Ausgabe 
22.4.1922
 
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Wächter-Legende.

Don Franz AdamDeyerlein*).

Zu der Zeit des Interregnums lebte in Goslar am Harz ein redlicher Mann namens Kunard. Er versah in dieser guten Stadt das Amt des Wächters, dergestalt, daß er allnächtlich vom Cvmplrt bis zur Frühmette die Plätze, Straßen und Gablern beging ob etwa in einem Winkel ein Spitzbube zu lichtscheuem Vorhaben sich berge oder gar eine Feuersbrunst irgendwo, viel­leicht beim Bäck oder Leimsjeder, im stillen glimme. Ausgerüstet war er gegen das Diebsgesindel mit einer Hellebarde und emem Weidmesser, das er an der Hüfte trug; vor der Brust aber hrug ihm an einem ledernen Stiemen ein Horn, in welches er bet Feuersgefahr mit aller Macht seines Odems stieb. Mies er jedoch sänstlich hinein, so geschah dies zum Zeichen, daß die Stadt trotz Rächt und Finsternis wohlbehütet sei, und die Burger dehnten sich, insoweit sie den zarten Ton überhaupt vernahmen, sogleich um so wohliger und zu um so ruhigerem Schlafe in den Betten. _ , ,

Dieser Kunrad hatte vordem das Kreuz genommen gehabt und war mit weiland Kaiser Friedrich dem Andern ins Heilige Land gegen die Ungläubigen gezogen. Er hatte mit abertausend Rittern und KnappenHeilo gerufen, als der erlauchte Herrscher sich die Krone des Königs von Jerusalem auss Haupt setzte, und war in der Kirche des allerheiligsten Grabes zu Gebet und Andacht ein und aus gegangen wie ein Goslarer Kind.im Dom oder in1 der Kirche aus dem Frankenberg. Aach mehr denn zwanzig Jahren und manchem Abenteuer hatte er sich dann wieder heimwärts gewandt. Dab er aber den Krummsäbel der Seldschake» und den Enterbeilen der Seeräuber, dem Fieber von Edessa und der Pest von Akkon heil entronnen war, schrieb er der Macht des heiligen Erzengels Michael zu, den er sich zum Schutzpatron erkoren hatte, als er der Heimat Dalet sagte. Der Erzengel war ihm denn auch den Dank nicht schuldig geblieben und batte ihn unversehrt zurückgeleitet. Mehr freilich hatte auch^ er nicht vermocht und arm, wie er ausgeslogen, kehrte Kunrad zum Beste zurück. Als einziges dürftiges Denkmal des Kreuz­zuges hatte er ein seltsames Gesäh gerettet, das wie eine bauchige Flasche aussah. Die Wände waren gleichsam von leichtem dünnem Holz und lieben durchaus keine Feuchtigkeit durch; verschlossen war es mit einem Pfropfen aus altem Wollzeug.

Die Kalebasse wie Kunrad das Behältnis nannte, war neben Hellebarde, Weidmesser und Horn das letzte Stück seiner Wachterausrüstung, und er mochte sie um so weniger missen, als er darin für die Zeit der kalten, regnerischen und stürmischen Bächte einen wärmenden Labetrunk mitzuführen pflegte. Als solchen verwandte er den schönen kräftigen Brannt­wein, den die Goslarer Brenner aus Korn und Gerste vortrefflich herzu stellen wußten. Bon diesem Getränk, dessen Geruch schon einem Frierenden Wohltat wie ein warmer Kachelofen, kaufte er eine große Steinkruke ein und goß es alsdann nach dem täg­lichen Bedarf in die Kalebasse um. Wie er es nun in den Wüsten des Morgenlandes trotz Hunger und Durst allzeit gehalten hatte, dab er nämlich auch vom letzten Bissen Brot eine Krume und von der kärgsten Handvoll trüben Pfützenwassers ein paar Tropfen für den heiligen Michael hingab, zum Dank für die genossenen Gnaden und zur Fürbitte für die Zukunft, so hielt er es auch in der Heimat. Born Brot und Kraut des Werktags, vom Fisch der Kisten und vom Fleisch der drei hochheiligen Feste legte er stets ein Stücklein vvrs Fenster, sei es, dab ein Bettler es fand oder Sperling, Taube oder Hund es erschnappten. Den Anteil vom Doanntwein aber brachte er dein Erzengel unmittelbar dar, der in Stein ausgehauen in einer seitlichen Bische links vorn Mit­tagsportal des Domes den Drachen erstach. Jeweils beim Rund- gang nahm er angesichts des Bildes aus der Kalebasse einen dankbar-andächtigen Schluck, hob danach das Gesäß und befeuch­tete den Felsen, auf dem das Roh des reisigen Heiligen sich Bäumte, mit einigem Bah wie einen Altar.

Da nun sogleich hinter dem Schweif des steinernen Pferdes die Dvmbauhütte vorsprang ergab sich halb überdeckt von dem 'Balkendach der Hütte, halb vom Bildwerk des Drachentöters ein artiges Unterschlüpfchen, in dem sich ein besonders wüten­der Regengub oder ein besonders eisiges Schnee- oder Hagelwetter leidlich trocken abwarten lieb. Ein von den Bauknechten ver­worfener Block fristete darin ein unfruchtbares Dasein und lud deutlich zum Biedersihen ein. Lange widerstand Kunrad der Der-

*)S echs f r ö h l ich eLege nden des bekannten Autors, mit Zeichnungen von Alfr. Seckelmann (Verlag I. I. Weber. Leipzig) atmen alle, wie das hier für unsere Leser ausgewählte Stück, ein überaus frisches Leben, wenn sie auch in alte Zeiten zurückführen und meist in Beziehungen stehen zu kirchlichen Ge­stalten und Auffassungen, die keineswegs in anstößiger Weise profaniert werden. Ein köstliches Gegenstück zur Wächterlegende ist z. B die noch heiterere Legende von einem Schulmeister, der nach dem Ende seines irdischen Daseins auch im Himmel sein Besserwissen ins Treffen führt und mit den Heiligen sich herum- zankt Die Geschichten haben keinerlei Stacheln und Wecken nur behagliche Fröhlichkeit.

lvckuug. Schließlich aber kauerte et sich einmal versuchsweise auf dem äußersten Rand des Blockes nieder, um ein wenig zu ver­schnaufen, und wie denn die Sünde um sich frißt wie eine Motte im Pelz, so wurde ihm, genährt aus dem weiten Bauche der Kalebasse, ganz allmählich ».in immer längeres Schläfchen in dem windstillen Winkel zur immer süßeren Gewohnheit. Gar nun in den wilden Wetternächten, in denen man sich nicht einmal einen Dieb 'hinauszujagen getraute, nur einen armen Wächter, und in denen die Leute ganz selbstverständlich die glimmende Glut auf dem Herd abends vor dem Zubettgehen ausgosfen, schaute er kaum noch einmal um die Ecke, bis der Tag zu grauen anfing und ihn weckte. Aiernals aber versäumte er, dem heiligen Wichael aus der Kalebasse mitzuteilen, indem er dabei mit einem dreist­schlauen Zutrauen betete:O heiliger Michael, wach' für mich!", und wenn er auch leider muß es gesagt werden, den Anteil des Erzengels immer kleiner bemaß, einen Schluck, ein Schlückchen, ein paar Tropfen behielt er doch immer noch übrig, um dem Patron ein Opfer darzubieten.

Die Goslarer Bürger ghnten nicht, wie übet behütet sie schliefen, eben weil sie das Zeichen eines guten, frommen Ge­wissens, schliefen. Dagegen erhub sich im gebenebeiten Erzengel Michael gemach ein heiliger Zorn. Es kümmerte ihn gar nicht, daß sein Zehnten an Branntwein immer geringer ausfiel, denn auf seiner Tafel duftete der süße Wein aus den himmlischen Weinbergen. Aber Kunrads Pflichtvergessenheit wurmte den edlen Ritter aufs heftigste. Es war auch der Tag an den Ungern abzuzählen, an dem Kunrad feine Kalebasse ganz allein leeren und für den Patron gar nichts, nicht den ärmsten Tropfen mehr Übrigkassen würde. Dann aber gedachte der Drachentöter den ungetreuen Knecht unnachsichtlich zu verstoßen, wie er sich ebenso gelobte, sich sein zu erbarmen, solange er des Schutzherrn nicht gänzlich vergäße.

Zu dieser Zeit begab es sich, daß der schwarze Hannes von Ilfeld, ein großer Räuber und Wegelagerer aus den Harzbergen, sich iti der Verkappung eines Roßramms in die Stadt einschlich. Er hatte es auf die Geldtruhe des reichen Schöffen Dütemeyer abgesehen. Als er bei Anbruch der Rächt aus dem warmen Stall seiner Herberge auf die Gasse schlupfte, warf ihn der Sturm fast zu Boden. Eisiger Regen peitschte fein Gesicht, und es heulte und pfiff schaurig um Giebel und Firste. Aber der Räuber lachte wild in sich hinein; das Unwetter kam ihm just gelegen.

Auch den Wächter Kunrad wehte die Gewalt des Winds zurück, als er zu seiner nächtlichen Runde ausbrach. Da schritt er noch einmal zur Branntweinkruke und nahm einen mäßig großen Decher als Herzstärkung zu sich Dann verließ er scheltend sein warmes Stübchen und trottete auf einem anständigen Um­wege zum Dom. Sein Zufluchtswinkel unter dem Drachentöter war trocken geblieben, denn der Sturm blies aus Rvrdwesten. Knurrend hockte er sich nieder, die KaWbasse hielt er auf den Knien. An diesem Abend warnte ihn eine heimliche Bangigkeit immer wieder, sich mit ihrem starken feurigen Inhalt einzulassen aber in un- christlichem Trotz scheuchte er die Bedenken zurück und sog um so hastiger an dem Gesäh, je lauter die innere Stimme ihm zurief:Halt ein! Halt ein! Zuletzt aber schrak er doch zu­sammen; denn er hatte ganz und gar verabsäumt, Bern heiligen Michael das Seine zu geben. Geschwind hob er sich in das Wüten des Sturmes empor, kehrte die Kalebasse um, drückte sie sogar mit beiden Händen (als wenn je dabei etwas hätte herauskornrnen können!) und siehe da: wirklich floß noch ein kleines dünnes Tröpslein auf den Stein. Dann fiel er zurück auf den Block und sank in einen tiefen Schlaf.

Droben aber im Himmel atmete der Erzengel gleichsam erlöst auf. Denn es war hohe Zeit. Schon klomm der schwarze Hannes zum Fenster des Schöffen Dütemeyer empor, und in wenigen Augenblicken wäre es um das Leben des wackeren Mannes, eines Wohltäters der Armen, geschehen gewesen. Kunrad war derzeit auch von dem Donner des jüngsten Gerichts nicht zu erwecken, das wußte der Drachentöter. Daher nahm er flugs die Gestalt des Wächters an und fein Gewafsen zur Hand, wäh­rend die schlummernde Seele Kunrads in einem rosigen Brannt­weinwölkchen schwebend in der Domnische zurückblieb. Der Erz­engel piekte den diebischen Klettervogel heftig mit der Hellebarde in die Kehrseite, und als Hannes sich grimmig zur Wehr setzte, rannte er ihm das Weidmesser durch die Brust, so daß der schlimme Mann alsbald seinen schwarzen Geist aufgab und also den seines Lasterlebens würdigen Lohn erntete. Darnach gab der ©ebenebeite der in ihrem Räuschlein glücklichen Seele deS Kunrad den irdischen Leib zurück, schrrmng sich auf fein Roß iMd ritt wieder als General an der Spitze der himmlischen Heerscharen.

Kunrad aber tappte im Morgengrauen noch ein wenig duselig aus fr-wc Ecke los. An Dütemeyers Hause stolperte er über etwas, das den Weg sperrte, und schlug im Fallen die Stirn wieder den Prellstein an der Wand. Ohne Besinnung blieb er liegen. Als bald daraus der Meßner zur Frühmette nach der Kirche Unfern- Lieben Frau eilte, fand er zwei Männer in ihrem Blut«,

(Schluß folgt.)

Schriftleitung: August Goetz - Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.