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feettoer Länder Handel und Verkehr neue Wege totes. AAr noch ottbere Umstände mochten Mitwirken. Die Erwerbung Dietzen« und eines groben Teile« der Gleiberger Erbschaft durch Hem- rich l nähmen Grünberg etwas von dem Wert, den es als Grenz- festung besah, und die steigende Bedeutung der Läh-nstadt als Grenzschutz und Hüterin der Flirten des Flusses tat gewiß da« ihrige in dieser Dichtung. Auch über Diesten führten straften nach Rvrden, namentlich der starke Verkehr vom Rhein und d« Wetterau nach Marburg, wo die Verehrung der heiligen EUsabeth in steter Zunahme begriffen war, wurde durch das neuhesstzche Gebiet gelenkt. Anderes kam hinzu. Die andauernden üehdsn mit Mainz und den Ritterbünden des 14. Jahrhunderts stellte grobe Ansprüche an die Finauzkraft des Landes, Ansprüche, die mir mit Hilfe der Städte erfüllt werden konnten, und unter denen Grünberg in besonderem Maste mit zu leiben hatteOeMiche Unglücksfälle beschleunigten den Rückgang. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts, 1370 und 1391, brannte die Altstadt zweimal ab, und trotz landesherrlicher Hilfe mehrten sich die bürgerlichen Lasten So sank die Stadt immer mehr, bis sie endlich ihre einst hervorragende Stellung unter den hessischen Städten eingebußt hatte. Rur der Wohlstand einzelner Geschlechter erhielt sich und der der Klöster. , . , . ,,
Aber noch einmal sollte Grünberg sich einer zweiten Blute erfreuen Rach dem Tode Philipps des Großmütigen war es mit dem Marburger Landesteil an Landgraf Ludwig IV geiallen, der seiner Gemahlin diese Stadt als Witwenslh bestimmte Wenn auch die Lanögräsin, da sie vor ihrem Gemahl starb, nicht in die Lage kam, den Besitz anWtreten, so wurde doch das Antoniter- haus zum Schlosse ausgebaut. Aber trotzdem nun auaji nie zweite Gemahlin Ludwigs dasselbe Einsitzrecht erhielt, wurde Grunberg wiederum nicht Residenz, denn Landgräfin Maria Be^og als Witwe das nahegelegene Schloß Merlau. Dennoch schien es, als ob mit der Zuwendung des landesherrlichen Interesses Handel und Mandel neu erstarkt wären. Zehn Zünfte, darunter die Wollenweber-, Leinweber- und Hutmacherzunft, vielleicht auch die der Kupferschmiede und der Weistgerber, die über örtliche Bedeutung hinausgehen, zeugen von hohem Gewerbefleist. Die Jähr- und anderen Märkte nehmen neuen Aufschwung, und daneben blüht die Schafzucht. Die Stadt ist bald in der Lage, ihren Grundbesitz zu vermehren und ein neues Rathaus am Markt zu erwerben.
Diesem blühenden Zustand machte der dreitzigiährige Krieg ein Ende. 3m Jähre 1605 war Ludwig IV. kinderlos gestorben, und Grünberg an Hessen-Darmstadt gefallen. Unter Landgraf Ludwig V., dem Getreuen, erlebte es nun alle Greuel, die jener unselige Krieg über unser Obevhessen brachte, und die von dem Wetterfelder Pfarrer Cervinus in seiner Ghrvnik so erschütternd geschildert sind. Raub, Mord und Plünderung, Pest und Hungersnot und all das Elend, das sich daraus ergibt, nichts ist der Stabt erspart geblieben. Am Schluß des Krieges war die Einwohnerzahl auf die Hälfte gesunken. Die späteren Kriege, die unsere Gegend berührten, haben auch Grünberg nicht verschont. So schwer sie die Stadt gelegentlich trafen, an die Zerstörung, die der dreißigjährige Krieg verursacht hatte, reichte ihre Wirkung glücklicherweife nicht heran.
Seitdem 'fiat sich unsere Rachbarstadt aufs neue entwickelt. Tüchtigkeit und Bodenständigkeit ihrer Bevölkerung bieten Ge- währ, daß sie auch die traurige Zeit, die über unser Vaterland hereingebrochen ist, überwinden wird. Möge sie bald mit uns einer helleren Zukunft entgegengehen! Das sei unser Glückwunsch zu ihrem Fest.
Goethe in Gießen.
Zur Erinnerung an den 18. August 1772.
Don M. Ploch-Darm stabt.
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht--.
Die Stadt Gießen darf sich neben nur wenigen unter den deutschen Musensitzen des Vorzuges rühmen, Goethe in ihren Mauern gesehen zu haben. In der Frühe des 18. August 1772 ist er am leichten Stabe, ohne jegliche Begleitung, zu ihr, der Lahn entlang, über Garbenhain, Atzbach, Dorlar, von Wetzlar aus herübergepilgert.
Das Gießen, dem er damals zuschritt, war noch keineswegs „die reizende Lähnstadt", als welche es 1907 gelegentlich der Feier des 300jährigen Bestehens seiner Hochschule mit Recht mehrfach von den Berichterstattern auswärtiger Blätter gepriesen worden ist. Vielmehr verdiente es die Bezeichnung „ein abscheuliches Rest", die ihm noch um 1850 sein berühmter Sohn Karl Vogt in seinen Lebenserinnerungen beilegte. Denn 1772 war es noch Festung und erschien dem, der sich! ihm von außen näherte, wie vergraben in seinen Wällen. Es zählte, ein Regiment Soldaten mit eingerechnet, nur 4000 Einwohner. Die Hochschule wurde von nur etwa 250 Studenten besucht. In seinen engen, schmutzigen Straßen, zwischen den von Düngevhaufen umlagerten Wohnstätten der meist Ackerbau treibenden Bürger, trieb, neben Kleinvieh aller Art, eine Studentenschaft ihr Wesen, die sich — um mit Goethe in Dichtung und Wahrheit zu reden — „damalig in Gießen in der tiefsten Rohheit gefiel". Kein Wunder! Be
stand sie doch zu einem großen Teile au« den Relegierten anderer Hochschulen, die man, um den Besuch zu steigern, allzeit willig aufnahm Diese Musensöhne bildeten den Schrecken aller anständigen Bewohner der Stadt. Aeußeruingen feiner Sitte, anständiger Schritt, Grüßen auf der Strafte waren verpönt. „Mir waren sie ganz recht," sagt Goethe von ihnen, „ich hätte sie wohl auch als Masken in eins meiner Fastnachtsspiele brauchen können." Möglich, daß sie ihm später beim Abfafsen der Szene tn Auerbachs Keller zu Gestalten wie Frosch, Giebel, Brand al« Vorbilder gedient haben.
Sein damaliger Ausflug nach, Gießen galt einem Zusammentreffen mit dem von Darmstadt kommenden Kriegszahlmeister Jvh. Heinrich Merck. Dem Manne, der zu jener Zeit, als Freund wie literarischer Berater, den größten Einfluß, auf ihn besaß. In ebenso hohem Maße feinsinniger Dilettant auf den unterschiedlichsten Gebieten von Kunst und Wissenschaft, wie findiger Geschäftsmann, mit Eigenschaften tote Menschenverachtung, Reid, Hämischer Bitterkeit solche ganz entgegengesetzter Art verbindend, durch die er sich befähigt sah, in den Anschauungen der Kreise der Sentimentalen seiner Vaterstadt Darmstadt zeitweise vollständig aufzugehen, erschien er als Faust und Mephisto in einer Person. Mit ihrem diesmaligen Zusammentreffen verknüpften er und Goethe die weitere Absicht, den Merck von früher her befreundeten bedeutenden Kriminalisten H ö p f n e r, der seit einem Jähre dem Lehrkörper der Gießener Hochschule angehörte, zum stündigen Mitarbeiter an den schon erwählten „Frankfurter Gelehrten Anzeigen" zu gewinnen. In Dichtung und Wahrheit erzählt Goethe sehr anschaulich!, wie er, beseelt von der ihm wie vielen genialveranlagten Menschen, in der Jugend eigenen Vorliebe für Verlleidungen und verkapptes Auftreten, Höpfner, dem er wvhl durch die Mitteilungen Mercks, doch nicht in Person bekannt war, zunächst allein in seiner Wohnung — Ecke Sonnenstraße und Reuen Bäue, dem jetzt mit einer Gedenktafel versehenen Hause — aufsuchte. Dabei als schüchterner reisender Scholar auftrat, der sich unterwegs die berühmtesten Leute ansehen wolle, von fetten des allzeit menschenfreundlichen Gelehrten auch eine wohlwollende Aufnahme fand, „das Gespräch trotzdem Iftter und da ins Stocken geriet und Höpfner offenbar einem Stammbuch oder der Verabschiedung entgegensäh". Glücklicherweise ist noch eine zweite Darstellung dieses Auftritts vorhanden und zwar aus dein Munde Höpsners, nach der dessen jüngerer Freund, der Kabinettsrat Schseiermacher in Darmstadt, also erzählte „Ganz anders, d. h. viel drastischer nahm sich die Schilderung Höpsners aus, wenn er sie dramatisierte, die seltsame Erscheinung des wunderschönen jungen Menschen mit den feuer- vollen Augen und dem linkischen Anstande beschrieb, seine komischen Reden wiederholte und namentlich, zur Explosion kam, wie der blöde Student aufsprang und Höpfner um den Hals fiel mit den Worten: „Ich bin Goethe! Verzeihen Sie mir meine Possen, lieber Höpfner, aber ich weih, daft man bei der gewöhnlichen Art, durch einen Dritten miteinander bekannt zu roerben, lange sich steif und fremd bleibt und da dachte ich., wollte ich in Ihre Freundschaft lieber mit gleichen Füßen hineinspringen und, so Hoff' ich, soll es zwischen uns fein und werden durch den Spaß, den ich mir erlaubt 'habe."
Mit dieser, jedenfalls der Wahrheit entsprechenden Darstellung, stimmt nun die weitere in Dichtung und Wahrheit nicht überein. Rach i'Hr wäre Goethe bei Höpfner von seinem zukünftigen Schwager Schlosser, tote zuvor mit diesem verabredet, abge'hvlt worden, habe seine Maske nicht schon in Höpsners Studierstube abgelegt, sondern auch über ein in den Augen Höpsners zufälliges Zusammentreffen mit diesem, Merck und Schlosser im Gasthaus an der Mittagstafel beibehalten und, von ihr gedeckt, dem gleichfalls anwesenden derzeitigen Inhaber des LcHrfluhles für Dichtung und Beredsamkeit Schmid, einem bekannten Widersager Lessings und überhaupt bei den jüngeren Literaturbeflissenen wenig beliebten Kritiker, tüchtig, wenn auch verblümt, die Meinung gesagt. Um schließlich jedoch, nachdem er sich zu erkennen gegeben, auf seine warme Anerkennung der wirklichen Verdienste hin, die sich Schmid trotz alledem um die zeitgenössische Dichtung erworben, eine vollständige Aussöhnung mit diesem her beizuführen. Run ist aber, wie seitdem einwandfrei sestgestellt, Schlosser an diesem 18. August garnicht in Gießen gewesen. Auch 'haben nach dem von Kestner, dem Wetzlarer Freund Goethes und dem Verlobten von Lotte Buff, mit großer« an Kleinigkeitskrämerei streifender Genauigkeit geführten Tagebuch, an diesem Tage Goethe, Höpfner und Merck nicht im Gast- Hof, sondern bei des letzteren Gießener Kollegen, dem Kriegs- zählmeister Pfaff, und zwar eben in Gesellschaft von Lotte Duff, zu Mittag gespeist. Es 'hat diese Unstimmigkeit der Berichte den Goetheforschern viel Kopfzerbrechen bereitet, und schließlich sind die meisten von ihnen zu der Ansicht gekommen, es seien von Goethe in Dichtung und Wahrheit, gewollt oder ungewollt, zwei Besuche, die er Gießen abgestattet habe, in einen zusammengeworfen worden. Von denen der erste, in den Frühsommer gefallen, einem Zusammentreffen mit Schlosser gegolten und sich bei diesem sowohl der geschilderte Auftritt bei Höpfner, als auch die Abkanzelung Schmids an der Ga schau s- tafel mit darauffolgender Versöhnung abgespielt habe.
3n der Frühe des 19. August wanderte Merck, von dem Wunsche getrieben, den Schauplatz ber bisherigen Tätigkeit des


