Samstag, L8. September
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1922 — Nr. 38
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Zwei politische Morde vor dreiviertel Jahrhunderten in Frankfurt a. M.
Von Pfarrer i.2t. Horbach in Gießen.
Am 18. September 1922 waren es 74 Jahre, daß in Frankfurt a. M. zwei politische, von der deutschen Geschichte verzeichnete Meide stattfanüen. Sie waren die grausame Ermordung der Leiden Abgeordneten der deutschen Rationalversammlung, des preußischen Generals von Auerswald und des Fürsten Felix Lichnowskh, am 18. September 1848 vor den Toren von Frankfurt a. M„ und zwar durch einen revolutivnswilden Pöbel- Haufen am Hellen Nachmittag.
Ium Verständnis seien noch einige Bemerkungen voraus- geschickt. Im Jahre 1848 trat in 'Frankfurt a. M., der Kaiser- könungsstadt des alten Deutschen Reiches, in der Paulskirche das erste deutsche Parlament zusammen, eine Volksvertretung aller deutschen Staaten, betraut mit der Aufgabe, für ein neuzugründendes Deutsches Reiche eine Verfassung zu schaffen. Diese deutsche Rationalversammlung bestand aus 600—700 Abgeordneten der damals 38 deutschen Staaten. Auf je 50 000 Seelen kam ein aus allgemeinen Dolkswahlen hervorgegangener Vertreter. Ein Jahr lang: 18. Mai 1848 bis 31. Mai 1849 bestand das Parlament; während der ersten sieben Monate war sein Präsident der vormalige Großh. hessische Regierungsrat und nachmalige hessische Gesandte ,Freiherr Heinrich von Gagern. Wie noch jetzt in den parlamentarischen Versammlungen, gab es auch schon 1848 in Frankfurt eine Rechte (Konservative), eine Linke (Liberale, Demokraten, Revolutionäre) und ein Zentrum (damals noch nicht, wie heute, ultramontane Katholiken, sondern Mittelpartei) im Parlament. Die Rechte und die Linke standen sich stets feindlich einander gegenüber und bekämpften sich Heftig in der Paulskirche. Die Rechte wünschte einen Erbkaifer für das neu zu errichtende Deutsche Reich, hatte auch tatsächlich mit 290 gegen 248 Stimmen einen solchen erwählt, und zwar in der Person des Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., der aber die Kaiserkrone ab- lchnte, weil sie ihm nicht von den Mitfürsten, sondern allein von den Volksvertretern angeboten wurde. Die Linke dagegen wollte, unter Absetzung aller Fürsten, aus Deutschland eine Republik machen, in der allein das „souveräne Volk" herrschen sollte.
Im September (1848) kam es nun zu einem heftigen Ausbruch der parlamentarischen Feindseligkeiten. Die Herzogtümer Schleswig-Holstein waren durchs Personalunion mit Dänemark verbunden, Holstein zuglech aber auch zum Deutschen Bunde gehörig. Anfang 1848 wollte nun der dänische König Friedriche VII. das mit dem deutschen Herzogtum Holstein engverbundene Schleswig, unter Aufhebung seiner alten Rechte, dem dänischen Königreiche gänzlich! einverleiben. Der Deutsche Bund erklärte, Schleswig gegen die Einverleibung zu schützen, und beauftragte Preußen, in Schleswig einzumarschieren, was am 5. April geschah. 3n dem nun entstehenden Kriege siegten die preußischen Truppen. Gleichwohl schloß Preußen selbständig am 26. August 1848 einen Waffenstillstand auf 7 Monate mit Dänemark in Malmö (süd- schwedische Seestadt am Sund) ab, ohne bei der Frankfurter Zentralgewalt anzufragen. Dadurch entstanden im Parlament die heftigsten Kämpfe bei den Beratungen über den Waffenstill» stand. Ms nun gar die Rechte diesen mit 258! gegen 237 Stimmen am 16. September genehmigte, brach der wildeste Tumult in der Paulskirche aus, den die Änrühstifter dann mit Hilfe ihres An- hangs bei dem Straßenpöbel über die ganze Stadt verbreiteten. Am 17. September, einem Sonntag, fand auf der Pfingstweide (seit 1858 der Mutige Zoologische Garten) bei Frankfurt eine
große Volksversammlung statt, welche Rücknahme jener Genehmigung fordert« und die 258 Abgeordneten für Volksverräter erklärte. Diesen Beschluß sollte eine Abordnung am folgenden Morgen der Rationalversammlung mitteilen. Der wildeste Aufruhr, den gerade die Mitglieder der Linken als Redner aus der Pfingstweide durch Aufhetzung des Pöbels schürten, tobte so gewaltig und so bedrohlich, daß das von der Rationalversammlung ger schaffen« Reichs Ministerium noch in der Rächt Truppen aus Mainz herbeirief, um das Parlament gegen etwaige Äeberfälle zu schützen. Diese besetzten dann am Montagmorgen, dem 18. September, sowohl die ÄmgeHung der Paulskirche als diese selbst, während die Sitzung darin stattfand. Da nun preußisches Militär mit gefälltem Bajonett gegen die andrängenden Massen vorrückt«, so kam es infolge der Verwundung eines Mannes aus dem Volke durch einen Bajonettstich zum tätlichen Ausbnch der Erbitterung gegen bas Militär, namentlich das preußische. Mittlerweile hatte man schon begonnen, durch fast ganz Frankfurt das Straßenpflaster aufzureißen und Barrikaden zu bauen. 41m 2 -Uhr nachmittags wurden di« Truppen durch die Aufhebung der Sitzung der Rationalversammlung frei und der Strahenkampf begann, der bis 11 Ähr abends tobte. Am wirksamsten wurde der Angriff des Militärs, als um 6 Ähr die Großh. hessische Artillerie ihr Feuer gegen die Barrikaden richtete, deren letzte gleichwohl erst am folgenden Morgen genommen und zerstört wurden. i I
An demselben unglücklichen Montag, dem 18. September, fand nun die Ermordung der zwei Abgeordneten statt. Diese, der preußische General von Auerswald, 56 Jahre alt, und der schlesische Fürst Felix Lichnowskh, 34 Jähre zählend, beide seit Mai aus Schlesien zum Parlament abgeordnet, und beide zur Rechten gehörig, ritten um 4 Ähr nachmittags zusammen zum Friedberger Tor hinaus, um den an der Bockenheimer Landstraße wohnend«! Reichsverweser, Erzherzog Johann von Oesterreich, von einer durch die Linke der Rationalversammlung beabsichtigten Sturmpetition zu benachrichtigen. Vor dem Tor, auf dem freien Platz beim Hessendenkmal, stand ein großer, bewaffneter Haufen der dem Aufstande in Frankfurt zuziehenden Empörer der 41m* gegend. Der Fürst wurde erkannt; es erschollen aus der versammelten Meng« Drohungen und Schimpfreden: „Das ist der Lichnowskh, — die Spitzbuben — der Lichnowskh, der Schuft I — nieder mit ihm — auf sie! Das sind Spione usw." Beide Reiter wurden mit zahlreichen Flintenschüssen und Steinwürfen verfolgt. Immer enger von den mörderischen Rotten umzingelt, ritten sie, nach vielem Hin- und Hersprengen, in das an der damaligen Bornheimer Heide gelegene Gehöft des Kunstgärtners Schmidt und verbargen sich in dessen Hause, Auerswald in einer Dachkammer, Lichnowskh im Keller. Die Mörder rückten nach, führten zuerst di« Pferde der Verfolgten weg und durchsuchte« dann den Garten, das Gesträuch, die Dohnenpflanzung, alle Räumlichkeiten des Hauses und der Rebengebäude aus das ge* naueste, Stall, Treibhaus, Heuboden, das Regenfaß, die Schornsteine wurden durchmustert, wobei überall in jede dunkle Ecke mit Spießen und Säbeln gestochen wurde. Das alles geschah unter wildem Lärmen, Toben und Brüllen der Menge, die, teils im Garten, teils draußen in der Umgebung, etwa 200 Köpfe betrug. Die Hausbewohner selbst, die man unter Drohungen zwang, alles aufzuschließen, wurden mit dem Tode bedroht. „Wo sind die Schufte die Volksverräter? Heraus mit den Hunden!" fuhr man den Gartner Schmidt an, der beteuerte daß er nichts von den«r wisse, die man suche. „Der Lichnowskh ist im Hause, 6er Spitzbuv, der Volksverräter. Wenn wir den Hund kriegen, wird er tot*


