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Wasser — bloß weg!'
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Schriftleitung: August Goetz.
Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und SteüchMckerei. R, Lange, Gießen.
An den Uferrand ihm zu Fühen klatschten die Wellen: der See war schr bewegt und hauchte eine noch winterliche Kühle aus. Wahrscheinlich stand schlechtes Wetter bevor — darauf deutete der streifige Himmel und der allzu feurige Sonnenuntergang, der die Wasserfläche mit gleitender Purpurröte übergoß.
Ich fragte nach der Frau: der Bast streckte die Hand aus. Da drauht!" Run sah ich sie im Doot brausten herumrudern: sie war wetterfest und an diese Art Feierabendlust von klein auf gewöhnt. Der Mann fühlte meinen verstohlenen Seitenblick und sagte kurz, beinahe hart: „Ich fahr' nicht mit: ist gescheiter. Dann passiert ihr weniger."
Er hatte sich überhaupt seit neuestem ein unfreundliches Betragen gegen seine Frau angewöhnt: augenscheinlich konnte er i'&r nicht verzeihen, dah sie ihm seinen Talisman abgeschwaht batte. Ich lieh das hingehen: nur wandte ich mich — zum wievielten Male! — gegen die Mutlosigkeit, die aus seinen Worten sprach: „Höst, Sie reden sich das alles blost ein. Sie sind kein andrer, als der Sie immer gewesen sind: nehmen Sie doch Vernunft an!"
Sein Blick begegnete dem meinen — der Blick eines Menschen, der sich selbst aufgibt. „Mit mir ist's das Rechte nimmer. DaS wissen Sie auch, Herr Doktor! Wie oft hab ich's probieren wollen, auf Ihr Zureden hin — hab' gemeint, ich must es zwingen: aber es geht nicht! Wag' ich mich hinein und will schwimmen, dann ist's wie dazumal: als ob mich wer an den Fühen 'nunterziehen will, bis ich keine Luft mehr krieg' vor Angst. And sitz' ich im Schiff, dann ist'S, wie wenn dasjenige, was mich hineinzieht, unterm Kiel sitzt, und ich gespür' es, und'die Angst ist wieder da. Ich fürcht' mich, Herr Doktor! Mn Mannsbild, das sich fürchtet so einen Tropf soll man doch besser totschlagen! Am liebsten möcht' ich auf und davon, irgendwohin, blost weg von dem
So unumwunden hatte er mir seine Seele nie eröffnet. Ich sah mit Schrecken, wie völlig er von seiner Einbildung beherrscht war. Da gab es eigentlich keinen Rat mehr, als vielleicht den ihn versuchsweise in andre Umgebung zu bringen. Aber sein Brot und fein« junge Frau im Stich lassen — wer durfte sich an- mahen, ihm das zuzumuten? Während ich die Schwere solcher Verantwortung erwog und der erregte Mann neben mir mit finsterm Gesicht und zusammengebissenen Zähnen vor sich hinstarrte, schaukelte brausten auf dem See das Boot der Frau. Es sah aus, als wolle sie ihn locken, ihm Mut machen. Damit Hatte es gute Wege. Zuvor hatte sie ein Liedchen gesummt, dessen abgebrochen« Klänge zu uns herüberwehten; jetzt war sie verstummt, oder wurde ihre Stimme nur durch das stärkere Rauschen des Wassers übertönt? Das Rauschen rührte von dem Darnpfbovt her, das in gleichrnästiger Schnelle heranglitt: seit einer Weile schon hatte man den sich kräuselnden Rauch am Horizont gesehen. Seinen Pfad bezeichnete eine breite glänzende Furche: zu beiden Seiten bäumte bas durchschnittene Gewässer sich in hohen Wellen auf, die gegen das Afer hevantrieben. Die Fanni hielt ihr Schiffchen an, lieh die Ruder abtropfen und schaute an dem Dampfer hinauf, der in ihrer nächsten Röhe vorbeistampfte. Reben mir ward der Bast unruhig: er schrie seiner Frau durch die hohl« Hand zu, sie solle ausweichen: sie aber hörte oder achtete es nicht. Sv geriet sie mitten in den Wellengang des Dampfschiffes, machte eine verspätete Anstrengung, mit ein paar raschen Ruderschlägen das heftig schwankende Doot 'herauszusteuern. Da — mir stockte der Atem — da schlug es um —
Mn Augenblick nur — ich fuhr aus meinem Rock heraus, wollte mich der Stiefel entledigen: aber ehe ich den rettenden Gedanken zur Tat gemacht, ging mit dem Bast eine seltsam« Veränderung vor. Vornübergebeugt, mit starren groß geöffneten Augen — ein einziger kurzer Laut — ein Straffen der ganzen Gestalt — und er war in den See gesprungen!,
Ich war wie betäubt, so unfahlich schien mir der ganze Vorgang: er muhte ja untergehen, der Bast — es war ja Tollheit. Derselbe Mann, der mir eben seine Furcht vor der kalten Ties« geoffenbart hatte, der sich nie mehr ins Wasser wagen wollte — da schwamm er wie ein Seetier, in gewaltigen sicheren Stöhen, der Stelle zu, wo feine Frau versunken war! And fct erreichte sie: ich sah ihn hinabtauchen, sah ihn während ein paar qualvollen Sekunden nicht mehr — dann kam er wieder zum Vorschein und mit ihnt der todblasse Kopf seines Weibes.
Wir Mediziner gelten für schlechte Christen und sind eS vielleicht auch sofern der Glaube höher als die Werke geachtet wird. Aber was damals in meinem Herzen für den Bast aufsiteg. ist doch wohl so etwas wie ein Gebet gewesen.
Die auf dem Dampfschiff hatten die Gefahr der Verunglückten und ihres Retters gewahrt: st« lösten so geschwind sie vermochten, ihr Boot von der Kette und sandten es dem Manne zur Hilfe, der sich und seine anscheinend leblose Last tapfer über Wasser hielt. Gr schwamm so sicher, dah er wahrscheinlich das Land ohnedies glücklich erreicht hätte: aber der Kahn holte chn vorher noch ein. nahm ihn samt der Fanni auf und brachte die beiden in wenigen Minuten ans Afer.
_________________ (Schtuh folgt.)
über die Mähe«; irgendwie tarn dabei die aus daS Baden und Schwimmen im allgemeinen: denn der Ingenieur ivar als einer der besten Schwimmer bekannt. Da gedacht« ich oesVaß und erwähnte feiner an ein Wafsergeschöpf erinnernden LeisMw qen: ja, ich strich sie, um meinen Freund zu necken, so nachdrücklich heraus, dah der schliehlich ganz toll danach verlangte, diesen Menschen und seine Künste-kennen zu lernen.
Wir begaben uns demnach selbbritt zu ihm, und obschon der Bast nicht der Mann war, jedem beliebigen Fremden eine Vorstellung zu geben, bewirkte doch mein Beisein und die gesch ner- chelte Eitelkeit, dah er sich zu dem Versuch eines Wettschwimmens, das mein Freund vorschlug, bereit erklärte.
Gesagt, getan! Mein Kollege und ich als gewissenhafte Preisrichter ruderten im Rachen dahin und hatten unfern vpatz an den beiden Nebenbuhlern. deren Köpfe aus dem spiegelglatten See emporragten. Der Bast war trotz der Anstrengungen des Ingenieurs, um einen reichlichen Meter voraus: die Hälfte der Wasferbahn hatte er schon durchmessen — da geschah etwas Anbegreifliches. . . n. ....
Der Bast schien plötzlich unruhig zu werden: sem Antlitz uns zugekehrt verwandelte sich starrte bläulich bläh, mit schreckhaf! vorgeauollenen Augen. GH« ich noch rufen konnte: „Bast, was fehlt Ihnen?" arbeitete er sich mit krampfigen Bewegung^ zu rms und Hämmerte sich gewaltsam an den Rand des Boots. „Hineinnehmen — ich — ich kann nimmer."
Aufs äuHerste bestürzt, zogen wir ihn herein: er verfiel in einen vhmnachtähnlichen Zustand. Er erholte sich zwar bald aber den besorgten Fragen, was ihm denn zugestoben, setzte er nur ein Kopfschütteln entgegen. „Mir ist schwindlig geworden, war seine einzige Auskunft auf mein wiederholtes Drängen.
Ich glaubte ebenfalls an eine bloße vorübergehende Schwäche, wie sie den Gesündesten befallen kann. Damit beschwichtigte ich die Selbst Vorwürfe, die unser Ingenieur sich ob seines Einfalls machte: und sprach meine Ansicht auch dem Bast selber aus, als ich nächsten Tags mich nach seinem Befinden erkundigte. Es fiel mir dabei auf, wie hager und spitz seine Züge waren; aus tiefgeränderten Augen sah er mich sonderbar an.
„Meinen Herr Doktor? Warum ist mir denn früher nie so was angekonmren? Warum hat mich denn gestern mittendrin die Angst gepackt, und hab' doch früher nie ans Ertrinken gedacht? Ich will's Ihnen sagen: weil das da fort ist — Sie wissen schon." Mit der Hand fuhr er sich nach dem Halse.' „Das hat mir Kraft gegeben, und jetzt ist's aus."
„Hötz, um Himmels willen! Was für heilloser Blödsinn!" Ich faßte und schüttelte ihn: er zuckt« nur die Achseln.
„Richts zu machen, Herr Doktor! Vorgestern hat sie, die Meinige, mir so lange zugesetzt, bis ich ganz Heist worden bin vor Wut. Ich reib' das Ding vom Hals, lauf' zum Fenster Hin und schmeiß Ls ins Wasser 'naus. — „Da liegt der Dreck, auf Lab ich endlich mein' Muh' hab'." Damit hab ich mich selbst verschmissen; jetzt sch' ich's ein; und sie ist schuld!"
Gr blich dabei. Höhnen, Schelten. Bitten blieben vergeblich Ja. es sollte noch schlimmer kommen!
Von jenem Tage vollzog sich in dem lebfrischen Mann eine Veränderung, die mehr und mehr den Charakter des Krankhaften annahm. Gr redete sich ein. sein Glück habe 'ihn verlassen, und in diesem lähmenden Bewuhtsetn griff er alles nicht mehr mit der früheren Sicherheit an. Natürlich hatte eben das zur Folge, daß ihn mehrfach kleine Widrigkeiten betrafen: sein Boot stieß mit einem andern zusammen und wurde beschädigt: beim Fischzug ging er etlichemal leer auS. Und jeder solcher Zufall bestärkte ihn wiederum in seinem Wahn, der am schlimmsten spukte, sobald der arme Teufel sich auf dem Wasser befand. Das so lange Zeit ihm vertraute Element erschien ihm plötzlich als feindliche Gewalt: von Schwimmen war keine Red« mÄHr — am Ruder ließ er sich meist durch einen Knecht vertreten. Ich hab« Menschen gekannt, die sich einmal in Feuersgefahr befunden hatten und seitdem beim Anblick der lleinsten Flamm«, ja bei einem leichten Rauchgeruch zu zittern begannen — dieses norvöse Grauen befiel Len Sebastian im Angesicht des Sees.
Außer mir wußte nur seine Frau, wie es um ihn stand; und ich muß ihr nachsagen, daß sie, obschon sie seinen Zustand nicht begriff, ihm die größte Liebe und Sorgfalt bewies. „Er ist krank, Herr Doktor — gelten Sie er ist krank? Sie werden ihm helfen — um Gottes willen, helfen Sie ihn: doch!" So bat sie mich, und ich muhte sie mit nichtigen Redensarten Hinhalten; denn ich wußte wohl, daß nichts schwieriger und ungewisser ist als das Bekämpfen solch einer Zwangsvorstellung. Mein Zuspruch, an dem ich es nicht fehlen lieh, fruchtete wenig genug; aber meine häufigen Besuche bewirkten gum mindesten, dah das Gerücht einer schweren körperlichen Erkrankung des Sebastian sich verbreitete und ihm so der Hohn erspart blleb, der ihn sicher getroffen Hütte, wäre die wahre Apache seines Aebels bekannt geworden. —
Einmal .kehrte ich wieder bei ihm ein, an einem windigen Spätnachmittag im VorfrüHling. Gr schlenderte vor seinem Haus« umher, in der lässigen Haltung, die er seit einiger Zeit ange- nommen, und grüßte mich auf eine gedrückte, mißlaunische Weise.


