel schmerzlich empfand." 1841 machte er folgende Auf­zeichnung:Die Weihnachtstage habe ich bei ihr, die icy mchr mehr zu nennen brauche, toiebrä schön verlebt. Sie hat mir einen prächtigen Schal geschenkt, außerdem noch gestickte vchuhe, eine feine Geldbörse und, was mich immer tief in meine Kindheit zurückversetzt nicht, weil ich es hatte, sondern well es mir fehlte - Nüsse, Kuchen und Aepfel." Den Winter 1842 verbrachte Hebbel im Ausland; am Heiligen Abend saß er einsam in einem öden, kalten Zimmer in Kopenhagen in Erwartung der Antwort auf fein Gesuch an Christian Vlii. um Bewilligung eine« Reise- stipendiums. 1843 feierte er in Paris ein trauriges Weihnachts- sest, denn kurz vorher war sein und Elise Lensings Söhnchen ge­storben, überdies lastete die Rot schwer auf ihm. Besser ging es ihm 1844; in einer Weinkneipe in Rom verlebte er im Kreise dänischer Maler den Weihnachtsabend wieder einmal in fröhlicher Stimmung, nachdem er eben von einer schweren Krankheit ge­nesen war.

Das folgende Jahr brachte den großen älmschw-ung in Hebbels Leben und eine Besserung seiner _ Verhältnisse. 3n Wien, wohin er um die Weihnachtszeit 1845 kam, fand feine Kunst die verdiente Anerkennung, und er selbst in Christine Enghaus eine Lebensgefährtin. Von nun an konnte der Dichter im eigenen Heim, frei von allen Sorgen, so recht von Herzen Weihnachten feiern, wie es stets sein Wunsch gewesen. Mit welch tiefer Freude schmückte er den Tannenbaum für sein 1847 ge­borenes Töchterchen, wie eifrig bemühte er sich, die Seinen zum Fest zu überraschen. Am liebsten verbrachte er 'Weihnachten im Familienkreise, trotzdem waren gute Freunde als Gäste will­kommen. und dann ging es wirklichhoch her".Gesellschaft, Fasanen, Karpfen, Champagner, unerhört, wie weit man es im Leben bringen kann," schrieb Hebbel in sein Tagebuch.Meine liebe Frau schenkte mir Walter Scotts Romane, die ich längst gern besessen hätte, Frau von La Roche überraschte mich mit einem Autogramm von Goethe." Hebbels Biograph, Emil Kuh, berichtet eingehend über die Weihnachtsabende im Dichterhelm: Der Dichter freute sich auf das Christfest kaum weniger, als fein Kind, und die Düchergeschenke, welche er von seiner Frau und den intimsten Freunden empfing, trug er samt dem Päckchen seiner Pfeffernüsse so befriedigt aus dem Gesellschaftszimmer in sein Arbeitsgemach hinüber, wie Christinchen (Hebbels Töch­terchen) ihre Spielsachen In die Kinderstube. Dieses Arbeitsgemach war am Christabend hell erleuchtet, und dieses strahlende Licht alsdann das einzig Glänzende in dem sehr bescheidenen Raum." Eine besonders hübsche pleberraschung bereitete Christine Hebbel ihrem Gatten Weihnachten 1849. Als dieser in das Zimmer zu dem brennenden Tannenbaum gerufen wurde, lief ihm sein zwei Jahr« altes Lüchterchen in der Tracht eines braunschweigischen

Bauernmädchens entgegen. (Hebbels Gattin stammte aus Bro. schweig.)Schwarzes Hütchen, nur den Hinterkopf deckend, mit langen roten Bänoern, rotes Kleid, kurz geschürzt; Wickelstrümpfe nebst Lederschuhen, eine geflochtene Kiepe auf dem Rücken, an* gefüllt mit Rüssen und Kuchen für mich. Das alles hätte meine Liebe Frau an den Abenden gemacht, wenn ich nicht zu Hause und sie nicht aus der Bühne beschäftigt war, ich hatte nicht das) geringste davon gemerkt. Das närrische kleine Ding wollte die Kiepe den ganzen Abend nicht wieder ablegen, es saß damit auf dem Stuhl und und trank." (Hebbels Tagebuchblätter.) Der Dichter batte an dieser Verkleidung so viel Vergnügen gefunden, daß sie aus seinen Wunsch an den Weihnachtsabenden der nächsten Jahre wiederholt werden mußte.

Wafferkrastanlagen und dasNidderkraftrverk" bsi Litzberg.

(Schluß.)

II. Das Ridderkraf twerk der Provinz Ober Hessen bei Lißberg.

Aus den Darlegungen ist erklärlich, daß in Hessen, einem Lande in mittelhvher Sage, das nicht allzu große Riederschläge aufweist nicht mit steiler Geländegestaltung und nur mit kleinen Dach- und Flußläufen ohne umfangreiche Einzugsgebiete bedacht ist Echte Riesenwasserkräfte, wie etwa im bayrischen Gebirge mit seinen Schneefeldern, auszunutzeti sind. 3n kleineren Stufen sind wohl die meisten Bäche durch Mühlenwerke ausgenutzt. Durch Ver­wertung noch freier Gefälle und Zusammenfassung von Gefall- stufen läßt sich jedoch noch eine Reihe von immerhin nennens­werten Kraftwerken schassen. Auch in Oberhessen ist unter den nun veränderten Verhältnissen ein Ausbau solcher Kraftwerke möglich. Die durch die Ratur bevorzugteste Stelle für ein solches Werk ist wohl das Riddertal zwischen Hirzenhain und Lißberg, wo zur Zeit die Provinz Oberhessen ein Wasserkraftwerk ausbauen läßt, das erste moderne Hochdruckwasserkraftwerk in Hessen.

Diese für ein Wasserkraftwerk besonders günstige Stelle war natürlich schon seit Jahren bekannt. Ein greifbarer Vvrentwurf entstand im Jahre 1906, als die Provinzialverwaltung der Frage näher trat einen Teil oer Provinz durch ein üleberlaudwerk mit elektrischem Strom zu versorgen. Man dachte damals daran die Ridder mit dem Seitenlauf, dem Hlllersbach, In einer großen Tal­sperre aufzuspeichern, in em ständig lausendes selbständiges Kraft» werk (Laufwerk) abgugeben und seine Energie in Elektrizität um­zusetzen. Ein in die Gefällstuse des Projekts fallendes kleineres Triebwerk kaufte die Provinz alsbald aus. Für eine große Talsperre mit hohem Wasserdruck war jedoch ber üntergrunb ungeeignet Auch andere Gründe waren der Ausführung dieses Projekts da­mals hinderlich.

Später errichtete der hessische Staat unter Ausnutzung feiner Braurckohlenfelder bei Wölfersheim ein Dampfkraftwerk, das der Provinz Oberhessen den erforderlichen Strom zur Verteilung m ihr Retz abgibt. Damals eröffnete dieses Werk günstigere Aus- sichten als sie ein Wasserkraftwerk hätte erfüllen können. Unter den veränderten Verhältnissen, die bei Dampfkraftwerken außer­ordentlich hohe, ständig im Steigen begriffene Betriebskosten be­dingen ist der Ausbau von Wasserkraftwerken auch in Oberhessen in den Bereich der Wirtschaftlichkeit gerückt. So kam man aus das Projekt des Ridderkraftwerks bei Lißberg zurück. Man mußte eS jedoch in die nun ganz veränderten Verhältnisse einpassen, nach­dem das Reh der Lleberlandanlage bereits entstanden war. Ein­gehende ileberlegungen führten dazu, das Werk alsSpitzenwerk auszubauen, und das vorhandene Wasser möglichst restlos aus- zunutzen. Es soll bei gewöhnlicher Wasserführung (bei Rieder- und Mittelwasser) in den Zeiten, wo zu dem Kraftstrvm°(Mv1oren-) bedarf der Lichtstrombedars hinzukommt, also in den Abend- und Moroenstunden, den Zusahstrom zu dem Tagesbedarf liefern Bei Hochwasser kann das Werk fedoch auch ständig laufen. Ans dieser Grundlage wurde vom Kulturbauamt Friedberg ein neuer Ent­wurf in allen Einzelheiten ausgestellt. Die Größe des Wer es, d. h. seine Leistung mußte den obengenannten Faktoren «Gefall und Wassermenge) angepaßt werden.

Die Wasserkräfte des Vogelsberges sind für hessische Verhält­nisse recht ergiebig, weil die Niederschläge in diesem Gebirge ver­hältnismäßig groß sind und bei den Bodenverhältnissen a.<ch zum großen Teil oberirdisch abfließen. Von der Ratur besonders be­günstigt sind, wie erwähnt, gerade die durch emm Höhenrücken das Höchst" getrennten Täler der Ridder und des Hroersbacher, unmittelbar oberhalb Lißberg. Auf einer verhältnismäßig kurzen Strecke von rund 3 Kilometer läßt sich an der Ridder zwischen Hirzenhain und Lißberg ein Gefäll von rund 64 Meter gewinnen und ausnutzen, älnterßalb Hirzenhain bietet die Ridder an einer Taleinengung einen geeigneten Platz für eine kurze Staumauer. Die Höhe ist bestimmt durch die Ortslage von Hirzenhain und die Bahnlinie StockheimLauterbach. Desgleichen Bietet das Hillers- bachtak an einer der Höhe nach passenden Stelle eine Salenge, die einen geeigneten Platz <ür eine zweite Staumauer abgibt. Durch eine außerordentlich günstig gelegene Annäherung beider Täler lassen sich diese durch einen verhältnismäßig kurzen Stollen