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Freunde», wohl auch Kestner und di« übrige Familie Buff Seltnen zu lernen, mit Goethe nach Wehlar. Am selben Abend kehrten fte nach Dieben zurück und verblieben daselbst bis zum 22. August. Da sich ihre Namen in keiner der in der Festung Dietzen von den Gasthofbesitzern mit grotzer Genauigkeit geführten Fremdenlisten auffinden liehen, liegt die Vermutung nahe, daß sie bei dem damals noch unverheirateten Hopfner genächtigt Baben. Wohl wäre Goethe, der sich von Hopfner, dem Juristen sowohl, wie dem durchgebildetsn Literaturkenner und vornehmen Menschen, mächtig ungezogen fühlte, gerne seiner eigenen Auslage nach noch langer in Gießen geblieben, Umso entschiedener bestand Merck, dem „bei Tage der Anblick der dortigen Studiosen und bei Aacht ihr Gebrüll jede Art von guter Laune verdarb", nunmehr auf der Abreise.
Einige weitere Angaben, die Person Hopfners betreffend, dürften hier am Platze sein. Als Sohn des Professors der Rechte an der Ludoviciana, Jvh. Karl Hopfner, 1843 geboren, war er ein Gießener Kind. Der Umstand, daß er früh Doppelwaise geworden, steigerte nur das ihm innewohnende Verantwortlichkeitsgefühl und seinen Lerneifer. Nachdem er an der einheimischen Hochschule seine juridischen Studien beendet hatte, trat er eine Stellung als Hofmeister bei dem kurhessischen Minister v. Kannegießer an und später durch dessen Gönnerschaft eine solche als Lehrer an dem Karvlinum zu Kassel. Von ihr aus gelangte er auf den Lehrstuhl für Rechte an die Hochschule Sier Vaterstadt. Doch las er daneben auch über Literatur und sich infolge seiner Leistungen auf diesem Gebiete, in warmer Freundschaft und durch lebhaften Briefwechsel mit Klopstvck, Nikolai, Klinger u. a. verbunden. Obwohl ausgesprochene Ge- lehrtennatur, fühlte er sich dennoch keineswegs zum akademischen Lehrer berufen. „Das Universitätsleben," schrieb er an Merck, „ist ein schändliches Ding, alle halbe Jahr dasselbe zu predigen, das wird mir je länger, je unerträglicher. And ungezogene Jungen vor sich zu haben, ihnen cajolieren zu müssen, das wird man herzlich satt." Nach diesem ist es nicht verwunderlich wenn er 1776 einen, durch Goethe übermittelten Ruf nach Jena und 1777 einen solchen nach Göttingen ausschlug, dagegen einem dritten als Rat an das Appelationsgericht in Darmstadt, mit dem Sonderauftrag, ein besseres Landrecht in dem damals landgräflichen Hessen in die Wege zu leiten, mit Freuden Folge leistete. Eine Stellung, die Hm umso werter wurde, da sie ihm nebenbei volle Muße zu reicher fachfchriftstellerischer Tätigkeit, wie zu seiner Lieblingsbeschäftigung, einer ausgedehnten Rosenzjücht, gewährte. Nachdem er 1782 einen zweiten, diesmal mit den weitgehendsten Versprechungen verbundenen Ruf nach Jena abgelöhnt hatte, wurde er zum Obertribunalrat ernannt, als welcher er 1797, allgemein beliebt und hochgeehrt, verstarb. Mit Anna Maria Thom, der Tochter des Pvstrates Jakob Dhom M Giehen, einer ebenso geist- wie gemütvollen Frau, lebte er seit 1773 in glücklichster Ghe. Die eine seiner drei Töchter verheiratete sich mit dem hessischen General v. Dalwigk und ward dadurch Mutter des später als Politiker viel, wenn auch nicht ruhmräch, genannten hessischen Ministerpräsidenten v. Dalcoigk. Die letzten zwanzig Jahre von Höpfners Leben sind leider durch ein quälendes Nervenleiden mit fortgesetzter Schlaflosigkeit im Gefolge, vielfach getrübt worden.
Die Schützenbecher *).
Am rechten Ufer des Zürichsees liegt über dem mit Reben bepflanzten Hang ein alletnstchendes Gehöfte, das man das Himmelt nennt. Es hat diesen Namen Wohl der erhöhten Lage, noch tmHr vielleicht seiner Fruchtbarkeit zu verdanken: denn um das schmucke Haus liegt ein ganzer Wald von Obstbäumen, und der Wein der an der Halde wächst, ist wohlbekannt am See. Menn den Dauern dortzulande etwas über die Matzen mundet, sagen sie: „Es ist so gut wie Himmeliwein, man möcht' dran sterben!"
In dem Hause wohnte die Witwe St^pacher mit ihrem Sohn, dem Himmelifritz, und einem Knecht. Sie war emsig wie
Jakob Dotzhart, der ausgezeichnete schweizerische Ec- zähler, beging am 7. August 1922 seinen 60. Geburtstag. Als Slchn „geplagter, aber aufstrebender Bauersleute", schildert er besonders seine Heimat, Schweizer Dauern und Schweizer Natur. Aber über Heimatkunst hinaus ragen seine frischen, köstlichen Geschichten hoch ins kunstverklärte Allgemeinmenschliche htnetn: ein edler Ernst zeichnet sie aus, eine gewisse Schwere, die aber nichts von bedrückendem Pessimismus an sich hat. Er hat manches mit Dottsried Keller und anderen berühmten Meistern .gemeinsam, mit Jeremias Gotthelf und Conr. Ferd. Meyer. Nachdem Dotzhart vorübergehend als Lehrer an einer Privateyiehungs- anstalt in Weinheim a. d. Bergstraße gewirkt hatte, studierte er in Heidelberg. Paris und Zürich 1916 muhte der Dichter aus Gesundheitsrücksichten seine Tätigkeit al« Dy-mnasialdirektor in Zürich aufgeben: sein Ansehen als Schriftsteller war schon damlS fest begründet. Im Verlag H. Haessel, Leipzig, stnd soeben sechs Bände seiner gesammelten Erzählungen erschienen, und wir glauben, das Werk des Dichters am besten unseren Lesern näherrücken zu können, indem wir eine seiner feinsten Novellen hier wiedergeben.
eine Ameise und Hielt die Dinge wacker zusammen, drum war sie auch dünn wie eine Ameise, was ihrer guten Laune jedoch keinen Abbruch tat.
Die Sorgen, von denen sie in früheren Jahren oft geplagt worden war, lernte sie erst wieder kennen, als ihr Fritz zwanzig Jahre alt geworden. Dis dahin hatte Jie ihn immer fein säuberlich im Himmeli zu halten vermocht, jetzt aber, nachdem er die Rekrutenschule durchgemacht 'hatte, wurde er des gleichförmigen, stillen Lebens überdrüssig und suchte an Sonntagen gern im Dorf lustige Gesellschaft auf. Ja, eines Tages trat er vor die Mutter Hin und sagte, er müsse in den Schützenverein eintreten und brauche Geld.
„Müssen?" fragte fte.
„Ja, müssen, Mutter, wer Soldat ist, muß einem Schießverein angehören, sonst hat er das Vergnügen, jedes Jahr einmal in die Kaserne einWrücken, um seine Pflichtschüsse abzugeben."
Sie ereiferte sich: „Was nützt auch auf Gottes Erdboden das ewige Pulvern und Knallen, es wäre gescheiter, ihr lerntet besser mit dem Karst und der Sense umgehen, als mit dem nichtsnutzigen „Gvetterligewe>hr". Wozu braucht man denn schießen zu können, das möcht' ich doch einmal wissen!"
„Hätte der Tell nicht schießen können, so hätte er sein Kind erschossen," erwiderte Fritz, „und wir wären jetzt Schwaben oder Oesterreicher, und wenn einer auf einem Rotz oder in einem Wagen einherkäme, müßten wir uns jedesmal fragen: Soll ich jetzt den Hut ziehen Und sagen: „Guten Tag, Herr Kaiser", oder „Gott grüß’ Euch, Herr König" und dabei den Buckel biegen wie beim Rebenheften. Vom Himmeliwein aber würden wir nicht viel zu sehen bekommen, dem wüchsen Räder ober Füße und er würde vom König und was weiß ich von wem sonst noch »er« juchßeiet werden."
„Du bist ein Schalksnarr," sagte die Mutter, „so geh, wenn du’s doch nicht lassen kannst aber das sag ich dir: Wenn du- einmal wackelig nach Hause kommst, so lege ich deine Flinte aus den Scheiterstock und striegle sie mit dem Beil."
Ein Jahr später kam der Himmelifritz mit dem ersten Kranz von einem kleinen Schützenfeste nach Hause. Von da an war ihm etwas Neues ins Blut gefahren, die Unrast, die uns die Ruhmsucht gibt. Was für andere die Liebe in diesen Jahren ist, das wurde ihm das Zielschietzen, eine wahre Leidenschaft. Schwang er die Sense auf der Wiese, den Karst auf dem Acker oder die Hacke im Weinberg, so sah er sich im Geiste stets im Scheibenstand und erblickte, im Feuer des Schusses, das Absehen, baS Korn und das Schwarze der Scheibe, alle drei hübsch aufeinander, wie es sein muß. Am Svnntagmorgen aber nahm er sein Gewehr- hervor und machte Zielübungen über den See weg nach dem Zifsernblatt der Talwiler Turmuhr, denn er hatte Augen wie ein Falke. Am Nachmittag schritt er Hinunter nach dem Schützenstand, dabei schlug ihm das Herz so freudig, wie andern Durfchen, wenn sie zum Liebchen ziehen. Und hatte er alle Schüsse sauber in die Scheibe gesetzt, so war er für eine Woche froh, wie seine Mutter für ein Jahr froh war, wenn sie am Silvesterabend ihre Dinge in Ordnung gefunden hatte.
Fritz mochte vierundzwanzig Jahre alt sein, als er an einem Abend vor dem Schlafengehen zu der Mutter sagte: „Morgen brauche ich Geld, viel Geld diesmal, ich- — ich will um einen Decher schießen." Gr sah, wie die Frau bei dem Worte zusammenschrak, und er fragte fte: „Was ist dir?"
Sie erwiderte nichts, sondern stieg auf dem Osentreppchen in die Kammer hinauf, und er hörte, wie sie oben einen Schrank öffnete und etwas Klirrendes herausnahm. Dem Klange nach waren es keine Münzen, und Fritz wurde neugierig. Gr sollte nicht lange im Zweifel bleiben. Bald sah er die Mutter das Treppchen herabsteigen, sie hielt vorn auf der Brust in den Armen etwas Blinkendes: es waren vier silberne Decher. Sie stellte fte auf den Tisch und sagte: „Da, Fritz, sieh dir das Geschirr an."
„Du hast Schützenbecher?" fragte er verwundert, und griff nach einem von ihnen: er hatte von den Schätzen keine Ahnung gehabt.
„Ja, fieh dir daS Geschirr an,“ wiederholte sie ernst. Dann nahm fte den einen tn die Hand, hielt ihn dem Sohne vor die Augen und sprach langsam: „Das ist ein teures Familienstück, Bub aus dem Becher hat sich dein Großvater zu Tod getrunken."
Sie sagte es tn seltsam verhaltenem Ton und er trat halb erschreckt einen Schritt zurück. Die Witwe ergriff 'hierauf die drei andern Becher mit beiden Händen, streckte sie wiederum dem Sohne hin und fuhr fort: „Noch teurer müssen dir diese Geschirre sein, aus ihnen hat sich dein Vater zu Tod getrunken."
Fritz war so betroffen, daß er nichts weiter zu antworten wußte, als: „Du spaßest, Mutter, die Becher find ja alle wie neu."
„Du mutzt es nicht wörtlich nahmen, aber es ist doch wahr. Als dein Großvater diesen Decher nach Hause brachte, soll er zum erstenmal auf den Füßen geschwankt haben. Gr brachte den ersten Decher in unsere Gemeinde: kam er ins Wirtshaus, fo pries man ihn und trank ihm zu und nannte ihn Schützenkönig. Das gefiel ihm, das Wirtshaus wurde ihm heimelig und der Wein lieb. Von da an hat er von unserem guten Himmeliwem Seinen Tropfen mehr verkauft, er hat ihn selber getrunken. Von


