Ausgabe 
22.7.1922
 
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fein würde, als die erst«, wahre ich wohl. Ach dachte mir aber, wenn er die erste springt, ist er so im Schwung, dah er and; über die zweite Hinwegfegen wird.

Leider zeigte sich, dah dies ein falscher Schluh war. Der Hengst, sprang die erste Schranke tadellos, die zweite refüsierte er. Gr parierte nach dem Sprung so plötzlich, dah ich um ein Haar über seinen Kopf geflogen wäre.

Arm stand ich mitten auf dem Gleis zwischen den beiden geschlossenen Schranken. Vom Bahn Wärterhaus konnte man mich nicht sehen, da der Bahndamm eine Kurve machte. Gs bestand also keine Aussicht, dah die Schranken geöffnet würden. Der Dähndamm war auf beiden Seiten mit Drähten eingefaht, um das weidende Vieh vom Betreten der Schienen abzuhalten. Ein Verlassen des Dammes mit dem Pferd war dalher nicht möglich

Wie ich das Peinliche meiner Lage überdachte, vernahm ich plötzlich mit Schrecken das Vollen eines nähenden Zuges. Mm hieß es schnell handeln.

GS gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder abfpringen, um mich selbst in Sicherheit zu bringen, ohne Rücksicht auf den Hengst, der in diesem Fall sicher zugrunde gegangen wäre, oder nochmals den Versuch zu machen, die Schranke zu überspringen. Dah der Hengst die Fähigkeit besah, die Barriere aus dem Stehen zu springen, bezweifelte ich keinen Augenblick, mehr als fraglich war es jedoch, ob er, nad)E>em er sie schon einmal refüsiert hatte, den Willen dazu haben würde. Versagte er, bann waren wir alle beide erledigt, denn zu einem Kampf war

keine Zeit mehr. , , ,

Den Gedanken, den Hengst im Stich zu lassen, um mich selbst zu retten, verwarf ich sofort als feige. Ach 'hätte mich glaube ich, mein Leben lang dieser Tat geschämt. Lieber mit dem Hengst zugrunde gehen, "als ohne ihn heimkommen.

3n diesem Augenblick empfand.ich diesen peinlichen Zwischen­fall als Strafe für meinen Ungehorsam. Einem anderen gegen­über hätte ich. das aber nie zugegeben, und dies war mit das treibende Motiw das nahezu Unmögliche zu versuchen, öen Hengst doch noch über die Schranke zu bringen und dadurch zu einem guten Ende zu kommen.

Das Rollen des Zuges kam immer näher. Schon Iah ich den Rauch der Lokomotive hinter der Kurve am Waldsaum emporsteigen. In einigen Minuten muhte der Zug da sein

Ich wendete den Hengst kurz auf der Hinterhand, gab ihm die Sporen und setzte ihn zum Sprung an mit einer Energie und Kraft, die die Todesgefahr verzehnfacht hatte.

3n solchen Augenblicken zwingt der sublime Wille des Rei­ter« Las Pferd in seinen Bann. Die menschliche Geisteskraft scheint in die'Muskelkraft des Pferdes ü6er»ufiiBinen, am ihm Leistungen abzuringen, die unter normalen Verhältnissen nicht zustande kämen.

Der Hengst hob sich zum Sprung, sausend klatschte die Peitsche auf sein samtschwarzes Fell nieder, und wir waren

Hinter uns brauste der Schnellzug durch

Der Hengst ging in Karriere ab. Nachdem ich ihn pariert hatte sprang ich ab, um ihm Zucker zu geben und ihii zu lieb­kosen' Dabei stellte ich fest, dah wir beide am ganzen Körper zitterten vor Aufregung.

Sicher hatte der Hengst auf geheimnisvolle Weise, durch meinen Rervenapparat, das Gefühl der Gefahr, in ber wir schwebten und der wir nur durch Unterwerfen seines Willens unter Len meinen entgehen konnten, übermittelt bekommen.

Unter anderen Umständen wäre der Hengst, in Anbetracht feines schwierigen Temperaments, niemals zu zwingen gewesen, diese Schranke aus dem Stehen zu springen.

Der Selbsterhaltungstrieb, gepaart mit dem bis ins Mah- lose gesteigerten Wunsch Len unerlcmbten Ritt nicht tragisch enden zu lassen und dadurch berechtigten Vorwürfen zu ent­gehen, hatte mir und dem Hengste das Leben gerettet.

Ich kam noch rechtzeittg heim, um meinen interessanten Morgeurttt verheimlichen zu können.

Beim Fürhstück fiel mein blasses Aussehen auf, ich wurde S. ob ich schlecht geschlafen hätte. Ach meinte, ja, sehr von drei ü$tr ab gar nicht mehr. UnZ> dies ent* der Wahrheit.

Der Grund meiner gestörten Nachtruhe blieb ein Geheim­nis zwischen Roger VontempS und mir.

Der schöne Roger VontempS ging leider kurze Zett darauf, hn Alter von 8 Jähren, an einem Herzschlag ein. Während wir über ein Stoppelfeld galoppierten, brach er zusammen und

war auf der Stelle tot,

und Deutschland viele Rennen

lettenmg, ein UeM, an dem so viele Rennpferde leiden * das in vielen Füllen die Ursache 6er Nervosität dieser tbe ist. Wenn Las Äebel nicht rechtzeittg erkannt wird, :6en solche Tiere durch weiteres Training überanstrengt und nen unter Umständen nicht nur gesundheitlich geschädigt, son- n auch im Temperament ganz verdorben werden.

Wie ich in meinem BuchBon mehrer Löwin" gelegentlich der BeschreibungEirces" erkläre können Pferde, Sie, sei es aus angeborener oder aus durch Leiden erworbener Unfähigkeit mit schnelleren Pferden zu konkurrieren, völlig verdorben werde» durch verständnislose Behandlung. Die dummen unter ihnen werden in solchen Fällen nur rabiat gemacht, während die iw telligenten leicht stützig werden.

Der kluge Roger wußte sich großen Anstrengungen zu ent» ziehen, indem er streikte. Er hatte erkannt, dah man durch Steigen und Ueberschlagen sich seines Reiters entledigen könne und dieses Mittel wendete er nun an, so ost ihm etwas nicht pahte.

Wie ich vom toten Roger Abschied nahm, sein seidenglän- zendes schwarzes Fell ein letztes Mal liebkosend klopfend, kam mir die Erinnerung an die gemeinschaftlich überstandene Gefahr wieder lebhaft ins Gedächtnis.

Wie mag fein armes krankes Herz gezittert haben, als er die Gefahr, in die ich ihn durch meinen Leichtsinn gebracht hatte, vielleicht unbewutzt fühlte.

An diesem Augenblick empfand ich etwas wie Reue über meine Tat.

Sizilianische Vendetta.

Bon Curt Dauer.

Dor einiger Zett ging durch die deutsche Presse die Nach­richt, der berühmte sizilianische Dichter Nino Martoglie fei der Blutrache zum Opfer gefallen. Man habe ihm, so hieh es in 1 Wechselung mit seinem Sohne, einem Hospitalarzt, des Nachts aufgelauert, mit eisernen Stangen betäubt und in den Schacht eines Fahrstuhles geworfen, wo man feine Leiche am andern Morgen fand. Soweit die Stimme der Oeffentlichkeit. An Wirk­lichkeit trug sich die Sache, wie mir der Bruder des Dichters schreibt, ganz anders zu. Gelegentlich eines Landaufenthaltes des sonst zu Rom lebenden Dichters in seiner sizilianischen Heimat erkrankte fein kleiner, etwa sechsjähriger Sohn und mußte ins Krankenhaus zu Gatania gebracht werden. An dem Empfangs­zimmer dieses Kranken'hauses befanden sich zwei Türen, von denen die eine ins Freie führte, während die andere sich $um Abgrund eines in Reparatur befindlichen Fahrstuhles öffnete. Menschliche Fahrlässigkeit hatte vergessen, diese zweite Türe ab- zuschließen. Da beide Türen einander völlig gleich sahen, so suchte der Dichter bei seinem Fortgänge unglücklicherweise durch die Fahrfluhllür das Freie zu gewinnen und tat dabei den schrecklichen Sturz in den Schacht, der sogleich feinen Schädel zertrümmerte. Ast dieser Zufall an sich recht interessant dafür, wie schnell die öffentliche Meinung eine Sache zu entstellen ver­mag, so ersieht man daraus insbesondere, wie man sogleich das Gerücht von der Blutrache in Umlauf brachte, wo es sich um ein immerhin seltsames Ergebnis auf sizilianischer Erde handelte. Der Oessentlichkeit mochte diese Sache mysteriös erscheinen. Was lag also näher, als sie durch einen Akt der Vendetta erklären zu wollen?

Man darf daraus indessen nicht den Schluh ziehen, dah sich heutigen Tages die ganze berüchtigte sizilianische Dlutrache bei näherem Hinsehen als eine Bloße Mär zu erkennen giBt. Leider tft das Gegenteil der Fall. Die Vorstellung, die der Nord-Euro­päer von 6er süditalienischen Dlutrache 'hegt, ist gegenüber der Wirklichkeit meist recht -harmlos. Er denkt gewöhnlich, sie Be­stände darin, daß der Beleidigte das Messer zieht und seinen Gegner kalt macht. Damit ist jedoch die Sache noch lange nicht zu Ende. Oft fängt sie so überhaupt erst an. Denn noch heute kommt es in Süditalien vor,'daß an einer einzigen Kränkung, auf der Mutrache steht, ganze Dörfer aussterben. Der erste Anlaß erscheint oft ganz arglos Ein Streit unter Nachbarn, ein Liebeshandel usw.. bei dem es zu Blutvergießen kommt, sind oft der Anlaß zu Generationen langer Dlutrachetaten zwi* che-n Familien, die irgend in verwandtschaftlicher Beziehung sehen Ast jemand von feinem Gegner beseitigt, so übernimmt dessen Familien die Kinder, Eltern oder entfernte Verwandte, die Vendetta. Diese beicht meist nicht einfach! darin, daß der Angreifer jetzt wieder gemordet wird. Diese Strafe wäre zu gering Man wählt daher zunächst den Menschen, den er am liebsten hat, etwa eines feiner Kinder, zum Opfer. Es kommt vor daß et all feine Kinder auf diese Weise hinsterben sehen muh bevor er selbst herankommt. Jede Bluttat aber erfordert eine' gleiche Antwort der Gegenpartei. Ammer wieder wird die alte Wunde so von neuem aufgeriffen. Die Alten vererben die Sühne den Zungen, und wenn die Familien des Ortes wie Las in jenen Gegenden nicht selten der Fall ist, vielfach durch verwandtschaftliche Bande zusammenhängen, so bezeichnen Dann schließlich nur noch Grabhügel Sie Stelle, wo vor Generationen ein freundliches Dörfchen stand

Was uns Nordländer als eine Reihe grausiger und barba­rischer Untaten erscheint, betrachtet der Sizilianer als heilige Pflicht von der ihn keine Pvlizeigewalt abzuhalten vermag Mcm iann ihn zehn Jahre und länger hinter Schloß und Riegel sehen, sobald er das Gefängnis verläßt, greift er von lauern nun Dolch, um jenen zu treffen, in dem er den Urheber seiner vermutet Die Rache fleM ihm viel höher alS das eigene