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Wunsches. Unter den Achtzehn- und Zwanzigjährigen faß sie auf den Bänken von Professor Müller-Hartungs Musikschule und lernte Harmonielehre und Generalbaß. Wir haben uns oft an der schlichten Innigkeit ihrer geistlichen Musik erbaut, wenn ihre eigene Richte mit ihrer herrlichen Glvckenstimme „etwas von Tante Gustchen" in der Kirche sang.
Auch der Bruder meiner Mutter, der Maler Hermann Beh- mer, lebte seit kurzem mit seiner jungen, genialischen Frau in Weimar.
Die originelle und liebenswürdige Persönlichkeit von Tante Gustchen hatte ihr schnell Eingang in die musikalischen und künstlerischen Kreise Weimars verschafft. Hilfsbereit wie sie immer war, nahm sie eine ihrer Richten zu sich., die ihre Stimme bei Rosa von Milde, der einstigen großen Sängerin und jetzigen vorzüglichen Lehrmeisterin, ausbilöete, der ersten Elsa des Lohen- grin, der ersten Elisabeth des Tannhäuser. Ratalie von Milde, ihre Stieftochter, - eine ernste, bedeutende Mädchenerscheinung, welche später in der Frauenbewegung wirkte und in' diesem Kampf eindrucksvolle Broschüren veröffentlichte, war eng befreundet mit der Cousine Gretchen. Sie sang mit ihrer edel- geschulten Stimme die Lieder von Peter Cornelius, der jahrelang in verehrender Minne ihrer Mutter ergeben war. Auch Schuberts und Schumanns Lieder lernte ich. nun kennen. Man sprach, von Liszt, von Wagner, von Bülow. Wie kindisch dumm kam ich mir vor neben einer so tief durchgebildeten, von Goethe- schem Geiste erfüllten Frauenerscheinung, wie es diese Ratalie war. Ich wagte in ihrer Gegenwart kaum ein Wort zu sagen geschweige denn ein Urteil zu äußern. Biele Jahre später machte es mir einen erschütternden Eindruck, als sie, die -Unproduktive, mir einmal gestand, wie sehr sie mich um die Gabe, Menschen gestalten zu können, beneide.
Gleich am ersten Tage gingen wir in den Park. Flieder und Faulbaum blühten, Frühlingsdustwellen schwebten um die bedeutungsvollen Pavillons, das Tempelherrn- und das Römische Haus. Wie reizend war es, sich vorzustellen, daß Goethe und Karl August hier mit den Herzoginnen Amalie und Luise nebst ihren Damen Tee getrunken und geistvoll gescherzt hatten. Ich wagte von diesen Dingen noch wenig. Doch in tieferer Bewegung mag selteg ein junges Menschenkind die Stimmung der geweihten Stätten in sich gesogen haben. Der Rausch kam über mich der mich in Alexandrien ergriff, als ich zum erstenmal die Räuber- Wallenstein, Egmoirt las.
Ein warmer Regen strömte nieder, im Husch war die Sonne wieder da, all das junge Laub funkelte in zauberhafter Frischs und Farbigkeit.
Beim Römischen Haus stiegen wir, um zu Goethes Gartenhaus zu gelangen, ein Trepplein zwischen grauem Gestein nieder und entzifferten auf eingelassener Tafel dort den Vers:
„Ihr die ihr Felsen und Bäume bewohnet, v heilsame Nhmphen Schaffet dem Traurigen Mut, dem Zweifelhaften Belehrung -Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen verwehrten Jedem, der euch vertraut, hilfreich und tröstlich zu sein."
Ich brauchte keine Rhmphen, mir zu helfen, das Herz zersprang mir fast vor ülebermaß von tiefem Lebensglück und von namenlosen Hoffnungen, die als bunte, schimmernde Bügel von der jugendlichen Phäntasie in alle blauen Fernen gesandt wurden.
Und am Ende begegneten wir auch, noch dem Enkel von Schiller!
Es war überhaupt merkwürdig, wieviel berühmte Leute wir trafen. Erst später entdeckte ich, daß das Gretelein, belustigt von meiner trunkenen SeligLit, etwas schwindelte und in harmlosen Weimarer Bürgern die halbe Literaturgeschichte an uns vvruberspazieren lieh.
Draußen in der Belvedere-Allee, deren Kaflanienbäume von weihen Dlütenfackeln leuchteten, wohnte in einer Billa von edlen ruhigen Formen der alte Preller, den einst Goethe für die Kunst gewonnen hatte, der Schöpfer des schönen Odyssee-Zyklus im Museum. Riemals hatte er den Linienzauber griechischer Küsten und das Purpurbämmern des Aegäischen Meeres gekannt die ich!, das Kind, geschaut hatte. Run durste ich von der griechischen Küste zu dein Meister reden. Welch ein liebenswürdiger alter Herr im schwarzen Samtkäppchen war er doch, immer kindlich' be- getytert von aller Erdenschönheit, die er in seinem idealistischen Geiste noch tausendmal schöner sah, als sie in der Wirklichkeit sich dem alltäglichen Menschen darflellte. Ich mochte ja wohl in der rosigen Blüte erster Jugend seinem Künstlerauge Wohlgefallen, er beschäftigte sich gern mit mir und machte mir in rrtterlich-vaterlicher Weise ein wenig den Hof. Rächt allzu lang-' darauf ist er heimgekehrt in das Reich ewiger Schönheit.
Tante Guste war von früher her befreundet mit der ersten Gattin des Direttors der weimarischen Kunstschule dem Grafen Kalckreuth. Die Familie wohnte in dem Pofeckschen Hause das mit seinen weitgeschwungenen Treppen, seinen saalartigen Zimmern patrizie-chaft inmitten eines großen Gartens gelegen war. Riesige Gemälde von Alpenlandschasten mit rotglühenden Firnen und majestätischen Sonnenuntergängen grüßten aus breiten Gold- rahmen von den Wänden, schwergeschnitzte Möbel, Statuen und Bronzen waren in dem hohen, weiten Gemache geschmackvoll verteilt, Die Gräfin, eine alte, vornehme Dame, m uns mit ein«
Mer W4feit entgegen. Am den Mitteltisch sahen junge Ona^en unö ich wurde zu ihnen geführt. Obwohl sie nur be® schaftigt waren, Strumpfe zu stopfen, die in großen Körben vor ihnen standen, meinte ich doch in einen Kreis von Göttinnen zu treten — so überwältigend war die Schönheit der Schwestern Xcilclicutf). Jitdjt an @nc^ßnlant> öatHte man Ijlcr fünösm an 5-rigga an Brunhilds und an die königliche Gänsehirtin die unter dem Tore zu dem Haupte ihres getöteten Pferdes spricht- O du üalada, da du hangsst, und der Kopf antwortet- O du Königstöchter, da du Langest, wenn das deine Mutter wüßte Las Herz im Leib tat’ ihr zerspringen. Germanisch doch stark und voll, ein wenig schwer waren die Gestalten, großzügig die stillen Gesichter mit Len blauen Augen. And dieses Haar! Dieser goldene Lvckenwirbel um Helenes Haupt, diese dicken ' silberblonden Zöpfe, die der Jüngsten über die Schultern in den Schoß niederfielen, während, sie sich über ihre Arbeit beugte.
Zu dem Lisztkreis hatte die Tante keine Beziehung und ihr reiner kindlicher Sinn ihre evangelische Frömmigkeit' härte sich von dem dort herrschenden Geist, der in ungestümer Titaniden- kühnheit vom Himmel durch, die Welt zur Hölle schweifte, schau- uernb abgciuanbt. QBit fallen öen QU giftet* mit beni gefurchten unvergeßlichen Kopf, den tiefliegenden Augen, die großen Warzen auf Wange und Kinn, im hochgeschlossenen Rock des katholischen Abbes, den Zylinder auf dem langen, grauen Haar, im Parke wandeln, umgeben von lebhaft gestikulierenden Jüngern, meist ausländische Typen — zwischen ihnen eine wilde Frau mit stürmischer Wuschelmähne, in pupurfarbenem Samt gekleidet, dessen lange Schleppe raschelnd über den gelben Kies fuhr. Gern, allzu gern hätte ich in diese fremde Welt hineingeschaut — sie h>dte unheimlich, doch fühlte ich. schon, daß ich meiner ganzen Ratur und Art nach, dort nicht hineingehörte.
Im Theater sahen wir Tannhäuser. Roch spielte Herr von Milde den Wolfram von Eschenbach, Frau Fichtner-Spohr, eine Frau von großem Eharme der Stimme wie'der Erscheinung die Elisabeth. Die erste Elisabeth, Frau Rosa von Milde, sah in einer Parkettloge, ihrem ständigen Platz, einen weihen Schal um die Schultern gelegt, das feine, etwas welke Gesicht von braunen, leicht Übersilberten Locken umwallt. Es war ein Charakteristikum von Weimar, daß seine prägnantesten Gestalten auch in ihrem Anzug, ihrer Haartracht eine gewisse historische An- Veränderlichkeit angenommen hatten. Jeder kannte die eigenartig würdevolle Erscheinung Adelheid von Schorns, der mütterlichen Freundin so vieler Künstler, Musiker und Gelehrten, in deren erinnerungsreichen Stuben ich. in späteren Jabren so manche genußreiche Stunde verplaudern durfte. Grotesk beinahe wirkten die bejahrten Schwestern Stahr, die noch immer die roten Gari- baldiblusen trugen, wie ihre Stiefmutter, die berühmte Schriftstellerin Fanny Lewald, sie ihnen einst in der Jugend geschenkt hatte. Trotz ihrer wunderlichen Außenseite waren auch die Schwestern Stahr angesehene Persönlichkeiten in der Musikwelt.
Bon der merkwürdigen Tante Elisabeth, auf die ich so neugierig war sah ich wenig. Der Onkel hatte dem Kapellmeister Profesfvr Müller-Hartung sein Haus am Kasernenberg abge- kauft. Früher bewohnte es Hoffmann-Fallersleben eine Zeitlang. Im letzten Krieg, als sein Lied: Deutschland, Deutschland über alles, zur Rationalhhmne wurde, erhielt das schlichte, alte Gebäude eine Ehren-Gedenktafel.
Die Verwandten befanden sich im Einrichten und hatten keine Muße, sich, um die jungen Mädchen bei Tante Guste zu kümmern.
In Weimar herrschte eine liebenswürdige Sitte, die man das Tischrücken nannte. Mit Geiflerspuk hatte sie nichts zu tun. Wenn eine Familie eine andere Wohnung bezog, kamen, sobald die Möbel standen, die Gardinen hingen, die Freunde angerückt, um in den neuen Räumen den -Tisch zu decken. Es wurde den Insassen nur ein Wink gegeben, zu Haus zu bleiben und Lampen bereitzuhalten, für Speise und Wein sorgten die Freunde. Musik und Aufführungen fehlten niemals Bei diesen kleinen Festen.
Das war nun eine gute Gelegenheit für Tante Auguste, ihre heiteren, herzlichen Knittelverse spielen zu lassen. Vermittelst alter Gardinen und frischer Blumen waren wir schnell in eine Schar von Genien verwandelt, das Künstlerpaar zu . grüßen. Ich selbst stellte den Frieden dar und weihte auf diese Weise das Haus, in dem ich später für viele Jahre eine geliebte Heimat finden sollte. Das kleine Tantchen mimte, in einen grauen Schleier gehüllt, bas Heimchen am Herde. Zauberhaft erschien mir der große Rarzifsenkranz in den langen schwarzen Locken von Klärchen Preller, der jugendlichen Tochter des alten Meisters, die als Poesie mit reizender Anmut beim Sprechen ihrer Verse hilflos flecken blieb. Auch die Töchter des Hofbuchhändlers Döhlau, Helene und Mia, nahmen teil. Helene wurde eine unserer eigenartigsten Schriftstellerinnen — damals galt sie nur für eine exzentrische kleine Pflanze. Das Ringen einer jungen Seele um die eigene Gestaltung wird von ihrer nächsten Umgebung selten mit Liebe und Verständnis begleitet.
Aber gab es bei so vielen hübschen, aparten Mädchen nicht auch die dazu gehörigen Kavaliere, Verehrer — kurz: wo blieben die jungen Männer? Ja — die gab es eben nicht. Weimar wimmelte von würdigen und bedeutenden alten Herren und von


