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Der Talisman.
Von Helene Raff.
( Fortsetzung.)
In Ser nächsten Woche erhielt ich Besuch aus der Stadt. ®tn ärztlicher Kollege und ein junger Ingenieur, beide leidenschaftliche Anhänger des damals erst im Aufblühen begriffenen Luft- und Wassersports. Dio Gelegenheit hier außen gefiel ihnen
zulande nicht allzu viele, die hessische S-Mdschast ist mehr aus Buchen, Eichen und Tannen eingestellt, und oben bet unserem Schlosse wächst sogar eine der drei ältesten Donglasfichten, die es überhaupt in Deutschland gibt. Aber zwischen dem anderen Gemälde schaut doch überall da und dort mol einer jener Hellen Stämme durch, von denen der Dichter sagte, „es wäre dran aus stiller Nacht das Mondlicht blieben hangen". Die seinen Reste hängen tief herab wie ein zarter, jungfräulicher Schleier. Seitdem es wieder grünte, setzte sich Blättchen an Blättchen, bis der neue Brautschleier fertig gestickt war. Das Grün der Blätter flüstert im leisen Nachtwind bei mondhellem Aachthimmel, im Mondlicht glänzt der schlohweiße Dirkenstamm von weitem und ebenso suchtet er im rosigen Frühstrahl der Morgensonne. Ja, die Dirke hat mirs angetan; sie ist in ihrer edlen Schlankheit ein eigenartiger Daum. Lind wenn wir verstehen könnten, was ihre Blätter flüstern, so wäre es die Mär von Bruder Loll (dem hl. Lullus), der hier durch die Lande geschritten ist. (Lollar) oder vom Allvater Wotan oder Odin (Odenhaufen).
Ja, der Heimatflur! Wie schön bist du, wie interessant und reich an allen Dingen des Lebens, der Geschichte, der Erinnerungen! Hermann Löns 'Hat es so tief gefühlt, wenn er gedichtet Hat: .
Es singt ein Vogel in dem Heimatland, Er singt ein Lied, das ist mir wohlbekannt. Ich, hört es 'wohl und weih, ach, wie es klingt, Und weiß es auch was mir der Vogel singt. Don Liebe singt er und er singt vom Tod, Don höchster Lust und auch von tiefster Aot. Jedwede Lust und jeglich Herzeleid, Das ist die Liebe: Lust und Leid in Ewigkeit.
In den ersten Tagen des 2Mrz reiste er ab. Eine Stund« bevor er unser Haus verlieh, wo er vier Monate zugebracht hatte, sprang er die Treppe Herauf, um von den Eltern Abschied zu nehinen. Gr konnte sich nicht genug tun in Versicherungen seiner Dankbarkeit, so dah meine Mutter ihn» erklärte, sie suhle sich geradezu beschämt, da.sie in Wahrheit doch sehr wenig für ihn habe tun können. „O, Sie glauben nicht, wie sehr Ihre Familie mir das bittere Los der Gefangenschaft erleichtert hat. Meine Frau und ich werden Ihnen das nie vergessen, und meinen kleinen Sohn werde ich lehren, die Deutschen zu achten und Sie zu lieben." Dann versprach er, bald Nachricht von sich und den Seinen zu geben, und bat, daß auch wir ihm schreiben möchten, wie es uns erginge, und wie die Söhne heranwuchsen. „Ich glaube zuversichtlich," schloß er, „daß sie brave Menschen werden, die ihrem Vaierbind Ehre machen, und werde mich immer freuen, Gutes von ihnen zu hören. Der schreckliche Krieg hat uns zusammengeführt, der Friede soll uns nicht trennen. Wir müssen Freund« bleiben!"
Eine Träne glänzte in seinem Auge, als er meine Brüder und mich umarmte und küßte; der Mutter küßte er wiederholt die Hand, dann riß er sich los und ging. Auf dem Weg durch den Garten und über die Landstraße sah er noch öfter zurück und winkte mit der Hand, dann verschwand er Hinter den ersten Häusern der Stadt.
In den nächsten Tagen wurde bei uns viel vom Hauptmann Giovannoni gesprochen, un& in Gedanken begleiteten wir ihn auf seiner Heimkehr, malten einander die Freude des Wiedersehens mit den Seinen in Toulouse aus und rechneten von Tag zu Tag, 'wann wohl der erste Brief von ihm eintreffen könnte. Nur ,der allgemeine Jubel über die ruhmvolle Heimkehr des greisen Kaisers Wilhelm und seiner Paladine, die Eröffnung des ersten Deutschen Neichstags und die Erörterungen über die großen Aufgaben im geeinten Vaterland drängten zeitweise die Erinnerung an den französtfchen Freund zurück. Doch schaute ich täglich erwartungsvoll nach dem Postboten aus, denn ich zweifelte nicht daran, dah der erste Brief des Kapitäns an mich gerichtet sein würde.
Doch der März ging zu Ende, ohne daß eine Nachricht eintraf. Erst gegen Mitte April brachte der Briefträger einen dicken Brief aus Toulouse an meine Mutter gerichtet. Gewiß schickt der Kapitän Bilder von den Seinen, dachte ich bei mir und konnte kaum erwarten, bis der Umschlag geöffnet war. Mehrere Blätter kamen zum Vorschein, zuerst ein Schreiben der Frau Giovannoni an die Mutter. Es lautete:
„Madame! Sie verdienen es durch alle Liebe und Güte, die mein armer Mann in Ihrem Hause erfahren hat, dah ich meinen Schmerz nieöerkämpfe und Ihnen Nachricht von dem grausamen Schicksal gebe, das ihn und uns betroffen hat. Sie haben sich des armen Gefangenen angenommen und ihm freundliche Pflege angedeihen lassen, damit er wohlbehalten in meine Arme zurückkehre. Das Geschick hat es anders gefügt. O, wie schwer ist es, in solchem Leid noch an eine Vorsehung zu glauben! Im Feindesland hat mein Mann Güte und Freundschaft gefunden, das eigene Vaterland, dem er treu gedient hatte, ist sein Mörder geworden. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Sie sind Gattin und Mutter und können fühlen, wie es in dem Herzen einer Frau aussieht, die glücklich war, ihren Gatten aus einem entsetzlichen Krieg wohlbehalten zurückkehren zu sehen, und ihn in dem Augenblick verlieren mutzte, wo sie hoffen durfte, ihn für immer wieder zu besitzen. Lesen Sie die beiliegenden Blätter, sie sagen Ihnen alles. Nehmen Sie von mir mir noch die Versicherung, datz ich Ihnen niemals, die Güte vergessen werde die Sie meinem amten Charles erwiesen haben, und datz ich Sie und Ihre Familie dankbar in mein Gebet einschlietze.
Die belliegenden Blätter enthielten eine Abschrift des Briefes, den der General Susbielle am 21. März aus Versailles an Frau Giovannoni gerichtet hatte:
„Teure Frau! Nie ist mir die Pflicht gegen mein Vaterland so schwer geworden als jetzt, da ich Ihnen den herbsten Schmerz zufügen mutz. Indent ich dem Vaterland diente, muhte ich Ihnen den Gemahl und mir den Freund entreißen, denn mein wahrer Freund ist Charles Giovannoni geworden, seit er als junger Leutnant mir Ädjutantendienste leistete. Ich versuche nicht, Ihnen Trost zuzusprechen, denn Sie sind die Frau eines tapfern Kameraden und immer auf Schweres gefaßt; und was konnte tch jetzt zur Linderung Ihres Schmerzes sagen, wo alle unsere Gedanken nur unserem schwergeprüften, sich selbst zerfleischenden Frankreich gelten? Der kurzen dienstlichen Depesche über den Hingang Ihres Gemahls lasse ich heute eine genaue Darstellung feiner Schicksale folgen.
(Schluß folgt.)
Kapitän Moorrnnonr.
Sine Erinnerung aus dem großen Krieg 1870/71.
Von Fried. Nvack.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Der Winter ging dann in regelmäßigem ungetrübtem Verkehr Hin; Giovannoni bemühte sich eifrig, Deutsch zu lernen, und hatte die größte Freude, wenn er ein paar einfache deutsche Sätze mit mir sprechen konnte. Auch erzählte er viel und gern von feiner Familie in Toulouse, las ab und zu eine Stelle aus einem Brief seiner Frau vor, von den Kriegsereignissen jedoch- war kaum noch die Rede. Erst Ende Januar, als die Nachricht von der Uebergabe der Pariser Forts bei uns eintraf und, der Abschluß eines Waffenstillstandes die Aussicht auf baldigen Frieden eröffnete, fand sich Anlaß, die Geschehnisse des Tages zu besprechen. Wir Gymnasiasten erhielten sofort nach dem Eintreffen der frohen Kunde einen schulfreien Tag, und ich zog mit einer Schar Kameraden gegen Mittag nach Haufe. Aus voller Kehle sangen wir die Wacht am Rhein, während die Straße sich mit wehenden Fahnen füllte. Da kam uns der Kapitän entgegen, der zum täglichen Appell und zum Mittagessen ging. Mir tat 6er Gedanke weh, datz der gefangene Freund Zeuge unseres Jubels über ein Ereignis sein mußte, welches ihm ohne Zweifel sehr schmerzlich- war. Ich trat daher aus der geschlossenen Reihe der Kameraden heraus, lief über die Straße zu ihm hinüber und begrüßte ihn mit einem Händedruck.
Der Kapitän schaute mich wehmütig an und sagte: „Ihr singt: Paris kaput!" — „Nein, Herr Kapitän," antwortete ich flugs, „wir freuen uns, weil es nun bald Friede gibt."
Er sagte nichts weiter, nickte nur heftig, machte sich los und ging seines Weges. Mir schien es, als wären.seine Augen feucht.
Als ich- ihn am Wend besuchte, fand ich ihn sehr aufgeräumt. In der lebhaftesten Weise sprach er von dem zu erwartenden FriedensMuß, vom nahen Ende der Gefangenschaft, von der Heimkehr nach Toulouse. Die freudige Stimmung verließ ihn nun nicht mehr und wurde noch erhöht, wenn Briefe von feiner Frau kamen, die ebenfalls der Hoffnung auf das nahe Wiedersehen Ausdruck gaben. Die Unterzeichnung der Friedens- SIminarien in Versailles am Ende des Februars wurde von
Kapitän wie von uns mit gleicher Herzlicher Freude begrüßt. Die folgenden Tage vergingen in Vorbereitungen zur Abreise. Wiederholt versicherte er meinen Eltern, daß die schwere Zeit der Gefangenschaft ihm doch einen Gewinn gebracht hab«, dis Bekanntschaft mit uns, daß er mit dankerfülltem Herzen von uns scheiden werde, und daß er bestimmt Hoffe, die Freundschaft werde auch in der Ferne weiterbestehen und durch den endgültigen Frie- densschlutz zwischen den beiden Völkern nur noch befestigt werden.
Beim Einpacken feiner Habseligkeiten durste ich ihm behilflich sein wobei er mir allerhand Kleinigkeiten zum Andenken überließ. Ein'Stück übergab er mir mit einer gewissen Wichtigkeit; es war eine weidenumflochtene Feldflasche, die ihm während des Krieges gedient hatte. Ich möchte an ihn denken, wenn ich fle auf meinen Wanderungen benutzte, bemerkte er dazu; es habe schon einmal ein Deutscher daraus getrunken, ein junger Offizier, der an der Schlucht von Mars la Tour schwer verwundet und von der Kompagnie des Kapitäns gefangen genommen worden sei. Die Flasche sollte mich immer daran erinnern, daß im Krieg doch die Pflichten der Menschlichkeit nicht aufhören. Auch sein Lichtbild in voller Uniform schenkte er mir und bat sich dafür das meinige aus.


