Ausgabe 
22.7.1922
 
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»Dflttoen Umtriebe ein Unterfuchungsgericht in OHahtt einsetzten, Burschenschafter und Turner streng überwachten und die rlntver« Msin der Aufsicht besonderer Aegsirungsbeamter unterstellt«,. Erst nach der Thronbesteigung Friedrich WtlhelmS lV^(1840) traten Milderungen der AuSnaHmevervrdmmgrn ern, aber öte Burschenschaft blieb verboten, wennschon es nicht gelang, Ne auSsu rotten. Im geheimen bestanden derartige Verbindungen fort, gelegentlich der Juli-Revolution 1830 traten fte sogar wie­der offen M Tage. 1 i

Die allmähliche Einführung von liberaleren Derfassun- gen in den einzelnen deutschen BundeSstaasinwa^ der3^r und 40er Jähre des 19. Jahrhunderts entzog den radikalen Strömungen in der Studentenschaft immer E: dm bis dahin üppigen Nährboden: ein gesunder.Fortschritt, dm lewer kue Uebereilung und Unbesonnenheit eines Trisider gebildeten Jugend nach, den Freiheitskriegen zum Unfegen DeutfchlanOS lang- Zeit aufgehalien hat.

Unter dem Hollunderbusch,

Don Harris Ernst.

Unter dem Hollunderbusch hn Garten saß Großmutter und hielt die gefalteten Hände im Schoß. Ihre Blicke gingen gerade­aus den Weg hinunter, über die Wiese bis zu den Bergen am Horizont. Aber von alledem wurde fte nichts gewahr. Sie sah mit dem Herzen, dem Mutterherzen: für bas Igrbts keine Schranke, weder imRaum noch in wer Zeit, Las sicht immer, was es sitzen will oder was es sehen muß? Dor den Blicken der- alten Frau taten sich die Berge gehorsam auseinander und sah wett, wert nach Fmnkreich 'hinein. Da war eine grause Trummerstatsi, zer­schossene Unterstände mit F-tzen von Drahtverhau, großeode Granattrichter und ein freies Stuck K^ld, über baS die Kugeln der Feinde pfiffen. Und La unter Len fliegenden Kugeln lag ihr Sohn tot. All Las hatten Andere gesehen und ihr beschrieben, aber sie sah mehr. Keiner hatte ihr gesagt, was für einen Aus­druck das Antlitz des Toten getragen hatte, als er voll Lehm und Schmutz und Mut von seinen Leuten am zweiten Tage mit Lebensgefahr unter-den fliegenden Kugeln hervorgetzvlt wurde, aber sie wußte es doch. Da war eine tiefe Falte zwischen den Brauen.Dennoch", sprach sie.Dennoch muß ich nach vorn hatte er gesagt, als sie baten: nicht übers Feld, mcht durch das Strichfeuer!Soll ich sie vorn allein lassen mit der Uebermacht? Und der feste Entschluß, seine Pflicht zu -tun biszum Aeußmsten, Hatte die steile Falte gegraben, die jetzt im Antlitz des Toten stand Die alte Frau unter dem Hollunderbaum hvb die Hand, als wollte sie diese Falte 'liebkosen und doch, hatte sie ihr Lebens­glück dafür geopfert. Wer sie sah noch mehr: ein leises, weiches Lächeln um die Lippen des Toten. Und sie wußte, ehe er hinausgeflürmt war in die pfeifenden 'Kugeln, hatte er eine ein­zige Sekunde zum Himmel aufgesehen, und der hatte ihm in dem einen Augenblick das Bewußtsein geschenkt von allem, was ihm das Leben wert gemacht hatte: von dem Gott den er geahnt, der leichten schönen Jugend, die er genossen und der Liebe, die er besessen hatte. Und all das 'Glück lag nun als Lächeln um fernen Mund Ach daß ssi diesen lieben Mund noch einmal 'batte küssen dürfen. Sie sieht, wie hie groben Soldatenhände vorsichtig den Toten säubern, in einen Sarg legen und 'forttragen. Auf dem Dorfsriedhof senken ssi ihn ein, dicht an der Schmalseite der Kirche, wo die Orgel fleht. Wsi hatte er Kirchenmusik und das Schicksal der Kirche im Herzen getragen nun sollte sie ihm im Tode Schutz gewähren. Und sie tat es! Als die.Kugeln der Eng­länder sie zerstörten, überschüttete sie sein Grab. Kein Feindes» fuß hat daraus getreten. .Die alte Frau unter dem Hollunder­baum sieht, wie die Soldaten den Hügel über dem Sarge türmen und mit Blumen schmücken, wie sie beten und Salven schießen und trauernd fvrtge'hen. Das alles haben ihr die erzählt, die dabei waren, und haben ihr geklagt, wie verlassen sie sich vor- kamen Verlassen? Das weiß das Mutterherz besser. Verlassen im tiefsten Sinn ist nur eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Die Leute denken wohl: Die alte Frau hat nun schon lange einsam gelebt, was verlor sie? Einsam? Was ahnen sie von dem Strömen von Herz zu Herzen, von dem steten Fordern aber auch Geben zwischen Mutter und 'Sohn. Sie hat den Krieg in ihrem Stübchen erlebt! Da stehen in seinen Briefen die Zauber­worte, die ihr Flügel gaben: Mutter, wärst du bei mir und dann stand sie dort, stand mit ihm im Hohlweg, die Bäume rauschten über ihr, vor ihr in der Ebene lag Soisson und sie sah. die Türme der Kathedralen glänzen sieh', diese ist. gothisch, aus der Frührenaissance die andere. Mutter, könnte ich dir meine schön gebauten Unterstände zeigen!'Sie ist hindurchgellettert und 'hat sich dsi Stirn nicht gestoßen, seine Hand führte sie ja. Mutter, heut hatte ich eine Sonntagsfreude: Riesenpakete für die Kompagnie jeder Mann konnte das Gefühl habm, cs fei Festtag. Und sie teilte die Lsibesgaben mit ihm aus und sah in sein frohes Gesicht und sühlte den Reich.tum seines Herzens. Wie war es immer so weit und warm gewesen leise schob sich ein Vorhang über die Kriegsbilder und andere tauchten auf in langer glückseliger Reihe bis hinab 'M der ersten Zeit, als ein zager Kinder schritt auf den Steinsließen der Oberförflerei hörbar

wurde und ein feines Stimmchen jauchzte: zu Mama gehn! Die alte Frau drückte dsi Hände vor dsi Augen, um das Bild fest- M'halten, und sprach aus Herzensgründe: Herr mein Gott, ich Habe ihn dir wiedergegeben, den du mir anvertraut hattest, nun nimm auch mich nimm auch mich! 1

Da klingt ein lautes Jauchzen durch die stille Lust, den Gartenweg hinunter trappelt eine kleine Gestatt mit blondem Schopf und blauen Augen, ein Aermchen schwenkt sie in die Luft, um sich im Gleichgewicht zu halten, das andere drückt zärt­lich'ein buntes Holzpferdchen an die Brust.Oma, Oma, da Hottichotte." Er klettert auf ihren Schoß und drückt dsi Schnauze des Pferdchens an ihren Mund. Und die Großmutter küßt das Tierchen und den Enkel.Oma, Hvttohvtte." Run heißt das etwas ganz anderes, aber Großmutter und Enkel verstehen sich auch ohne neue Worte. Sie hält das Pferdchen fest, und Bubi läuft und sucht Grashalme zum Futtern, kommt zurück, hält sie dem Hotto vor und läuft wieder.

Und die Sonne scheint warm auf die alte Frau unter dem Hollunderhaum. Ihre Blicke wandern nicht mehr, sie liegen fest und hell auf dem Haupt des Enkels. Ja, sie ist bereit, aus Herzensgründe bereit, zu ihm zu gehen, den sie verlor, M jeder Tages- und Nachtstunde sehnt sie sich danach jetzt aber, jetzt muh sie dem Enkel 'helfen, das Pfchdchen M füttern.

Roger Bontemps.

Bon Elisabeth Gräfin von Mvntgela8*).

Eines der schönsten Pferde, dsi ich kannte, war Roger Bon­temps. ein Vollblukhengst, gezogen in Frankreich v. Sarifrage a. d. Reine de Saba. Dieser prachtvolle Rappe gehörte meinem Bruder, der ihn, als er einmal ein Jahr beurlaubt war, mit seinen anderen Pferden nach Hause mitgenommen hatte. Aus dieser Zeit stammt meine nähere Bekanntschaft mit Roger Bontemps.

In Anbetracht seiner Unzuverlässigkeit war es mir streng verboten, den Hengst allein zu retten. Da ich aber mit sechzehn Jahren mit Vorliebe das tat, was mir verboten war, ganz hab ich diesen Fehler übrigens nie abgelegt beschloß ich dies doch zu tun. An einem für diesen Zweck günstigen Tag schlich ich um vier Uhr morgens in den Stall, sattelte den Hengst und ritt los.

Der Hengst schien an diesem Tage gut aufgelegt zu sein. Willig ging er zum Hof hinaus, ohne, was er sonst oft tat, erst verschiedene Widerstandstänze aufzuführen. Dies hätte das ganze UnterneihUien von vornherein Mm Scheitern gebracht, denn diese Widersetzlichkeiten Rogers waren immer begleitet von sei­nem lauten Roaren.

Ich wählte zu meinem unerlaubten Spazierritt einsame Wald- und Feldwege, auf denen ich sicher war, von niemanden gesehen M werden. Roger ging tadellos. Auf den leisesten Schenkeldruck, eine kaum angedeutete Zügelhilfe reagierte er willig, mit seinen federnden, geräumigen Galoppsprüngen trug er mich über die Stoppeln.

Meine Freude und mein Stolz war groß, und der Umstand, daß ich dieses Glück einem Ungehorsam verdankte, wurden von mir durchaus nicht störend empfunden. Im Gegensiil.

Ich 'hatte das Gefühl, als habe sich zwischen mir unb dem Hengst ein geheimer Kontakt entwickelt, als sei ich mtt ihm Eins geworden. Ich brauchte bloß zu denken an eine Wendung, an einen Wechsel der Gangart, und schon folgte der Hengst meinen Wünschen, ehe ich thm dsi äußerlichen Hilfen dazu noch recht gegeben 'hatte.

Für den Heimweg wählte ich einen Feldweg, der über ein Eisenbahngleis führte. Als ich mich dem Bahndamm näherte, sah ich, daß dsi Schranken geschlossen waren, und es fiel mir dann ein, daß dieser Bahnübergang immer gesperrt war, da der Fesdweg der M ihm führte, nur während der Erntezeit von Fuhrwerken benützt wurde. Die Schranken wurden von einem entfernt gelegenen Bahnwärterhaus aus bedient. Es war also gar keine Aussicht vorhanden, daß sie für mich geöffnet würden.

Run war guter Rat teuer. Um an den anderen Uebergang zu kommen, hätte ich einen weiten Umweg machen muffen. Ich hatte aber nicht mehr viel Zeit M 'verlieren, wollte ich noch rechtzeitig heimkommen, um meine Missetat verheimlichen zu können.

Ich weih nicht, welcher Teufel mich an diesem Tage ritt. Jedenfalls gab er mir die wahnwitzige Idee ein, die Barrieren zu überspringen. Mas daraus werden sollte, wenn der Hengst versagen würde, 'und ich mich dann in einen Kampf mit ihm einlassin müßte, von dem ich ziemlich sicher annehwen konnte, daß er mit Steigen und Ueberschlagen enden würde überlegte ich nicht. Ebensowenig überlegte ich dsi Möglichkeit oes Rahen eines Zuges. Ich wollte einfach 'hinüber und so setzte ich ohne Zögern den Hengst in Galopp und ritt schneidig gegen das Hindernis an. Daß die zweite Schranke schwieriger zu nehmen

*) Aus ihrem Werke:Tiergeschichten", das im Ver­lage Haberland, Leipzig, erschienen ist: