Ausgabe 
21.10.1922
 
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besitzt einen Speisesaal in weißem Lackschliff, Damen- and Rauch- salon und sogar Gelegenheit für musikalische Veranstaltungen, Promenadendeck ufro. Der Riesendampfer ist mit allen erdenk­lichen Sicheicheitsvorrichtungen, mit Hospitälern, Apotheken asm. ausgestattet. Das Schiss führt mit einer Maschinerie von 30 000 PS. etwa 20 Knoten, braucht also rund 8 Tage für die Ueberfah-rt von Bremen nach Reuhork; es hat zwei Propeller, ist 236,3 Meter lang und 25,5 Meter breit und verschlingt stündlich 17l/2 Tonnen Kohlen, um seine 12 Dvppelenderkessel mit 80 Feuerungen zu versorgen. ________

Wie eine alte Stadt entstand.

Von dem Bilde alter Städte kann man ihre Geschichte ab- lesen wie eines Menschen Schicksal von seinem Antlitz FreitvH muß man den Blick dafür geschärft haben, wenn, man den fternernen Denkmälern ihre Erlebnisse abfragen will. Ein Werk über das alte Bremen, das soeben vom Focke-Museum für Bremische Altertümer im Insel-Verlag herausgegeben wird, bietet in fernen zahlreichen Darstellungen das organische Wachstum ernes Stadt- gebildes von den frühesten Plänen bis zu den Ansichten aus dem 19 Jahrhundert. Aus Liesen Bildern und aus, fernem trefflichen Tert erfährt man in der klarsten und anschaulichsten Werfe, wie eine alte Stadt entstand, wie sie zum mächtigen Gemeinwesen, zuin blühenden Mittelpunkt für Kultur und Wirtschaft wurde. 3m Lande der alten Sachsen, die sich so hartnäckig gegen das Eindringen des Christentums verteidigten, gab es erne Stelle am Weferftrvm, etwa 6080 Kni. von seiirer Mündung entfernt, wo ein niedriger Dünenzug dicht an den Must herantrat uno den Uebergang unmöglich machte. Grade an dieser Stelle ist der Flustlauf in zwei größere Arme geteilt, und diese beiden Um- stände erleichterten die Aeberquerung des Stromes, boten den natürlichen Anlast zur Errichtung einer Fähre. Schon tn uralter Zeit hauste also an Lieser Stelle ein Fährmann, der den Verkehr zwischen den beiden. Weferusern »ermittelte, und an diesem Fahr­ort siedelten sich bald ein paar Krämer an, die allerlei mit Len Uebersetzenden handelten. Es entstanden eine Anzahl ÜMchcr- hütten auf dem niederen Dünenzug, und damit war die Urzelle einer Stadtgründung geschaffen. Für die Entwicklung dieser Sied­lung aber war von hoher Dedeutung, Latz noch ein anderer .Um­stand hinzrttam: bei dem Fährort war auch der Punkt, bis wohin in Ebbe und Flut der tägliche frische Atemzug des Meeres reichte, an dem Seeschiffahrt und Fluhschiffahrt zusammentrafen. So wurde denn hier gar bald Handel getrieben, und vornehmlich b°i der Fähre am sonnigen südwestlichen Dünenhange, wo ein kleiner Mustarm, die Balge, sich vom Hauptstrom abzwergte, schlossen sich die Häuser um einen Marktplatz zusammen. Der älteste Vollsversammlungsvlatz, der Tie, lag am oberen Ende der Balge und lebt noch heute in einem alten Stvatzenzuge, der Tiefer, fort. Da die Ansiedlung auf ein schmales Gelände an­gewiesen war, so Iie'& die Jaumartige Gestaltung des Ortes, die den Dünenzug gleichsamverbrämte", ihr den Barnen Bremen. Zu Len ältesten Straßennamen in jener Gegend gehören der Schnoor und die Langewieren, die beide auf die fadenartig ge­dehnte Form der Riederlassung hindsuten. 3n die Geschichte tritt diese Siedlung ein, als auch an sie der welthistorische.Zusammen­stoß zwischen Heidentum und Christentum herantritt.

3n der Lebensbeschreibung Sankt Willehads wird erzählt, Laß 782 bei einem Aufstande &er Sachsen gegen Karl den Großen der christliche Priester Gerval und seine Genossen in Bremen umgebracht wurden. Damals muß also bereits das Christentum an dem Fährvrt festen Fuß gefaßt haben, und es mag auch schon eine einfache Dorskirche bestanden haben, die wohl an dem westlichen Ende des Ortes lag, wo später die mit ihren Resten 1860 beim Dörsenbau beseitigte Wilhadi-Kirche stand. 787 er­nannte Karl der Große Willehad zum Bischof in einem weiten Gebiet, zu Lessen Mittelpunkt der neue Bischof Bremen erkor. Dort errichtete er den ersten Dom als weithin sichtbare Bischvfs- ktrche auf der Dünenhöhe. Um den Dom gruppierten sich der bischöfliche Palast, die von Gärten umrähmten Domkurien und die Wohnungen der zahlreichen Bediensteten und Werlleute, die zu der Umgebung eines bedeutenden Kirchenfürsten gehörten. Kaiser Otto I. verlieh der Stadt 937 Las Marktrecht, und man hat in diesem Privileg nicht mit Unrecht die Geburtsurkunde der Stadt Bremen gesehen, die sich nun erst recht entwickeln konnte. Westlich von der bisherigen Stadt wurde ein großer Marktplatz angelegt, und die Bebauung ging nährend der Glanzzeit des erzbischöfliche Bremens von 9501100 rasch vor sich Um den ragenden Turm der Domkirche herum entstand ein halbes Dutzend Kirchen; Giebel drängte sich an Giebel, Wohnhäuser und Speicher wuchsen empor, und so entstand auf der Balge-3nsel und in deren Nachbarschaft die Kaufmannsstadt, im Rordwesten das Quartier der Handwerker mit ihren langen Straßenzeilen. Die erste Be­festigung der Stadt, von der wir wissen, war ein Wall gewesen, dec gegen die Raubzüge wilder Horden errichtet wurde. Um 1040 erhob sich die erste Stadtmauer mit Toren und Wachttürmen, und bald genügte auch sie nicht mehr, wurde um die Vorwerke Herumgeführt, die bereits über den Fluß hinübergrissen und um« spannte so ein weites Rund, in dem das vielgestaltige Leben des Stadtwesens sich in Ruhe und Sicherheit abspielte.

Die älteste Christus-Statue.

Die älteste bisher bekannte Statue von Christus und eins der bemerkenswertesten Kunstwerke der frühchristlichen Zeit über» Haupt hat jetzt im Thermen-Museum zu Rom Aufstellung gefun­den. Wie ein Mitarbeiter des Manchester Guardian berichtet, wurde das Werk für das Museum in Rom bei einem Antigui» täten'händler gekauft, der es als eine Statue des Apollo aus­gestellt lhatte. Die Plastik, deren frühere Geschichte unbekannt ist, ist ein bedeutendes Kunstwerk aus Marmor und etwa in ein Drittel Lebensgröße. Den einzigartigen Wert der Statue erkannt, man aus einer genauen Vergleichung mit den Darstellungen der Ehristusgestalt auf den frühchristlichen Sarkophagen. Es ergab sich eine vollständige Gleichförmigkeit des Typus mit der aus diesen Kunstwerken bekannten Gestalt des sitzenden Christus. Der Sessel, die Haltung der Anne, die Manuskriptrolle in der linken Hand, die Stellung der Deine all dies ist ganz so wie auf den Sarkophagfiguren, so daß man annehmen darf, diese Aehn- lichkeit ist nicht zufällig, sondern die hier wieder aufgefundene Status stellt das Vorbild dieser bekannten Ghristus-Darstellungen dar. Aus stilistischen Gründen muß das Bildwerk in die Zeit vom Ende des dritten oder vom Beginn des vierten vorchrist­lichen Jahrhunderts gesetzt werden. Dadurch erhält die Plastik aber eine ganz außerordentliche Bedeutung, denn es gab bisher auf der ganzen Welt keine einzelne Statue aus so früher Zeit, die den Anspruch darauf machen kann, ein Porträt von Christus zu fein, und überhaupt gibt es sehr wenige Werke, von denen man tn irgendeinem Sinne annehmen fonn, daß sie einen direk­ten Zusammenhang mit der Persönlichkeit des Heilandes haben. Die wichtigste Tatsache bei dem neuen Porträt ist die, daß das Gesicht bartlos und jugendlich, in heiterer Schöne dargestellt ist. Dadurch steht dieses Bildnis in strengem Gegensatz zu der ge­wöhnlichen Vorstellung des Christusbildes, auf dem die Züge in düsterem oder schmerzlichem Ausdruck erscheinen und von einem Bart umrahmt sind. Dieser Typus stammt aus dem Orient, während unsere Statue di» abendländische Anschauung von Christi Aussehen verkörpert. Die Trennung tn den beiden Auffassungen entspricht der Teilung des römischen Reiches in ein Ost- und Westreich im Jahre 395 n. Chr. Es entwickelten sich nun zwei streng getrennte künstlerische Ueberlieferungen, von denen die eine der römischen, die andere der orientalischen Porträtkunst folgte, und für den westlichen Typus ist, die Bartlosigkeit be­zeichnend, während das bärtige Gesicht in der byzantinischen, koptischen und syrischen Kunst überwiegt.

Die erste Darstellung des östlichen Typus haben wir in einem Mosaik, das sich jetzt im Vatikan befindet; von dort geht di« Entwicklung über die byzantinische Kunst bis zu den Christus» bildern von Giotto und den Srecentiften, und erst in der Renais­sance erfolgte eine selbständige Umformung der Züge. 3n der Literatur wird uns dieser orientalische Typus zuerst von Johannes von Damascus überliefert, der 754 n. Ehr. starb. Er beschreibt des Aussehen Christus als das eines Mannes von frischer Ge­sichtsfarbe, mit einem Teint wie Weizen, mit krausem Haar, schwarzem Bart, dichten Augenbrauen und langer Rase. ®ie früheste Darstellung dieses Typs war ein bärtiges Antlitz des zweiten Jahrhunderts, das die Callixkus-Katakomben schmückte und jetzt zerstört ist. Rur eine Kopie ist erhalten. Die westliche Uebertieferung ist nur in einer großen Gruppe kleinerer Kunst­werke aus uns gekommen, die nicht früher als gegen Ende des 4. Jahrhunderts anzusetzen sind. Reben einem geschnitzten Elsen- beinkasten des Britischen Museums und den holzgeschnitzten Pa­neelen an den Türen von St. Sabina auf dem Aventin zu Rom kommt da besonders ein Steinrelief auf Kleinasien in Betracht, das sich jetzt in Berlin befindet, sicherlich eine römische Arbeit ist und von Strhgowski ans Ende des 4. Jahrhunderts gesetzt wird. Dieses Steinrelief hängt mit der neuaufgefunbenen Statue eng zusammen. Auch das neue Bildwerk steht an der Grenze zwischen christlicher und antiker Kunst, und es sind die antiken Ueberlieferungen, die den Charakter der Arbeit bestimmen. Das geht schon daraus hervor, daß die Statue zunächst als ein Apollo angesehen wurde. Solche Uebertragungen antiker Vorstellungen auf christliche Kunstwerke sind ja nicht selten. Orpheus, der mit seinem Gesang die wilden Tiere bändigt, erscheint als Symbol der srühchristlichen Darstellungen; ebenso wird Christus als der gute Hirte unter dem Bilde des ein Kalb tragenden Hennes ge­geben, der auf uralte antike Kultur zurückgeht. Welcher von den beiden Typen die Züge des geschichtlichen Christus wiedergibt, ist schwer zu sagen. Es scheint, als ob der Bericht des Johannes von Damascus viel Authentisches hat, und danach .würde der östliche Typ den Vorzug verdienen. Aber zweifellos ist auch der abendländische Typus eine Darstellung, die irgendwie von dem Aussehen Christi abgeleitet ist. und deshalb besitzt die neue Statue, die die früheste Verkörperung dieses abendländischen Typus bar* stellt, einen einzigartigen Wert.

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R, Lange, Gießen.