„O du Hermalflur!"
Seidengrüner Birkenschleier, altersgraue Dorfkirchtürme und weihe Dlütenmaienpracht im Lahntal.
Von Studiendirektor Pastor <t.D. Wilh. Schuster von Forstner, Schloß F. (Lahn).
„O du Heimatflur, Laß zu deinem sel'gen Raum Mich noch einmal nur Entfliehn----1“
Die Lahn rauscht. Rauscht das uralte ewige Heimatlied.
Vergessenheit, Erinnerung!
Hier floh einst Blut. An der steinernen Lahnbrücke trafen NH die Ritter und Knappen vom Gleiberg und dls Reisigen des Abtes dom Schiffenberg. Da ging's heiß her. Das war zu Luthers Zeiten. Als der streitbare Mönch von Friedberg durchs Lahntal nordmärts ritt. Das war von 400 Jahren.
Die Lahn weiß mehr. Roch länger ifl's her, da wohnten ureinfache Menschen hier an derselben Stelle. Ihre Wohnungen waren in die Erde gehöhlt, Gruben von runder oder viereckiger Gestalt' um die Ränder Pfähle, mit Flechtwerk verbunden, mit Lehm beschmiert; daher unser Wort „Wand" (von winden, drehen). Tierselle bedeckten den Boden. Alles hauste in einem Raum, Hunde Hühner. Menschen vom Mn bis zum Enkeltöchterchen;
*) In dieser Zeit standen auf den benachbarten Bergküpsen noch keine Burgen, sondern Gleiberg, Vetzberg, Schiff en berg, Lollarer Kopf trugen eine Art Ringwälle, die für gewöhn ach nicht bewohnt waren, jedoch eine Zuflucht für den Fall der JWt bedeuteten, um das Leben und die hineingetriebenen kostbaren Herden vor dem räuberischen Gegner zu schützen. Gräben waren um die obersten Kuppen ausgehoben, dahinter Erde und ©teilte zu einem Walle aufgeschüttet und meist noch befestigt dura» Püllisaöen. Reste sind erhalten. . , .
’* *) Des Verfassers spezielle Lehre, die ja in der gelehrten zoologischen und botanischen Welt mit Interesse besprochen wurde, ist es, daß wir heute einer wiederkehrenden tertiärzeitahnliwen
Lebensperivde entgegengehen und bereits in sie eingetreten M
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Wetzlar wanderte, wo ihn teuer be.^aller Anertennug als wahrer ^-und auf das^ Ge.ahrl x^nnte sich aller- Linas wcht sogwiä?von Lotte trennen, als er aber immer mehr merkte daß w die Leidenschaft nicht mehr zügeln konnte, da siegte S 's« waw «SS
noch viele Jahre in warmer Liebe verbunden blieb.
Der junge Goethe war in Wetzlar nicht untätig. Gr zeichnete "»"'S "Äfc ÄÄ fcnfederte mit Getier, er studierte Herders wichtige .-rermtr-e über die neuere deutsche Literatur", « kam durch Rachbenre ..... Klarheit über sich, über seinen Beruf, zum Künstler und über das Wesen der Kunst, die nicht auf dem Verstand, säuern aus der Empfindung, nicht auf der Theorie, sondern aus an geborenem Genie beruhe. Dies seht er im ^ult in einem bedwck kamen Briefe an Herder auseinander. Die Schönheit Homer» und die Großartigkeit Pindars begeisterten ihn in Wetzlar^ Osiian und der Koran wurden gelesen, der letztere natürlich um L-s Mohomet willen. In Wetzlar plante nämlich der feurige Vertier Les Sturmes und Dranges nicht nur den Faust sondern auch schon das Ma h o m et - Drama. Jn beide gedachte er sein ideales Sehnen, sein titanisches Streben und sem innerstes Wesen zu ergießen.. In Wetzlar entstand auch manches Lyrische, so die drei Mahomet-Stücke, die gewiß in das Drama eingefügt werden sollten, d. h. der Rachthhmnus des jungwi Mahvmet an den wahren Gott (Teilen kann ich «ich nicht ) das ProsagchPrach mit sebier Pflegemutter Halima und der Wechststgesangzim^chen Ali und der Tochter Mahomets, in dem sich das stolze KraN gefühl des Dichters äußert, wie in dem gleich bewundernswerten Ganymed sein zu religiöser Inbrunst gesteigertes Naturgefühl.
In Wetzlar lernte der Dichter sittliche Selbstbeherrschung, hier erkannte er die Wichtigst der künstterischen ^h-rrs^tg und Gestaltung des Stosses, hier beschloß er, den Gütz umzu arbeiten, hier reifte er bewußt zum echten Künstler heran, der den W e r t h e r schaffen konnte. Dieser geniale, aus Goethes Weh larer Erlebnissen beruhende Roman, ter 1774 ^c^' ***?? viel tiefer als der im Jahre vorher gedruckte Götz, wie er aus dem Herzen geflossen war, so öffnete er alle Herzen. Mk Welt wurde durch seine glühende Empfindung, ferne innere Wahrheit und seine unvergleichliche Schönheit begeistert und hing^issen. Daß der Weither in Wetzlar wurzelt, darin liegt besonders die Bedeutung von Goethes Wetzlarer Zeit.
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m-oh« ©rhnX un& Gismassen bedeckt war.
S^iSn Vogelsbergs'.
Das^wa- »or 40 000 J^em^ Lahn. Aber dieses älteste Erinnern versinkt in einem Meeresarm der Tertiärzeit. Bor 400 000 fahren ging eine Meeresstraße durchs Lahntal und Wetterau ssm -Nc t-Mniv.iTm zwischen Mainzer Becken und Nordmeer. Das war in der Miozänperiode. Die Vögel folgten dieser Linie, als sie von der späteren Eiszeit zum Ziehen gezwungen wurden und noch heute folgen unsere nordischen Vogel genau dieser Zug st raße. Lind auch die Birke grüßte damals schon an den LlferränderMt^ Dirke grünt wieder. Zwischen dem Mden- grünen Dirkenschleier sehen wir im Hintergrund rote Z egel- dächer eines Dörfleins und altersgraue Dorfkirchturme durch- leuchten. Dahinter das tiefe Dunkel hesstscher Sichten irgendwo in Zier Gegend des Lollarer Kopfes, des Gldorados fur Pflanzen- facher. Rings um uns senkt sich weiße Maienblutenpracht auf Apfelbäume. Wir liegen im Hang des Vetzbergs; das sehen wir alles, da wir hinausschauen in die Lande und träumen.
feierlich haben die Studenten in der Maiennacht Schlag 12 Mr das Mallied gesungen. „Der Mai ist glommen, die Bäume schlagen aus, da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus." Die Korona hat sich zum Sange erhoben, dann hat em begeisterter Jüngling eine Rede gehalten. Ich habe esauch einmal mitgemacht und mttgesungen, ich war Student m Gießen. Seitdem habe ich die Welt bereist, habe Italien gesehen und die Alpen, bin auf dem Rigi gestanden bei Sonnenaufgang, habe im Toten Meer geschwommen und bin auf dem Oelberg und aus Golgatha in der Jerusalemer Grabeskirche gewesen, als die ganze weiße, braune und gelbe Menschheit voruber^tm ich bm Pastor in der englischen Großstadt und als Naturforscher aus den Wales-Bergen und als Feldprediger in Polen gewesen aber nirgends in der Welt ist es doch so schön wie in der lieben Heimat. An unsrer schönen stillen Lahn, wo in verschwiegenen Eckchen auf Kiesfeldern der Fluhregenpfeifer trippelt, sein weißes Halsband in der Sonne leuchten läßt und sich eine Mulde kratzt, um die merkwürdig olivenbraun und aschgrau gesprenkelten Eier- chen hineinzulegen. Gewöhnlich ordnet « sie m Kreuzform mit dem stumpfen Ende nach innen, dem Gesetz des Raumes folgend (möglichst große Ausnutzung der Bauchbvutfläche) Der Late kennt den sonst seltenen Vogel nicht, dem Emgewerhten aber ist er ein interessanter Geselle. Am mehr schlammigen Main mit ausgiebigeren Sandufern vertritt ihn der seltsame Fluhuferläufer mit seinmn „hid-dit—dit", das allabendlich auch von Franffurter Wainbrücken aus, also ra>4 im inneren Weichbild einer Großstadt, zu hören ist. Schon unsere Lahnregenpfeifer pflegen die Eier einen Teil des Tages zu verlassen und im 'warmen Kies, an dem die Lahnufer nicht arm sind, von der Sonne ausbruten zu lassen: eine Ausnutzung von naturgegebener Warmekraft, die sich weiter südlich beheimateten Vögel noch weit mehr zu eigen : machen. Auch der Kibih ist ja ein Regenpfeifer, von den klasst-
fchen Römern bona mater geheißen, „gute Mutter , weil er sehr scharf aufpaßt und die ganze Tierwelt vor Feinden warnt, wie
Walde der Häher das Wild vorm Jäger. - Außer diesen beflügelten Zweibeinern treiben auch Sechsbemer mit Flügeln an der Lahn jetzt ihr munteres Wesen: die Sandlaufrr, äußerst schnelle und schöne Käfer. Diese Cicindela-Arten treten hier merkwürdigerweise ziemlich oft in hybriden Formen auf, tn Mischungen verschiedener Arten; die campestris-Art, der „grüne Jäger unserer Lahnbauern, hält sich noch am ehesten rein, doch vermischt sich auch dieser Feldsandjäger mit dem graugrünen und braungrunen, und der letzte heißt ja auch direkt hybrid«, wegen seiner zahlreichen Lokalrassen und Varietäten.
Die Dirke grünt. Ihr Stamm ist weiß und rein und unberührt wie frischgefallener Schnee. Wenn der Frühling das zarte Grün schön und weise und emsig und heimlich über sie wirft, dann ist's wie ein Connenlächeln, das man lieben muh, so oft man» steht. Ich liebe die Birke, ihren seidengriinen Braut? chmuck, den zarten jungfräulichen Dlätterschleier. Zwar Birken gibt es hier-


