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es nicht Dir? Hast Da nicht die Phantasie, es Dir inwendig noch viel schöner za denken, denn es der steht, der drinnen als schier immer uneingeformter Herr sitzt?
So darf ich Dir auch von meinem Kloster schreiben. Wen ich nichts mehr will, gehört mir alles. Das „Reich" ist mein.
Darum bin ich etwa kein „Kommunist". Das sind, umgedreht, gleichfalls befangene Leute, besessene Gewalttäter, vom irdischen Verdruß geschickt, negative Mammonisten und keine Erlöser.
Ich wünsche, daß alle, welche es zu ihrem Menschenleben brauchen, einen Fleck Erde, ein Häuslein, einen Garten ihr Eigentum nennen. Sie sollen darin wurzeln, wachsen und gut sein! Es sei ihre Heimat, und Wiege ihren Sprossen.
Nur die Habsucht soll aus den Augen und Händen fallen I Sie sollen wirken um des Werkes willen, welches vom Geschick in ihre Hände gesprochen ist.
Andere mögen sich auch. Schlösser, Prunkhäuser bauen, sich kostbar kleiden, schöne Frauen Haben um der Schönheit willen, und edles Gerät aus Künstlers Hand. Es sei wohlgetan unt> Kultur geheißen. Ich komme einmal zu Besuche über ihre weichen Teppiche bewundere alles lauter und wahrhaft, und gehe wieder.
Die 'Hochglänzendes Erdenglück haben, müssen auch, weiter hinunter steigen zutn Leid. Es ist alles ausgeglichen und im höheren Gesicht eines Matzes. 1
Doch den Orden labt gedeihen für die ganz Fröhlichen und die ganz Ernsten.
3m Haus des Dichters Gichendorff fiel niemals das Wort: Geld. Und ich hatte einen Freund, der holte zu Anfang des Krieges sein Erspartes auf der Sparkasse, 5000 Mark — fünf» tausend Mark —, gab es dem Roten Kreuz, ging ins Feld und fom nicht wieder Gr wird einer der Patrone des Ordens sein.
Freilich, in meinem Kasten liegt das Sparkassenbuch. Nummer 12 758, mit 1000 Mark beschrieben auf Zins und Zinseszins. Die Summe hatte w5j erst im letzten Herbst angelegt nach, meiner Krankheit Es ist zur Vorsorge für das letzte, feste Haus: nichts mehr wird dazugetan werden. Was ich. verdiene, verbrauche ich als Nikolaus, Chr istkind, Osierhas, auf einem Ausflug, einer Wanderung, bei einem Schoppen Wein.
Ein Vermögen birgt der Kasten noch. Es war vor Jahren, als Student hatte ich. auf der Universität fünf Jahre lang nicht die rechte Fakultät und nachher als Bürger noch, nicht recht dm Praxis eines Erwerbs gefunden. Da machte ich. einem Herrn eine halbwissenschaftliche Schreibarbeit, lobesam zur Freude des Auftraggebers Der reiche Mann srug, gewiß durch, Fadenschein und Spiegelglanz des schwarzen Gährocks aufmerksam geworden wre es mir so gehe. Es ging mir nicht gut, das sagte ich. verschüchtert. Der reiche Mann machte sich von ungefähr im Rebenraum zu schaffen und wie ich mich verabschiedete, hielt ich. einen geschlossenen Briefumschlag in den Händen. Das Kuvert liegt uneröffnet unter dem Sparkassenbuch, Eine Scham hielt mir damals das neugierige Meiserlein beim Ausschneiden an, trotzdem ich. Hunger litt. Und seltsam, plötzlich, nach vierzehn Tagen ging es besser.
Siehe, hier ist es! Du weißt nicht, was daran ist: ich. auch nicht seit über einem Dutzend Jahren. Aber ich, denke, mehr als der Schatz Salomonis und die Milliarden der Rothschilds. Ein wenig ists wie mit der Liebe, die man nicht aufsch.lietzt, sie zu verbrauchen. Und wieder zeigt sich das Gleichnis und der Schlussel meines Lebens.
Sorget nicht ängstlich . . . Manchmal, wenn recht trübe Dinge in den Zeitungen zu lesen sind, empfinde ich plötzlich, eine sonnenblaue Zuversicht auch für den irdischeir Teil unseres Vaterlandes.
Mir ist ganz gewiß, daß bald Erfindungen unter uns, von einem Deutschen, gemacht werden, welche etwa den Streit um die Kohle aufheben, und andere, welche die Fruchtbarkeit unseres Ackers ungeahnt steigern.
Während die Feinde nach unseren Bergwerken greifen, verlieren diese ihren Sinn: während wir dem Hunger der Abgeschnittenen in die Larve sehen, sproßt das üppigere Korn.
Mir dünkt, die Erfindungen seien bisher alle Umwege und Irrwege gegangen, das große Einfache, das Ei des Kolumbus stchp aber schon aus dem Tisch-, sich finden zu lassen.
Die monströse Mühsal unserer Sklavenarbeit wandelt sich, in freudiges Schaffen, unsere Last der Schulden in einen Schah.
Es wird der Tag kommen, an dem wir uns nicht mchr in Sorge um die Notdurft verbrauchen, sondern unserem Wesen werden leben können.
Das Zeichen des Tausendjährigen Reiches glaube ich, unter meinen Linden sitzend, am Himmel 'hervorkommen zu sehen.
Wenn wir reif werden . . .
Lächle nicht, Freund!
Vonv bis 24.
Von Dagobert Winter.
Daß der Dag 24 Stunden 'hat, weiß jedes Kind, sobald sein Zählenbegriff bis zu dieser Höhe hinanveicht. Fast aber sollte man glauben die Einteilung des Tages sei von Leuten gemacht worden, die nur'bis 12 zählen konnten: denn ein vernünftiger Grund läßt sich, schwer dafür Vorbringen, daß der Tag, genau genommen, nicht in 24 sondern in 2X12 Stunden zerlegt wird. Wäre es allgemeiner Brauch, von Mitternacht bis Mitternacht durch die Stunden 0 bis 24 zu zählen, so würde der Vorschlag eines vermeintlichen Refor
mators, nicht 14 Uhr zu sagen, sondern 2 Uhr nachmittags, nicht 20 llfjr, sondern 8 Ahr abends, nicht 24 oder besser 0 Uhr, sondern 12 Uhr Mitternacht, nicht kurzweg 2 Uhr, sondern 2 Uhr nachts, nicht 7 Uhr, sondern 7 Uhr morgens oder vormittags, ohne Zweifel von aller Welt mit Spott uttb Hohn zurückgewiesen werden. Freilich zu jener Zeit, als die Zeit noch nicht Geld war, als auch die genaue Zeitmessung im praktischen Leben nicht die Rolle spielte, wie jetzt, als noch keine Eisenbahnfahrpläne dem eilenden Reisenden die bestimmte Minute vorschrieben, wann er einzusteigen habe — zu jener Zeit hatte man allerdings Zeit genug, sich, mit den Nebenbestimmungen morgens, abends, nachts oder vormittags, nachmittags usw. herumzuschleppen. 3n unserer schnellebigen Zeit aber sind diese Anhängsel alte lästige Zöpfe, die sobald wie möglich auf dem Altar der Zeit-, Raum- und Verwirrungsersparnis geopfert werden sollten.
In einigen Ländern ist ein kühner Schritt schon vor mehr als zwei Jahrzehnten geschehen, in Kanada und Britisch-Jndien Dort ist auf den großen Eisenbahnnetzen die Zählung von 0 bis 24 Stunden Lurchgeführt. 3m Jahre 1893 folgte Italien mit königlichen Verfügungen, die für den Eisenbähndienst und sodann auch- für den öffentlichen Dienst aller Regierungs- und Gemeindebehörden diese Reform vvrschrieben. Der nächste Nachfolger war einer unserer westlichen Nachbarn. Einem Vorschlags der belgischen Staatsverwaltung gemäß, bestimmte der Minister für Eisenbähnen, Posten Telegraphen und Schiffahrt in Belgien, datz vom l.Mai 1897 ab die Bezeichnung der Stunden in allen ihm unterstellten Verwaltungszweigen mit den Zahlen 0 bis 24 geschehen solle: die anderen Minister'ordneten ein gleiches für die ihnen unterstehenden öffentlichen Aemter an. Um nun mit der Neuerung in Mitteleuropa nicht allein zu stehen, stellte auf der euv'päischen Fahr- plankvnferenz, die am 9. Dezember 1896 in Wien zusammentrat, der belgische Vertreter den Antrag, daß alle Bahnverwaltungen bei ihren zuständigen Behörden die Genehmigung zur Einführung der Stundenbezeichnung von 0 bis 24 in allen den Fahrordnungs- dienst betreffenden Kundmachungen und Dienstbehelfen erwirken möchten Eine große Mehrheit der versammelten Fachmänner entschied sich- für die Annahme. Ein italienischer Vertreter tonnte die bei der Mittelmeerbahn gemachten günstigen Erfahrungen ins Feld führen. Der Vertreter der österreichEgarrschen Staatsbahn hielt den Antrag zwar für wichtig und zweckmäßig, aber nicht für dringlich- Die Vertretung der preußischen Staatsbahnen glaubte mit der durch die Einführung der mitteleuropäischen Zeit et» reichten Uebereinstimmung der Zeitberechnung im Eisenbahndienst und im bürgerlichen Leben zufrieden sein zu müssen und sprach sich wohl aus diesem Grunde gegen eine weitere Neuerung auf diesem Gebiete aus Um so wärmer verteidigte der Vertreter der Ka>M- Ferdinands-Nordbahn den Vorschlag, indem er zugleich das Bedenken widerlegte, datz die Einführung mit allzu großen Kosten verknüpft sein würde. Eine erhebliche Mehrheit war, wie schon bemerkt nicht für das „immer langsam voran", sondern wünschte den ganz gewiß unvermeidlichen Fortschritt auch recht bald durch
geführt zu sehen.
Ueber den technischen Vorteil, den die Neuerung haben würde, spricht sich ein Fachmann wie folgt aus: Zunächst werden die Fahrpläne übersichtlicher und dadurch viele Irrtümer der Reisenden namentlich, bei größeren Reisen, ausgeschlossen. Ganz besonders wird die Deutlichkeit der Kursbücher gewinnen, biejegt nach den allerverschiedensten Grundsätzen ausgestellt sind. Während in den amtlichen Fahrplänen der meisten europäischen Eisenbahnen die Bezeichnung der Nachtzeiten (6 Uhr abends bis 5 Uhr 59 Minuten morgens) Übereinstimmend durch Unterstreichung der Minutenzifsern geschieht, wobei ein Zusatz wie Vormittag oder Nachmittag wegfällt, ist diese neuere Verbesserung nur in ganz wenige Kursbücher übergegangen, weil sie die Anschaffung von Millionen neuer Lettern erfordert hätte: vielmehr sind in diesen Büchern die verschiedenartigsten Weisen zur Kennzeichnung der Tages- bzw Nack.tstunöen angewendet. So werden bei manchen die Nachtzeiten durch einen senkrechten Strich, zwischen den «tua- den- und Minutenzifsern ausgedrückt, ein Verfahren dasz. V. bei dem deutschen Reichs-Kursbuch den Durchgang der Wagen anzeigt oder man stellt vor die betreffende Spalte (manchmal auch, hinter dieselbe) eine starke statt der feinen Linie j ams wiederum'im Reichs-Kursbuch, bedeutet, datz der Zug nur 1. und 2 Klasse fuhrt, also in beiden Fällen einen gänzlich anderen öinn Bat Manche drucken die Nachtstundenziffern fett, wahrend wieder andere gerade die Tagesstunden dadurch he-vorheben. Hierzu kommen noch, die durch die Landessprachen heiworgerufeiien Verschiedenheiten, die dem Sprachunkundlgen um so größere Verlegenheiten bereiten, als sogar in eignen Sprachen verschiedene Ausdrücke sich finden, wie z. B. un Französischen statt jvs meist üblichen matin und soir oder apres-midi auch dimnes und Nocturnes.'Dabei darf nicht übersehen werden wie leicht bei dem jetzigen Dersähren Irrtümer durch, ganz kleine Druckfehler ver- ursacht werden: so genügt z. B. ein einziges s (französisch) sta.t eines m oder nm statt am (italienisch, und englisch), um die Abgangszeit eines Zuges um 12 Stunden früher oder spater erscheinen zu lassen, was besonders verhängnisvoll wird, wenn das Kursbuch der Raumersparnis wegen die Angabe der Tageszeit nur einmal etwa über dem Kopf oder an dem üußeder Spalten zeigt was schon an sich recht unbequem wirkt. Wieviel Aerger und Zeitverlust (oft von einem ganzen Tage) können dem Reifenden


