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1922 — Nr, 26 Samstag, 20. Mai jgu
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Goethe in Wetzlar und Metzen.
Von Heinrich ® l o 61.
Wehlar rüstet sich, um vom 12. bis 14. Juni das 150jährige Jubiläum von Goethes Aufenthalt in seinen Mauern zu feiern. Mit Recht. Denn die vier Monate, die jener im Sommer 1772 hier verlebte, dürfen durchaus nicht als belanglose Episode angesehen werden, sondern sind bedeutsam für feine innere Entwicklung. War Frankfurt der mütterliche Boden. aus dem Johann Wolfgang Goethe erwuchs, übermittelte ihm Leipzig die feine französische Bildung der Zeit, weckte ihm Straßburg im Gegensatz dazu den Sinn für unverfälschte Natur und wahre Poesie,.so trat er in Wetzlar auf die Schwelle echten Künstlertums, das dann in Weimar zur klassischen Vollendung gelangte. Der 22- jährige Frankfurter Advokat sollte nach dem Wunsche seines Vaters am Reichskammergericht, das feit 1690 seinen Ditz in Wetzlar hatte, den Reichsprozeb kennen lernen, um später nicht nur Vürgermeister von Frankfurt, sondern auch Minister an einem fürstlichen Hofe oder höherer Reichsbeamter werden zu können. Am 25. Mai trug er sich in das noch vorhanden« Mbum der Rechtspraktikanten ein, deren jährlich etwa 20 nach Wetzlar kamen. Sie hatten keine Berufspfltcht und sind nicht mit unseren Referendaren zu vergleichen, sondern etwa als Hospitanten zu bezeichnen, die das Recht hatten, den Sitzungen des Gerichts betzuwohnen. Davon wird Goethe nur selten Gebrauch gemacht haben: nicht unmöglich ist es, daß er sich von dem Prokurator Ludolf, einem der zahlreichen Advokaten deS Gerichts, bet dem er auf dem Kvrnmarkt zur Miete wohnte, zuweilen etwas unterweisen lieh. Aber sofort erkannte er. daß daS al« Kleinod der deutschen Verfassung gepriesene Kammergericht ein durchaus kranker Körper war, der sich nicht mehr heilen lieh.
Es hatten sich etwa 20 000 unerledigte Prozesse angehäuft, von denen jährlich trotz allen Fleihes nicht viel mehr als SO abgetan werden konnten, während etwa die doppelte Zahl hinzukam. Das Rtchterkollegium bestand aus zu wenig Mitgliedern: zu Goethes Zett hatte es außer dem Vorsitzenden Kammerrichter und zwei Senatspräsidenten 17 Assessoren oder Beisitzer, von denen 1772 nur 11 Dienst taten. Das Verfahren war äußerst schwerfällig und zeitraubend; alles lief auf Verschleppung hinaus; mit der Vollstreckung der Urteile haperte es oft. Und was die schon seit 6 Jahren in Wetzlar tagende Visitationsbehvrde an Fällen von Bestechung und an anderen Mängeln des Gerichts aufdeckte, daS vertrieb dem Jüngling vollends die Lust am Kameralprozeß.
Auch der Verkehr im Gasthaus zum Kronprinzen, wo er seinen Mittagstisch nahm, befriedigte ihn nicht. Hier batten sich unter Führung des seines Amtes entsetzten Gesandt- schaftssekretär August Siegfried v. Goue junge Rechtsprakti- kanten, Legationssekretäre und Offiziere zu einem Ritterorden vereinigt, um sich die Langeweile zu vertreiben. Ein Hauptanlaß zum Scherze war, daß man in den Sitzungen und bei Ausflügen immer im Bilde bleiben mußte, und daß das Offensichtliche als Geheimnis behandelt wurde. Jeder trug einen Rttternamen, z. D. St. Amand der Eigensinnige, Lubomtrski der Streitbare; Goethe erhielt den Namen Götz der Redliche, sicher, weil man Kenntnis pon feinem in der ersten Fassung schon vollendeten Götz von Berlichtngen erkalten hatte. An Festen wurde aus allerlei Rttter- dramen und Bitterbüchern vovgelefen, und Goethe war kamerad
schaftlich genug, aus dem Volksbuch der vier Haimonskinder Peri» kopen auszuwästlen und mit Pathos vorzutragen.
Zuweilen sanden auch Sitzungen eines noch sonderbareren, durch Goue schon früher gegründeten Ordens statt, des Ordens vom Aebergang des älebergangs, der voll mystischer Weisheit sein sollte, dessen Ritualbüchlein aber, das sich erhalten hat, nach Inhalt und Form mehr närrisch als weise ist. Die Neigung zu Geheimbünden und Orden lag in der Zeit, und A. S. v. Goue, der, ein eifriges Mitglied der Wetzlarer Loge „Joseph zu den drei Helmen' war, Hatte für den Ritterorden manches von den Formen und für den Orden des älebergangs ettvas von deni philanthropischen Inhalt des Freimaurerordens entlehnt; für den Ritterorden war ihm besonders der Tempelherrengrad der sog. rektifizierten Logen strikter Observanz Vorbild. Goethe, der damals noch keiner Loge angehörte, sah allerdings in beiden Orden nichts als bloße Komödie und inhaltlosen Mummenschanz.
Ich habe im ganzen 26 Ritternamen ermittelt, die sich zum großen Teil auf bestimmte Personen zurückführen lassen. A. S. v. Goue wurde in Wetzlar als großes Genie bewundert und war ein nicht unbegabter Dichter, aber haltlos und zu allerlei Possen und Streichen geneigt. Vergeblich bemühte er sich um Goethes Freundschaft, der sich besonders an den biederen Freiherrn von Kielmannsegg und an den Legationssekretär Friedrich Wilhelm Gotter anschlvß, einen talentvollen Dichter, der sich der französischen Eleganz befleißigte. Diese war von Goethe bereits überwunden: trotzdem unterhielten sich beide gern über literarische und ästhetische Fragen, regten sich gegenseitig an und übersetzten um die Wette das Verlassene Dorf, ein allerliebstes Gedicht von, Oliver Goldsmith. Sonst gehörten zur Rtttertafel z. B. Karl Wilhelm Jerusalem, der sich immer mehr zurückzog, sich schließlich aus unglücklicher Liebe das Leben nahm und das älrbilö zu Goethes Wertster wurde, sowie Freiherr von Schleinitz, Freiherr von Dreidenstein, der später als hannöverischer Garde- vffizier die gutgemeinte „Berichtigung des Werther" schrieb Goethes Hausgenosse Born, die Kap^äne Dachtler und von Gehsau sowie der Fähnrich v. Chlebowski, später preußischer General.
Die Wetzlarer Zeit sollte für Wolfgang eigentlich eine dritte Studienzeit werden; aber weder die juristische Wissenschaft zog ihn an, noch das studentische Treiben im Kronprinzen. Für die Mängel der kleinen Stadt und des Verkehrs entschädigten ihn jedoch Wanderungen durch die schöne Umgebung Wetzlars, durch die der malerische und der dichterische Sinn in ihm sehr belebt wurden.
Aber von der trüben Stimmung, die ihn in Wetzlar anfangs niederdrückte, wurde er erst befreit, als er auf dem Ball zu Volpertshausen am 9. Juni Charlotte Buff kennen gelernt hatte. Ihre frische Natürlichkeit fesselte ihn so, daß er ganz umgewandelt wurde. Gr kam nun täglich in das Deutschordenshaus, wo der Amtmann Buff, Lottes Vater, mit seiner .zahlreichen Familie wohnte, und er wurde gern gesehen, obgleich Lotte mit dem hannöverschen Legationssekretär Johann Christian Kestner verlobt war. Lotte gab sich ganz, wie sie war, und hielt sich fern von Gefallsucht, wie ihr Bräutigam von Eifersucht. Beide nah« meu den feurigen Dr. Wolf zutraulich in ihren Bund auf; und er ließ sich ruhig gehen und schwamm in einem Meer von Wonne. Alle drei konnten sich nicht mehr entbehren.
Am 18. August traf sich Goethe mit seinem Freunde, dem Darmstädter Kriegszahlmeister und Schriftsteller Johann Heinrich Merck in Gießen, wohin dieser gekommen war. um wegen


