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,Z 1922
Nr. IS
Samstag, 22. April
Aus der Jugend des deutschen Hausgartens.
Don Dagobert Winter.
Die altgermanischen Dörfer bildeten, wie uns Tacitus berichtet, keine festgeschlossenen Ortschaften, sondern sie glichen mehr einer Reihe nur lose miteinander verbundener Einzelgehöfte. Zu einem jeden dieser Gehöfte gehörte ein Stück Haasland oder Rußland, das an die Hofstatt flieh. - Dieses Hausland lieferte die sogenannte Schmalsaat. Während das eigentliche Ackerland, auf dem das Getreide angebaut wurde, Gemeindeeigentum war, war das Hausland unbeschränktes Eigentum des Hofbesitzers. Auch das Hausland war usprüngliches Feld. Im Gegensatz zu dem Gemeindeland aber war es nicht zum Anbau des Getreides bestimmt, sondern es trug nur die als Schmalsaat bezeichnete pflanzliche Zukost, wie Hirse, Dohnen, Linsen, Erbsen und Rüben, ilm es als Sondereigentum zu kennzeichnen und auch wohl zum Schutz gegen die Tiere war es, ebenso wie die Hofstatt, von einem Zaun aus Flechtwerk umgeben. Aus diesem Schmalsaatland ist der deutsche Hausgarten hervorgegangen, und die Abgrenzung durch einen Zaun verdankt er, wie wir sogleich sehen werden, seinen Ramen.
Der Garten in unserm Sinn hat erst ziemlich spät auf deutschem Doden Eingang gefunden. Der Germane hat anfänglich für die Schönheit der Pflanzenwelt wenig Derständnis besessen. Das lätzt sich noch heute aus dem Charakter der altgermanischen Kunst erkennen. Während in der Bronzezeit, der Eisenzeit und in den ersten geschichtlichen Jahrhunderten in den Ornamenten einfache oder phantastisch verschlungene Linien sowie stilisiertes Figurenwerk von Tier und Mensch auftraten, findet sich keine Anlehnung an Blatt, Blüte oder andere Pflanzenteile vor. Diese Gleichgültigkeit gegen die Pflanzenwelt, soweit sie nicht Rahrung spendete, verursachte es auch, dah der Germane nicht selbständig auf den Gedanken geriet, ein Stück Land in der Rahe seines Gehöftes mit Pflanzen nur des Schmuckes wegen zu besetzen. Roch in den älteren Teilen des Gälischen Gesetzes deren Abfassung in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts zu verlegen ist, wird der eigentliche Garten nicht erwähnt. Erst in den späteren Texten taucht er auf, indem hier Strafbestimmungen gegen Diebstähle in Weinbergen und Gärten erlassen werden Aus den Pflanzen, die in den ersten deutschen Gärten gezogen worden einerseits und aus der Benennung dieses durch einen Zaun umhegten Landflückes anderseits aber ergibt sich, daf> der Garten wie schon angedeutet, aus dein Hausland entstand. Der Zaun' der, das Hausland umgab, wurde hergestellt aus Ruten oder Gerten. Don diesem letzteren Wort her, das auch noch in dem Wort „umgürten" nachklingt, entwickelte sich der Rame Garten Es war also ursprünglich dasjenige Stück Land, welches durch einen Zaun von Gertengeslecht umfriedigt war. Da das Hausland, wie erwähnt, Sonderetgentum des Einzelnen war. so genoß es auch einen höheren Rechtsschutz, und da sich der Garten wieder erst von dem Hausstand abtrennte, so kommt es, daß in den ältesten deutschen Gesetzen auch gegen Beschädigungen und De- «rubungen von Gärten strenge Strafen und Butzen verhängt sind. Einen Hinweis, daß der Garten in der Tat seinen Mimen von der Einzäunung mit Ruten ober Gerten erhielt, liefert noch gegenwärtig die Schweiz. Dort nennt man ein Stück Land das mit Flachs. Hanf oder Kartoffeln bestellt ist. sobald es mit
einem Zaun aus Weidenrutengeflecht umgrenzt ist, auch wenn es im freien Felde liegt, „Garte".
Erst die engeren Beziehungen zur römischen Kulturwelt und sodann die Besitzergreifung des römischen Kolvnialgebietes am Rhein und in Süvdeutjchland brachten den Deutschen den wirklichen Garten. Auf ihr Derhältnis zur Pflanzenwelt wirft auch für diese Zeit noch der Amstand ein Helles Licht, dah die Anfänge des deutschen Hausgartens nicht auf den Blumen- und Ziergarten, sondern auf den Obstgarten zurückgehen. Der Rutzen des Obstes als Rahrungsmittel sprang deutlich in die Augen, und deshalb schickte sich der Deutsche auch zuerst an, Obstbäume auf einem Stück seines Hauslandes zu pflanzen und zu ziehen. Zwar besah man auch früher schon Obst, wie Holzäpfel. Schlehen und Weichselkirschen, aber es wurde seiner mangelhaften Be- Ichaffenheit wegen nicht zum Rohgenuß. sondern zur Bereitung einer Art Obstwein verwendet. Erst der Bekanntschaft mit den römischen Kulturzüchtungen verdankte der Deutsche zum Essen brauchbares Obst, und nachdem er feinen Wert als Rahrungs- und Genutzmittel erkannt hat, nimmt er sich eifrig der Obstbaumzucht an und macht sie, soweit es die klimatischen Bedingungen, irgendwie gestatten, schnell bei sich heimisch. Daß wir unsere fetzigen Obstsorten aus den Händer der Römer empfingen zeigt die Bildung ihrer Benennungen. Die Ramen Pflaume' Birne, Kirsche, Psirsich. Quitte und Mispel sind sämtlich dem Lateinischen entlehnt und erst im Volksmunde umgetvandelt worden. Rur die Ramen für Apfel und Ruh sind rein deutsch da man jenen, wie erwähnt, bereits in dem Holzapfel, diese in der Haselnuß kannte. Ebenso sind die Bezeichnungen für die verschiedenen Vornamen bei der Obstbaumzucht, wie Pfropfen und Impfen, dem Lateinischen entnommen. Der Beginn der deutschen Obflbaumzucht auf dem Hauslande darf gegen Ende des 5. Jahrhunderts angefetzt werden. Sie saht zuerst Fuß im Westen und Südweflen Deutschlands und schreitet dann allmählich nach Osten und Rvrden vor. Das 6., Z. und 8. Jahrhundert sind daher die Periode, wo sich der deutsche Hausgarten mehr und mehr sein Daseinsrecht erwirbt. Aber in dieser Zeit ist er vorzugsweise nur Obstgarten oder, wie er gewöhnlich genannt wird, Baumgarten.
Im Anfänge des 9. Jahrhunderts steht der Obstgarten schon auf einer beachtenswerten Stufe der Ausbildung. Wir sind über ihn namentlich durch die Anweisungen, die Karl der Große über die Bewirtschaftung und Verwaltung seiner Meierhöfe erlassen hat, genauer unterrichtet. Die Hauptobstart, die in den Gärten dieser Meierhöfe gezogen wird, ist der Apfel. In der Verordnung des Kaisers werden ZO Apfelsorten angeführt, die in Dauerobst, nicht haltbare und Frühäpfel geschieden werden. Geschätzte Apfelsorten sind unter anderen die Geroldinger, Gvder- dinger, Gozmaringcr, Crevedeller, Orgelinger, Sibelbinger. Sie lassen sich jetzt nicht mehr bestimmen. Rur eine Apfelsorte hat sich ununterbrochen vom Mittelalter bis auf unsere Zeit erhalten: der Dorsdorser. Er wurde von den Zisterziensermönchen auf auf dem Klostergute Porstenhof bei Dernburg an der Saale das zum Kloster Pforte, der heutigen Erziehungsanstalt Schnl- pforta, gehört, gezogen.
Wie hier auf den kaiserlichen Gütern, so findet die Obstzucht auch in den Klöstern, wie ja auch schon die Abstammung des Dorsdorser Apfels von einem Klostergute andeutet sorg- allige Pflege. Auf dem Grundritz des Klosters St. Gallen n ber Schweiz vom Jahre 830 ist der Obstgarten auf dem Friedhof angelegt. Als Bäume, die zwischen den Gräbern an*


