Ausgabe 
22.4.1922
 
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Weltgeschichtliche Betrachtungen Jakob BurSrhardts.

(Nus neuen Briefen.)

Der Geist jener tiefsinnigen und vorausschauenden Geschichts- Philosophie, die Jakob Burckhardt in seinen berühmtenWelt­geschichtlichen Betrachtungen" niedergelegt hat, weht auch durch die Briefe, die der große Historiker an seinen Freund Friedrich von Preen gerichtet hat und die von Emil Strauß im neuesten Heft derDeutschen Revue" mitgeteilt werden. Der Krieg von 1870 beschwor eine Weltkrise herauf, von der Burckhardt bereits ahnte, daß sie nur den Anfang gewaltiger Katastrophen bedeute. Am 20. Juli 1870 angesichts des drohenden Krieges schreibt er dem Freunde:Für unsere Erkenntnis soll, was irgend kommt, in­zwischen nicht verloren sein: es ist gvjt, daß Du Erdenkind, selbst bei leidlicher Gesundheit und guter Situation in der Welt, wissest, auf welchen Abgründen Du wandelst usw. so predige ich mir selber vor. . . Es gibt einen leichten geschichtsphilvsophischen Trost: wasmaßen ein großer Krieg für lange Zeit Frieden, d. h. die deutliche Proklamation der wahren dauernden Haupt-

«pflanzt sind, werden verzeichner: Pflaumen Birnen Mispeln Mirsiche Nußbäume, Akaulbeerbäume und, der südlichen Lage rntsprechend, Mandelbäume und Feigen. Äach dem Muster der raiserlichen Höfe und Klöster wird nun der Obstgarten in Stadt Und Land, in Dors und Burg nachgeahmt, eine Freude für seine Besitzer und alle, die in ihm lustwandeln, gegen Deraubungen und Baumfrevel durch harte Strafverfügungen geschützt von einem Zaun oder einer Mauer umgeben, und, Wenn er weiter von dem Besitztum entfernt liegt, auch mit einer Wachterhutte ^^Der^Anfang des 9. Jahrhunderts ist es auch, tvv der Krauter- und Gemüsegarten eine reichere schlug

-v nf,f ;n seinem Ursprung aus das Hausland zurück, 1<yu g a&er dann schon frühzeitig einen von dem Obstgarten abDeichen- dm -^a ew Wie d e Obstbäume, so wurden <mch zahlreiche ^ner^ Küchenkräuter und Gemüse, die die Romer b^eits in Deutschland angebaut hatten, von den Deutschen in das Haus land ausgenommen. Ebenfalls war es hier m erster Linie ein vraktilches Interesse, das zur Kultur desselben den Anstoß gab. Denn diese Gewächse, wie Kümmel, Anis, Petersilie Senf, Zane- Ik-l'n galten nicht nur als wohlgeschmackverleibend, sondern mehr noch' als gesundheitsförderlich. Diese letztere Eigenschaft war es namentlich, die ihnen Eingang auf dem deutschen Hauslande verschaffte. Dazu traten dann noch die eigentlichen

wie Rosmarin, Raue, Salbei, Schlangenwurz, Lase.kraut, Fenchel und Allermannsharnisch. Auch einige Blumen fe. on dem Kraw teraarten nicht. Aber man zog auch sie n ,i sowohl ihrer Schönheit wegen als vielmehr, wie Lilien und Rosen, der tier= mkinMchen Amraft halber. Stets ist der Kräuter- und Ge­müsegarten von dem Obstgarten getrennt angelegt. 3n ben Klöstern wird ferner der Arzneigarten noch von dem Gemüse­garten gesondert. So liegt auf den. schon erumhnten Grund­riß des Klosters St. Gallen der Arznelgarten sui: sich in der Rahe der Wohnung der Aerzte, der Apotheke und des HospUals für Schwerkranke. Der größere Gemüsegarten dagegen stoßt an das Gärtnerhaus, das zugleich als Lagerraum für die Saniere en und Geräte dient. In den nichtklösterlichen Garten wird in­dessen eine so scharfe Trennung nicht eingehalten. Karl Der Große verordnete, daß in den Kräuter- und Gemüsegarten seiner Meierhöfe 73 Pflanzenarten angebaut würden. Zu den schon obengenannten kommen hauptsächlich noch Pfefferkraut, Porree, Kerbel Mohn Gurken, Melonen, Kohlrabi und Salat Aber Küchen- und Heilkräuter sind hier in einem und demselben Garten vereinigt. Abgeseheii von den Pflanzen unterscheidet sich der Nutzgarten von deni gewöhnlichen Hausland auch dadurch, daß man die Gewächse nicht feldmäßig anbaut, sondern für die ein­zelnen Arten getrennte Beete anlegt. Gerade die Beete werden in der Folgezeit mehr und mehr zum äußerlichen Kenn­zeichen des Gartens. And auch eine gewisse innige Freude an dem Gedeihen der Gartenpflanzen beginnt sich zu dieser Periode zu entfalten. In einem lateinischen Lehrgedicht, das den Lite!

Heber die Pflege der Gärten" trägt, schildert der Mönch Walach- srid Strabe, der in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts lebte, tote er im Frühling seinen kleinen Garten, der ganz von Bien- nesseln überwuchert ist. umgräbt, jeden Maulwurfshügel einebnet, jeden Regenwurm ausliest, wie er dann die Beete formt, indem er Holzbretter gegen die erhöhte Erde drückt, wie er daraus die Erdkruste mit Rechen und Hacke zerkleinert, fetten Dünger in -Körben herbeiträgt, den Samen auslegt, die überwinterten Pflanzen umsetzt und die jungen Keimpflänzchen behutsam mit Wasser aus der hohlen Hand begießt, so daß er durch alle diese Mühen braune und schwielige Hände bekommt, dafür aber auch durch einen reichen Ertrag belohnt wird.

Diese Gestalt bewahrte der deutsche Hausgarten im'wesent­lichen noch bis über das 15. Jahrhundert hinaus, wo ihm dann durch die Entdeckung Amerikas und die Handelsbeziehungen zum Orient und den sich daran anschließenden Pflanzenimport, sowie durch die Einwirkung der italienischen Gartenkunst ein wechselvolleres und schönheitsvolleres Gepräge verliehen wurde.

kräkte mit sich bringe. Ich will nicht geltend machen, daß es gemde bei 'den letzten Kriegen hieran fehlte, sondern wirklich einen großen Krieg mit folgendem dauernden Frieden voraus­setzen Aber um welchen horrenden Preis muß man das kaufen! Denn nur ein langer und zerstörender und das Innerste der Rationen (das jetzt trotz aller Entrüstung noch lange nicht an den Dag getreten ist!) aufrührender Krieg schafft jenes Re­sultat. Das letzte Ende könnte Dod> wieder (freilich erst wenn wir tot sind) ein Imperium romanum sein, nach dem es zuerst mehrere Assur Medien, Persien gewesen, sein werden. Eine Dynastie hat ein solches Imperium, wie wir wissen, nicht mehr, sondern nur eine Zentralverwaltung und (vermöge der Soldaten) eine leata tranguillitas. Die heutigen Menschen haben allmählich in großen gesellschaftlichen Schichten schon unbewußt der Ratio­nalität entsagt und hassen eigentlich jede Diversität. Sie opfern, wenn es sein muß alle ihre speziellen Literaturen und Kulturen gegendurchgehende Rachtzüge" auf. Was ich hier schreibe, klingt jetzt wohl wunderlich und ist doch gründlich wahr. . . Wenn man ein Recht behält im allgemeinen Durcheinander, so ist es das­jenige eines tröstlichen Aberglaubens. Eine in ihrer Art tröst­liche Lektüre kann jetzt der Simplizissimus werden, in welchem das Fortleben der edelsten Menschennatur unter den greulichsten Umständen das eigentliche Thema ist." Am 5. März 1871, nachdem das Kriegsgewitter sich wieder verlaufen hatte, schreibt er:Mein ganzes und einziges Sehnen geht nach den großen Reaktionen in Geist und Gemüt der beiden Völker. Ich weiß, das Wünschen wird uns mehr als einmal zum Narren halten, und wir werden Licht zu sehen glauben, wo uns nur die Augen flimmern, aber kommen muß es doch. And zwar um so gewisser und kräftiger, je weniger der Mensch in den beiden Staats- tümern seine Heimat finden wird. Der froße Haufen wird natürlich mit den bloßen Genüssen der Abspannung sich zufrieden geben, aber eine große Schar wird eben doch Besseres und Neues verlangen." Nach dem Wüten der Kommune schreibt Burckhardt,. daß eigentlich Rousseau das große Anhsil mit seiner Lehre von der Güte der menschlichen Natur angezettelt habe.Die Folge war tote jedes Kind weiß, die völlige Auflösung des Begriffes Autorität in den Köpfen der Sterblichen, worauf man freilich periodisch der bloßen Gewalt anheimfiel. In den intelligenten Schichten der abendländischen Nationen war inzwischen die Idee von der Naturgüte umgeschlagen in die des Fortschrittes, d. h. des unbedingten Geldver^ienens und Komforts mit Gewissens- beschwichtigung durch Philanthropie. Die einzige denkbare Hei­lung wäre: daß endlich der verrückte Optimismus bei Groß und Klein wieder aus den Gehirnen verschwände. Auch unser jetziges Christentum genügt hierzu nicht, da es sich feit 100 Jahren viel zu stark mit diesem Optimismus eingelassen und verquickt Hatz Kommen wird und muß die Veränderung, aber nach Gott weiß wie viel Leiden."

Auch über sich r löst gibt Burckhardt wertvolle Bekenntnisse in diesen neuen Briefen. Wir hören von seinen Italien-Reisen, von seiner Liebe zu guter Musik und guten Weinen. Weniger gern als nach dem Süden reist er nach London; in London sind ihm besonders die Steinkohlen verhaßt.In London empörte mich das Zeug beständig," schreibt er am 8. Januar 1870nicht so sehr wegen der Schmiererei, als weil es ein wahres Symbol alles widerlich modernen Lebensbetriebes ist und einen dabei auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Steinkohle ist das Moderne in seiner Zudringlichkeit. And wenn es dann einmal heiß wird und der Straßenstaub mit der schwarzen Mixtur gesättigt erscheint, so macht es mich desperat."Wer heutigen Tages Kunstgeschichte dozieren will," meint er am 16. Juni 1879,ist nun einmal zu periodischem Geldverschlagen auf Reisen usw. mit Anschaffungen verdammt. Wenn ich aber reich genug wäre, tote gut wüßte ich, was ich täte! Ordinariat samt Besoldung würden niedergelegt, und ich bliebe mir Professor hvnorarius und läse, was mir beliebte ohne jene schauerliche Hatz welche mich nötigt, in einem bestimmten Semester einen zeitlich bestimmten Sachinhalt durchzujagen. Diese Eile wird im vorgerückten Alter sehr beschwerlich und man sieht obendrein so gut, wie eitel eigentlich die Mühe wegen der chrono­logischen Scheinvollständigkeit eines Kurses ist. Ich wundere mich nur immer über mein Gedächtnis, welches wirklich noch ein gutes Tier ist." Im Jahre 1889 bekennt er, daß er allmählichdie rechten mythischen Augen" bekomme,vielleicht sind es die des wiederum dem Kind sich nähernden Alten. Aebrigens gebe ich mich nicht nur mit alten Sagen und dergleichen ab, ganz wie Sie rekapituliere ich jetzt bisweilen die bunte eigene Vergangen­heit, nur werde ich mich vielleicht mehr zu wundern Arsache haben als Sie, weil ich so vieles töricht beurteilt und angegriffen habe. Was wir beide gemeinhaben in unserem Erdenwallen, das ist die Notwendigkeit gewesen, dem Augenblick durch Arbeit zu ge­nügen. Es ist über uns nicht jene Dleiwalze gegangen, welche so viele brave Leute platt drückt."

Das Schmerzenskind.

Don Alsred Bock.

(Schluß.)

In seinen Adern kocht das Blut. Gr stürzt in die Kammer. Irgendwo muß da ein Hammer liegen. Gr sucht ihn unter