Samstag, 21. Oktober
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1922 — Nr. 42
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Geschichten
aus dem neuen KronprinZsn-Buch.
Das neue Werk des Kronprinzen Wilhelm ^Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf", das bei E. S. Mittler und Sohn in Berlin erschienen ist, flicht in die Darstellung der kriegerischen Ereignisse eine Fülle lebendiger Einzelzüge, die von dem Heldentum und der Gesinnung der Kämpfer nicht weniger eindrucksvoll zeugen als die großen Kampfhandlungen. Einige charakteristische Geschichten, die der Kronprinz erzählt, seien hier wiedergegeben.
Der alte Göhler.
Der alte Göhler, der kommandierende General des 6. Reservekorps, war stets soweit wie möglich vorn und fast immer zu Pferde. Gr hielt das für richtig, denn 1870 hätten die Führer es ebenso gemacht. Dadurch kam der Stab des Generalkommandos sehr oft in schweres Ärtillerrefeuer, was ihn aber keineswegs störte. Als die Vorhut des 6. Reservekorps bei Dun die Maas erreichte, lag der Ort unter heftigem Feuer. Die Pioniere hatten Brückenstegs und Schnellbrücken gebaut, außer einigen Kompagnien uxiren aber noch keine Truppen hinüber. So mancher mochte wohl denken, es ist ja nicht so furchtbar eilig. Der alte Göhler war mit den ersten Kompagnien hinübergegangen und lag nun hinter dem Bahndamm in vorderster Linie. Die Situation war recht ungemütlich, die Franzosen schossen wie wild, und jeden Augenblick konnte ein Gegenangriff die schwachen Kräfte wieder auf das östliche Maasufer zurückwerfen. Der alte Göhler sagte also zu Schwankes: „Her mit dem Didisionskvmmandeurl" Schlrehlich traf dieser auch ein. Der Kommandierende befahl ihm, dre Höhe -halblinks zu nehmen. Der Divisionskommandeur begann einen wohlgeformten Divisionsbefehl Punkt für Punkt aufzufetzen. Der alte Herr schnitt ihm aber Las Wort mit der drastischen Bemerkung in echtem Berlinisch ab: „Det is ja allens scheen! Hier haben Sie drei Bataillone, und na puff uff die Höhe." .Und so geschah es denn auch-. Der alte Göhler war ein glänzender Feldsoldat, ein prächtiger Mensch, ein Original. Seine Leute liebten .ihn, und ich habe ihn aufrichtig verehrt.
Wie Montmedh erobert wurde.
Zuweilen fehlt auch im Kriege in ernsten Augenblicken nicht die Komik. Der Stab des Höheren Landwehr-Kommandeurs, der den Angriff auf Montmedh leiten sollte, befand sich gerade im feierlichen Moment der Ausgabe seines wvWmrchSachten Angriffsbefehls, als plötzlich ein völlig verstaubter württembergischer ällanenoffizier in die Stube trat, „Mensch, wo kommen Sie in dem Auszuge her?" war die etwas unfreundliche Begrüßung. „3 komm' halt aus Montmedh." „Aber das ist doch Blödsinn. Das wollen wir ja erst erobern. Stören Sie uns nicht durchs solch« Witze in unserer -ernsten Arbeit." ,,S' tut mir wirklich sehr leid. Die Arbeit könne Sie sich spare. 3 war grad mitte drinn in Montmedh Die Franzose sind alle ftirtl"
Kirchhoff singt.
Der Kammersänger Kirchhoff, der eine Zeitlang im Stabe des Oberkommandos als Ordonnanzoffizier kommandiert war hat am Heiligen Abend 1914 im vordersten Graben des Regiments 130 seine Weihnachtslieder gesungen. Er berichtete mir nächsten Tages, öah einzelne Franzosen auf ihre Brustwehren geklettert wären, und so lange Beifall geklatscht hätten, bis er noch eine Zugabe hinzufügte. Hier hatte das Weihnachtslied
mitten im bitteren Ernst des heimtückischen Grabenkrieges ein Wunder gewirkt und von Mensch zu Mensch eine Brücke geschlagen. i
Die Meldung ins Grab.
Eine schwere Batterie meiner Division war auf grundlosen Wegen unter unsäglichen Mühen herangebracht, um am Hang einer Höhe in Stellung zu gehen, von wo sie durch ihr Feuer die unter der weit überlegenen französischen Artillerie schwer leidende 3nfanterie entlasten konnte, soweit es die knapp bemessene Munition zulieh. Die von der festen Hand ihres Batteriechefs, eines allgemein beliebten Vorgesetzten, vorgeführte Batterie war noch nicht feuerbereit, als ein schwerer Eisenhagel aus sre nieder- prasselte. 3hrem Führer war die Rot seiner Kameraden in der Feuerlinie wichtiger und dringender erschienen, als die möglichst vorsichtige Vorführung der Batterie. Lage auf Lage wohlgezielter schwerer Einschläge der aufmerksamen französischen Artillerie zerschlugen in kurzer Zeit zwei Geschütze völlig, ein Teil der Bedienungsmannschaft lag blutend am Boden. Die Autzlosig- keit aller aufgewendeten Mühe einsehend, verbot der Divisionskommandeur daher die Fortsetzung des aussichtslosen Artilleriekampfes und befahl, dah die Bedienungsmannschaft die Geschütze vorübergehend verlassen und die Batterie später die Stellung wechseln solle. Es bedurfte eines energischen Befehls an den nur widerstrebend gehorchenden tapferen Datterieführer um zunächst wenigstens bas erstere zu erreichen und das Herausziehen der Geschütze dem Dunkel der Rächt vorzubehalten. Doch vergebliche Mühe. 3m Morgengrauen des folgenden Tages fiel der 'Batteriechef im Augenblick, als er selbst mit Hand anlegte, feine schwerbeschädigten Geschütze zu bergen. Aber der Wille des gefallenen Führers blieb in seinen Leuten lebendig, in der folgenden Rächt brachte sein getreuer Wachtmeister den' Rest der Batterie unter erträglichen Verlusten in Sicherheit. Wir begraben den ta puren Batteriechef an einem strahlenden Wintertage auf dem kleinen schmucklosen Dorffriedhof. Gin ruhiger Tag an der Front. Wer sich freimachen konnte, war zur Stelle, um diesem bis zum Tode getreuen Manne die letzte Ehre zu erweisen. Aach einer ergreifen-- den Ansprache des Divisionspfarrers trat einer nach dem andern heran, um dem lieben Kameraden eine Handvoll Erde in das Grab zu werfen. 2Ils letzter der Wachtmeister. — Ein kurzes Zu- fammenschlagen der Spores. — Seine innere Erregung mühsam bcherrschend und mit tränenerstickter Stimme, aber doch wie etwas Selbstverständliches, bisher Versäumtes, klang seine streng dienst- liche Meldung laut und vernehmlich über seines alten Hauptmanns offenes Soldatengrab: „3ch wollte Herrn Hauptmann auch noch melden, wir haben die Geschütze doch zurückgebracht!" Da ging eine Bewegung durch die Versammlung, ein einziges Ausschluchzen all dieser harten Männer, die, bis ins Herz ergriffen, das offene Grab umstanden. Rur stockend und mit Tränen in den Augen vermochte der alte Divisionspfarrer das Schlutzgebet zu sprechen.
Badewannen für Ochsen,
3ch möchte an dieser Stelle auch der glänzend eingerichtete« Hüttenstadt gedenken, zu der die Württemberger hinter ihren Kampflinien im Argonnenwalde das Waldlager ihrer Ruhebataillone ausgebaut hatten. Der Spiritus rector dieses Lager- War ein Rittmeister Zöppritz, von Beruf Großindustrieller, ein genialer Organisator. Eines Tages besuchte ich wieder die Stätte seiner Wirksamkeit und fand zu meiner Pleberraschung in den Blockhäusern eine große Anzahl sehr schöner emaillierter Badewannen. Auf meine Frage, woher dies« stammten, antwortete «


