Ausgabe 
22.4.1922
 
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allerlei Gerümpel und kann ihn nicht finden. Der Hammer, der Hammer! Ha! da ist er.

Er saht ihn und schwingt ihn hin und her. Totschlägen wirb er das nichtsnutzige^Weib, die unnatürliche Mutter!

Der Schweiß bricht ihm aus afieit Poren, der Atem konunt keuchend aus seiner Brust. In dem Wirbel, der seinen Kopf durchrast, ist doch noch ein Fünkchen Besinnung. Mehr als einmal ist er am Schwurgericht unter der Zuhörerschaft gestanden, hat Räuber und Mörder auf dem Bänkchen gesehen. Wer das ging nicht Holterdipolter, daß sie ihrer Strafe verfielen. Es war einer da, der ihren Fürsprech machte, sie selbst durften sich verteidigen. Was dem einen recht war, war dem andern billig. Auch die Traud mochte probieren, ob sie sichverdeffendieren" konnte. Er war dann Richter und Bollstrecker zugleich

Sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, kehrte er in die Stube zurück.

Wo kommst Lu her?" nahm er sie ins Verhör.

Sie stand noch auf demselben Neck. Unter ihrer wollenen Kapuze quoll das üppige blonde Haar hervor. Ihr hübsches Gesicht hatte die frische Farbe eines Menschen, der sich viel in der freien Luft bewegt.

Bom Hunsrück," erwiderte sie demutvoll.

Da hast du die ganze Zeit gestocken?"

Rein, nur acht Tag'. Ich bin auch in der Eifel gewesen. Und am Rhein, herunter bis Wesel und herauf bis Speyer."

Und bist hausieren gegangen?"

Ha, wie meine Mutt^ selig."

Seine Hand packte den Hammer fester.

Warum bist du fortgemacht?"

Sie hatte den Blick niedergeschlagen, nun sah sie ihn voll an.

Weil ich mußt'."

Du schlecht Mensch!" brüllte er.

Debus," sprach sie, die Hände auf die Brust legend,ich bin kein schlecht Mensch Hier steh ich Kannst mit mir machen, was du willst. Wer eh daß du mich vermordesserst, Hör mich an."

Du willst dich verdeffendieren? hohnlachte er.

Ja. Debus, das will ich."

Aus seiner Kehle drang ein gurgelnder Laut. Zornwütig stürzte er auf sie zu und holte mit der Hand zum Schlage aus. Sie aber verriet nicht die mindeste Furcht und änderte auch ihre Haltung nicht. Da stutzte er und wich zurück. Kraftlos sank sein Arm herab, klirrend fiel der Hammer zu Boden. Reben dem Ofen stand eine Bank. Dahin wankte er und brach zusammen.

Debus," hob sie nach einer Weile an,ich will dir jetzt auseinanberlegen, wie das all gekommen ist. Ich bitt dich hör mich an. Guck, Debus, da sind Mann und Frau beisammen und | meinen, sie kennen sich Sie kennen sich nicht. Sie kennen sich selber nicht. Ich hab's an mir erlebt. Du lieber Gott, was hab' ich sie so lang dringeliert, bis sie mich mitgenommen hat. Selbig- Ich hab mir freilich eingebild't, ich tat was wissen. Gar nix hab' ich gewußt. Ich bin zwei Hahr' alt gewesen, da ist mein Vater selig mit seinem Fuhrwerk bei Maisborn im Hunsrück verunglückt. Meine Mutter selig hat sich arg quälen müssen. Und doch hab' ich sie beneidt'k, weil sie in der Welt herumziehen könnt' und jeden Tag was Reues zu sehen frag. Einmal hab' ich sie so lang dringeliert, bis sie mich mitgenommen hat. Selbg- mal' hab' ich gute Geschäfte gemacht und wär' auch beim Handel geblieben, wann's die Mutter gelitten hätt'. In Dingen hab' ich zwei Anträg' gehabt, von einem Buchbinder und einem Schreiber. Das war nix für mich. So einen Stubenhocker hätt' mir keins aufzwingen können, und wann er in Hundertmarkschein eings- wickelt gewesen wär'. Guck, Debus, daß du groß und stark warst und die schweren Säck' heben tatst und dich gerührt hast in deinem Geschäft, das hat mir an dir gefallen. Dessentwegen hab' ich auch (ileich ja gesagt, wie du mich seit haben wollt'st. In der Woll° pinnerei hätt' ich's so wie so nicht aushalten können. Dadezu war ich zu zappelig. Bei dir halt' ich Ruh. Und wie erst Der Heini kam, war ich glücklich!"

Sie hielt inne. Ein Strom von Tränen entquoll ihren Augen, und es dauerte Minuten, eh sie ihre Fassung Wiedergewann.

So ein Kind gibt's ja nicht mehr," redete sie weiter. Wann ich am Markttag drüben beim Vetzberger mein halb Pfund Kaffee und mein Päckchen Deutschen holen tat, da war ein Getu um den Bub, nicht zu beschreiben. Und wollt' ihn jedes einmal halten. Und Sonntags, das weißt du doch, sind die Leut' auf der Gass' stehn geblieben. So schön und so stark, das war die allgemeine Sprach', hatt' noch keins kein Kind gesehen. Und die Gescheitigekit von dem Bub. Das war doch ein Wunder. Ge­schwätzt hat er wie ein Mter, daß man sich alsfort fragen mußt': wie kommt das in den kleinen Wuschelkopf? Guck, Debus, du hast ja gewiß deine Freud' an dem Heini gehabt. Aber was ich gespürt hab, warm ich ihn so angucken tat, das steht In keinem Buch, dadefür gibt's halt keinen Ausdruck."

Wiederum hielt sie inne, mühsam ihre Erregtheit meisternd. Auf der Bank am Ofen saß der Packer, die Arme auf die Knie gestützt den Kopf zwischen den Händen.

Äu war das Unglück passiert," fuhr sie fort.Von der Stund' an hat mir ein Mpch auf der Brust gesessen, daß ich «gar nimmer recht Lust kriegen könnt'. Und war mir, als wär' in meinem Kopf was zerrissen. Und könnt' mich nicht retten vor

1 ^banken: was die Leut' jetzt sagen täten zu dem

müht" . und daß er sein Lebenlang verlahmt bleiben

m,rt6 öt>$ schon auSfimeliert halt', wie er sich in &er Welt einmal tummeln sollt, flink und flott wie ein junger s h^.ti" mir gezerrt und gewühlt, meinem

S11! 6Ek> mocht tchs nicht wünschen. Ha Debus 's ist schrecklich, aber s ist die Wahrheit: ich hatt' einen Widermut gegen mein eigen Kind. Wie ich selbigmal aus dem Haus bin weiß K9 gar nicht mehr, 's gedenkt mir nur noch, daß ich in raben­schwarzer Rächt auf der Landstraß' war. Und hat vom Himmel heruntergedrätscht, daß ich keinen trockenen Faden an mir halt' Unö mir war, als töt' mich von hinten eins schubben: Fort, fort! Und ich bin marschiert und marschiert. Gegen Morgen kam ich durch ein Dorf. Und ein Mann sagt', das wär' Assenheim. Und bin weiter, immer weiter bis nach Gau-Algesheim. Da wohnt der Kaufmann Sternheimer. Der hat meiner Mutter selig die War'^ geliefert. Und hat mich schon als Kind gekannt. Und l^llt mir mehr borgen, als in meine Kiep' hineinging. Und ich sollt bezahlen, wann ich könnt'. Die Zeit braucht man nicht »u nehmen, die gibt unser Herrgott umsonst. Wie flitzt so ein Hahr hin! Hch hab meine Sachen verkauft, suszigmal, hundertmal. Das schickt noch nix. Und hab wieder aufgekauft. Und hab wieder Geld verdient. Das liegt auf der Kass' in Algesheim.. Und hab' wohl dran gedacht, daß mein Platz bei dir wär und meinem Kind Und front nicht in das Elend zurück. Ha, Debus, wanns auch schandlasterlich war. ich könnt nicht,s war akkurat, als wann eine Wand stünd zwischen mir und dem verkrüppelten Kind. Dessentwegen hab ich doch erfahren, wie's hier ging. Die Schnee­bergern hinter der Kirch hat als meiner Got nach Dingen schreiben müssen. Die hat mir die Brief geschickt. 3n Simmern hab ich die Rachricht gekriegt, daß der Heini gestorben wär'. Wie ich das las, hab' ich zum erstenmal wieder weinen können, zum erstenmal seit sünsviertel Hahr. Ein Mannsbild weih nicht, was das heißt, nicht weinen können. Das weih nur ein Frauen­zimmer. Die Äugen sind mir schier aus dem Kops geflossen. Und hält' doch als fort greinen mögen, so leicht würd' mir, so wunder­bar leicht. Und der Alpch auf meiner Brust war wie fortgeflogen. Hetzt hätten mich keine zehn Gäul' mehr gehalten. Und hab' mich aufgemacht, hab' mir die Rächt kein Bett gegönnt, daß ich nur rasch bei dich käm'. Ru bin ich da!"

Also sprach die Traud sich aus. Run sie geendet hatte, hingen ihre Blicke erwartungsvoll an dem Packer. Der regte sich nicht. Zuerst hatten die Erschütterung, maßlose Wut keinen klaren Gedanken in ihm auffrmmen lassen, und die Worte der Traud waren an seinem Ohr vvrbeigeglitten. Allmählich ebbte der Aufruhr in ihm, er hörte zu und suchte sich mit dem Unsahlichen auseinanderzusetzen. Die Totgeglaubte war wieder da. Was hatte sie aus dem Haus getrieben? War's Schlechtigkeit oder krankhafter Sinn? Die Hahre seiner Eheschaft flogen an ihm vorüber. Daß ihn die Traud je belogen hatte, dessen konnte er sich nicht entsinnen. Warum sollte sie jetzt die Wahrheit be­mänteln? Daß eine Frau sich der Pflicht gegen ihr unglückliches Kind entzog, ja vor ihm floh, den Mann verlieh und in der Welt Herumstrich, lag außerhalb alles dessen, was seine Er­fahrung int Leben, seine Kenntnis von den Menschen umschloh. Freilich, eine Landstreicherin war die Traud nicht, sie hatte ihr Brot redlich verdient. Das Hausiergeschäft stak ihr im Blut, darin mochte die Mimel recht haben. Wenn man hin und her simulierte, was wohl in sie gefahren war, kam man immer zum selben Schluh: sie muhte behext gewesen sein. Ms er den Hammer über ihr schwang, hatte sie nicht mit der Wimper gezuckt. Sv benahm sich niemand, der sich schuldig fühlte. Um ein Haar, ünö er wäre zum Mörder geworden. Gottlob, daß er's nicht geworden war! Hinter ihrem Tun verbarg sich etwas Dunkles, Rätselhaftes, über das er sich nicht zu richten vermah. Und dah sie seine eigene Schuld mit keiner Silbe erwähnte, keine bitteren Deden gegen ihn führte, war nicht das Letzte, was ihn zur Milde stimmte. Schuld stand gegen Schuld. Richt doch, sie toar nicht schuldig, sie war krank! Und hatte das Beste heim- gebracht, was der Mensch auf der Welt haben konnte: die Gesundheit!

Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte er alles fortwischen, was auf ihn eingestürmt war und was nun hinter ihm liegen sollte.

Hetzt stand er auf und fagte: Traud, tu doch deinen Mantel ab!"

Sie tat sogleich, wie er gebot.

Seine Blicke umspannten ihre blühende Gestalt.

Er näherte sich ihr.

Du hast die weite Reis' gemacht. Hast du dann waS ge­gessen?"

Seit diesen Morgen noch nix," erwiderte sie.

Ich hab' noch Wurst und Brot," sprach er freundlich. Komm!"

Und legte die Hand um ihren Hals.

Ein Leuchten ging über ihr Gesicht.

Mitsammen schritten sie zur Küche.