Ausgabe 
22.7.1922
 
Einzelbild herunterladen

ml

1922 Nr. LV

'i&h\

Samstag. 22. Juli

s

Geheimorganisationen und politische Morde vor hundert Jahren.

Don Kurt Meyer-Rotermund.

Zu den mancherlei Dergleichen, diefich zwischen der Gegen­wart und der gährenden Zeit vor und nach den Freiheits­kriegen ziehen lassen, gehört die Rebeneinanderstellung der jüngst aufgedeckien Geheimbünde und der ihnen zur Last gelegten poli­tischen Morde mit ähnlichen Erscheinungen vor etwa hundert Jahren. Schon damals war die Grundursache dieser fanatisierten Selbsthilfe die Bedrückung. Wie heute das Versailler Diktat der Ursprung eines anhaltenden explosiven Gefahrenzustandes ist, war damals der Frieden von Tilsit (1807) mit seinen Folgen der Keim zum Dergeltungskriege. Wenn diesenr Re- vanche-Ziele die nach dem Zusammenbruche Preußens alsbald sich bildenden Geheinwrganisationen zustrebten, zeigt sich aller­dings darin und insofern eine Abweichung von unseren Tagen, als die Front eine andere te-ar: daß sie sich nicht gegen die eigenen Volksgenossen richtete und das Chaos im Innern ver» mckhrte. Aks Preußen-Deutschland unter napoleonischer Zwangs- Herrschaft seufzte, gingen ungebrochene, hoffnungsmutige Kreise zunächst vornehmlich national-ethischen Vestrebungen nach, d. h. sie bereiteten in aller Stille die sittliche Erstarkung vor, bezweckten di« Wiedererweckung einer tatdurstigen, vaterländischen Gesin­nung. Die in dieser Hinsicht verdienstvollste Vereinigung war der von JustizasseNor Dardeleben, Obersrskal von Mvsqua, Rektor Lehmann und anderen Patrioten im Jahre 1808 zu Königsberg gegründeteT u g e n d b u n d". Das Mißtrauen der französischen Polizei und gelegentliche Uebertreibungen und Pinvorsichtigkeiten des Bundes, dem viele der Besten im Lande wie Boyen, Grol- mann, Ä. Fr. Eichhorn, Chaset, Krug angehörten, auch eine Reihe von Freimaurerlogen nahe standen, führten 1809 zur Auflösung, die jedoch das Fortbestehen der aus Abschüttelung des Fremdjochs zielenden Organisation nicht zu verhindern ver­mochte.3n Berlin ward ein geheimes Komitee gebildet, das eine fortdauernde Aufsicht über die Verteilung der französischen Truppen, ihre Zahl und Bewegungen führte, und atlch die herrschende Stimmung in den verschiedenen Provinzen untersuchte. Das Komitee hatte die Absicht, eine jede günstige Gelegenheit zu benutzen, und als Oesterreich sich zum Krieg« vorbereitete, nahm seine Tätigkeit zu." Der begeisterte Freiheitsvvrkämpfer Professor Stessens, der in seinen Lebenserinnerungen anschaulich von Preußens Läuterungszeit berichtet, wies damals aber zu­gleich auf etwas höchst Bedenkliches hin: aus die Voreilig­keit junger, tollkühner Offiziere,die von Erfer brannten, sich durch auffallende und gefährliche Taten bemerkbar zu machen". Diese Ungezügeltheit hat der geheimenKombi­nation" damals nicht wenig geschadet, und die verwegenen mili­tärischen Erhebungsversuche eines Katt und Dörnberg waren von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt.

Diesen Heißspornen, deren Putsche vom Tugendbund keines­wegs gebilligt wurden, waren die Radikalen unter der schwarz- rot-goldenen Burschenschaft wesensverwandt. Don ihnen befanden sich viele in ähnlicher Lage und Seelenverfassung, wie ein großer Teil der heutigen deutschen Studenten. Sie hatteir allen voran zum Waffensiege über Rapoleon beigetragen. Es konnte nicht fehlen, daß diese vaterländische Begeisterung", schreibt Heinrich von Treitschke in seinerGeschichte des 19. Jahr­hunderts",nur noch Heister aufflammte, als jetzt die jungen Krieger rn die Hörsäle zurückkehrten, mancher mit dem Eisernen

Kreuze geschmückt, fast alle noch wie berauscht von dem Helden­zorne des groben Kampfes voll glühenden Hasses gegendie äußeren und inneren Unterdrücker des Daterlandes" weitaus die beste Studentengenerativn seit langen Jähren, aber leider schon zu ernst für die harmlose Träumerei und die überschweng­liche Freundschaft, welche dem Studentenleben seinen eigcntüm- ltcheii Zauber geben." Roch ganz erfüllt von der soeben erlebten Feldzugsromantik", erschien es denteutschen" Burschen nur ein Kampfplatzwechsel, wenn sie jetzt in der Verwirklichung ihrer politisch-sozialen Freiheitsideale durch Dick und Dünn zu gehen suchten. Der Zweck heiligte die bedenklichsten Mittel,' nicht zuletzt war darunter der politische Mord. DieUnbedingten" vor allem unter den Radikalen in Jena, die sich alsSchwarze Brüder" von einer Besserung der deutschen Zustände auf fried­lichen! Wege nichts versprachen, wurden 1818 von dem jungen Privatdozenten Karl Folien geführt. Von ihm, der sich mit seinen beiden Brüdern bereits in Gtesten als fanatischer Ge­heimbündler betätigt hatte, stammte das zurTat" aufstachelnde Lied mit den verfänglichen Strophen:

Brüder in Gold und Seid', Brüder im Bauernkleid Reicht euch die Hand!

Allen ruft Deutschlands Rot, Allen des Herrn Gebot: Schlagt eure Plager tot, Rettet das Land!

Dann wird'», dann bleibt's nur gut. Wenn du an Gut und Blut Wagst Blut und Gut, Wenn du Gewähr und Axt, Schlachtbeil und Sense packst, Zwingherrn den Kopf abhackstl Brenn' alter Mut!

Zu eben Liesen dem Aufruhr zugeneigtenrmoedingten" in Jena und zu den Vertrauten Fvllens zählte der 24jährige Student der Theologie Karl Sand, der am 23. März 1819 in Mannheim den Lustspieldichter August von Kotzebue erdolchte, weil er in ihm den russischen Spion und Feind der deutschen und akademischen Freiheit erblickte. Sand unter den Kommili­tonen ehrlich, harmlos, gutmütig, denTyrannenknechten" gegen­über ein bedenkenloser Lügner und Mörder endete nach der Heilung von den Wunden, die er sich sofort nach verübter Tat selbst beigebracht, am 20. Mai 1820 in,Heidelberg durch Henkers­hand. ®tn Vierteljahr nach Sands Morde machte der Apotheker- lehrling Löhning am 1. Juli 1819, ausgepeitscht gleichfalls durch die Geheirnvrganisation derUnbedingten" und unter Mit­wisserschaft von Paul Fallen (dem Bruder Karls) und des Ge- Heimbundführers Rektor Weidig in Butzbach einen ähnlichen Mordanschlag auf den nassauischen Staatsrat von Jbell in Schmal­bach Da weder Sand noch Löhning ihre Gegossen Preisgaben, wurde die gesamte Deutsche Burschenschaft als mitschuldig ange­sehen, zumal sie bei dem erst zwei Jahre zurückliegenden Wart­burgfeste (18. Oktober 1817) durch Verbrennen der absolutistisch- reaktionären Schriften eines Kotzebue, Kamph, Haller sich regie­rungsfeindlicher Umtriebe verdächtig gemacht hätte. Es ist wohl als bekannt vorauszusehen, Last der allmächtige österreichische Staatskanzler Metternich im September 1819 die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse veranlaßte, welche die Freiheit der Presse durch scharfe Zensur einschränkten, zur Unterdrückung derdema-