Ausgabe 
23.9.1922
 
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nicht aus solchen Mißverständnissen erwachsen, die sämtlich bei der Durchzählung ausgeschlossen sind durch welche namentlich sogenannte Routenfahrpläne für Reisen Von mehreren Tagen Dauer ein weit klareres Bild gewinnen.

Den Vorteilen, die man sich von der Annahme der Ver­besserung versprechen mutz, stehen nur ganz verschwindende Nach­teile gegenüber. Zunächst die mit jeder Reform verbundene Not­wendigkeit der Eingewöhnung, die indessen viel leichter fallen würde, als seinerzeit die Anpassung an die neuen Münzen Matze und Gewichte. Sodann die Verwandlung einer Anzähl einstelliger Zifsern in zweistellige, es würde nicht rndyr 2 Uhr nachmittags, sondern 14 Uhl heißen; diese eine Ziffer aber verdient gegenüber dem Wegfall des Wortes nachmittags gar keine Beachtung, und an einer Stelle tritt sogar neben der Wortersparnis noch eine Ziffernerspamis ein, indem man nicht mähr sagen wurde: 12 alhr 35 Minuten nachts, sondern 0 Uhr 35 Minuten. Ein Pedant wird vielleicht Anstotz daran nehmen, daß unsere Stundenzahlen um die neue Bezeichnung 0 vermehrt werden; über diesen Ein­wurf kann man wähl ohne Erörterung hinweggehen. Null würde selbstverständlich im Zeitpunkte mit 24 zusammenfallen und somit diese Zähl am besten verdrängen.

Ein anscheinend gewichtiger Einwand ist der Unterschied, der sich zwischen der Bezeichnung der Stunden von 13 bis 24 und den Zifferblättern unserer gewöhnlichen Uhren ergeben wurde. Aber der Schulunterricht hat in Deutschland jedenfalls, wahrscheinlich auch in ganz Europa, die Frucht gezeitigt, dah die Addierung von 12 zu irgendeiner Zahl keine Schwierigkeit : nacht. Unsere Ziffer­blätter sagen uns ja auch nicht, ob es Vormittag oder Nachmittag ist; diese Bezeichnung müssen wir, wenn wir auf die Uhr sehen, aus eigener Beobachtung hinzutun, und somit kann es auch kein Hexenwerk sein, daß wir am Nachmittag zu den Stunden unseres Zifferblattes 12 hinzuzählen und statt 4 Uhr 16 Uhr sagen. Uebr igens wäre es eine einfache Sache, in Zukunft die Ziffer­blätter mit zwei konzentrischen Zahlenkreisen von 0 bis 11 und von 12 bis 23 zu versähen. Gin sparsamer Mann kann dem Mangel sogar mit Feder und Tinte nachhelfen.

Die Nachteile sind also gering, die Vorteile sehr bedeutend. Dieses Verhältnis genügt, um in unserer allen praktischen Fort- schnitten zugeneigten Zeit jeden Zweifel zu zerstreuen, daß die Neuerung, eben weil sie eine Dereinsachung und Verbesserung ist, nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden wird. Sie wird sich immer wieder in den Vordergrund drängen, bis sie ihren sicheren Platz erobert hat, sowohl im Eisenbahndienst wie im bürgerlichen Leben, Deutschland steht auf allen Gebieten der rechnischen Entwicklung in der ersten Reihe; wir sehen nicht ein, weshalb es in dieser Reform zum Nachtrab gehören soll.

Kann man die Bildung echter Perlen künstlich hsrbeiführen?

Von Dr. Hanns Krafft.

Echte Perlen sind ausschließlich das Erzeugnis der Weich­tiere (Mollusken), in deren Körperinnem sie entstehen. Die Perlen setzen sich aus den gleichen Substanzen zusammen wie die Schalen der sie hervorbringenden Tiere. Es kommen daher für die Pro­duktion edler Perlen 'hauptsächlich diejenigen Arten in Frage, deren Schalen auf der inneren Seite von einer glänzenden Perl­mutterschicht bedeckt sind. Nicht nur die verschiedenen Muschelarten erweisen sich als zur Perlbildung befähigt, sondern auch eine Anzahl von Schnecken und sogar der schalentragende Tintenfisch (Nautilus pompilius); die wertvollsten Perlen liefert allerdings die im Indischen und Stillen Ozean lebende Seeperlmuschel (Margaritifera margaritifera). Innerhalb Deutschlands produ­ziert Perlen von Handelstvert im allgemeinen nur die Fluhperl­muschel (Margaritana margaritifera).

Die Perlen entstehen ausschließliche im Innern des Tieres, und zwar in dessen Mantel, nicht etwa in dem Raume der zwischen Schale und Mantel gelegen ist. Jede Perle steckt, während sie sich bildet und wächst, in einem geschlossenen Perlsack. Dieser besteht aus der gleiche Art von Oberflächenhautzellen, die die Körperoberfläche des Tieres bedecken, und dort die Schale bilden. Infolge ihres unaufhaltsamen Wachstums können die Perlen die Oberfläche des Mantels schließlich sprengen und in direkte Be­rührung mit der Innenfläche der Schale treten. Dort werden sie dann scchr bald durch die weiterhin produzierte Schalensubstanz an­geheftet; daher finden sich nicht selten an der Innenseite von Muschelschalen festgewachsene Perlen. Man nennt dieselbenScha­lenperlen"; sie sind ihrem Ursprünge nach echte, int Körperinnem des Tieres entstandene Perlen, was auch beim Schleifen oder Zerschneiden derselben aus ihrem konzentrischen Aufbau her- vorgsht.

Gerät ein Fremdkörper zwischen Mantel und Schale, so wird er ebenfalls von Schalensubstanz überzogen und an der Schale festgeheftet. Nach diesem Prinzips wurden lange Zeit hindurch in Japan und Ghina die sogenanntenHalbperlen" hervorgebracht, indem man aus Perlmutter geformte Halbkugeln, Duddhabildchmr aus Wachs und bergt zwischen Schale und Mantel der Muscheln brachte.

Neuerdings ist eS dem Japaner Mikimotv gelungen, im Innern der Muscheln runde Perlen experimentell zu erzeugen, 'was in der ganzen Kulturwelt erhebliches Aufsehen erregte. Wie Dr. Eppler in der ZeitschriftDie Goldschmiedekunst" angibt, baftert das neue Verfahren ohne Zweifel auf den älntersuchungen eines deutschen Zoologen, Dr. F. Alverdes, die schon im Jähre 1913 imZoologischen Anzeiger" veröffentlicht wurden. Lllverdes ging davon aus, dah das Vorhandensein eines Perl­sackes, also von Oberhaut zellen, im Mantelinnern für die Perl­bildung ausschlaggebend ist. Da'her wurde bei seinen Versuchen jedesmal von der Manteloberfläche der Muscheln ein Hautbezirk abgelöst und ins Innere des Mantels gebracht. Hierdurch lieh sich die Bildung von Perlsäcken und von echten Perlen bis zu 1 Millimeter Durchmesser erreichen, wozu ein 'halbjähriges Wachs­tum notwendig ist.

Nach Dr. E p p l e r enthält nun auch die runde Japanperle im Innern eine Keine künstlich, bearbeitete Kugel aus Perlmutter. Vermutlich besteht daS neue japanische Verfahren darin, dah vor asten Dingen Mantelobeiflächenhaut und mit dieser eine kleine künstlich hergestellte Perlmutterkugel in das Innere des Wuschelmantels hineingebracht wird. Dann ist für den aus den injizierten Mantelhautzellen sich bildenden Perlsack eine feste, und zwar kugelige Form gegeben, um die er sich zur Bildung einer runden Perle 'herumlegt.

Nach Auffassung der Fachleute kann von einer Entwertung der natürlichen Perlen durch die künstlich gezüchteten einstweilen noch keine Rede sein, zumal es dem erfahrenen Perlenkenner ge­lingt, die gezüchtete Japanperle an ihrer Eigenart in Farbe und Lüster von anderen Perlen zu unterscheiden.

Vom Seelenleben gefangener Vögel.

Fritz Brau n, der im Laufe von 40 Jahren gegen 4000 Vögel längere Zeit genau beobachtet hat, sucht in fernen inter­essanten Betrachtungen über das Seelenleben gefangener Vögel, die er in den bei Julius Springer in Berlin erscheinendenNatur­wissenschaften" veröffentlicht, den Bogel ganz aus seiner spezifischen Eigenart zu erKären. Zweifellos ist die ©efangenfettung des Vogels ein schwerer Eingriff in seine Lebensweise. Deshalb sind frisch gefangene Vögel 'häufig sehr itervös, und diese seelischen Aufregungszustände können den Tod des Tieres zur Folge »aßen. Der Vogel bleibt auch in der Gefangenschaft seinen in der Frei­heit bewährten Instinkten nach Möglichkeit getreu. So erzählt der Verfasser, datz er den größten Teil seiner lebenden Scunm- lung in einem luftigen Bodenraum 'halte, in dessen Dach sich ein paar kaum talergrotze Löcher befinden. Rothänflinge und Buch­finken flogen nun wochenlang in dem Gebälk des Dachstuhles herum, ohne den Weg iirs Freie zu fnrben; dagegen waren Meisen und Haussperlinae in kurzer Zeit auf und davon. Dabei darf man nicht sagen, die Hänflinge und Finken seien dümmer gewesen, sondern Meisen und Sperlinge sind eben durch ihre Lebensweise viel me!hr an das Benutzen verborgener Schlupf­löcher gewöhnt, so datz sie aus solchen Oertlichkeiten in kurzer Zeit herausfinden. Der Einfluß der früheren Lebensweise wirkt auch auf die Art ein, wie die gefangenen Vögel die sie um­gebenden Gegenstände benutzen. So klammerte sich ein Stieglitz beim Schlafen an den Sprossen einer Seitenwand des Käfigs an, ohne die Stange zu benutzen, und ganz dasselbe tat ein anderer Stieglitz, der später in denselben Käfig gesteckt wurde. Während ältere gefangene Vögel leicht sehr nervös werden und deshalb eingehen, "tritt bei Jungvögeln die Angst vor dem Menschen mitunter überhaupt nicht hervor, und gerade diejenigen Tiere die im Freien am wenigstett mit Menschen in Berührung kom­men und sie daher nicht fürchten, gehen mit ihnen wie mit ihres­gleichen um. Die Instinkte sind schon bei ganz jungen Vögeln stark entwickelt, und vor einem ungewöhnten Gerät zeigt der wenige Wochen alte Star die größte Scheu, kann sich z. B. an einen neuen Wassernapf zunächst gar nicht gewöhnen und wird erst durch großen Durst zur Benutzung getrieben. Durch die Ver­änderung der Umwelt beim Käfigvogel wird fein Beweg ungs- trieb sehr gemindert. Im allgemeinen sitzen die ©efangenen von Jahr zu Jahr immer ruhiger, denn der größte Teil der Sinnes- eindrücke fehlt, die im Freien diese Bewegungen auslösen. Heber» Haupt dürfte man das Selbsttätige bei den herkömmlichen Be­wegungsreihen der Vögel überschätzen. So kann z. B. von einer Nahrungssuche nicht eigentlich gesprochen werden, denn der Vogel sucht in der Gefangenschaft niemals seine Nahrung, sondern verhungert, wenn er nicht die richtige oder gar keine Speise bekommt, meistens ganz still und unauffällig. Die Frage, ob der gefangene Vogel seinen Pfleger kennt, glaubt Braun be- jähien (zu können. Allerdings interessiert ihn nicht wie unsere Mitmenschen das Antlitz am meisten, sondern die Gesamterschei­nung der Kleidung und Bewegungen. Nur ganz wenige be­sonders intelligente Vögel, wie Papageien, Raben, Stare, er­kennen den Menschen am Gesicht, die andern an der ganzen Er­scheinung, und wenn der Pfleger nicht in feinem gewöhnlichen Anzug, sondern mit Hut und Mantel hereintritt, werden die Tiere meistens unruhig.

Dchristleitung: August Doeh. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.