Ausgabe 
19.8.1922
 
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Samstag, IS. August jgw

1922 Nr. 33

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Ium fiebenhunderMhrizen Jubiläum der Stadt (Brünberg in Hessen.

Don Professor Dr. St. Ebel.

Arn 26. August wird unsere Dachbarstadt Grünberg gleich Alsfeld die Feier ihres siebenhundertjährigen Bestehens ali Dtadtgemeinde begehen. Der Jahrestag ist der 13. März gewesen, aber man 'hat die Feier so weit hinausgeschoben, um sie mit dem altgewohnten Jugendfest zu vereinigen, eine mit Rücksicht auf die Zeitvebhältnisse nur zu billigende Maßnahme.

Der Erinnerungstag für beide Städte, Alsfeld und Grünberg, ist derselben Urkunde des Jahres 1222 entnommen, nur für Grünberg mit sehr viel mehr Recht als für Alsfeld. Die Urkunde, um die es sich handelt, ist mit dem Siegel der Stadt Grünberg bekräftigt, wodurch der Abschluß der Entwicklung zur Stadt un­widerleglich bewiesen ist. Dagegen stützt sich Alsfeld lcdigltch auf das Auftreten eines Schöffen Sisried von Alsfeld, wobei nicht ganz fest- steHt, ob dieser Sifried Schöffe von Alsfeld, oder ob er Sifried von AlSfeld, Schöffe in Grünberg ist. Beides ist möglich. Aber auch angenommen, er wäre Schöffe von Alsfeld, was das Wahr­scheinlich« ist, so ist Somit noch lange nicht bewiesen, daß Alsfeld damals schon Stadt war, denn nicht nur in Stadtgerichten, auch in den Gerichten des Landes sahen Schöffen als Dichter. Aber darauf mag wenig ankommen. Man darf ruhig annehmen, daß Alsfeld als Stadt noch älter ist. als urkundlich bekannt ist, und wir damit daS Richtige treffen. Für Grünberg jedoch sind die Aachrichten bestimmter. Schon seine Entstehung ist uns genau überliefert. Sie reicht zurück in die Zeit, da Hessen noch thüringisch war und Gegenstand und Schauplatz für die Kämpfe der ludo- wingtschrn Landgrafen mit dem Mainzer Erzstuhl bildete. 3m Jahre 1186, so berichtet uns die Erfurter St. PeterSchronik, baute jede der beiden feindlichen Parteien der anderen zum Trutz eine Durg: der Erzbischof den Heiligenberg in Riederhessen, Landgraf Ludwig HI. auf demgrünen Berge" an der Südgrenze seines Landes ein Bollwerk, das die St raste aus der Wetterau sperrte. Dieser Lage verdankt die um die Burg erwachsende Stadt die hohe Bedeutung, die ihr in den nächsten beiden Jahrhunderten zufiel.

Die Gleichartigkeit der Entstehung Grünbergs mit derjenigen anderer hessischen Städte macht es nicht unwahrscheinlich, daß ein« beabsichtigte Stadt gründung vorliegt. Hieraus würde eS sich zwanglos erklären, dah schon so bald nach der Erbauung der Burg eine fertige Stadt vorhanden ist mit eigener Ver­waltung, mit Gericht und Kirche, eine Stadt, die zugleich Haupt- und Mittelpunkt eines Amtsbezirks ist. Auf der landgräflichen Durg säst der Schultheih als Vorsitzender des Gerichts, Ver­waltungsbeamter, militärischer Befehlshaber. Ein Kollegium von 12 Schöffen stand ihm zur Seite; es sprach Recht und führte die Verwaltung der Stadt. Durgnrannen und Bürger aus denGe­schlechtern" waren feine Mitglieder. 3m 14. Jahrhundert oder schon früher wird der Schultheist in der Verwaltung der Stadt abgelöst durch den Bürgermeister, der in städtischen Angelegen­heiten dem Schöffenrat vvrsiht. Gegen die Alleinherrschaft der Geschlechter laufen die Zünfte Sturm und erzwingen ihre Teil­nahme am Stadtregiment. 3m Jahre 1305 ist ihr Ziel erreicht und ein Rat von zwölf Männern aus der Bürgerschaft tritt neben die Schöffen. Doch nicht für immer. 3m Laufe des Jahr­hunderts vermindert sich die Zahl auf sechs, und entsprechend den Gesetzen, die die Landgrafen Hermann der Gelehrte und !kidwig der Friedfertige für andere hessische Städte erlassen.

erhält endlich auch Grünberg im Jahre 1482 von Landgraf Hein­rich IH. vier Zu geordnet« zum alten Rat, di« an der Verwaltung der Stadt tätigen Anteil nehmen. Sie stellen einen älnterbürger- meister, einen Weinmeister, Bederheber usw. Diese Verfassung erhielt sich bi- zur Einführung der Gemeindeordnung von 1821.

Rasch blüht« die Stadt empor dank ihrer Lage an den grasten Strasten, die von Süden und Westen nach Mitteldeutschland führten. Früh blühten Handel und Gewerbe, und bald gehörte Grünberg $a den hessischen Städten von Bedeutung, mit denen es Wohl auf Veranlassung der Landgräfin Sophie mit dieser dem rheinischen Städtebund beitrat. Sophie und ihr Sohn, Hein­rich das Kind, die sich und.ihr Land im Kampfe mit Mainz zu behaupten wußten, weilten fast alljährlich in Grünberg. War es doch im Südzipfel des Landes die Hauptfestung gegen den erzbischöflichen Mnd. Freilich gehörte die Stadt auch zu den Landesteilen, deren Oe'hnsherrschaft Landgraf Heinrich und seine Mutter im Vertrag von Langsdorf 1263 Mainz zugestehen mußten eine nahezu leere Form, wie sich bald zeigte. Landgraf Heinrich und seine Dachfvlger bekämpften mit Erfolg di« mainzische Macht­stellung, sogar in den geistlichen Gerichten, von denen sie ihr Land so gut wie unabhängig zu machen wußten. Grünberg erhielt 1272 Dochte und Frertz^iten, von denen die Sendfreiheit und die Festlegung dos Gerichtsstandes der Bürger vor Schultheiß und Schössen der Stadt die wichtigsten sind. Die Sendfreiheit verbot Abhaltung des geistlichen Gerichts durch auswärtige Prälaten und verwies SpiritualvergeHen vor die einheimischen Schöffen, bei denen sie der Stadtpfarrer anhängig zu machen hatte. 3m übngen bildete das grobe Privileg von 1272 die Grundlage für Verfassung und Recht der Stadt. Es ist datiert vom Gallustag, der seitdem den Grünbergern ein besonders heiliger Tag ist. Doch heute feiern sie den Gallusmarkt mit besonderer Freude.

Das kirchliche Leben fand in Grünberg günstigen Boden. An der Stadtkirche wirkten außer dem Pfarrer mehrere Altaristen. Eine zweite Pfarrkirche war in der Neustadt vorhanden und blieb auch erhalten, als Reustadt und Altstadt von Landgraf Otto 1324 miteinander zu einem Gemeinwesen vereinigt wurden. Außerdem war Raum da für mehrere klösterliche Diederlassungen. Vor allem das Antoniterkloster, vielleicht das älteste in Deutsch­land. Es war die Generalpraeceptvrei einer Dallei seines Ordens und erstreckte seinen Einfluß bis nach Mecklenburg, wo es schon frühe eine Filialniederlassung in Temfyin gründete. Deben ihm stand das Franziskaner - oder Barfüßerkloster, das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts nachgewiesen ist, und in der Neustadt befand sich Hundert Jahre später ein Augustine- rinnenkloster, das sich über die Reformation'bis ins Jähr 1532 erhielt. Dann wurde es zu einem Spital umgewandelt, daS ifyeute noch besteht. Vor der Stadt, im Drunnental, stand um 1444 eine Klause der Tertiarier,Bußbrüder", die nach der dritten Äegel des "heiligen Franziskus lebten, ohne in den Orden eingetreten zu sein. Zwei Hospitäler, das der hei­ligen Elisabeth und das des heiligenPetrus, standen unter der Aufsicht der Antoniter, ein drittes, für das Mittelalter wichtiges, war das dem heiligen Nicolaus geweihte

Sondersiechen, das Aussätzigenhospital, das Wohl schon

vor 1357 vorhanden war.

Wenn Grünberg seine Blüte tellweise der günstigen Lag« an großen Handelsstraßen verdankte, so mußte eine Aenderung der Handelsverhältnisse Deutschlands seinem Wohlstand entgegen- toirfen. Das war der Fall, als der rheinische Handel den neu aufkvmmenden Hansestädten folgte, und Sie Entdeckung über»