Nr. Z
1922
Samstag, 21. Januar
VV8
SIS
1 ' .?
QU
Aus REUM GriRRsrungen des FrerhsrrR von ßudus.
Dis Bismarck-Erinnerungen Les Freiherrn Lucius ix>n Ballhausen find als einer der wichtigsten Beiträge zur Kenntnis des großen Mannes anerkannt worden und haben weiteste Beachtung gefunden. Aus der Selbstbiographie des ehemaligen Staats- Ministers wird nun im Januarheft der „Deutschen Bundschau" ein Abschnitt mitgeteilt, der neue wertvolle Aufzeichnungen über sein Verhältnis zu BiSmarck enthält. „Born ersten Tage ab", erzählt Lucius^ „trat der Fürst mir, Lern damals kaum bekannten Abgeordneten, mit dem grössten Wohlwollen und Vertrauen entgegen. Seine rückhaltlose Offenheit und Zwanglosigkeit im Verkehr hatte etwas völlig Faszinierendes und Gewinnendes. Abgesehen davon, daß man sich dem größten Manne des Jahrhunderts gegcnüberfühlte, welcher jeden wie seinesgleichen, behandelte, nie posierte, sondern die einfache, herzliche Gastlichkeit eines Lanöedelmannes übte, hatte gerade das rein Menschliche seines Wesens etwas unwiderstehlich Anziehendes. Die Fürstin, in ihrer Art vielleicht ein ebenso einziges, seltenes Naturell wie er, welche nur die Neigungen und wohl auch die Abneigungen ihres Gemahls — allenfalls in gesteigertem Maste — teilte, akkompagnierte ihn in ihren häuslichen, gefälligen Beziehungen mit vollster Hingabe." Auf den S-Atzr-Diners, die Bismarck gab, entfaltete sich eine ebenso interessante wie zwanglose Geselligkeit. „Er ging scholl dalnals nie in Privat- und nur ganz ausliahnlsweise auch in die Hofgesellschaft. Dagegen hatte er täglich 2 3 Gäste im äleberrvck zu Tisch, und abends nach 10 Ähr war für einen großen Kreis stets offenes Haus. Die Geselligkeit hatte den größten Beiz. Man traf da alle Zelebritäten nicht nur der heimischen Gesellschafk, sondern der ganzen Welt. Auf den großen Routs, welche während der Parlamentszeit fast alle Sonnabende stattfanden, sammelte sich bann alles, was irgendeine politische oder soziale Stellung hatte, die dazu berechtigte. Man hat im Laufe der Jahre wohl fast alle Persönlichkeiten von Bedeutung deS In- und AuskaliSes dort gesehen. Im kleineren Kreis besonders sprach sich der Fürst über die intimsten Dinge mit einer merkwürdigen Offenheit aus, machte fast nie Diskretion zur Pflicht, sondern sagte wohl gelegentlich, „er nähme an, daß jeder, welcher bei ihm verkehre, Urteil und Diskretion genug habe, um zu wissen, was er weiter erzählen könne, was nicht." Ich glaube auch, daß er dabei sich nie hat weiter gehen lassen als er wollte, und daß er stets genau unterschied, wen er vor sich hatte. Manche scheinbare Indiskretionen sind wohl absichtliche gewesen."
Nachdem Lucius dann Minister geworden, war, trat er auch zum alten Kaiser Wilhelm in.ein persönliches Verhältnis, und er berichtet von der geradezu idealen Beziehung, in der er und alle Minister zu Sem greifen Herrscher standen. „Er war stets zugänglich und von einer wunderbaren Korrektheit und Ordnung in der ganzen GeschäftsbehaiMung. Auf jeden Vortrag hatte man umgehend Entscheidung, selten wich sie vom gemachten Vorschlag ab, trat es der Fall, so geschah es immer mit einer besonderen rücksichtsvollen Motivierung. Er sprach nie mit einem Minister über Las stiesfort des andern und folgte Sem Bat des Ressorbchefs meist, solange er in der Vertrauensstellung war. Gr liest nie warten, und wenn es geschah, entschuldigte er sich in einer sehr verbindlichen Weife, daß es etwas Rührendes Halle. Mit Vorliebe benutzte er bei kürzeren Besuchen um Vortrag oder um
Urlaub die Eingabe selbst zur Erteilung SeS Bescheids unfr das Kuvert zur Adressierung. Er änderte bann die Adresse „An des Kaisers und Königs Majestät" in „Von ustv. an den Minister L." Der Bescheid tour immer freundlich, er schrieb z. B. auf ein Jagdurlaubsgesuch: „Sehr gern, aber mit Neid bewilligt." Äeber- all ein Ausdruck seines liebenswürdigen Gemütes. Bei den Empfängen, zur Neujahrs- und Geburtstagsgratulation, welcher der Fürst Bismarck öfters wegen Abwesenheit oder Unwohlsein nicht beiwohnte, hielt er stets besonders gnädige Ansprachen, wobei er viel Fremdwörter, in säst fribericianischrr Art, gebrauchte. Sv sägte er bei dem Neujahrsempfang, an welchem die Nachricht von Gambeltas Tode gekommen war: „Da ist wieder ein remuanter Charakter weniger in der Well, die Ruhe bei unfern Nachbarn ist nur auf der Surface, da sind so impulsive Leute gefährlich." „3d;"bin noch nie so gut entvuriert gewesen wie jetzt. Die Herren machen mir alle die Arbeit so leicht, versehen ihr Amt so ausgezeichnet, daß ich nur wünschen kann, sie halten ferner aus. Ich sehe auch nicht gern neue Gesichter um mich. Besonders bin ich Ihnen dankbar dafür, Latz Sie mit dem Fürsten ss gut hinkommen." Er gab stets jedem Minister die Hand, und ich glaube, nie in den neun Jahren meines Dienstes im selben Raum gewesen zu sein, ohne daß er ein freundliches Wort Lev persönlichen Begrützung an mich gerichtet hat. Er toar ein S>err# der sich jeden attachierte und den Dienst leicht machte."
Der alte Condor.
Von Ewald Gerhard Seel iger.
Jedes Kind kannte ihn. 3m hintersten Winkel des Hafens lag er. dort. wo Las Wasser immer mit einer grünen, Licken Schaumdecke überzogen war. Rur wenn draußen ein wilder Westwind lobte, kamen die Wellenschläge des Ozeans bis in seine Einsamkeit. Dann zerrte er an den Tauen, dis ihn an die hohe Kaimauer fesselten, als regte sich in ihm die alte Lust, hinauszufahren, mit spitzen Krallen und scharfem Schnabel die Räuber des Meeres zu pack.m, .
Dann aber versank er wieder bis zum nächsten Sturme in feinen tiefen, tiefen Schlaf, den er schon vor zwanzig langen Jahren begonnen hatte. Änd er träumte von der blauen Südsee und von den Eisriesen des Ävrdstzs, und den tollkühnen Riffpiraten Marvkkss und Len hinterlistigen, schlitzäugigen Chin-efen: von Kanonendonner und Pulverdampf, vorn krachenden Stotz seines Rammstevens vom knirschenden Schlag der Enterhaken, von Wutgebrüll und Männerkampf, von Mut und Lod: von seinen Siegen träumte er.
Er durfte träumen, denn er lag -im hintersten Winkel des Hakens, und jedes Kind kannte ibn.
' Aber noch ein anderer dar,re von diesen Dingen träumen und träumte gern davon; das war der einäugige John. Auch den kannte jedes .Kind in der Stadt; denn er wohnte auf dem alten Cvnbor.
Kaum konnte er sich noch daran erinnern, daß er einmal irgendwo-anders gewohnt hatte. Das war nämlich schon länger als fünfzig Jahre her, und mit zwölf Jähren war er auf den Condor als Schiffsjunge gekommen. 11 nb wenn er seinen Fuh von den Deckplanken berunkertctz.te, so trat es nur, um sich an Land den Tabakbeutel füllen Zn lassen oder den schönen Fräuleins einen Besuch abzuflatten.
Sonst kannte er nur den Condor, aber den kannte er auch gründlich, vom Kiel bis zu den Toppen, In allen Kämpfen, die


