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der alte (Senhor aussvcht, stand John auf seinem Platze unten bei den Kanonen, lud, zielte, feuerte, lud, zielte, feuerte mit maschinenhaster Ausdauer und Gesetzmäßigkeit. Hub wenn der Rumpf der Fregatte unter den Kanonen schlügen dem Kampfe freudig entgegenbebte, da tixfi: ihm das Herz leicht, und 6er Kopf klar, und die Hand sicher, und das Blut schoß ihm-schneller durch die Adern, lind gar oft schickte er sein dröhnendes Lachen dem Schüsse nach.
Doch hatte sich erst der Condor in der; Feind verbissen, und mutzten die Kanonen schweigen, da war der riesige John der erst, der, den Säbel in den Zähnen, in jeder Hand eine Pistole, ' Über die Reling .letzte mitten unter die Feinde. Dabei hatte ihm vor Sokotra einmal die krumme Klinge eines rabiaten Arabers schräg übers.Gesicht eine schwere Furche gezogen. Quer durch das rechte Auge. Das aber war auch hpr letzte Streich dieses Hundesohns gewesen. Er kam nicht eher zur Besinnung, als bis er in den glühenden Flammen Gehennahs fast.
John aber legte über sein verlorenes Auge eine schwarze Binde und stand nach ein paar Wochen wieder an feinem alten Platze und lud, schoß und zielte dazwischen mit dein linken Auge, lind die Schüsse sahen besser als zuvor. Es war, als hätte sich die Schärfe beider Augen in diesem einen vereinigt.
Man schmückte den alten John mit blinkenden Kreuzen, man beförderte ihn, doch seinen Platz an der ersten Kanone des alten Condvrs verlieh er nicht.
Er verlieh den alten Freund auch dann nicht, als man ihn aus der vordersten Linie der Kriegsschiffe ausrangierte, auch dann nicht, als man ihn monatelang untätig an der Pier liegen lieh, damit er ausgebessert werde, auch dann nicht, als man ihn des Ausbesserns nicht mehr für teert hielt und ihn in den innersten Winkel des Hafens bugsierte, in dem er noch jetzt lag.
Der einäugige John hielt ihm die Treue und blieb, als alle andern von ihrem Schiffe Abschied nahmen, vom graubärtigen Kapitän an bis zum jüngsten Kajütsjungen. Man gewährte dem alten Querkopf die Bitte, auf dem alten Schiffe bleiben zu dürfen, und so wurde aus dem Kanonier ein Wächter, der die neugierigen Besucher auf dem alten Kondor herumsührte und ihnen, an seine Kanone gelehnt, seine Abenteuer zum besten gab. Wenn er so ins Erzählen kam, wenn seine Träume sich zu Worten gestalteten, dann glühte sein Auge im tiefen, lodernden Feuer. Niemals verfehlte er dabei, auf die Vorzüglichkeit und Festigkeit des alten Schiffes chinzuweisen und seine felsenfeste Hoffnung daran zu knüpfen, daß auch. für ihn die Zeit wieder kommen würde, wo er die Meere duvchsurchen werde, ein furchtbarer Feind der Schädlinge und Räuber. Damit er aber diese Wartezeit besser überdauern könne, mögen die Herrschaften ein kleines Scherflein dazu beitragen. Das war stets sein letzter Satz, wobei er die Mütze abnahm und sich, an die Oessnung der Reling stellte, von wo die Laufplanke nach der llfermauer führte.
Belustigt über den ernsthaften Kauz, zog jeder gern den Beutel, und mancher Spaßvogel zwinkerte dabei verständnisvoll mit den Augen. Aber der einäugige John zuckte mit keiner Wimper, denn er verstand das Augenzwinkern nicht.
Er lauste vielmehr für das gesammelte Geld Lappsalbe, Mennige, Taue, Nägel, Werg, Planken, immer das, was der alte Condor gerade am nötigsten hatte. And dann kletterte er mit seinem Farbentopf die Riggen hinauf und strich, datz es eine- Art hatte. Oder er nagelte so laut, daß die Spatzen -in den Lindenbäumen der Aferpromenade darüber höchlichst erschraken.
Man muhte es dem einäugigen John lassen: schmuck und sauber sah 6er alte Kondor immer aus. Sein glattes Deck, sein zierliches, klares Takelzeug und der lange Wimpel, der jeden Morgen um sechs Ahr gehißt und jeden Abend um dieselbe Zeit eingeholt wurde, genau wenn vom Fort die Zeitkanone herunterlärmte. Damit hatte der treue Wächter des alten Condors sich manchen Freund unter den Bürgern der Stadt erworben.
Des Sommers am Sonntagnachmittag faßen sie bei ihm mit Weibern und Kindern unter dem großen Zeltdache und schlürften den Kaffee, den er mit seltenem Geschick zu bereiten wußte.
Die alten Kanonen hatte man, um das Schiff nicht zu sehr zu entlasten, an ihren Plätzen belassen. Nun waren sie gänzlich veraltet und längst in den Registern gestrichen.
Auch die Kugeln hatte man an Bord gelassen. Es lagen viele unerledigte Aktenstücke in den Geheimfächern des Marineministeriums. Eines dieser vergjlbten Papiere betraf die Kugeln des alten Cvndors.
John brauchte nur für Pulver und Zünder zu sorgen. Seine Einnahmen, die von Jahr zu Jahr stiegen, ermöglichte es ihm. Heimlich setzte er den alten Conöor in Kriegsbereitschaft. In der Nacht schleppte er.die Säcke an Bord.
.. Seit einem Jahre schon wartete er auf die Zeit, die seinen Wünschen Erfüllung bringen sollte.
Eines Morgens können ein paar hohe Offiziere an Bord OeS, alten Cvndors. Ihre Uniformen strotzten von goldenen Knöpfen und Schnüren. Der einäugige John hörte, wie sich » ^uehmste unter ihnen, ein kleiner, beleibter Mann, Exzellenz" anreden ließ. " f
Da wußte er daß es der Marineminister war. Der schritt auch auf dem Inspektionsgange, den die Herren durch das Schiff an traten, an der Spitze. Einen halben Schritt hinter ihm ging
einer, dessen Gesicht dem alten Matrosen bekannt vorkam. Aber die gebückte Haltung wollte nicht recht dazu passen.
Am Ende der Laufplanke hatte er sich ausgestellt, die Hand an der Mütze.
Man beachtete ihn kaum, ein paar grüßten lässig und ließen ihn stehen. And er stand wie ein Bild aus Stein, nur sein Äuge verfolgte den Minister, als er über das Deck schritt.
Hin und wieder wandte er sich an den, der hinter ihm schritt, mit einer kurzen Frage. Er erhielt daraus eine ebenso kurze Antwort, nickte befriedigt urtb ließ wieder feine Augen über das Schiff gleiten. Dorn an der Back machte er halt und zog ein paar andere Herren aus seiner Begleitung ins Gespräch. John sah, wie sie sich verbeugten, lächelten und guftimmten; dann kam der Zug auf der Backbordseite wieder zurück.
Er stand noch immer auf seinem Posten. < Das fiel dem Minister auf, auch bemerkte er jetzt ein schmales Bändchen in seinem Knopfloche. Er schwenkte zur Seite und stellte sich vor den riesigen John.
„Sie sind der Wächter?"
„Zu Befehl, Exzellenz."
„Ich bin zufrieden mit Ihnen, Sie haben das Schiff gut im Stande gehalten."
„Zu Befehl, Exzellenz."
„Sie haben einen Orden?"
„Die Medaille für besondere Tapferkeit im Kampfe."
„Dabei haben Sie das Auge gelassen."
„Zu 'Befehl, Exzellenz, vor Sokotra."
„Wie alt sind Sie?"
. „Zweiundsechzig."
„Zeit, daß Sie ausruhen. Begeben Sie sich heute noch, ins Marineamt, man wird Ihnen da eine Extragratifikation anweisen. Qliuß werde ich dafür Sorge tragen, daß Sie Ihr Gehakt unverkürzt weiter erhalten."
Der Minister nickte ihm wohlwollend zu und wandte sich zu seinen Begleitern.
„Meine Herren, nun weiter in Gottesnamen." Damit faßte er das Geländer der Zwischendeckstreppe. „Eine mühselige Arbeit wird das werden!"
„Belieben Exzellenz nur den alten John zu fragen,“ sagte der gebückte Mann an seiner Seite, „er wird bessere Auskunft geben können über den Zustand des Schiffes, als es ein flüchtiger Runögang vermag."
„Sie haben recht, Kapitän," damit ließ der Minister das Geländer der Kajütentreppe wieder fahren und pflanzte sich vor dem alten John auf.
„Nun, mein Sohn." begann er leutselig, „was hältst du von dem Condor? Ist er noch kräftig genug, eine Reise zu machen?"
„Nicht nur eine, Exzellenz, zehn, zwanzig!"
„Na, na," lächelte der Minister, „ich bin schon zufrieden, trenn er eine aushält. And du meinst, baß wir es wagen dürfen?"
„Zu Befehl, Exzellenz."
„Bestimmt?^
„Zu Befehl, Exzellenz, ganz bestimmt, icß verbürge mich dafür." '
Da trat der Begleiter herzu. „Exzellenz dürfen sich- beruhigen, er kennt das Schiff seit seinem zwölften Jahre."
„Dann ist es gut. Sie machen den Conöor fertig zur Abfahrt, stellen das Ruder fest und lassen die Schlepptrosse Hinab. And vergessen Sie nicht, heute nachmittag auf dem Manneamt zu erscheinen. Ich. bitte, meine Herren." Er wandte sich zum Gehen.
(Schluß folgt.)
„Vom Kinde zum Menschen".
Von Gabriele Reuter*).
Als der Mai die Well in das zarteste Hellgrün kleidete und I tausend unbestimmte Hoffnungen weckte, rief mich eine Einladung von Tante Gustchen Oberdeck nach Weimar. Das weißhaarige Keine Fräulein, dem in der Jugend die Tanten der Familie das Studium der Musik als allzu exzentrisch verweigert hatten, und ihr statt dessen ein Haus und Garten und eine Müdchenpension aufbürdeten, hatte sich endlich freigemacht und gönnte sich jetzt, mit sechzig Jahren, die Erfüllung ihres Herzens-
) Gabriele Reuter hat in S. Fischers Verlag, Berlin, ein interessantes Memvirenbuch erscheinen lassen, dem sie den Unter« titel ^„Die Geschichte meiner Jugend" gab. Die Verfasserin ist in Aegypten geboren; sie schildert sehr anschaulich und fein die ersten Lebensjahre in der fremden Heimat, den körperlichen und geschäftlichen Zusammenbruch ihres Vaters, der für ihre Mutter und Brüder eine ernste Sargenzell heraufführte. Hier schlägt man die fesselndsten Kapitel des gemütvollen Frauenbuches auf, und der kleine Abschnitt „W e i m a r“, den wir hier mit einigen Kürzungen wiedergeben, wirft wiederum hellere, ermunternde Lichter auf diesen Lebensweg, der erst viel später, nach dem Erfolg des bekannten Romans der Dichterin „Äits guter Familie", am literarischen Ziel mündete.


