Ausgabe 
21.1.1922
 
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frischen Jungen. Aber Männer zwischen zwanzig und dreißig, wie sie als Freier für gesunde Mädels in Betracht kommen, die waren nur in seltenen Exemplaren vorhanden. Der Witz meiner Cousine: Man verteilt in einer Gesellschaft die Herren so, daß jede Dame einen sehen kann das Wort batte für Weimar eine trübselige Bedeutung.

Die ReLrrtiVität der Msffe.

Sie Lehre Einsteins stellt unter anderem eine gründliche Revision einer Reihe von Begriffen dar, die vorher als fest­stehend galten. So sind die Begriffegleichzeitig" (siehe G. Anz. vom 15.10.1921, 3. Dl.) undräumliche Entfernung" nicht absolut, sondern relativ, ö. h. es kommt bei ihnen daraus an, unter welchen Umständen die Beobachtung der Gleichzeitigkeit bzw. die Messung der Strecke vorgenommen wird, so daß zwei Ereignisse, die für einen Beobachter gleichzeitig erfolgen, für einen andern Beobachter durchaus nicht gleichzerttg aufzutreten brauchen und ein- und dieselbe Strecke, die für den einen eine ganz bestinimte Länge hat, einem andern, ie nach den DevSachtungsumständen, länger oder kürzer Vorkommen muh. Die Verfolgung der neuen Begriffs- bestimmungen führt zur Aufklärung mancher Naturerscheinungen, die mit Hilfe der alten Definitionen nicht gebeutet werden konnten. Eine der wichtigsten Begriffsrevisionen betrifft den Begriff der trägen Masse". Was ist dieträge Masse?" Die Erklärung ist für den Laien nicht einfach; er versteht aber die Bedeutung der trägen Masse" eines Körpers durch einen Vergleich mit dem Gewicht". Will man z, B. einen Schleifstein in Drehung ver­setzen, so muh man eine beträchtliche Muskelkraft aufwenden, und die .Ursache für den Widerstand ist nicht etwa das Gewicht des Schleifsteins denn dieser ruht ja auf den Achsenlagern sondern seine Masse, die ihren Zustand der Ruhe nicht gern auf­gibt. Die Masse ist das, was alsgreifbar" gilt; sie ist der Inbegriff alles Konkreten: sie ist, was alle festen, flüssigen und gasförmigen Körper der Welt betrifft,wirklich da".

Aus Einsteins Theorie folgt nun zunächst, daß ein Körper seine träge Masse vermehrt, wenn man ihm Bewegungsenergie zuführt, und dah sie sich vermindert, wenn die ihr innewohnende Energie abnimmt. Die träge Masse ist also keine Konstante, son­dern eine Veränderliche, die von der Energieänderung des Körpers abhängt. In diesen: Ergebnis liegt eine gewaltige .Umwälzung der früheren Auffassung von der trägen Masse, und noch mehr, wir müssen uns dadurch notgedrungen zu der Anschauung öurchringen, dah jede Masse weiter nichts ist als Energie, dah uns die" tägliche Beobachtung etwasMaterielles" vortäuscht, wo in Wirklichkeit ein Zustand, der Zustand der Bewegung, Bewegungsenergie vorhanden ist. Die Gnergieänderungen, die wir Erdenbürger einer gewöhnlichen Masse erteilen können, sind allerdings so gering, dah ßer Sah von der Erhaltung der Masse seine praktische Richtigkeit behält; dagegen ist die neue Auf­fassung, nämlich die von der Wesensgletchheit von Materie und Energie, grundlegend für die Erklärung verwickelterer Erschei­nungen, und sie fügt sich in die große, einheitliche Vernunft ein, nach der die Welt der leblosen Dinge von der Relativitätstheorie regiert wird.

Tatsächlich existieren nun in den kleinsten Bausteinen der Welt, den Elektronen, Teilchen mitscheinbarer Masse", und man hat sich bei den Elektronen längst, unbeeinflußt durch Ein­stein, damit abgefunden, daß ihre Masse steht und fällt mit dem Zu- und Äbnehmen ihrer Bewegungsenergie. Auch die Erfahrungen an radioaktiven Körpern bestätigen die neue Ansicht über das Wesen der Masse. CH.

Dee Handschuh und feine Geschichte.

Wenn wir bei den Damen eine Umfrage halten würden: Welches Alter sprechen sie dem Handschuh zu?, so dürften gewiß viele antworten: Schon mehrere Jahrzehnte! Andere Damen würden das Alter des Handschuhs auf Jahrhunderte, einzelne vielleicht auch auf tausend Jähre schätzen. Daß aber der Hand­schuh längst schon bekannt war, als essich begab, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschähet würde", 'dürfte den meisten Damen kaum in den Sinn kommen. .Und doch hat der Handschuh ein märchenhaftes Alter.

Unter den Gaben auf den Denkmälern der Pharaonen, die von den unterworfenen Bölkerm dargebracht wurden, lind auch Handschuhe dargestellt. Sie nehmen sich ungefähr wie die langen Schweden" unserer Damen aus.

Auch die Perser und Griechen kannten den Handschuh. So beklagt Benvphon in seiner ..Khropädie" den von den Persern eingeführten, Luxus. Von Plinius dem Jüngeren wissen wir, daß einige seiner Reisebegleiter zum Schutze vor Kälte Hand­schuhe trugen. Und wie Homer schrieb, hatte Laerckes, der Baker des Odysseus, handschützende Hülle!», wenn er Gartenarbeit ver­richtete. Den alten Griechen, wie den Römern, war nicht nur der Fausthandschuh, sondern auch der Fingerhandschuh bekannt.

Der Handschuh kam den alten Völkern, die Löffel und Gabel

noch nicht kannten, zu statten, wenn sie heiße Speisen verzehrte» und heißes Fleisch auseinandergerissen; er schützte sie vor Kälte und war ihnen beim Hantiemn mit hautschädigenden Materialien nützlich.

Bei den Germanen, Franken und Skandinaviern ivurde der Handschuh im täglichen Verkehr, auf der Jagd, Reise und im Kriege benutzt. Bereits um das Jahr 1000 nach Christus trat in den deutschen Ländern der seidene Handschuh mit dem ledernen in Wettbewerb, und Könige, Päpste und Bischöfe legten ihn zum Zeichen ihrer Macht und Würde an. Deutsche Fürsten trugen bei ihren Krönungsfeierlichkeiten reich mit Gold und kostbaren Juwelen geschmückte Handschuhe, und zwar sollen diese damals purpurfarben gewesen fein. Zu jener Zeit schon galt das Hin- schleuöern oder .Ueberreichen des Handschuhs als Ansage der Fehde und des Kampfes, wodurch die BezeichnungFehde­handschuh" entstanden ist. Mancher Ritter trug einen mit Stickereien oder Edelsteinen verzierten Handschuh seiner Ange­beteten wie ein Wahrzeichen seiner Minne am Helm, und auch die Kavaliere späterer Zeit liebten es noch, einen Handschuh f ihrer Dame am Hute zu befestigen.

Der Handschuh spielte aber auch bei Gerichtsverhandlungen eine gewichtige Rolle. Fällte der Richter ein älrteil, so streifte er zum Zeichen seiner Unbestechlichkeit die Handschuhe ab, was, nebenbei bemerkt, auch die fränkischen Vasallen bei Empfang­nahme ihrer Lehen taten. Als Symbol hatte der Handschuh auch darin Bedeutung, daß er, ähnlich dem Handschlag, als Zeichen der Wahrheit und Treue galt; in ShakespearesLustigen Wei­bern" wird beiLiesen Handschuhen" geschworen. Ebenso galt er als Zeichen der Einhaltung eines Versprechens wie als Zeichen der Versöhnung und freundschaftlrchen Gefühle. ,

Ein Paar Handschuhe zu widmen, galt einst als ein ganz besonderes Zeichen der Verehrung und Unterwürfigkeit. So gab es Klöster, die ihrem Landgrafen alljährlich ein Paar weiße Handschuhe überreichten. In Thüringen war es lange Zeit hindurch Brauch, daß der Feldmeister jährlich einmal dem Landes­herrn ein Paar Handschuhe brachte, und eine vstpreutzische Stadt überreichte dem Herzog als Zeichen der Huldigung einen mit achthundert Pfennigen gefüllten Handschuh. In England erschien in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Buch über die Gewohnheiten der Hofhaltung Heinrichs VIII., worin geschrieben stand, daß dem Könige am Reujahrstage parfümierte Hand­schuhe gereicht wurden. Der neuernannte Doktor einer Fakultät wurde geehrt, indem ihm die Fakultät ein Paar Handschuhe gab. Welche Rolle schon ums Jahr 1000 der Handschuh spielte, ersieht man daraus, daß der römisch-deutsche Kaiser Otto III. (983 bis 1002) durch giftgetränkte Handschuhe, die ihm eine eifersüchtige, rachedürstige Italienerin zubrachte, aus der Welt geschafft wor­densein soll". Ebenso soll die Königin von Navarra, die Mutter Heinrichs VI.. durch einen vergifteten Handschuh der Katharina von Medici ihr Leben verloren haben.

Auch in der Literatur und Kunst ist dieses Kleidungsstück oft zu finden. Wer kennt nicht SchillersDer Handschuh" mit dem bekannten Wort:den Dank, Dame, begehr' ich nicht!" Tizian malte einenJungen Mann mit dem Handschuh". Die Bilder dec Dogen, Gesandten und Senatoren, sowie der Damen des mittelalterlichen Italiens zeigen ebenso den Handschuh, wie viele Velasquez-Modelle.

Zum ersten Male wurde im 13. Jahrhundert die Meinung laut, daß der Handschuh em notwendiges Tvilettenstück der als anständig geltenden Frau sei.

Im 16. Jahrhundert trieb man mit ihm einen unerhörten Luxus, und Stulpen wie Handschuhe wurden mit den farbenpräch­tigsten Stickereien, mit Blumen, Schmetterlingen, Vögeln aus- geschmückt.

Seitdem hat der Handschuh die verschiedensten Wandlungen Lurchgemacht. Er war aus Seide, Baumwolle, Wolle, Leinen. Pelz gefertigt, von Ziegen-, GemS-, Bock-, Schaf-, Reh- oder Hirschleder, bald lang, halblang oder kurz, bestickt oder unbestickt, mit breiter oder schmaler Tamburierimg, schwarz, weih oder verschiedenfarben. Gewirkte Handschuhe werden meist in Sachsen, lederne in verschiedenen Großstädten hergestellt. Den feinsten, weichsten, dehnbarsten und teuersten Handschuh fertigt man aus Ziegenleder.

Doch halt! Es gibt noch einen weit kostbareren. 1907 kamen in Paris und Aeuhork goldene Handschuhe auf, in Kettenpanzer» Manier, reich mit Edelsteinen beseht. Gewöhnlich trugen die jungen Damen nur einen, und diesen einen auf der linken Hand. Das Stück kostete 5000 bis 10000 Mark.

Bor einigen Jahren machte auch der halblange silberbestickte Handschuh von sich reden. Gr war in der Farbe grau, blau, heliotrop oder grün; die Seide war mit echtem Silber bestickt.

Auch der Spiegel im Handschuh sei erwähnt. Winzige Spiegel aus Silber oder Gold, die mit einem Kettchen an einem Finger­ringe befestigt waren, staken unter dem Hanbschuhleder in der hohlen Hand und konnten im Theater oder Konzert leicht hervor­geholt werden.

Schriftleitung: August Goetz. Druck und Verlag der Brühl'schett Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,